Vorbemerkung.
Die auf den nachfolgenden Seiten mitgeteilten Briefe des späteren Kaisers Wilhelm I. haben jahrzehntelang uneröffnet in Berliner Privatbesitz geruht; sie treten hiermit zum erstenmal ans Licht und bilden gleichsam einen jedem Deutschen willkommenen Ausschnitt einer Selbstbiographie des ersten Hohenzollernkaisers. Der Abdruck des gesamten Briefmaterials bleibe einer späteren Zeit vorbehalten, die hoffentlich wieder günstigere Bedingungen für Veröffentlichung derartiger Werke mit sich bringen wird.
Den Herausgeber unterstützten bei seiner Arbeit in entgegenkommendster Weise die Leitung des Geheimen Staatsarchivs (Berlin) durch die Correspondance avec la Mission du roi, St. Pétersbourg; Russie Rep. I, Nr. 97, 1828 und des Hausarchivs (Charlottenburg) durch die Erlaubnis, Teile aus den allerdings nicht vollständig erhaltenen Briefen König Friedrich Wilhelms III. an seinen Sohn veröffentlichen zu dürfen, die Verwaltungen des Hohenzollernmuseums und des Palais Kaiser Wilhelms I. sowie die Staatsbibliotheken in Berlin und München; den genannten Stellen sei auch hier dafür herzlichst gedankt.
Herr Dr. Walther Kühne hat in dankenswerter Weise die Revision mitgelesen.
Berlin, im September 1922.
P. A. M.
In ein wichtiges Jahrzehnt preußischer, deutscher und europäischer Geschichte während des 19. Jahrhunderts führen die nachfolgenden Briefe des Prinzen Wilhelm von Preußen an seinen königlichen Vater Friedrich Wilhelm III.: sie umfassen die Jahre 1827 bis 1839, die noch zum Zeitalter der Reaktion gehören, aber zum wesentlichen Teile zwischen zwei Revolutionen liegen, die von den mannigfachsten Anschauungen, Strömungen und Tendenzen politischer, gesellschaftlicher, religiöser, literarischer Art erfüllt und durchkreuzt sind, in denen Goethe stirbt und die Romantik ausklingt, in denen Hegel auf der Höhe seines Einflusses steht und die deutsche politische Dichtung des Jungen Deutschland geboren wird, in denen die ersten Eisenbahnen und der Telegraph beginnen, die Entfernungen zwischen den Menschen aufzuheben, in denen die immer inniger werdende Vereinigung von Naturwissenschaft und Technik sich anschickt, dem „erstaunlichsten aller Jahrhunderte“ dadurch seinen Stempel aufzudrücken, daß durch die Herausbildung des vierten Standes eine neue soziale Schichtung entsteht.
Von solchen sachlichen Hintergründen, aus einer Epoche deutschen Sehnens, Werdens und Wesens, die schließlich, nachdem der Briefempfänger schon manches Jahr im Mausoleum des Charlottenburger Schloßparkes den ewigen Schlaf schlief, zum „tollen Jahr“ von 1848 führte, heben sich des Prinzen Berichte, Episteln und Billets an den regierenden König von Preußen, der zugleich sein Vater war, heraus, ohne daß die Mehrzahl der hier nur angedeuteten „Kräfte am Werk“ in ihnen zur anschaulichen Auswirkung, zum schöpferischen Anlaß, zum allzeit lebendigen Ausdruck diente und gelangte. Sie sind vielmehr und in allererster Linie ein bisher unbekannter Beitrag für seine ganz persönliche, menschliche Entwicklung und Art, der das vertraute Bild aus der Zeit seines Reifens zum Manne in der glücklichsten Weise ergänzt und erweitert, eine neue „kostbare Reihe vertraulicher Äußerungen von hohem inneren Werte“, von denen das Wort Erich Marcks’ gilt, daß ihre Bedeutung erst im Zusammenhange der Vorgänge und Mächte einigermaßen zu erfassen ist, die den Prinzen im alten Preußen umgaben..., „es sind dieselben Mächte, deren Betätigung und Wandlung von da ab sichtbar seinem ganzen weiteren Leben Richtung und Aufgabe weisen sollte.“
