VIII.
ICH befand mich IM GEIST in Saardam, das ich im vergangenen Jahr besucht habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein ganz kleines Mädchen ging schleifend über die harte Erde und richtete seine Schritte glaube ich nach dem Haus Peters des Großen. Ihr majestätisches Profil hatte etwas Bourbonisches. Ihr Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem Schwanenpelzkragen. Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte sie eine angezündete Lampe vor dem Wind und wollte an der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen
brachte. — »Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine Mädchen und stand wieder auf. — »Eine Katze, das ist auch etwas!« antwortete eine sanfte Stimme. Ich wohnte dieser Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue Katze, die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!« sagte das kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus.
In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich erheben sich auf jedem Platz dieser Stadt große Säulen, die man Gnadensäulen nennt. Wolken aus Marmor sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen. Plötzlich mußte ich, o Wunder, an diese berühmte Schwester des Kaisers von Rußland denken, deren kaiserliches Palais ich in Weimar gesehen habe. — Eine von Süßigkeit erfüllte Melancholie ließ mich die farbigen Nebel einer norwegischen
Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden durchsichtig und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund auftat, in den sich tobend die Fluten der eisigen Ostsee stürzten. Es schien, daß sich die ganze Newa mit ihren blauen Wassern in diese Erdspalte ergießen müsse. Die Schiffe von Kronstadt und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit zu sein, sich loszureißen und in diesem Schlund zu verschwinden, als ein göttliches Licht von oben diesen trostlosen Vorgang erhellte.
Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang, sah ich sogleich den Felsen erscheinen, der das Standbild Peters des Großen trägt. Über diesem festen Sockel gruppierten sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie waren beladen mit strahlenden und göttlichen Gestalten, unter denen man die beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene unterschied, die von den schönsten Fürstinnen Rußlands und Polens begleitet waren. Ihre sanften Blicke waren nach Frankreich gerichtet und überwanden den Raum mit Hilfe von langen Ferngläsern aus Kristall. Ich sah dadurch, daß unser Vaterland der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein würde, und daß sie seine Lösung erwarteten. Mein Traum schloß mit der süßen Hoffnung, daß uns endlich Friede gegeben würde.
So ermutigte ich mich zu einem kühnen Versuch; ich beschloß, den Traum festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren. Warum, so sagte ich mir, soll ich nicht mit meinem ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore bezwingen
und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen zu unterliegen? Ist es nicht möglich, diese anziehende und furchtbare Chimäre zu bändigen, diesen Geistern der Nächte, die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel aufzuerlegen? Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der Trost für die Mühen unsrer Tage oder die Buße für ihr Vergnügen; aber ich habe nie empfunden, daß der Schlaf Ruhe sei. Nach einer Betäubung von einigen Minuten beginnt ein neues Leben, losgelöst von Zeit und Raum und zweifellos dem ähnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer weiß, ob zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht, und ob es für die Seele nicht möglich ist, es schon hier unten zu knüpfen?
Von diesem Augenblick an bemühte ich mich, den Sinn meiner Träume zu suchen, und diese Unruhe beeinflußte meine Gedanken im wachen Zustand. Ich glaubte zu verstehen, daß zwischen der innern und der äußern Welt ein Band besteht; daß die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung des Geistes allein die augenscheinlichen Beziehungen fälschen — und daß sich so die Bizarrerie gewisser Gemälde erklärt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher Gegenstände auf bewegter Wasserfläche gleichen. —
So waren die Eingebungen meiner Nächte. Meine Tage vergingen ruhig in Gesellschaft der armen Kranken, die ich mir zu Freunden gewonnen hatte. Das Gewissen, das ich nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit
der Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller Personen, die ich geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren Klarheit geworden, und ich segnete die Bruderseele, die mich aus dem Schoß der Verzweiflung in die leuchtenden Bahnen der Religion zurückgeführt hatte.
Der arme Junge, den sein geistiges Leben auf so sonderbare Art verlassen hatte, empfing eine Pflege, die nach und nach seine Empfindungslosigkeit besiegte. Als ich erfuhr, daß er auf dem Land geboren sei, verbrachte ich ganze Stunden damit, ihm alte Dorflieder vorzusingen, denen ich den rührendsten Ausdruck zu geben versuchte. Ich hatte das Glück zu sehen, daß er sie hörte und daß er einzelne Teile dieser Lieder wiederholte. Eines Tages endlich öffnete er eine einzige Sekunde die Augen und ich sah, daß sie blau waren wie die des Geistes, der mir im Traum erschienen war. Eines Morgens — einige Tage danach — hielt er seine Augen offen und schloß sie nicht mehr. Er fing gleich zu sprechen an, aber nur mit Zwischenpausen, erkannte mich, duzte mich und nannte mich Bruder. Indessen wollte er sich noch immer nicht entschließen zu essen. Als er eines Tages aus dem Garten hereinkam, sagte er zu mir: »Ich habe Durst!«
Ich holte ihm zu trinken; das Glas berührte seine Lippen, ohne daß er schlucken konnte.
»Warum«, fragte ich ihn, »willst du nicht essen und trinken wie die andern?«
»Weil ich tot bin,« sagte er, »ich bin auf jenem Friedhof begraben, an jenem Platz . . . . .«
»Und wo glaubst du jetzt zu sein?«
»Im Fegefeuer, ich erfülle meine Reinigung.«
Das sind die wunderlichen Ideen, die aus dieser Art Krankheiten entspringen; ich erkannte in mir selbst, daß ich nicht weit von einer so absonderlichen Überzeugung entfernt gewesen war. Die Pflege, die ich empfangen, hatte mich schon der Liebe meiner Familie und meiner Freunde zurückgegeben, und ich konnte gesünder über die Welt der Einbildungen urteilen, in der ich einige Zeit gelebt hatte. Jedenfalls fühle ich mich glücklich durch die Überzeugungen, die ich erlangt habe und ich vergleiche diese Reihe von Prüfungen, die ich durchgemacht habe, dem, was für die Alten der Gedanke eines Hinuntersteigens zur Hölle vorstellte.[*]
[* Dieses sind die letzten Worte, die Gérard de Nerval geschrieben hat. ]
[Anmerkungen zur Transkription]
Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
- ... mich seine Bücher lehrten. Ein gewißer Mars aus ...
... mich seine Bücher lehrten. Ein [gewisser] Mars aus ... - ... gefehlt katte. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute ...
... gefehlt [hatte]. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute ...