Der russisch-türkische Konflikt.
Die durch den Wiener Kongreß und seine Schlußakte im Sommer 1815 wiederhergestellte Ruhe und Ordnung Europas hat ein Jahrzehnt später im Wetterwinkel des Balkans eine erste Störung erfahren; der Aufstand Griechenlands gegen die Türkei galt der Volksmeinung des Kontinents als eine Fortsetzung des Freiheitskampfes, der gegen Napoleon geführt worden war, und die klassizistisch orientierte Bildung der geistigen Oberschicht in den Großmächten Europas glaubte darin antike Ideale eines Miltiades oder Leonidas verlebendigt zu sehen.... begeisterte Männer zogen allenthalben nach Morea, um mit Gut und Blut sich für die Sache der griechischen Freiheit einzusetzen.
Im Gegensatz dazu sah das Regime des Fürsten Metternich in dieser griechischen Erhebung nur Rebellion — die Pforte war ja die legitime Obrigkeit —, die man auf die von Frankreich ausgegangenen revolutionären Ideen, auf die Umsturzbewegungen der Demagogen aller Länder zurückführte; hinzu kam die Befürchtung, daß Rußland den türkisch-griechischen Konflikt zum Anlaß und zur Grundlage weiterer Eroberungspläne machen würde. Die fünf Großmächte Europas — Rußland, Österreich, Frankreich, England und Preußen — waren sich klar und einig darüber, daß eine etwaige Befreiung Griechenlands das Auseinanderfallen der Türkei zur endlichen Folge haben müsse und daß Rußland davon den eigentlichen, wenn nicht sogar den alleinigen Nutzen haben werde. Deswegen war Österreich, an dessen Südostgrenze ein nie gefährlich werdender Nachbar, eben der Türke, saß, gegen jede Veränderung eines ihm vorteilhaften status quo; auch England sah in einer Erstarkung Rußlands eine Bedrohung seiner Stellung im nahen und fernen Orient.
Diesen sich zuspitzenden Gegensätzen in der russischen Außenpolitik standen etliche Schwierigkeiten im Innern gegenüber. Kaiser Nikolaus, der die Lieblingsschwester des Prinzen Wilhelm, Charlotte, zur Gattin hatte, mußte den durch den sogenannten Großmutsstreit hervorgerufenen Aufstand der Dekabristen niederwerfen: sein älterer Bruder Konstantin hatte zwar auf die Regierung nach Alexanders I. Tode verzichtet, da ihm aber ein Teil des Militärs anhing, kam es zu Tumulten.
Wenige Wochen später ward durch das „Protokoll“ vom 23. März/4. April 1826 zwischen Rußland und England eine Regelung der türkisch-griechischen Beziehungen vereinbart[3]; dabei hatte der Kaiser eine schriftliche Erklärung, keine Eroberungen zu machen, nicht abgegeben und „die englische Politik konnte in Zukunft von Rußland auf einem Felde kontrolliert werden, wo sie bisher unfaßbar gewesen war“. Im Spätsommer gab die Pforte in allen strittigen Punkten nach, und der Vertrag von Akkerman war ein voller Sieg der Großmächte über den Sultan. Der wahre Grund dieses plötzlichen Einlenkens aber war der, daß die Türkei für den trotz aller Friedensbemühungen drohenden europäischen Krieg eine Militärreform dringend bedurfte, und deshalb brauchte der Sultan zunächst Frieden!
Unterdessen ging ein anderer von Rußland geführter Krieg glücklich zu Ende: gegen Persien war der General Paskewitsch siegreich; im Februar 1828 erfolgte der Friedensschluß.... der in den Briefen des Prinzen mehrmals genannte Abbas Mirza ward von Kaiser Nikolaus als der allein berechtigte Nachfolger des Schahs anerkannt, und beide Herrscher wollten in Zukunft in Freundschaft und guter Nachbarschaft miteinander leben.
Aus dem erwähnten Protokoll vom 4. April 1826 aber erwuchs am 7. Juli 1827 eine englisch-russisch-französische Tripelalliance, der „trilaterale Vertrag“ der Briefe; „der Kaiser knüpfte an sie die Hoffnung, daß sie vor allem den russischen Interessen förderlich sein werde“. Er hatte schon versucht, aus dem Protokoll möglichsten Nutzen zu schlagen, er hatte die Vereinbarung den Höfen von Berlin, Paris und Wien mitgeteilt und wußte allen Einwendungen geschickt zu begegnen. Der Gedanke, an Stelle des Protokolls den Vertrag zu setzen, ging von England aus; ein Geheimartikel regelte die Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines Kriegsfalles. In der Seeschlacht von Navarino, wo am 20. Juli 1827 die türkische Flotte vernichtet ward, war der Auftakt dazu gegeben. In das Auf und Ab der nächsten Monate führen die folgenden Briefe ein.
Prinz Wilhelm hatte am 22. Dezember 1827 Berlin mit einem nicht mehr vorhandenen Briefe Friedrich Wilhelms III. an seinen kaiserlichen Schwiegersohn verlassen; Petersburg war ihm nicht fremd, hatte er doch 1817 seine Schwester Charlotte zur Vermählung dorthin begleitet; 1823 hatte er den russischen Manövern beigewohnt; im Januar 1826 war er wieder dort, um seinen Schwager als Kaiser zu sehen, und 1834 ist er nochmals an der Newa zu Besuch gewesen, um der Einweihung des Denkmals für Alexander I. beizuwohnen — es sei darüber hier eine Stelle aus einem Briefe an den König vom 24. Juli 1834 zitiert:.... Nun aber mit einem so ehrenvollen Auftrag zu dieser Feier zu gehen, ist für mich eine unbeschreibliche Freude, eine Freude, die unendlich erhöhet wird durch das, was das Herz dabei fühlt. Denn wenn auch Trauer die nächste Veranlassung zu der Feier ist, so ist doch gerade wieder die Errichtung dieser Denk-Säule für den Unvergeßlichen ein Moment, der mit Freuden erfüllt, weil man solches Andenken auf solche Weise verherrlichen will....
Der diesmalige Aufenthalt dauerte „fast fünf Monate“; am Abend vor der Abreise des Prinzen Wilhelm, die am 9. Mai erfolgte, schrieb die Kaiserin Mutter Maria Feodorowna: Le départ du cher prince Guillaume me fait de même répandre bien des larmes; je lui suis tendrement, inviolablement attachée et profondément touchée de son amitié pour moi.
St. Petersburg, den 19./31. Dezember 1827.
In aller Eile setze ich diese Zeilen auf, um Ihnen meine glückliche Ankunft hierselbst gestern Nachmittag um 5 Uhr zu melden. Es kommt mir noch Alles wie im Traum vor nach den ersten Augenblicken, die Tausende von Bekannten schon gesehen zu haben. Vor allem muß ich natürlich von Charlotte und dem Kaiser und der Kaiserin-Mutter sprechen. Welch’ eine Freude, welch’ eine unbeschreibliche Freude war die des Wiedersehens... Die Kaiserin-Mutter hat mich mit einer Herzlichkeit und Liebe empfangen, die wirklich noch ihre frühere Gnade übersteigt[4].
