VII.
EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und ließ mich in ein Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschloß. Ich setzte meinen Traum fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wände; diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich Schätze, Schals und Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte Landschaft erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen von Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu erkennen. Nach und nach drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ bizarre
Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer riesenhaften Frau war mir gegenüber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Säbel zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von Gliedern und Köpfen dar, von den Kaiserinnen und Königinnen bis herab zur bescheidenen Bäuerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es genügte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. — Das ist es nun, sagte ich mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben den ewigen Typus der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch eine der Spalten der Tür einschlich, die absteigenden Generationen der Zukunftsrassen.
Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. Das gute und mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des Lebendigen zurück. Er ließ mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein Nasenloch einführte, ließ man ihm eine genügende Menge Gries und Schokolade in den Magen rinnen.
Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem einförmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden überlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren des Lebens saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und seiner Verlassenheit zu lieben, und ich fühlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln wagte noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen, wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und ich war entzückt, als zum erstenmal ein
Wort aus seinem Mund kam. Man wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen Traum, den ersten seit recht langer Zeit.
Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und so hoch in den Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt schien. Schon waren meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu verlassen, als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor und sagt zu mir: »Komm, Bruder! . . . .« Ich weiß nicht, wie es mir in den Sinn kam, daß er Saturnin hieß. Er hatte die Züge des armen Kranken, aber verklärt und wissend. Wir waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen und betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte seine Hand auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher gemacht hatte, als ich meinen Gefährten zu magnetisieren versuchte; sogleich fing einer der Sterne des Himmels zu wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir lächelnd in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher gesehen hatte. Sie schritt zwischen uns beiden und die Wiesen ergrünten, die Blüten und Blätter erhoben sich von der Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie sprach zu mir: »Die Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese zahllosen Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich ermüdetest, waren die Bande der alten Einbildungen selbst, die deine Gedanken verwirrten und jetzt erinnere dich des Tags, wo du die heilige Jungfrau angefleht hast und da du
sie tot glaubtest, sich das Delirium deines Geistes bemächtigt hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer einfachen von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese hat sich in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst erlaubt zu kommen und dir Mut zuzusprechen.« Die Freude, die dieser Traum in meinem Geist verbreitete, verschaffte mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann anzubrechen. Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: »Du hast mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier unter dem Titel
DENKWÜRDIGKEITEN
die Eindrücke mehrerer Träume, die dem folgten, den ich eben mitgeteilt habe. — — —
Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang verklungen: ARME MARIA! Königin der Himmel! An dich wendet sich ihre Frömmigkeit. Diese ländliche Melodie ist zum Ohr der Korybanten gedrungen. Sie treten selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen Obdach gewährte. — Hosianna! Friede auf Erden und Ruhm in den Himmeln! — Auf den Bergen des Hymalaia ist eine kleine Blume erblüht. — Vergiß mein nicht! — Der kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr geruht und eine Stimme ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS! —
Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle strahlte am Himmel . . . . Die Welt war geschaffen. Keusche
Liebe, göttliche Seufzer! Entflammt den heiligen Berg! . . . Denn ihr habt Brüder in den Tälern und schüchterne Schwestern, die sich im Schoß der Wälder verbergen!
Duftende Gebüsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese Zufluchtsorte, wo man mit vollen Lungen die belebende Luft des Vaterlandes atmet? — Da oben auf den Bergen lebt die Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet Zufriedenheit.
O wie schön ist doch meine große Freundin! Sie ist so groß, daß sie der Welt verzeiht und so gut, daß sie mir verziehen hat. Neulich nachts schlief sie in irgendeinem Palast und ich konnte sie nicht erreichen. Mein Schweißfuchs entwand sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zügel hingen über der in Schweiß gebadeten Kruppe und es bedurfte großer Anstrengungen, um ihn zu verhindern, daß er sich zu Boden legte.
Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen und meine große Freundin hat an meiner Seite auf ihrer weißen, silbern aufgezäumten Stute Platz genommen. Sie sagte zu mir: »Mut, Bruder, denn das ist die letzte Stufe!«
Und ihre großen Augen verschlangen den Raum und sie ließ in der Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Düften Jemens getränkt war.
Ich erkannte die göttlichen Züge von ***. Wir flogen im Triumph und die Feinde waren zu unsern Füßen. Der Wiedehopf geleitete uns als Bote bis in den höchsten Himmel und der Bogen des Lichts barst in den göttlichen Händen Apolls. Adonis Zauberhorn klang durch die Wälder.
O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende Messias zwischen uns beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem Hyazinth und ihre Handgelenke sowie die Knöchel ihrer Füße blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn ihre leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem berührte, waren wir alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich unter die Menschen gegangen, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden.
Ich erwache aus einem süßen Traum. Ich habe die gesehen, die ich verklärt und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat sich in all seiner Pracht geöffnet und ich habe darin das Wort VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute Jesu Christi geschrieben war.
Ein Stern erglänzte plötzlich und enthüllte mir das Geheimnis der Welt der Welten. Hosianna! Friede auf Erden und Ehre den Himmeln!
Aus dem Schoß der stummen Finsternis sind zwei Töne erklungen, ein getragener und ein schriller, und sogleich begann der ewige Kreislauf. Sei gesegnet, o erste Oktave, mit der
die göttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu Sonntag flichst du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich den Tälern, die Quellen den Bächen, die Bäche den Strömen; die Ströme dem Ozean. Die Luft zittert und das Licht küßt wohlklingend die sprießenden Blumen.
Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten Schoß der Erde und der Chor der Gestirne entfaltet sich in die Unendlichkeit; er entfernt sich und kommt wiederum zurück, verdichtet sich und entfaltet sich wieder und sät die Keime zu neuen Schöpfungen ins Weite.
Auf dem Gipfel eines bläulichen Berges ist eine kleine Blume erblüht. — Vergiß mein nicht! — Der kosende Blick eines Sternes hat sich einen Augenblick darauf geheftet und eine Antwort ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS!
Unheil über dich, Gott des Nordens! Der du mit einem Hammerschlag die aus den sieben köstlichsten Metallen gefügte heilige Tafel zertrümmertest! Denn du hast die »ROSENFARBENE PERLE«, die in ihrer Mitte ruhte, nicht zerbrechen können. Sie ist unter dem Eisen wieder aufgesprungen, — und wir haben uns für sie bewaffnet . . . . Hosianna!
Der Makrokosmos, oder die große Welt, ist durch kabbalistische Kunst erbaut worden; der Mikrokosmos, oder die kleine Welt, ist sein in aller Welt zurückgestrahltes Bild. Die »ROSENFARBENE PERLE« ist mit dem königlichen Blut der Walküren gefärbt worden. Unheil über dich, schmiedender
Gott, der eine Welt zertrümmern wollte! Indessen ist die Vergebung Christi auch für dich verkündet worden!
Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese — du mächtigster unter Odins Söhnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter, denn oft ist der Tod süß, — und in deinem Bruder Loki und in deinem Hund Garnur.
Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet, denn ihre Ringe erschlaffen und ihr gähnender Rachen atmet die Blume Anxoka, die Schwefelblume, die strahlende Blume der Sonne!
Gott schütze den göttlichen Baldur, den Sohn Odins und Freya, die schöne!