V.

ALLES um mich herum wechselte seine Gestalt. Der Geist, mit dem ich mich unterhielt, hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es war ein junger Mann, der von nun an mehr von mir die Gedanken erhielt, als daß er sie mir mitteilte . . . War ich zu weit in jene Höhen gestiegen, wo einen der Schwindel erfaßt? Ich glaubte zu verstehen, daß solche Fragen dunkel oder gefährlich seien selbst für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen. Ich sah mich in den Straßen einer stark bevölkerten, unbekannten Stadt umherirren. Ich bemerkte, daß sie von hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit Wohnstätten bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk dieser Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer besonderen Nation anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen Mienen, der energische Ausdruck ihrer Züge veranlaßten mich, an die unabhängigen und kriegerischen Gebirgs-

oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden besucht werden; indessen war es mitten in einer großen Stadt, mit einer gemischten und gewöhnlichen Bevölkerung, wo sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten wußten. Wer waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen Geräuschen der Tätigkeit widerhallten. Wir stiegen noch lange Reihen von Treppen empor, hinter welchen sich die Aussicht erschloß.

Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, kleine, in geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen, Dächer, leicht gebaute Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt und ausgehauen waren; Fernsichten, die durch lange Streifen von kletterndem Grün miteinander verbunden waren, verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der Anblick einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit oberhalb der Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche, die hier nur mehr ein Gemurmel waren. Man hat oft von geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der Totenstädte und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil

der Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort geschaffen, den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle liebten. »Das sind«, sagte mir mein Führer, »die alten Bewohner dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der wir eben weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten, liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen Tugenden der ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte sie und richtete sich nach ihnen.«

Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem Führer folgend hinunter und gelangte in eine dieser hohen Behausungen, deren vereinte Dächer einen so sonderbaren Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße sich in die aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten immer wieder andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack jedes Jahrhunderts zeigte und das war wie der Anblick von Nachgrabungen, die man in den antiken Städten vornimmt, außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern durchspielt war.

Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo ich einen Greis vor einem Tisch mit ich weiß nicht was für einem Handwerk beschäftigt sah. Im Augenblick, als ich die Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter Mann, dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er in der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm ein Zeichen sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich verhindern, das Geheimnis dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen.

Ohne meinen Führer zu fragen, begriff ich intuitiv, daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der Zufluchtsort der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten hier einfach von Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und erfinderisch, — und als friedfertige Besieger der blinden Massen, die so oft ihr Erbteil überfallen hatten.

Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, obwohl sie die Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von den Tugenden der Armut erfüllt! — Ein Kind ergötzte sich am Boden mit Kristallen, Muscheln und gravierten Steinen und machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine bejahrte aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute lärmend ein, als ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich war erstaunt, sie alle in Weiß gekleidet zu sehen; aber das war, wie es scheint, nur eine Täuschung meiner Augen. Um mir das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, daß sie in Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete, kam vielleicht von einem besonderen Glanz, von einem Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen Farben des Prismas vermischten.

Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen Ziergarten verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen und Kinder spazieren und spielten. Ihre Kleider erschienen mir weiß wie die andern, aber sie waren mit rosa Stickereien

verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so lieblich und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre zarten Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung und ohne Begierde einflößten, die den ganzen Taumel der grenzenlosen Jugendleidenschaften zusammenfaßte.

Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten dieser entzückenden Wesen empfand, die mir teuer waren, ohne daß ich sie kannte. Es war wie eine primitive und himmlische Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit sanfter Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie in Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter, daß ich nur Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten Welt war, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins Leben zurückkehren müsse. Umsonst drängten sich die Frauen und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten. Schon verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln; diese schönen Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge, diese schimmernden Augen verloren sich in einem Schatten, wo noch der letzte Strahl des Lächelns leuchtete . . . . . .

So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, die ich in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische Zustand, in dem ich mich mehrere Tage lang befunden hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und die Berichte derer, die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art Gereiztheit als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen und Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen Phasen einer logischen Kette von Ereignissen zusammenfielen.

Ich liebte mehr die meiner Freunde, die aus geduldiger Gefälligkeit oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu langen Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen hatte. Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr, es gibt einen Gott?« — »Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu ihm. Und wir umarmten uns wie zwei Brüder dieses mystischen Vaterlandes, das ich geschaut hatte. — Welches Glück fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister angreift, für mich entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, keine Unruhe! Die, welche ich liebte, Eltern, Freunde gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens, und ich war von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. Die der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.