.... Ich habe hier Alles bisweilen kriegerischer gefunden, als ich es erwartete; die Abreise der Gesandten von Konstantinopel[5] hat nicht wenig dazu beitragen müssen, welche Nachricht vorgestern Abend hier angelangt ist. Jedenfalls wird aber wohl erst das Frühjahr abgewartet werden, ehe etwas geschieht. Der Kaiser hat mir schon über Manches gesprochen, doch noch bin ich nicht im Stande, etwas Zusammenhängendes aufzuschreiben. Er beruft sich stets auf einen gewissen Brief, den er Ihnen geschrieben haben will vor einiger Zeit, weshalb ihm die Äußerungen, welche Sie mir am Abend vor meiner Abreise noch in Beziehung auf Ihre Verhältnisse zu ihm taten, sehr erwünscht zu vernehmen waren...[6].
St. Petersburg, 12./24. Januar 1828.
Gestern sind nach fast fünfwöchentlichem Stillschweigen Nachrichten aus Persien gekommen. Der Friede ist noch immer nicht vom Schah unterzeichnet zurück[7], obgleich Abbas Mirza in Alles eingegangen ist. Auch hatte man in Tawris die Nachricht, daß die Zahlung der Contributionssumme, welche vor der Unterzeichnung verlangt ist, geschehen sei, daß der Schah aber nicht traue, dieselbe Jemand der Seinigen anzuvertrauen, fürchtend, daß sie geplündert werden könnte; er soll sie also einem Engländer übergeben haben, der noch nicht angekommen war. Die Zahlung der ganzen Summe wird teils in Gold, teils in Edelsteinen erfolgen, da das Gold nicht sehr vorrätig sein mag in Persien...
Soeben sagte mir der Kaiser, daß dem letzten Berichte von Pozzo[8] (zufolge) das neue französische Ministerium[9] sich nicht halten würde und daß er sehr gegründete und große Besorgnisse für die innere Ruhe von Frankreich habe. Diese Mitteilungen inquietieren den Kaiser weit mehr als die orientalischen Unruhen, indem Unruhen in Frankreich allerdings von großen Consequenzen wären[10].
St. Petersburg, 23. Januar/4. Februar 1828.
Die Gelegenheit des Generales Bazaine[11] lasse ich nicht unbenutzt, um einiges mitzuteilen, was ich im letzten Briefe nur ganz oberflächlich berührte, da er durch die Post ging. Es ist dies die Mitteilung und Ansicht des Grafen Tatischtschew[12] aus Wien auf die erhaltene Instruktion, dem österreichischen Hofe zu erklären, daß jede Besetzung Seitens Österreichs von türkischem Gebiete, falls Rußland sich zur Occupation von Fürstentümern genötigt sehen sollte, als eine gegen Rußland gerichtete Feindseligkeit betrachtet werden würde. Graf T. behauptet mit Gewißheit versichern zu können, daß Österreich eine solche Maßregel nicht beabsichtige, so lange nämlich rein von der Erfüllung des Tractats vom 6. Juli nur die Rede ist und der Ergreifung aller Mittel, die zu diesem Zwecke führen. Österreich sei viel zu schwach, aber auch viel zu ängstlich deshalb, um es wagen zu wollen, allein gegen Rußland aufzutreten, eine Ängstlichkeit, die sich bei jeder Gelegenheit verrate, trotz den befohlenen Kriegsrüstungen, die überhaupt eine Finte zu sein scheinen, um ihre eigentliche Schwäche zu cachieren. Wenn sie jedoch durch den Lauf der Begebenheiten, einen ausbrechenden Krieg, eine andere Tendenz erhielte, nämlich die der Eroberung und Teilung des türkischen Reiches, so würde in diesem Falle Österreich gewiß nicht ruhiger Augenzeuge bleiben, sondern tätigen Anteil nehmen wollen und zu dem Ende sich den drei Alliierten anschließen, um gemeinschaftliche Sache zu machen. Ja es existierten darüber schon Äußerungen, die anzeigten, daß Österreich in diesem Falle Rechnung mache, Herzegowina, Bosnien und Serbien zu acquérieren, daß es sich, im Falle einer so bedeutenden Vergrößerung Schwierigkeiten opponiert werden sollten, auch mit beiden Ersteren oder gar nur mit einem Teile derselben begnügen würde. Graf T. versichert, die Wahrheit seiner Angaben verbürgen zu können, ebenso wie auch, daß die Sprache, welche er instruiert sei zu führen, falls eine feindliche Maßregel gegen Rußland im Werke zu sein scheine, gewiß das Unterbleiben der Ausführung herbeiführen werde. Denn da er instruiert sei, diese Instruktion geheim zu halten und nur im Notfall davon Gebrauch zu machen, so habe er auch nur gesprächsweise gegen Jemand, von dem er wisse, daß er bestimmt sei, ihn auszuhorchen, etwas von der Möglichkeit solcher Ansichten seines Hofes fallen lassen, was seinen Zweck nicht verfehlt habe, indem einige Tage nachher mehrere Rüstungsbefehle zurückgenommen sein sollen.
Diese Mitteilungen T.’s scheinen wohl sehr erwünschten Inhalts zu sein, in dem sie die Beruhigung gewähren, daß Österreich den kriegrischen Maßregeln des Tractats nicht hinderlich sein wird, die doch wohl zu erwarten stehen, und daß, wenn ein Vertreibungskrieg der Türken die Folge sein sollte, auch dieser nicht gegen Österreichs Interesse ist, wenngleich hiermit allerdings ausgesprochen ist, daß Österreich nicht so uneigennützig in diese große Begebenheit sich einlassen will, als die drei Alliierten es bei der Schließung des Tractates aussprachen sein zu wollen, wenngleich damals von keinem Exterminationskrieg die Rede war. Ob, wenn diese Ansicht Österreichs gegründet ist, (sie) nicht zu benutzen wäre (die in Beziehung auf die Expulsion der Türkei aus Europa mir auch ganz mit der Ihrigen in Übereinstimmung zu sein scheint), um der Pforte zu erklären, daß sie durch die fünf Mächte angegriffen werden würde, wenn sie sich nicht sogleich nachgiebig zeige, ist eine Frage, die sich unwillkürlich aufdrängt, vorzüglich der Kaiser von Österreich sich ja damals mündlich bereits zu einer kategorischen Sprache gegen die Pforte verstanden hat. Diese gemeinschaftliche Eröffnung, die freilich nur durch Preußen und Österreich wird gemacht werden können, da die drei anderen Gesandten nicht mehr in Konstantinopel sind und von deren drei Mächten ja die Pforte auch den Krieg wohl voraussieht, würde der Pforte jede Illusion über die Möglichkeit einer Teilung der Interessen und daraus möglicher Bekriegung der großen Mächte unter einander benehmen und gewiß das letzte Mittel sein, was vielleicht vor Ergreifung feindlicher Maßregeln noch zum Zwecke führte[13].
