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»Komm abends, Lieber, heut in meine Stube,

Wenn's dunkel wird. Ich hab dir was zu sagen.

Doch komm bestimmt! (Ich freu mich, wie ein Bube

Am Tag vor Heiligenabend!) Willst du fragen,

Verrat ich dir … doch nein! Komm selbst und sieh!

Inzwischen freilich musst du's schon ertragen,

Dass ich unsichtbar bleibe. Dein Genie

Wird sicher sich die Zeit recht gut vertreiben,

Auch ohne mich! Bis abend also! … Sie …«

In meinem Zimmer morgens fand dies Schreiben

Ich an der Erde liegen, durch den Spalt

Der Tür hindurchgezwängt. Daheim zu bleiben

Schien mir unmöglich jetzt. So war ich bald

Schon unterwegs, den schmalen Pfad entlang,

Den sie so gerne ging, quer durch den Wald

Bis zum geborstnen Stein. Ermüdet sank

Ich hier ins Moos, und wo beim letzten Mal

Ihr liebes Haupt geruht, küsst' ich zum Dank

Mit heissem Mund die Erde. Süsse Qual,

Geliebtes Weh, wie füllst du mir die Brust!

Gedanken, Töne, Bilder ohne Zahl –

Und doch nur einer Regung mir bewusst:

Dass, wenn die Sonne dort hinabgestiegen

Im weissen Raum, der Wiege meiner Lust,

Ich wieder darf zu ihren Füssen liegen!