X. Die Taube des Schlosses.

Stirbt auf dem Schlosse zu Muskau ein Kind seiner Herren, fällt eine Knospe, eine Blüthe ab von dem Baume des Lebens, so zeigt sich der Sage nach oft, wenn der Todeskampf bald zu Ende ist, die weiße Taube des Friedens. Ihrer erwähnt Jacobus Stöckerus, weiland Superintendent zu Muskau, in einer von ihm 1662 gehaltenen Leichenrede „Geistlicher Brautkranz und Ehrenkron aus Pauli Lustgarten“.

Dem um die Lausitz wie um die Standesherrschaft hochverdienten Landvoigte Curt Reinicke von Callenberg wurden vier Kinder geboren. Drei derselben starben frühzeitig, unter ihnen eine Tochter an der Grenze der Kindheit und des jungfräulichen Alters. Catharina Eleonore von Callenberg war die Freude ihrer Eltern. Gesundheit, Schönheit, fröhlicher Muth, Tugend und Frömmigkeit stritten in ihr um den Preis. Rasch und reich entfaltete sich der Geist des Mädchens, am herrlichsten im Glauben und in der Liebe zum Herrn. Doch es glich einer Blume, welche der Erde entblühen und für den Himmel aufblühen sollte. Unabweisbare Todesahnungen durchzogen die kindlich reine Seele. Die Anfangsbuchstaben ihres Namens C. E. F. V. C. deutete sie also: Christi Erlösung Fördert Unsere Crönung — ein Wort, welches ihr Symbolum und später die Inschrift ihres Sarges zu Häupten wurde. Nach dem Tode ihres Bruders K. Christoph behauptete sie, daß sie ihm bald nachfolgen würde. Eine hitzige Krankheit warf sie nieder. Die Eltern flehten den Herrn um Rettung ihres Lieblinges an; aber die glaubensstarke Tochter bat die Mutter, von den Klagen und Thränen zu lassen, denn sie sei ja des Herrn. Unter den Stunden des 26. Juni 1662 war ihre Todesstunde.

Der Tod hatte seinen Sieg über das junge Leben bald vollendet. Die Scheidende stand an der Grenze der frohen Ewigkeit. Aber wie die Sonne, welche dichtes Abendgewölk durchbrochen hat, in ihrem Sinken noch einmal so lieblich mit ihrem Golde spielt, so war das fromme Mädchen in seiner Todesstunde. Ein tiefer Friede hatte sich über ihre Züge ergossen, ihr Antlitz war verklärt, ihre Blicke leuchteten in Trost und Freude, das Auge des Glaubens schaute klarer und weiter denn je; es war einer jener Augenblicke in dem Tode dieser Frommen gekommen, wo ein Vorgefühl der nahen Seligkeit mächtig in die Seele trat. Da richtete sich die Sterbende plötzlich auf ihrem Lager auf. Sie fragte: „Wo blieb denn die weiße Taube, welche um mein Bett flog?“ Ein heiliger Schauer erfaßte die Umstehenden. Indeß kam Magister Stöckerus. Indem er des Mädchens Hand ergriff, sprach er: „Haltet ja euern Herrn Jesum im Herzen recht fest!“ Da sank ihr Haupt, es brachen die schönen, hellen Augen, und unter innigen Gebeten übergab der glaubensstarke Magister die Seele seines Lieblings dem Herrn.

Der fromme Stöckerus giebt viel auf jenes Gesicht und sollte er darob für einen Thoren gehalten werden. Das Täublein, meint er, war das rechte Täublein Noä mit dem Oelblatte des Friedens, nachdem die Fluthen der Schmerzen vorüber waren, Jesu Taube 1. Mos. 8, 11. Matth. 3, 16. Er schließt die herrliche Leichenrede, in welche er sein ganzes Herz gelegt hat, mit den Worten Hieronym. ad Paul. suam: Faveamus Blesillae — Cath. Eleon. — nostrae, quae de tenebris migravit ad lucem, et inter fidei incìpientis ardorem, consummati operis percepit coronam. —

Anmerk. Jacobus Stöckerus, 1606 zu Jena geb., war 1630 Feldprediger bei der sächsischen Armee, dann Superintendent zu Muskau von 1646 bis 1678. Sein Bild, wiederhergestellt durch die Hand des Herrn Obrist Köhler, jetzt in der Sakristei der deutschen Kirche, zeigt einen ehrwürdigen, kräftigen Mann.