Es ist oft geschildert worden, wie die Stoß- und Schwungkraft des preußischen Reformgeistes von 1806 bis 1815, der heilige Wille, „in Staat und Heer alle Einrichtungen auf die enge sittliche Gemeinschaft mit dem Volksleben zu begründen“ erlahmte, wie die Arbeit der wirtschaftlichen Befreiung auf dem Lande, die Durchführung der Selbstverwaltung allmählich und immer mehr versickerte, versandete und versumpfte, wie die verheißene Verfassung schließlich versagt ward; „in der deutschen wie in der europäischen Politik trat Preußen in das System der alten konservativen Mächte ein“; die Männer der zukunftweisenden Taten verschwanden, an ihren Platz stellte sich der Landadel und mit ihm, als Ausdruck und Symbol dieses Wechsels, kam „eine ständische Zerlegung des einheitlichen Staates“; das Bürgertum stand noch weit zurück, nur das Beamtentum hat „in diesem letzten Heroenzeitalter der preußischen Bureaukratie“ als die in Wahrheit im Staate regierende Macht dem Adel das Gleichgewicht gehalten. Das bewußte Zurückdrängen schöpferischer Gedanken ward ausgeglichen durch die Stellung des Beamtentums zwischen Staatseinheit und Ständetum. Die schwunglose Mittelmäßigkeit des Königs, dessen starres Preußentum mehr Hemmschuh als Triebkraft war, lastete auf dem Hofe ebenso wie auf den Organen der Regierung; nur in der Stille, den wenigsten bewußt und erkennbar, vollzog sich in diesen hier in Frage kommenden Jahren der zu Ende gehenden Regierung Friedrich Wilhelms III. die für die Zukunft so wichtige Verschmelzung des preußischen mit dem deutschen Geiste, durch die das vielstaatliche Volk es endlich versuchen und erreichen konnte, sich zur Nation und Einheit zu bilden; Prinz Wilhelm, der als König und Kaiser diese Entwicklung zu Ende führen durfte, hat in den Jahren dieser Briefe von solcher deutschen Sehnsucht wahrlich keinen Hauch verspürt.
In knappsten Strichen nur kann hier des Prinzen Wilhelms Werden angedeutet werden. In der Stunde seiner Geburt erlosch — nach Max Lenz’ Wort — der längst verblichene Glanz der Krone des Großen Karl; im März 1797 besiegte Napoleon in Friaul und Kärnten die letzten Heere des letzten der alten Kaiser, „die Verbindung der beiden Völker, auf der das heilige römische Reich deutscher Nation geruht hatte, zerriß“, und während jenseits des Rheines und in etlichen Ländern um das Mittelmeer die Grundlagen eines Imperiums gelegt wurden, das noch einmal dem Willen eines Einzigen das Dasein verdankte, blieb Preußen, ohne zunächst von den wahrhaft grundstürzenden Umwälzungen Europas irgendwie berührt oder gestreift zu werden, was es seit mehr als einem halben Jahrhundert gewesen war, der Staat Friedrichs des Großen, einst der Schrecken und die Bewunderung seiner Feinde, immer noch unbesiegt und unerschüttert, jetzt in stolzer Ruhe nach außen hin verharrend, im Innern durch fleißige Arbeit der Beamten gestützt und gefördert.
In solchem Frieden wuchs auch der zweite Sohn des preußischen Königspaares, Prinz Wilhelm, auf, bis vor den Toren Jenas und Weimars der Staat zerschlagen ward, den Friedrichs Geist gebaut hatte. Es kamen die Jahre der Schmach und Knechtschaft, die in bekannter Weise tief in des Prinzen Leben eingriffen: in einem gefesselten Staat, unter dem hoffnungslosen Kummer des Vaters, in seinem kindlichen Gemüt verwirrt durch den Tod der geliebten Mutter reifte er zum Jüngling heran. Am Aufschwung der Nation nimmt er dann tätigen Anteil, ohne sich irgendwie den Idealen und Zielen eines großen deutschen Vaterlandes hinzugeben. Friedrich Wilhelm III. sind diese Ideale immer fremd geblieben; auch der Sohn des Königs blieb in den Überlieferungen der preußischen Größe gebunden, wie doch die Reformen eines Stein und Hardenberg zunächst Preußen gegolten haben und diesem zugute gekommen sind. Dieses Preußen aber hat alles daran setzen müssen, um nach dem Kriege, der dem einzelnen deutschen Menschen nicht die Freiheit des Tuns und Denkens brachte, seine Stellung als Großmacht zu behaupten. Europäische Aufgaben und Notwendigkeiten führten diesen Staat an die Seite Österreichs und Rußlands; einen lebendigen Ausschnitt solcher Bestrebungen bietet ein wesentlicher Teil der folgenden Briefe.