Ihr Sie zärtlichst liebender, gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 27. Januar/8. Februar 1828.
Der Großfürst Constantin[14] ist gestern hier eingetroffen... da von ihm immer die allarmierenden Gerüchte über Preußens Rüstungen[15] kommen, so langte Ihr Brief und der des Grafen Witzleben[16] mit Ihren Befehlen sehr zum rechten Momente an, indem ich dem Kaiser Alles dieserhalb Beruhigendes von Neuem mitteilte. Da sagte mir der Kaiser, daß Constantin seine Meldungen keineswegs in dem Sinne jetzt genommen wissen wolle, als seien die questionierten Rüstungen gegen Rußland gerichtet, sondern vielmehr für dasselbe und daß es nur scheine, als wolle Preußen diese Rüstungen nicht Wort haben, um sie ganz geheim machen zu können. Auch diese Ansicht war mit der Revue des 5. und 6. Corps bald über den Haufen geworfen. Die heutigen Depeschen des Gesandten Lieven[17] sagen dem Kaiser, daß zu befürchten stände, daß die orientalische Frage bei Eröffnung des Parlaments so bald nicht zur Entscheidung kommen werde, indem so sehr viele wichtigere Fragen, die die innere Administration betreffen, erst zu beseitigen sein würden[18], was dem Kaiser natürlich nicht lieb ist. Die Ernennung Wellingtons[19] zum Premierminister frappiert allgemein. Lieven berichtet aber, daß derselbe sich täglich mehr an ihn anschlösse und ganz zu seiner früheren Ansicht über die orientalische Frage zurückgekehrt sei und daher seinerseits nur das Beste zu erwarten stände. Die Eitelkeit soll den moost honorable Duke gewaltig reiten; und da hat denn ein Brief, den Nicolaus ihm nach der Schlacht von Navarin schrieb[20], der aber erst mit dem letzten Courir anlangte, einen gewaltigen Effekt gemacht, indem Nicolaus, tuend, als ignoriere er gänzlich Wellingtons momentane Umsattlung seiner Ansichten, ihm zu dem großen Seesiege gratulierte und ihm dankt und zurückruft, daß er es gewesen sei, der bei seiner Anwesenheit 1826 hier den Grund zu diesem glorreichen Ereignisse gelegt habe, welches hoffentlich binnen Kurzem zu dem gehofften Resultate führen werde. Dieser Brief konnte nicht mehr à propos kommen als gerade in dem Augenblicke... Alle Anstalten sind gemacht, im Fall der Kaiser der Campagne beiwohnen will, was er jedenfalls nur dann tun will, wenn der Krieg wirklich ausbricht, d. h. also wenn die Donau überschritten wird. Bei Besetzung der Fürstentümer wird er keinen Falls zugegen sein, wie er mehreremals äußerte, da dies keine Eröffnung der Feindseligkeiten ist.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 4./16. Februar 1828.
Der Kaiser bleibt seiner Ansicht und seinem Wunsche getreu, den Frieden aufrecht zu erhalten zu sehen. Aber die seit zwei Jahren gegebenen, immer wieder hinausgeschobenen Fristen, um die Pforte zur Annahme der Vorschläge der Verbündeten zu bringen und die immer trotz Navarin und seiner Folgen nicht erfolgt sind, hätten und müßten endlich ihre Endschaft erreichen. Rußland, England und Frankreich könnten sich daher nun nicht mehr in Unterhandlungen einlassen, sondern sie seien es ihrer Würde und den stattgehabten Ereignissen schuldig, zu handeln. Dies würde in der bestimmten Frist geschehen, der daher auch nur das kurze Ultimatum, dessen in der jüngsten Instruktion an Lieven die Rede ist, vorhergehen würde. Wenn dem Vorschlage, der in der Depesche des Grafen Bernstorff[21] gemacht wird, Folge gegeben werden sollte, so könnte es nur von den zwei Mächten geschehen, die darin als die aufzufordernden bezeichnet sind und die daher diesen Schritt ohne diesseitige Aufforderung tun müßten, welches von den drei verbündeten Mächten nur dankbar anerkannt werden könnte. Der Kaiser hofft sogar, daß Sie diesen Schritt allein sogleich tun würden, ohne sich an die Ansicht der anderen Macht und deren Antwort zu binden, der von dem durch Herrn v. Miltitz[22] zu tuenden Schritt wohl nur Mitteilung und Aufforderung zu gleicher Maßregel zu machen wäre. Dieser durch Herrn v. Miltitz zu gebenden Erklärung würde wohl eine sehr dezisive Maßregel seiner Person im Weigerungsfalle der Pforte anzuempfehlen sein, die derselben alsdann jedes fernere freundschaftliche Verhältnis zu Preußen entrückte. Nur mit diesem Rechtssatze dürfte der ganze zu tuende Schritt Energie haben und Einfluß und Erfolg haben. Daß Österreich eine gleiche Sprache führe, wäre daher sehr wünschenswert. Am meisten wird dann gewünscht, daß einer solchen energischen Maßregel, auch im Weigerungsfalle, der Nachschub geleistet wird, der wenigstens die Einheit der vier Mächte im Princip offenbar dartäte, um so mehr, da, wie ich neulich schon berichtete, von der fünften Macht an eine Opposition gegen kriegerische Intervention nicht mehr füglich geglaubt werden kann und sie dies am allerwenigsten tue und jeden Plan dazu aufgeben würde, wenn die vierte Macht sich zu gemeinsamem Zwecke den drei anderen anschlösse. Auf Preußen sind daher nun auch Aller Augen gerichtet[23].
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 8./20. Februar 1828.
