V. Das böse Ufer.
Die gesunde Lage Muskaus im Neißthale ist oft gepriesen worden. Gleich der Standesherrschaft ist aber auch die gesammte Lausitz mit ihren vielen, immer grünen Wäldern, mit ihren wechselnden Hügeln und Thälern selten von schweren Krankheiten heimgesucht worden. Ob das Dorf Groß-Voygenz, einst zwischen Stadt und Gablenz gelegen, durch den schwarzen Tod oder im dreißigjährigen Kriege eingegangen ist, läßt sich nicht bestimmen. Warum aber die Pest diese Gegend gemieden hat, giebt folgende Sage an, welche zwar auch anderwärts wiederklingt, hier aber in dieser Form heimisch ist. —
Ein Mann aus einem der Stadt benachbarten Dorfe hatte den ganzen Tag über Holz gefällt, um dem dichten Walde mehr Land zur Wiese abzugewinnen. Es begann dunkel zu werden; er wollte nach Hause gehen. Da durchzogen vom Walde her, gleich Geistern in langen, weißen Gewändern, Nebelstreifen die Flur. Dem Landmann graute. Er beflügelte seine Schritte. Doch länger als sein Fuß war ein langer Nebelstreifen. Es war als hätte er Haupt und Hände. Schon hatte er den Armen erreicht. Mit Centnerlast legte er sich auf seine Schultern, und eine Stimme sprach: „Ich bin die Pest! Du trägst die Pest!“ Heiße Angst erfaßte den Armen, sein Blut begann zu sieden; fieberhaft hämmerten die Pulse, und zahllose Schweißtropfen rannen die Stirn und Wangen herab. Er wandte sich hierhin und dorthin auf der Flur — vergebens; die Pest folgte ihm. Er schüttelte gewaltig, die Last abzuwerfen — vergebens; immer fester umklammerte ihn des Todes Macht. Er eilte vom Thale zum Hügel — vergebens! Wie der heißhungrige Wolf, der seine Zähne in das Genick des Hirsches geschlagen hat, war er zusammengekettet — mit der Pest. In wilder Verzweiflung war er also die Fluren durchjagt und auch die Stunden des Abends. Schon verkündete der Glockenschlag Mitternacht. Da stand er auf einem Hügel vor seinem Dorfe. Längst war das Feuer auf den Kaminen erloschen. Auch seine Hütte umfing tiefer Frieden. Dort schlummerte in der Gesundheit Fülle sein Weib mit den Kindern, die den Vater bei Verwandten wähnten. Ein Tag war froh verlebt, und sein Werk vollbracht. Die Nacht und der Schutz des Himmels walteten über den Schläfern. — Schon wollte sich der Unglückliche seiner Wohnung, den Seinen nahen; doch er wußte, daß er ihnen den Tod brächte, daß er mit ihm einzöge in das Dorf. Ehe dies geschehen sollte, wollte er lieber verlassen sterben auf einsammer Flur. — Und wiederum stürmte er in wilder Verzweiflung von dem Dorfe weg in das Feld und die Nacht hinein. Immer größer wurde seine Angst, immer heftiger sein Schmerz; aber es trieb ihn nicht mehr die Pest allein, sondern auch die Liebe. So hatte er die Neiße erreicht, da, wo jetzt im Park die Hügel jäh zu dem Flusse herabfallen, wo sich der Strom je und je wieder gefahrvolle Tiefen wühlt, wo „das böse Ufer“ ist. Er nahm Abschied vom Leben und sandte den Seinen den letzten Segensgruß; denn er war entschlossen, ein Opfer anstatt vieler zu fallen. Er wollte die Pest mit sich begraben in der Neiße. — Schon wollte er sich in den Strom stürzen, schon schritt er zur That: — da ließ es ihn los. Eine Stimme sprach: „Solche treue, aufopfernde Liebe habe ich nirgends gefunden. Hier darf meine Herrschaft nicht sein!“ Und im Grauen des Morgens zog wiederum ein langer, weißer, geisterhafter Nebelstreifen von der Neiße zu dem nahen Hügel. Der öffnete sich. Dort tauchte die Pest hinab. Der Landmann eilte in den Strahlen der aufgehenden Sonne nach banger Nacht hochbeglückt zu den Seinen. Seitdem hat aber die Pest weder die Standesherrschaft, noch die Lausitz heimgesucht.
Anmerk. Ueber die gesunde Lage des Städtchens s. Peschek, L. Wochenbl. 1790, 81–84. Das Dorf Groß-Voygenz soll noch auf der Schreiberschen Specialkarte v. 1745 angegeben sein. So Past. Halke, handschriftl. Chronik von Gablenz.