Des Prinzen Wilhelm Pflichten- und Interessenkreis war in fast ausschließlicher Weise von Anfang an ein rein militärischer: es kam seinen Anlagen, Neigungen und Anschauungen entgegen, der erste Soldat des Staates und der Armee zu sein, einer Armee, die an der allgemeinen Erstarrung nach der Reformzeit teilhatte, deren frischer Tätigkeitsdrang nach 1815 unerstickt war, aber doch unerfüllt blieb, deren Ausbau und Entwicklung jedoch der Prinz alle besten Kräfte seines Wesens zuwandte, seitdem er in den Jahren des Friedens in der Rangstufenleiter bis zum Kommandeur des dritten Armeekorps emporstieg und ernstlich bemüht war, alle Forderungen solcher Führerposten zu kennen und ihnen bis ins kleinste gerecht zu werden. Er hat immer danach gestrebt, diese weitschichtige Materie völlig zu durchdringen und zu beherrschen; die Sorge um die Armee als Ganzes — in Bereitschaft sein ist alles — und um den einzelnen Mann verläßt ihn nie, wenn er aus der Fremde oder von daheim seinem Vater schreibt; in ausführlichen Briefen, die sich gelegentlich geradezu zu Denkschriften weiten und nachweislich als amtliches Material benutzt werden, wagt er Kritik an Beschlüssen und Maßnahmen des Königs zu üben... hier geht ihm immer die Sache über die Person; dem militärisch-technischen Detail widmet er die gleiche Aufmerksamkeit wie den schwerwiegenden Fragen der inneren oder äußeren Organisation. So ist und bleibt er Offizier, dessen rastlose Arbeit, eiserne Pflichttreue und unermüdliche Lernbegier immer irgendwie der Macht des Staates dienten, an dem sich das Wort seiner Mutter aus dem Juli 1810 bewahrheitete: „Unser Sohn Wilhelm wird, wenn nicht alles trügt, wie sein Vater einfach, bieder und beständig“ —, über den aber auch aus dem Jahre, in dem diese Briefe beginnen, eine Äußerung lautete: „Prinz Wilhelm ist die edelste Gestalt, die man sehen kann, der imposanteste von allen, dabei schlicht und ritterlich, munter und galant, doch immer mit Würde.“ Dabei stand er den liberalen und nationalen Ideen, die stärker als je um 1830 in Norddeutschland um sich griffen, ablehnend gegenüber, und den nationalen Bewegungen, die den Boden der Verträge von 1815 erschütterten, begegnete er vom Standpunkte der großen, „heiligen“ Alliance; er faßte alles unter dem Gesichtspunkte der Revolution und nur im festen Zusammenschluß der „legitimen“ Gewalten meinte er immer wieder, könne man ihnen begegnen.