Des Kaisers erste Frage, gleich nachdem ich ihm Mitteilung von Ihrem Anerbieten auf Unterhandlungen gemacht hatte, war: gehet das Anerbieten auf Unterhandlungen oder auf Anschließen zum Handeln zu gemeinschaftlichem Zweck? Ich mußte natürlich näher bezeichnen, daß nur von erneutem, aber gemeinschaftlichem Unterhandeln die Rede sei. In dem Fall, sagte der Kaiser, werde ich den Vorschlag nicht annehmen können. Seit zwei Jahren habe ich die größte Nachgiebigkeit dadurch bewiesen, daß ich der Pforte Termin auf Termin gesetzt habe, um sie zur Nachgiebigkeit zu stimmen, stets mit der Drohung, daß ernstere Maßregeln ergriffen werden würden, wenn diese Nachgiebigkeit nicht erfolge. Die Unterhandlungen mit den verbündeten Mächten haben Zeit gebraucht und so ist es bis vorigen Herbst also erst zur Ergreifung solcher ernsteren Maßregeln gekommen. Die unerwartete Katastrophe von Navarin hat aber dennoch nicht die Pforte biegsam gemacht, die darauf erneuerten Aufforderungen zur Annahme der Intervention wurden verworfen und somit der Abgang der Gesandten unvermeidlich. Alle direkten Unterhandlungen und Verbindungen sind demnach von Seiten der Verbündeten mit der Pforte abgebrochen und die im trilateralen Vertrag angedeuteten ernsteren Maßregeln sind jetzt der Gegenstand der Unterhandlungen der drei Mächte, um sie zur Ausführung zu bringen. Ein erneuerter Versuch, mit der Pforte zu unterhandeln, um auf diesem Wege, der so unzählige Male fruchtlos geblieben ist, zum Ziele zu gelangen, wäre nicht mehr von den drei Verbündeten zu erwarten, da Alles sein Ziel hätte; die Zeit der Nachsicht, die Longanimité etc. sei abgelaufen und aus allen diesen Gründen an die Wiederanknüpfung von friedlichen Unterhandlungen seitens der drei Mächte nicht mehr zu denken. Ganz etwas anderes wäre es, wenn ein Antrag von Seiten Preußens oder Österreichs erfolgte, um sich den Verbündeten anzuschließen, um mit ihnen durch Ergreifung gemeinschaftlicher kriegerischer Maßregeln zum gewünschten Ziele zu gelangen. Oder: wenn Preußen und Österreich ihrerseits bei der Pforte nochmals kräftige Schritte täten, um sie zur Nachgiebigkeit zu zwingen, welchem Schritte jedoch als energischer Nachsatz beigefügt werden müsse, im Weigerungsfalle auch die Gesandten dieser Mächte Constantinopel verlassen würden und daß die Pforte auch von diesen Mächten kriegerische Maßregeln und Anschließen an die drei anderen Mächte zu erwarten habe. Ob eine solche, offene und energische Sprache von Österreich zu erwarten sei, sei freilich nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen, dies dürfte aber wohl Preußen nicht abhalten, seinerseits diese bestimmten Schritte zu tun, Österreich dann au fait setzend und dringend zu gleichen auffordernd. Preußens Ansichten in der orientalischen Angelegenheit ständen ganz in Übereinstimmung mit einem solchen Handeln; es sei dem trilateralen Vertrage nicht beigetreten, indem es die in demselben vorgeschlagenen Mittel als nicht zum Zwecke führend erkannt hätte, jedenfalls aber keinen tätigen Teil an deren Ausführung hätte nehmen können, weil es aus diesem letzteren Grunde daher weniger auffallend und weniger störend für das äußere Bestehen der großen Alliance gewesen sei, daß nur drei Seemächte einen Tractat schlossen, der nur Seeoperationen zum Zwecke vorläufig hatte, während es als eine Spaltung der alten Alliance erschienen sein würde, wenn Preußen als keine Seemacht einem dergl. Tractat beigetreten sei und Österreich als eine Seemacht es nicht tat. So sei also auch dieser Schein für die große Alliance erhalten geblieben, während freilich Preußens und Österreichs Nichtbeitritt aus ganz und gar verschiedenen Principien entsprungen sei. Jetzt jedoch handele es sich nicht mehr um eine bloße Seeoperation, sondern um Ergreifung solcher Maßregeln, die leicht zum Kriege führen dürften, und daß diese zum Ziele führen würden, werde Preußen wohl anerkennen und also, da es das Ziel zu erreichen wünsche, sich auch zu Maßregeln entschließen, die zur Erreichung desselben förderlich sind, d. h. also nochmalige dringende Vorstellungen bei der Pforte, mit dem Nachsatze, wie ich ihn bereits angab, dem dann aber auch Folge gegeben werden müßte. Ich selbst hatte ja mündlich Ihre Ansicht hier mitgeteilt, die dahinginge, daß ein Angriff der Mächte der großen Alliance auf die Pforte als allein zum Ziele führend erkannt von Ihnen werde. Über das wie weit eines solchen Angriffs wäre freilich noch nichts zu entscheiden jetzt. Und wenn ich Ihre Ansicht jedoch dahin bestimmt ausgesprochen hätte, daß Sie einen solchen Angriff nur dann als vollständig ansehen würden, wenn Österreich sich zu demselben verstünde, so sei dadurch wohl auch Ihr Wunsch dahin abzusprechen, daß man sich dadurch vergewissere, daß diese Macht nicht etwa gegen die anderen Verbündeten zu Gunsten der Pforte sich erklärte, nicht aber, daß es Ihre Ansicht sei, daß Österreichs Kriegsmacht durchaus notwendig zu verwenden sei, um das Ziel zu erreichen, wozu die russische Armee allein wohl hinreichen würde. Die letzten Nachrichten Tatischtscheffs seien aber über diesen Punkt sehr beruhigend, indem er ja versichere, daß Österreich nicht daran denke, sich den kriegerischen Maßregeln zu widersetzen, die Rußland ect. jetzt zu ergreifen für nötig fände, daß der Kaiser ja mündlich dem Grafen Tatischtscheff versprochen habe, offene und kräftige Maßregeln bei der Pforte zu ergreifen, um sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen, alles Schritte, die nicht mehr auf die gefürchtete Opposition dieser Macht deuten, so daß also auch dieselbe nicht mehr zu fürchten sei, selbst wenn auch, wie zu vermuten wäre, dieselbe sich zum Anschließen an die anderen Mächte zur Ergreifung kriegerischer Maßregeln nicht verstehen sollte. Jede und jegliche Besorgnis, daß Österreich doch noch die Opposition selbst kriegerisch ergreifen könnte, ja selbst die Möglichkeit dazu bei dessen inneren und militärischen Verhältnissen würde verschwinden müssen, sobald Preußen sich öffentlich zum Beitritt zum trilateralen Vertrage erklärt, dem es ja eigentlich dem Sinn nach im Geheimen schon beigetreten sei, da die jetzigen zu ergreifenden Maßregeln zum Ziele führend sein würden und an die Störung der großen Alliance nicht bei den oben geschilderten Verhältnissen zu denken sei. Ob es überhaupt doch noch möglich wäre, wenn Preußen dem österreichischen Cabinette seinen Beitritt zum dreiseitigen Vertrage bekannt macht, mit der dringenden Aufforderung und Vorstellung, ein Gleiches zu tun, indem von dem Augenblicke an alle Interessen vereint sein würden, — diese Macht zu dem Beitritt zu bewegen wäre zum wenigsten ein Versuch, der nicht von der Hand gewiesen werden dürfte und den Sie gewiß deshalb unternehmen würden, ohne jedoch Ihre weiteren Schritte deshalb von Österreichs Erklärung abhängig zu machen. Dies ganze Raisonnement gründet sich natürlich darauf, daß die drei verbundenen Mächte fest am Tractat vom 6. Juli halten und nur dessen Ausführung vorläufig vor Augen haben; ja selbst ein weiteres Vorschreiten durch die kriegerischen Operationen ist in dem Vorschlag Rußlands ja nur als Erpressungsmittel und nicht als eine zu machende Eroberung bezeichnet, wenn gleich ein so weites Vorschreiten nur durch die verlängerte Halsstarrigkeit der Pforte erzeugt werden würde, dann auch den Griechen zu Statten kommen solle, indem sie als frei und unabhängig erklärt werden sollen. Bei dem vorgefallenen Ministerwechsel in England und Frankreich und beim Zusammentritt des Parlamentes und der Kammern war eine Veränderung der Grundsätze beider Kabinette in Beziehung auf die orientalische Frage vielleicht zu befürchten. Ich fragte daher auch heute den Kaiser, was er davon hielte, worauf er erwiderte, daß nach den letzten Nachrichten Wellington sich mehr und mehr an Rußland anzuschließen scheine und daß von Frankreich die Erklärung gekommen sei, daß es mit Rußlands Maßregeln sich einverstanden erkläre und fest an dem Bündnis halten werde, selbst wenn England abspringen sollte. Demnach hätte sich also nichts in der Lage der Sachen geändert.
