VI.

EIN Traum, den ich außerdem hatte, bestärkte mich in diesem Gedanken. Ich befand mich plötzlich in einem Saal, der zu der Wohnung meines Ahnen gehörte. Der Raum schien sich nur vergrößert zu haben. Die alten Möbel strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und die Vorhänge waren wie neu hergestellt, ein Tageslicht, dreimal leuchtender als der natürliche Tag, drang durch Fenster und Tür und in der Luft lag eine Frische und ein Duft wie an einem ersten lauen Frühlingsmorgen. Drei

Frauen arbeiteten in diesem Zimmer und stellten ohne ihnen genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen meiner Jugend vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Züge von mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer Gestalten wechselten wie die Flamme einer Lampe und jeden Augenblick ging etwas von der einen in die andere über; das Lächeln, die Stimme, die Farbe der Augen, des Haars, die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie wenn sie dasselbe Leben gelebt hätten, und jede war so eine Zusammensetzung von allen, gleich jenen Typen, die die Maler nach mehreren Modellen bilden, um eine vollendete Schönheit darzustellen.

Die älteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme, die mir aus meiner Jugend bekannt vorkam, und ich weiß nicht, was sie zu mir sagte, was mich durch seine tiefe Richtigkeit verblüffte. Aber sie lenkte meine Gedanken auf mich selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug von altertümlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt war und dessen Fäden so fein waren wie Spinneweben. Er war gefällig, zierlich und mit süßen Düften getränkt. Ich fühlte mich ganz verjüngt und ganz geputzt in diesem Kleidungsstück, das aus ihren Feenhänden hervorging und ich dankte ihnen errötend, wie wenn ich noch ein kleines Kind gewesen wäre, das vor großen, schönen Damen steht. Da stand eine von ihnen auf und wand sich nach dem Garten.

Jeder weiß, daß man in Träumen nie die Sonne sieht, obwohl man oft die Überzeugung einer viel intensiveren Helligkeit

hat. Die Gegenstände und die Körper leuchten aus sich selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo sich die Spaliere zu Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und weißen Weintrauben behängt waren; in dem Maße, als die Dame, welche mich führte, unter diesem Laubengang vorwärts ging, veränderte der Schatten der gekreuzten Gitter für meine Augen seine Formen und seine Umhüllung. Sie kam endlich darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum. Darin bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgänge, die ihn früher kreuzweise durchschnitten hatten. Die Pflege war seit langen Jahren vernachlässigt und verstreute Setzlinge von Klematis, Hopfen, Geißblatt, Jasmin, Efeu und Osterluzei verbreiteten zwischen den kräftig gewachsenen Bäumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten sich mit Früchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft wuchernden Grasbündeln waren einige Gartenblumen aufgeblüht, die in den Zustand der Verwilderung zurückgefallen waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man altersgeschwärzte Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte vor mir eine Anhäufung von Felsen, die mit Efeu bewachsen waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang, dessen harmonisches Geplätscher in einem Bassin von stehendem Wasser widerhallte, das mit breiten Seerosenblättern halb verschleiert war.

Die Dame, der ich folgte, enthüllte ihre schlanke Gestalt mit einer Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides

schimmern ließ, und umfaßte graziös mit ihrem nackten Arm den langen Stengel einer Stockrose; dann fing sie unter einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so daß nach und nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete und Bäume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden, während ihre Gestalt und ihre Arme ihre Umrisse den purpurnen Himmelswolken ausprägten. So verlor ich sie in dem Maß, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn sie schien sich in ihrer eigenen Größe zu verflüchtigen. »O, fliehe nicht,« rief ich aus, »denn die Natur stirbt mit dir!«

Als ich diese Worte sprach, schritt ich mühselig zwischen den Dornen, wie um den vergrößerten Schatten, der mir entschlüpft war, zu ergreifen; aber ich stieß an eine beschädigte Mauerecke, an deren Fuß die Büste einer Frau lag; als ich sie aufhob, hatte ich die Überzeugung, daß es die ihre sei . . . Ich erkannte die geliebten Züge wieder und als ich die Augen herumschweifen ließ, merkte ich, daß der Garten jetzt wie ein Friedhof aussah. Stimmen sagten: »Das Weltall ist in der Nacht!«