XVI. Die Umarmung.

Die Vorstellung, daß Blumen, Sträucher und Bäume, besonders die, welche über Gräbern wachsen, in irgend welcher Beziehung zu den Todten stehen, findet sich in der Poesie vieler Nationen. Sie stammt aus einer Zeit, wo der Glaube an das ewige Leben noch nicht tröstete. Man suchte in dem Schmerze einen Ersatz für den Entrissenen. In die Grabesblume blühte das verwelkte Leben hinein; oft trugen ihre Blätter Inschriften. Diese Vorstellung findet sich in alten, deutschen Volksliedern, und selbst der sentimentale Mathisson hat in dem bekannten Gedichte „Adelaide“ einen Vers, an welchen Professor Koberstein seine Abhandlung über die Todtenblumen angeschlossen hat, welcher also heißt:

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe

Eine Blume der Asche meines Herzens;

Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:

Adelaide!

Auch der slavischen Poesie ist jener Zug eigen. Freunde, besonders aber Liebende, welche ein widriges Geschick im Leben von einander trennte, vereinte die Erde. Die Pflanzen des Grabes gaben Kunde von dem Glücke im Tode. So spricht in einem wendischen Volksliede, s. Haupt 2, 48, ein Mädchen, welches dem entrissenen Geliebten in das Grab nachfolgen will:

Begrabt uns nun beide

Dort, unter die Linde.

Pflanzt auf uns zwei Reben,

Zwei Reben des Weinstocks.

Die Reben, sie wuchsen

Und trugen viel Trauben.

Sie liebten sich beide,

In Eines verflochten.

In einem andern wendischen Volksliede s. Haupt 1, 50, spricht das Mädchen, welches an dem Kreuzweg neben den Geliebten begraben sein will, da, wo die Leute zur Kirche gehen, damit sie gedenken der großen Liebe:

Auf ihn pflanzt einen Weinstock hin,

Auf mich aber grünen Rosmarin.

Es wird auf dem Weinstock ein Zweiglein sein,

Und auf dem Zweiglein ein Blättchen so klein,

Und auf dem Blättchen ein Schriftchen so fein,

Daß wir ja beide selig sein. —

Die Sage hiesiger Gegend läßt das Glück der Wiedervereinigung sich noch weiter fort setzen. Nicht blos die Ranken und Bäume über den Gräbern streben nach Vereinigung, sondern auch die neuen Pflanzen, welche aus jenen hervorgehen, werden mächtig von einander angezogen.