So stand er auf festem, nüchternem Boden, den er völlig kannte, und war imstande, mit der hier nötigen Klarheit allen Forderungen und Tatsachen seines Lebens gerecht zu werden. Bevor die hier mitgeteilten Briefe beginnen, war er durch das alles aufwühlende Herzenserlebnis seiner Jugend gegangen, das nach seinem Teile ihn auch zum Manne gereift hatte; das Auf und Ab seiner inneren wie äußeren Beziehungen zu Elisa von Radziwill klingt nur an einer, freilich wichtigsten Stelle dieser Briefe an und der schmerzlichste Abschluß dieser ihn stählenden Episode wird dem Vater gegenüber schriftlich nicht erwähnt: „Ich werde Elisa wiedersehen, ich gehe nach ihrem väterlichen Gute Antonin,“ sagte er am 29. Mai 1829 zur Gräfin Elise von Bernstoff — er war von seinem Vater beauftragt worden, seiner kaiserlichen Schwester entgegen zu fahren — „meine Schwiegermutter selbst hat mir den Wunsch ausgesprochen, daß dieses mein erstes Wiedersehen mit Elisa vor meiner Vermählung überstanden sein möchte.“
Prinz Wilhelm hatte den „Staat als Willen“ über sich erkannt, „er hat sich gefügt, ohne einen Bruch“, wenn er auch die mannigfache „Prinzessinnenschau“, die seiner Verlobung mit Augusta von Weimar vorausging, als innere Qual empfinden mochte. Als aber die endgültige Entscheidung — nach einem hier wohl zum ersten Male bekannt werdenden Schwanken — in dieser Lebensfrage gefallen war, begegnet er der künftigen Gefährtin mit herzlichster Zuneigung, und die Briefe aus dieser Zeit, die die menschlich-wertvollsten sind, bezeugen — auch wohl zum ersten Male —, daß der Prinz nicht nur „voller Attention für die Prinzeß“ war; hier klingt wahrlich mehr als die bisher immer nur beobachtete und behauptete kühle Herzenshöflichkeit durch, hier wird der zurückhaltende Ton, den er sonst nach höfischer Sitte der Zeit und aus seiner eigenen Erziehung heraus dem Vater gegenüber anschlägt, überwunden, und der Mann muß von dem berichten, was ein Inhalt seines Daseins wird und blieb; er tut es nicht in romantischem Überschwang mit tönenden Phrasen, sondern in jener Weise, der der Leser von heute in jedem Worte die aufrichtige Ehrlichkeit der Empfindung anmerkt.
Ein freundlicher Zufall hat es gefügt, daß diese briefliche Liebesidylle aus Weimar, die mit etlichen Unterbrechungen vom Oktober 1828 bis zum März des folgenden Jahres reicht, zwischen zwei größeren Gruppen von Berichten steht, die die Anteilnahme des Prinzen Wilhelm an den Vorgängen der europäischen Politik zeigen — „ich kannte und träumte nur ein selbständiges Preußen, eine Großmacht im europäischen Staatensystem“ hat er zwanzig Jahre später über seine innere Einstellung zu diesen Dingen geurteilt — und dadurch dartun, daß es ihm vergönnt und möglich war, die Welt auf manchen Reisen kennen zu lernen. Die verwandtschaftlich ihm nahe stehenden Höfe von Petersburg und dem Haag hat er öfters besucht; hier kommen die beiden wichtigen Fälle in Frage, wo er, in den ersten Monaten von 1828, die Zuspitzung des russisch-türkischen Konfliktes mit seiner Auswirkung auf die Weltlage beobachten konnte und wo er der Pariser Julirevolution von 1830 ganz nahe sein durfte. Beide Male schickte er seinem Vater „eine Fülle von Berichten“, von denen Erich Marcks’ Erwartung gilt, „daß man sie wohl kennen möchte“.
Seine Sendung nach der russischen Hauptstadt zu Schwester und Schwager hatte diesmal allerdings bereits einen wichtigen Hintergrund und Unterton: er sollte „den Argwohn Rußlands gegen die unabhängig sich zwischen den beiden östlichen Kaisermächten haltende preußische Politik bekämpfen“; gut informiert und ständig beraten hat er diese Mission erfüllt, schon deswegen, weil er von vornherein aus legitimistischen Gründen auf der Seite Rußlands und des Zaren stand, dabei sogar eifrig, aber vergeblich versuchte, seinen Vater zu energischer, kriegerischer Anteilnahme auf russischer Seite zu bewegen. Daß man den Briefen des Prinzen an den König, die von den Ereignissen des Hoflebens, von winterlichen Festen, von militärischen Einzelheiten natürlich auch zu erzählen wußten, an zuständigen Stellen Bedeutung beimaß, geht aus der Voraussetzung des preußischen Gesandten in Petersburg hervor, „daß der Minister des Auswärtigen in Berlin, Graf Bernstorff, Kenntnis von dem politischen Teile der Berichte des Prinzen an den König hat“, und der vielgewandte, vielhörende und geschwätzige Varnhagen von Ense notiert am 4. April 1828 in seinen „Blättern aus der preußischen Geschichte“: Prinz Wilhelm berichtet sehr fleißig und genau aus Petersburg, seine Briefe gibt der König an Witzleben, seinen allmächtigen Adjutanten.