Wenn Sie nun also wirklich dem trilateralen Vertrag beitreten, so fragte der Kaiser, ob Sie dann aber auch gewiß wohl ein Corps stellen würden, welches tätigen Anteil an etwa ausbrechendem Kriege nehmen würde. Ich erwiderte, daß ich Sie nicht danach gefragt hätte, früher aber, als von einer bestimmten Alliance zu dem vorliegenden Zwecke nicht die Rede gewesen sei (wie bis zum Jahre 1826), Ihre Ansicht nicht dahin gegangen wäre, einen tätigen Teil an einem dergleichen Kriege zu nehmen. Jetzt freilich schienen mir die Dinge anders zu liegen. Der Kaiser griff dies so gleich auf und meinte, daß auch die Stellung eines Corps ja am allermeisten die Übereinstimmung und Einigkeit der alten Alliance zu erkennen geben würde und ob es nicht auch der Wunsch unserer Armee sei, Teil am Kriege zu nehmen. Ich konnte seiner Ansicht nur beistimmen und was den letzten Punkt beträfe, so wäre freilich der Wunsch sehr allgemein in unserer Armee, dem Kriege beizuwohnen. Ich komme hierdurch auf einen Punkt zu sprechen, dessen große Wichtigkeit ich vollkommen erkenne und muß daher denselben etwas näher beleuchten. Dieser gedachte Wunsch ist mir nicht etwa allein aufgestiegen, sondern mir von sehr viel Generalen ausgesprochen worden, und wie wäre es auch anders möglich, ihn nicht zu haben, wenn man einmal Soldat ist und ein Krieg bereit ist auszubrechen, für den sich die Regierung erklärt und zu welchem sie sogar in Alliance tritt. Aber namentlich aus dem militärischen Gesichtspunkt betrachtet wird der Wunsch für die Armee nur noch lauter, indem ein Auffrischen des kriegerischen Geistes in jeder Armee nach langem Frieden gewiß eine schöne Sache ist. So weit ich freilich entfernt bin zu meinen, daß dieserhalb von Zeit zu Zeit Krieg gesucht werden müßte, so sehr glaube ich doch auch, daß eine Gelegenheit wie die vorliegende nicht unbenutzt gelassen werden sollte, indem die Politik schon dahin weist. Die Generale, welche mir darüber sprachen,... kamen darin überein, daß eine solche Gelegenheit ja benutzt werden möchte, um Teilen der Armee den Krieg einmal wieder in natura zu zeigen. Und da natürlich die ganze Armee nicht marschieren könne, so würde, um der ganzen doch die Wohltat der Auffrischung dieses Kriegsgeistes, wenigstens per tradition zu gewähren, ein Corps aus allen Regimentern der Armee zu combinieren sein, wie im Jahre 1812. Ob die Rheinprovinz und Westfalen ihr freilich spät eintreffendes Contingent zu stellen hätten, oder ob sie wegen des doch stets zu beobachtenden Nachbarn im Westen ganz von dieser Gestellung zu deponieren wären, hat unser Kriegsrat alles in Weisheit erwogen, wie Sie leicht denken können; wenn einmal so etwas aufs Tapet kommt, so geht es auch munter vorwärts mit Plänen und Projekten. Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen, diesen Gegenstand hier behandelt zu haben und das mit einiger Weitläufigkeit und nur nach eigner und einiger Anderer Ansicht, durchaus die Ihrige in diesem Punkte nicht kennend. Ich muß daher Ihre Verzeihung und Ihre Nachsicht hiermit nachsuchen und nur noch hinzufügen, daß mir Minister Motz[24] vor meiner Abreise sagte, er fürchte aus finanziellen Rücksichten die Mobilmachung der Armee jetzt schon nicht mehr, um wieviel weniger also eines Corps nur.
Graf Tatischtschew hat berichtet, daß bei Übergabe des Briefes von Nicolaus an den Kaiser von Österreich vom 7./19. Januar, auf den jedoch noch keine Antwort erfolgt ist, letzterer ihm gesagt habe: er höre, daß man in Rußland unruhig über die militärischen Zurüstungen in Österreich sei; ob man glaube, daß er Rußland angreifen wolle? Wie könne man sich so etwas nur einbilden im Entferntesten und wenn er es wolle, ob er es wohl könne bei der Verfassung seiner Armee. Alle Rüstungen geschehen nur, um, im Falle im Oriente der Krieg ausbräche, Österreichs Grenzen zu schützen gegen jede Invasion...[25]
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 16./28. Februar 1828.
.... wenn ich Ihnen nicht die Nachricht zu geben hätte, daß die gestrigen Meldungen des Grafen Paskiwitsch allerdings die Ihnen vorgestern als Gerücht mitgeteilten Ereignisse bestätigten. Seine Berichte sind vom 5./17. Januar aus Deygurgan freilich sehr lange unterwegs gewesen. Der Hauptinhalt ist folgender: Als am bestimmten Termin die Zahlung der auferlegten Kontribution von Seiten des Schahs nicht erfolgte, zugleich aber auch die Nachrichten eingingen, daß ein Sohn des Schahs seinen Bruder Abbas Mirza beim Vater anzuschwärzen gesucht habe, als einen Feind des Landes, der durch den Friedensschluß Rußland in Besitz so schöner Provinzen zu setzen suche, die sein Erbteil sind, und ihm wohl gar noch andere Pläne zugedacht haben mag und dieser andere Mirza sich erbeten habe, die verlorenen Provinzen wieder zu erobern und dazu Anstalten treffe, so hat Graf Paskiwitsch seinerseits die Friedens-Unterhandlungen abgebrochen und seine Truppen in Marsch gesetzt. Er hofft, daß diese ganze Unternehmung nur eine bloße Demonstration sein wird und zum gewünschten Ziele, nämlich der prompten Zahlung, führen wird. Denn die verlangte Contribution ist bereits vor den Augen eines russischen Bevollmächtigten und des englischen Konsuls, der die richtige Zahlung sehr betrieben hat, in Teheran verladen worden und ist bereits auf halbem Wege nach Tawris, in Zengun, angelangt. Während dem ist nur der Mirza aus Korhassan mit seinen Intriguen durchgedrungen, zugleich sind aber auch türkischerseits Aufforderungen an den Schah ergangen, die Feindseligkeiten fortzusetzen, indem auch ein Bruch der Pforte mit Rußland bevorstände und dadurch letzteres in große Verlegenheit kommen könnte; und so hat der Schah dem Mirza Vollmacht gegeben, seine Schätze anzugreifen und den Krieg fortzusetzen und die verlorenen Provinzen wiederzuerobern, welche er zu seinem Erbteil erklärt hat und Abbas Mirza so gut wie enterbt hat. Dieser ist demnach zu den Seinigen zurückgekehrt, hat aber einen sehr gerührten Abschied von den Russen genommen, bei denen er sich sehr gefiel, einer sehr traurigen Zukunft entgegen gehend... Paskiwitsch will... gegen Zangan marschieren, um so zu sagen der Contribution entgegen zu rücken, deren Auszahlung durch diese Demonstration wie gesagt gehofft wird, der Kaiser hofft und wünscht sehr, daß es nur bei dieser Demonstration sein Bewenden haben werde.