In einem Dorfe der Lausitzer Berge wuchsen zwei liebliche Kinder heran. Aus der Jugendfreundschaft erblühte die feurigste Liebe; aber die Eltern waren gegen das Glück, das Beide gehofft hatten. Ueber die Berge gen Böhmen mußte der Jüngling ziehen, um einer Fremden angetraut zu werden und so viel Gut zu erhalten. Einem Andern, als ihm, mußte das Mädchen die Hand reichen. Wohl sprach der Scheidende zu ihr, der sein Herz gehörte: „Laß sie nur grollen und thun, was sie wollen: wir werden verbunden darum doch sein;“ wohl tröstete die Betrübte: „Wird es nicht heuer sein, so wird es zu Jahre sein: wir werden verbunden darum doch sein.“ Haupt 1, 123. — Ein früher Tod riß die Letztere dahin. Einige Jahre darauf kehrte der, der ihrer in der Ferne nimmer vergessen hatte, zum Besuche in das Dörfchen zurück. Es sollte nun wieder seine Heimath werden. Er starb. Dicht neben der früh Entschlafenen an der Kirchhofsmauer wurde ihm sein Grab. Der Tod vereinte, was das Leben getrennt hatte, obwohl es für einander gehörte. Derselbe heimathliche Boden umschloß die Todten. — Doch siehe! zu Häupten jedes dieser beiden Gräber entkeimte im nächsten Frühlinge ein Fichtenbäumchen. Aufs Kräftigste wuchsen die Pflanzen heran, als wollten sie bald das Ziel erreichen, ihre Aeste in einander zu verschlingen. Wie von geheimer Macht angezogen, neigten sie sich, je höher sie sich erhoben, desto mehr zu einander. Jedermann freute sich des schönen Fichtenpaares, der Zierde des Kirchhofs. So hatten jene beiden Fichten lange Zeit neben einander über den zerfallenen Gräbern gestanden und mehr denn eine Generation in die Erde sinken sehen. Sie waren schon sehr alt geworden. Endlich sollte das Sinken und Vergehen auch an sie kommen. Ein furchtbarer Orkan durchbrauste die Wälder der Lausitz. Er brach auch die Fichten des Kirchhofs. Sie stürzten beide zu derselben Stunde. Der Sturmwind hatte seine beste Kraft aufbieten müssen, um die Bäume zu werfen, die nicht von der Stätte weichen wollten, wo sie so lange vereint gestanden hatten. Endlich erlagen sie der Macht des wilden Elementes. — Jener Orkan brauste von den Bergen in das Flachland. Seine Wirbel hatten Manches in die Höhe getrieben, und dichte Staubwolken flohen vor ihm her. In einer derselben durchschifften Streifchen aus den Zapfen jener gefallenen Kiefern die Luft. Zwei derselben wurden weithin getrieben; aber nahe bei einander sanken sie nieder und wurden von der Erde bedeckt. Und wiederum wuchsen zwei Bäume, von des Himmels Mächten geschützt, kräftig empor. Viele Jahre sind an ihnen vorübergezogen, und mancher Baum des Waldes, der neben ihnen grünte, ist nicht mehr. Ihre Häupter sind an einander gelehnt, hoch in den Lüften reichen sie sich die mächtigen, starken Arme, und flüstert es in ihren Zweigen, dann ist es, als erzählten sie sich die Geschichte des Scheidens und der fröhlichen Wiedervereinigung.

In dem innigen, stillen Werden und Sichentfalten der Pflanze schaute man einst die Fortsetzung eines Lebens an, welchem ersehntes Glück nicht wurde. Der Tod war nicht das Letzte. Wie in einer Unterwelt setzten sich in dem Gebiete der schweigsamen Pflanzen menschliche Schicksale fort, fanden sie dort ihre Ausgleichung, Versöhnung und Vollendung, und das Herz fand also Trost in seiner Verstimmung über harte Loose. — Und so erzählte einst die Pflanze, der Baum von Freud und Leid. — Jene Sage von dem Fichtenpaare ist darin eigenthümlich, daß sich das Wiedervereinigen und Angezogenwerden weithin fortsetzt. Sie tritt uns in die Seele bei dem Anschauen herrlicher Fichtenpaare in dem Walde um das Jagdschloß. An einander gelehnt stehen die alten Stämme, und die Vereinigung ihrer Zweige gleichet einer Umarmung nach bittrer Trennung.

Anmerk. Aehnliches erzählt eine serbische Ballade. Brat. Aesthetik d. P. S. 60.

„Und nicht lange währt es, aus dem Grabe

Omers wächst empor die grüne Föhre,

Aus Merimes eine weiße Föhre.

Föhre neigt zum Föhrenbaum sich traulich

Wie die Maid sich schmiegt an den Geliebten,

Wie die Seide glänzt am Blumenstrauße.

Eng vereint wächst Föhre mit der Föhre,

Bittre Nieswurz blühet rings um Beide.“

Bekannt sind der Schluß von Tristan und Isolde, sowie die Metamorphosen in Pflanzen bei Ovid u. A. Aus dem Grabe des Adonis entkeimt die Anemone, aus dem Blute des sterbenden Ajas das Delphinium Ajacis — Rittersporn — Ipse suos gemitus foliis inscribit et Aia — flos habet inscriptum. — An der Quelle, wo der schöne Narcissus seinen Tod fand, erblühte die Blume, welche fortan seinen Namen trug. Protesilaus sprang bei der Landung der Griechen an der trojanischen Küste zuerst an das Land und wurde von einem Troer erschlagen. Aus seinem Grabe schossen immer und immer wieder Bäume auf, die aber verdorrten, so bald sie hoch genug waren, Ilion zu erblicken.