Der Besuch im Haag — im Juli 1830 — schloß sich an einen Kuraufenthalt des Prinzen Wilhelm in Ems an, das seitdem die öfter aufgesuchte Heilstätte gegen eine in diesen Jahren nie ganz aufhörende Kränklichkeit war; hier war es Zufall, daß er als Gast des niederländischen Hofes Zeuge von Ereignissen sein durfte, die seinen ganzen Anschauungen völlig zuwiderliefen und die ihm Veranlassung wurden, seinen Standpunkt dem Vater und König gegenüber auf das schärfste zu präzisieren. Von den inneren Angelegenheiten und Notwendigkeiten Preußens oder gar Deutschlands ist in den Briefen der nächsten Jahre, in denen das Bürgertum auch hier, wenn freilich sehr langsam und allmählich, „die politische Macht ergriff“, selten etwas zu spüren und zu lesen. Er kann auf einer militärischen Inspektionsfahrt, auf der er seinen Vater vertreten muß, im August und September 1830 die Auswirkung der französischen revolutionären Bewegung im Rheinlande beobachten, kann aus Thüringen, wo Teile des seiner Führung unterstehenden Armeekorps in Garnison lagen, Ähnliches melden und nimmt dann öfter die Gelegenheit wahr, in Berlin in manchmal breiter Ausführlichkeit zu Fragen seines eigentlichen, d. h. militärischen Berufe das Wort zu ergreifen. Daneben steht die Sorge um den würdigen Ausbau des ihm zur Wohnung angewiesenen Tauentzienschen Palais Unter den Linden und um den Schlößchenbau auf dem Babelsberge bei Potsdam; er weiß hie und da den Vater für die Angelegenheiten ihm, d. h. dem Prinzen nahestehender Persönlichkeiten zu interessieren, wie des Prinzen Radziwill und des Fürsten Solms; einmal taucht eine Frage der preußischen Justizverwaltung und eine des Kirchenregimentes auf, die er im Sinne und zum Vorteil der staatlichen Autorität erledigt wissen möchte, er erörtert brieflich mit dem König die wichtige Frage des Erziehers des Sohnes seiner Ehe, der damals schon als der Thronerbe galt, und meldet dem Vater in jubelnder Beglücktheit die Geburt der Tochter Luise. Mit brieflichen Berichten von einer bis nach Mailand sich ausdehnenden Schweizer Reise, die er mit seiner Frau unternahm und die sich an einen Kuraufenthalt in Ems und Baden-Baden anschloß, endet das Corpus dieser Korrespondenz. Es ist für Prinz Wilhelm sehr charakteristisch, daß ihm die Freude an der neuen Umgebung, durch die ihn diese Fahrt führte, getrübt ward durch ein scheinbares Mißverständnis wegen seiner Anteilnahme an einem Manöver in der Heimat! Von mancher anderen Reise, wie z. B. von den Besuchen in Petersburg zwischen 1829 und 1835 weiß er kaum etwas zu berichten, was des Festhaltens wert wäre, desgleichen von dem Wiener Aufenthalt im März 1835, als es galt, „durch das sichtbare Eintreten Preußens die schwierige Lage der drei Minister zu festigen, die für den schwachsinnigen, aber legitimen Nachfolger Franz’ I., Ferdinand, die tatsächliche Regierung übernahmen“. Dagegen wird seine praktische Anteilnahme an der Weiterbildung der Armee und ihren Forderungen, z. B. in den Fragen über die Länge der Dienstzeit, über die Vermehrung der Kadettenanstalten, über die Dienstreisen, Kosten der Generäle — um nur weniges zu nennen — hier erneut dargetan und weiterhin erhärtet.
Diese andeutenden Bemerkungen umschreiben ungefähr den Inhalt der hier veröffentlichten Briefe des Prinzen Wilhelm von Preußen, ohne ihr Detail und ihren Reiz irgendwie zu erschöpfen. Sie sind in ihrer Form, ihrem Stil und Ausdruck der klarste, beste Spiegel ihres Schreibers.