Aus Paris hat der Kaiser gestern sehr zufrieden stellende Nachrichten erhalten, da das Cabinett ganz in seine Ansicht eingeht... Der Kaiser sagte mir soeben, daß er indirekte Nachrichten aus London habe, die immer mehr das Anschließen des englischen Cabinetts an das russische für die orientalischen Verhältnisse bestätigen[26]. Die offiziellen Mitteilungen erwartet er täglich. Aus Constantinopel wird geschrieben, daß Herr v. Ottenfels sich zur Abreise rüste oder abberufen sei; der wahre Zusammenhang sei nicht klar. Auch der holländische Gesandte in Constantinopel hat Schiffe zu seiner Abreise gemietet.
St. Petersburg, 20. Februar/3. März 1828.
Vor einigen Posttagen benachrichtigte ich Sie von der Äußerung des Kaisers, daß der Marsch der Garde binnen Kurzem erfolgen könne und setzte ich hinzu, daß mir dazu noch keine Veranstaltungen getroffen zu sein scheinen. Gestern jedoch sagte er mir, daß die Ordres zur Mobilmachung der Garde in der Ausfertigung begriffen seien und binnen wenig Tagen publiciert werden würden... Die Mobilmachung soll höchstens in 6 Wochen beendigt sein. Auf meine Bemerkung, daß mir der Kaiser vor 6 Wochen ungefähr sagte, er würde die Garden marschieren lassen, falls ein Nachschub durch den Gang des Krieges erforderlich sei — wie dies jetzt mit diesem frühzeitigen Marsch derselben zu vereinbaren sei, wiederholte er, daß die Distance dies erforderte, indem die Garden doch erst im September an der Donau eintreffen würden und daß es jedenfalls sehr gut sei, eine solche Reserve à tout événement bereit und in Bewegung zu haben. Bis heute ahndet noch Niemand in Petersburg diese Maßregel und wird natürlich sie bei ihrem Erscheinen im Auslande viel Lärm machen, daher ich mich beeile, Sie davon in Kenntnis zu setzen.
Der famose Hatischeriff[27] sehe ich, ist auch nun in Berlin bekannt; der Kaiser ist sehr aufgebracht über die Sprache, die dieses Aktenstück über Rußland führt und namentlich über die Stelle, wo die Pforte erklärt, daß alle Nachgebungs-Demarchen und namentlich das Einwilligen in die Forderungen zu Akkerman nur geschehen seien, um Zeit zu gewinnen, um die Rüstungen und die Reorganisation der Armee zu bewerkstelligen. Zugleich sieht der Kaiser diesen Hatischeriff als eine Herausforderung an die ganze Christenheit und namentlich an Rußland (an), so daß nun wohl nichts mehr den Bruch verhüten kann. In diesem Sinne sind auch die letzten Couriere nach Paris und London abgefertigt worden.
Die letzten Nachrichten aus Persien lauten sehr erfreulich. Die feindlichen Kräfte, welche sich bei Maralega sammelten, sind auf die Nachricht des Vormarsches der russischen Truppen auseinander gelaufen. Die russische Avant-Garde, die während der Unterhandlungen schon in Mijana stand, hatte von dort aus ihren Marsch sogleich vorwärts gegen Zangan angetreten, hat also einen bedeutenden Vorsprung.
Soeben sagt mir der Kaiser, daß die Garden heute die Marsch-Ordre erhalten haben und gegen den 1./13. April abmarschieren sollen...
St. Petersburg, 25. Februar/3. März 1828.
Gestern Abend kamen wiederum gute Nachrichten aus Persien; der Marsch der russischen Truppen hat so auf den Schah gewirkt, daß er sogleich die Abzahlung der Contribution befohlen hat, welche auch bereits ganz bis Zangan gekommen sein soll; 45 Millionen Papier-Rubel, woselbst der russische Commissar aufgefordert wurde, zu seiner eignen Überzeugung irgend einen Sack zu öffnen, um sich zu versichern, daß keine Betrügereien obwalten. Der geöffnete Sack ist auch voller Geld gefunden worden. Außerdem hat sich Ardebil, wo das linke Seitendetachement stand, ohne Schwertstreich ergeben... Wo die Unterhandlungen angeknüpft werden sollen, ist nicht entschieden, indem der dazu geeignetste Ort Mijana durch eine dort einheimische giftige Wanze, welche nur Ausländer sticht und oft tötet, nicht sehr angenehm aus diesem Grunde erscheint. Die Sterblichkeit unter den russischen Truppen ist unglaublich in Persien. Aus London sind Nachrichten gekommen, die aber (noch) immer keine Antwort brachten auf die an Fürst Lieven gegebenen Instruktionen, indem das englische Ministerium völliges Stillschweigen beobachtet. Aus Paris sind dagegen die Mitteilungen stets erfreulicher und anschließender. Der Kaiser hofft, daß der Hatischeriff in London vielleicht noch gut wirken wird; aber wenn auch nicht, so ist der Plan und Wille des Kaisers unabänderlich derselbe.
St. Petersburg, 27. Februar/10. März 1828.
Der Kaiser sieht durch den Hatischeriff seine ganze Lage in sofern verändert an, daß er den Ausbruch der Feindseligkeiten nicht mehr von der Zustimmung Frankreichs und Englands abhängig zu machen braucht, sondern der Pforte geradezu den Krieg erklären wird, indem sie ihm denselben durch jenen Parlamentär angekündigt hat. Denn es kommt jetzt dem Kaiser momentan nicht auf die Pacifierung Griechenland an, sondern darauf, sein Ansehen und seinen Einfluß auf die Pforte aufrecht zu erhalten und die Beleidigung zu rächen, die durch die Nichterfüllung und durch die Darstellungsart des Akkermanschen Tractats Rußland zugefügt ist, nebst den übrigen beleidigenden Ausdrücken. Bei Ergreifung dieser Maßregel erklärt der Kaiser von Neuem, stets dieselben Grundsätze zu befolgen, welche ihn bei Schließung des trilateralen Vertrages leiteten. Erhält Rußland bis in den nächsten Wochen die Beistimmung Englands zu den vorgeschlagenen coërcitifen Maßregeln, welche in der Instruktion an Fürst Lieven vom 6. Januar enthalten sind, bisher aber trotz eines 14tägigen Hinausschiebens des Antworttermines unbeantwortet geblieben sind, so würde alsdann das Ultimatum von den drei Alliierten der Pforte übergeben werden; trifft aber die Erwartung von Englands Anschließen bis dahin nicht ein, so wird der Kaiser allein ein Ultimatum übersenden und abwarten, was England später beschließen wird. Dieser Schritt kann keine Störung unter den Alliierten erzeugen, weil Rußland für Erscheinung des Hatischeriffs individuelle Zwecke gegen die Pforte zu erkämpfen hat. Frankreich hat sich vollkommen mit Rußlands vorgeschlagenen Maßregeln einverstanden erklärt und England nach Kenntnis des Hatischeriffs inständigst zur Annahme dieser Maßregeln erneuert aufgefordert, indem diese Kriegs-Erklärung nur mit den Waffen beantwortet werden könne und dies die Ehre der Alliierten erfordere. Es schlägt vor, den Flotten einige Landungstruppen mitzugeben, um die Schlösser der Dardanellen zu nehmen und zu behaupten, um den Flotten das Vordringen gegen Konstantinopel und die Beschießung desselben dadurch möglich zu machen. (Diese heute eingetroffenen Nachrichten sind mir als ein großes Geheimnis nur vom Kaiser mitgeteilt worden.) Es stehet also noch immer zu hoffen, daß England nachgeben wird und der Krieg gemeinschaftlich erklärt wird. Wo nicht, so würde es seine später zu ergreifenden Maßregeln in der griechischen Angelegenheit den alsdann schon russischer Seits ergriffenen anschließen. Frankreich erklärt es mit Rußland zu halten, selbst wenn England ganz abspringen sollte (was wohl schwerlich zu erwarten ist.) Rußland würde also, falls England dem Krieg nicht beistimmt, seine individuellen Interessen durch denselben verfolgen und also darin nicht von England gehindert werden können; natürlich handelt Rußland dadurch auch indirekt zum Besten der Griechen, mit Frankreich eng verbunden aber direkt zum Besten derselben, denn Frankreich hat ja nur das griechische Interesse vor Augen. Dies giebt allerdings etwas complicierte Verhältnisse.
Aus Wien erfuhr der Kaiser, wie er mir heute sagte, daß auf bestimmten Antrag des Erzherzogs Ferdinand zwei Operations-Pläne ausgearbeitet wurden, der eine, um während der Operationen die Defensive zu beobachten, der andere ein Offensiv-Plan, um eine österreichische Armee mit der russischen operieren zu lassen. Es soll darüber jedoch ein großes Geheimnis obwalten. Doch hat dies den Kaiser sehr erfreut zu erfahren, weil er doch daraus die Möglichkeit sieht, daß Österreich sich zu einer tätigen Teilnahme zuletzt noch entschließen wird. Er ist daher sehr begierig auf die Schritte, die Sie getan haben werden, sowohl gegen Österreich als für sich selbst.
28. Februar/11. März.
Auch ist die Nachricht eingegangen, aus Bukarest oder Odessa, daß Herr v. Ottenfels im Begriff sei, Constantinopel zu verlassen, weil kein Christ seines Lebens mehr sicher sei. Ob er dies ohne Erlaubnis seines Hofes darf, weiß ich nicht zu entscheiden. Doch meint der Kaiser, daß die Verfolgungen, welche in Constantinopel und in der Türkei gegen die Christen beginnen, nur zu deutlich beweisen, daß der Hatischeriff eine Kriegserklärung gegen die gesamte Christenheit sei und aus diesem Gesichtspunkt betrachtet hofft er, daß Österreich seine bisherigen Grundsätze in der griechischen Angelegenheit wird fahren lassen und dann gemeinschaftliche Sache mit den Alliierten machen wird, womit dann die große Alliance wieder kräftig und ungeteilt dastände, ja es würde ein wahrer Kreuzzug werden (il serait une véritable croisade).
Falls der Krieg ausbricht, so sagt der Kaiser, würde sich die Campagne in drei Abschnitte teilen. Der erste vom April bis Juni; der zweite eine Ruhe bis zum September wegen der großen Hitze und wegen des Mangels an Furage in den Monaten, ehe die Ernte gemacht ist und der dritte vom September bis dahin, wohin die Operationen oder die Nachgiebigkeit der Pforte führen wird. Der Winter sei nicht zu fürchten und also wegen der Jahreszeit kein Abschnitt nötig zu machen. Im ersten Abschnitt müsse der Balkan erreicht werden, die Ruhe also daselbst eintreten, während dem zweiten würden alle Reserven und die Garden zur Armee stoßen (den 1./13. September) und so alsdann mit erneuten Kräften die Operationen des dritten Abschnittes beginnen. Die vorteilhafteste Operations-Linie wird natürlich die längs dem Meere sein von Anfang an, weshalb auch die Flotte des Schwarzen Meeres zur Protegierung der Operationen beordert ist. Nach einigen Nachrichten sollen sich bedeutende türkische Streitkräfte bei Rusdschuk sammeln, dagegen aber auch bei Babatag (in der Gegend, wo die Donau vor ihrem Abflusse die Ecke bildet) Verteidigungsmaßregeln ergriffen sein, als auf der Operations-Linie längs dem Meere liegend, die ihnen wohl auch gefährlich erscheinen mag.
Nach dem Gang, den die Dinge jetzt in der Türkei nehmen, glaubt der Kaiser, daß auf keine Nachgiebigkeit nicht mehr zu rechnen ist, weder jetzt noch später, sondern daß das Ganze mit dem Umsturz der türkischen Macht endigen wird, wenngleich er nur ungern von dieser Möglichkeit spricht. Sollten wir bis Constantinopel wirklich vordringen und ich bin zuerst dort, sagte der Kaiser mir neulich, so sollen die Andern mit meinem Benehmen und Vorschlägen zufrieden sein; kommen mir die Andern etwa auf irgend eine Art zuvor, so setze ich keinen Fuß in Constantinopel und lasse die Andern machen, was sie wollen und meliere mich nicht darein. Ich wiederhole Ihnen nur diese Worte, die der Kaiser wohl nur mir und seinem Schwager sagte, ohne weiteres diplomatisches Gewicht darauf zu legen; denn es dürften doch, wenn es wirklich so weit kommen sollte, wohl Verhältnisse eintreten, die jene Äußerungen vergessenswerth machen dürften. Tritt die andere Chance doch noch ein, daß die Pforte während des Krieges nachgibt endlich, so sind die dann eintretenden Verhältnisse in der erwähnten Instruktion an Lieven vorgezeichnet und die völlige Selbständigkeit Griechenlands dann zunächst stipuliert.