Er weiß in frischer Anschaulichkeit zu schildern, was er sah und erfuhr, er bleibt immer sachlich und versteht aus den Tatsachen, wie sie ihm entgegengetreten, in Verbindung mit der ihm angeborenen und eingegebenen Überzeugung scharf und klar sein Urteil abzuleiten; er vermeidet bewußt jegliche Phrase irgendwelcher Art, weil er weiß, daß sie nicht zu seinem Wesen paßt. „Die Wärme eines herzlichen, schlichten Empfindens, die Sicherheit eines reinen und männlichen Charakters“, die Erich Marcks aus den längst bekannten Briefen an den General Natzmer mit Recht herauslas, ist auch in diesen Briefen an den königlichen Vater zu finden und dringt bei aller anredelosen Beherrschtheit des Tones — wie selten ändert sich die fast formelhafte Unterschrift „Ihr Sie liebender Sohn Wilhelm“ in einen Klang kindlicher Herzlichkeit! — doch immer wieder durch. Im stilistischen und sprachlichen Ausdruck sind freilich die im Original oft schwierig zu entziffernden Briefe noch völlig abhängig von den Grundlagen der Jugendbildung und Jugenderziehung des Prinzen: sie wirken oft in Wortstellung und Satzbau wie aus dem Französischen übersetzt.... das geht stellenweise so weit, daß er die richtige Satzkonstruktion nachträglich korrigiert, wobei manchmal das Gegenteil von dem herauskommt, was er sagen will; zahlreiche Fremdworte finden sich, die hie und da auch mal in nicht richtiger Weise angewendet werden.
Manches freilich vermissen wir in diesen Briefen: nicht einmal weiß er aus Weimar etwas von Goethe zu erzählen, niemals fällt ein Wort über die mannigfachen Kräfte, die sich nach dessen Tode im deutschen Schrifttum regten und die doch der beste Spiegel einer neuen Wertung der Zeit durch die Zeitgenossen waren; gerade weil Prinz Wilhelm diesem „Neuen“ innerlich ablehnend und fremd gegenüberstand, sucht man wohl nach einem kritischen Worte über das Junge Deutschland und des allmächtigen Metternich Maßnahmen, die gegen diese „Literaten“ gerichtet waren. Auch sonst treten tiefere geistige Interessen nicht hervor[1]; gerade darin aber wird der Gegensatz zu dem kronprinzlichen Bruder ganz klar und deutlich.
Die entscheidenden, ausschlaggebenden Züge seiner Art und seines Wesens, die die Gewähr für seine und damit nach dem Gange der Geschichte auch für unsere Zukunft boten, erkennen wir in diesen Selbstzeugnissen seiner Persönlichkeit: den Offizier, den Anhänger des legitimen Königtums, den konservativen Mann der Arbeit und Pflicht von klarer, kräftiger Zuverlässigkeit, dessen wahre Größe einmal darin bestehen sollte, in weiser Selbsterkenntnis und Selbstbeschränkung den Männern die freie Bahn des Wirkens zu öffnen und zu gönnen, die ihm das Schicksal in den Weg führen sollte... er war ein fertiger Vierziger, als diese Briefreihe mit dem Tode Friedrich Wilhelms III. abbrach. Mit dessen Hinscheiden wandelte sich wohl die preußische Welt, noch aber konnte niemand ahnen, daß Prinz Wilhelm berufen und auserwählt sein sollte, die deutsche Welt zu formen und zu leiten.
Einmal ist — ganz vorübergehend — in diesen Briefen von dem Denkmal die Rede, das dem Großen Friedrich von Preußen vor den Fenstern des prinzlichen Palais errichtet werden sollte; seine Grundsteinlegung war der letzte offizielle Regierungsakt, dem der alte, längst kranke König von den Fenstern eben dieses Hauses, also gleichsam als Gast seines Sohnes, beiwohnen konnte ... es war am 1. Juni 1840... Prinz Wilhelm leitete den militärischen Teil der Feier... es war des Vaters letzte Freude.... am 7. Juni starb der König.... der neue Herrscher Preußens grüßte den Bruder als Thronfolger und Prinz von Preußen... eine neue Zeit begann für ihn, für Land und Volk; von den Briefen aber, die fast bis zu diesen Tagen reichen, gilt ein Wort Paul Kehrs[2]: „aus jeder Zeile schauen uns längst vertraute Züge entgegen: des Prinzen Schlichtheit und Wahrhaftigkeit, sein Ernst und seine Gewissenhaftigkeit, Gottesfurcht und vornehme Gesinnung, sein militärisches, monarchisches und preußisches Selbstgefühl und Pflichtbewußtsein.“