Der Kaiser trat mit der Nachricht ins Zimmer, daß der Friede mit Persien geschlossen sei[28] und zugleich die Schlüssel von Ardibile eingetroffen seien... Der Schah hat augenblicklich, als er die ernstliche Fortsetzung des Krieges erfahren hat, sich nachgiebig gezeigt und die ganze Summe der Contribution der russischen Avant-Garde unweit Zangan überliefert, und war der größte Teil bereits in Mijana eingetroffen. Der Schah hat dem Abbas Mirza aufgetragen, den Frieden sogleich zu unterzeichnen...
St. Petersburg, 3./15. März 1828.
Gestern ist der erwartete zweite Courier aus London[29] eingetroffen. Die von ihm überbrachten Nachrichten sind die offizielle Antwort des englischen Cabinettes auf die von Rußland gemachten Vorschläge, wie sie in der Instruktion an Fürst Lieven enthalten waren. Sie sind, wie nach meinem letzten Brief schon zu erwarten war, nicht nach Wunsch des Kaisers ausgefallen, indem jene Vorschläge nicht Eingang fanden und dagegen von England eine Demarche vorgeschlagen wird gerade der Art, wie Sie dieselbe durch Grafen Bernstorff vor vier Wochen hierher machen ließen. Der Kaiser wird darauf nur bedingt eingehen, indem aus seiner Antwort an Sie damals schon hervorging, daß er diesen Schritt als zu spät kommend betrachtete; doch will er sich jetzt gerade nicht opponieren; dagegen trennt er aber immer mehr die griechische Frage von den Griefs, die er zufolge des Hatischeriffs individuell gegen die Pforte zu verfolgen hat und wird daher in den ergriffenen Maßregeln dieserhalb nicht die mindeste Änderung entstehen und ganz das geschehen, was mein letzter Brief für den neu eingetretenen Fall voraussagte, nur mit dem Unterschiede, daß die Schritte, welche ich damals als von England allein etwa ausgehend bezeichnete, nun, wenn es angenommen wird, von allen 5 Mächten geschehen werden. So würden also Unterhandlungen und Krieg zugleich gehen und bestehen, nur zu verschiedenen Zwecken; der Krieg aber gemäß einen wichtigen mittelbaren Einfluß auf die Unterhandlungen haben und so durch den Krieg vielleicht der Frieden erhalten werden. Daß den Unterhandlungen, falls sie sich zerschlagen, ein allgemeiner Angriff folgt, dürfte die Drohung sein, mit welcher sie unternommen würden.
Die gestrigen Nachrichten aus Persien sagen, daß die ganze Contribution ausgeliefert ist und Abba Mirza erneuten Befehl zur schleunigen Unterzeichnung des Friedens erhalten hat...
St. Petersburg, den 6./18. März 1828.
Vorgestern Abend erhielt ich Ihren gnädigen Brief; ich teilte dem Kaiser sogleich Ihre Ansichten über die politischen Verhältnisse mit. Er sagte, daß ihn diese Ihre Ansichten nicht überraschen könnten, da sie mit Ihren früheren übereinstimmten. Doch hätte er es für seine Pflicht gehalten, Ihnen sein Raisonnement vor vier Wochen mitzuteilen, glaubend, daß manche Veränderungen damals eingetreten wären, die vielleicht Ihrerseits ein entscheidendes Handeln und Auftreten, wenn auch nur in Aufforderungen Anderer bestehend, möglich gemacht haben würden. Wenn der Kaiser also auch nicht überrascht über Ihre Antwort war, so tat sie ihm doch leid. Mir gab er jedoch auch das Zeugnis, daß ich stets diese Ihre Antwort vorhergesehen hätte, weil ich Ihre Ansicht genau kannte und sie ihm immer von Neuem vorgehalten habe. Während ich also auf diese Art dem Kaiser Ihre Ansicht opponiere, Ihnen dagegen die des Kaisers mitteile, scheint es, habe ich den Anschein bei Ihnen bekommen, als ließe ich mich durch den Kaiser entrainieren. Das Memoire, was ich dieserhalb durch Graf Bernstorff erhalten soll, wird mich natürlich ungemein interessieren, doch glaube ich dessen Inhalt vorhersagen zu können, da ich, wie gesagt, vermuten darf, daß ich Ihre Ansichten nicht vergessen habe. Sollte mich jedoch meine Äußerung: „daß mir das Handeln Preußens jetzt als das Hauptgewicht erscheine, welches die Inclination der politischen Wagschale bestimmen würde“, eine Äußerung, die ich mir kurz vor dem Abschieds-Augenblick in Berlin schon zu machen mir erlaubte, sollte mir diese Äußerung die Bemerkung zugezogen haben, daß ich Preußens Stellung verkenne, so werde ich allerdings hierüber eine Belehrung in Bernstorffs Mémoire[30] hoffen dürfen zu finden.
Ihre Bemerkungen über die vorauszusehenden Verwickelungen, wenn Rußland Englands Ansichten nicht aufnimmt, teilte ich gleichfalls dem Kaiser mit. Er erwiderte, daß sein jetziges Alleinhandeln der Natur sei, daß diese Verwickelungen wohl nicht zu befürchten seien. Sollten jedoch welche später aus Englands Benehmen entstehen, so könne er wenigstens ruhig darüber sein, daß er sie nicht herbeigeführt habe. Denn im trilateralen Vertrage wäre expreß gesagt, daß, wenn die erste Maßregel der auszusendenden Flotten nicht zum Ziele führe, so werde man zu ernsteren Maßregeln schreiten. Unter diesen ernsteren Maßregeln könnten aber natürlich keine anderen verstanden gewesen sein, als kriegerische. Diese seien nun also vorgeschlagen, nachdem erneute Unterhandlungen nach Navarin(o) sich zerschlagen hätten und den Abgang der Gesandten zur Folge sogar gehabt haben. Statt darauf einzugehen, gemeinschaftliche coërcitife Maßregeln zu unternehmen, wolle man nun von Neuem unterhandeln, also gegen die Bestimmungen des trilateralen Tractates und damit also wiederum den Gang ergreifen, der seit 7 Jahren nicht zum Ziele geführt habe; und welche Garantie sei vorhanden, daß, da man jetzt von Seiten Englands den kriegerischen Maßregeln keine Folge geben wolle, diese Folge-Gebung eintreten würde, wenn die vorgeschlagenen erneuten Unterhandlungen sich etwa zerschlügen und für dies Zerschlagen der Krieg als Folge bestimmt worden wäre? Wahrscheinlich würde man alsdann wieder einige Monate temporieren, dann aber erneut zu Unterhandlungen raten und so ins Unendliche fortfahren.
Doch wie mein letzter Brief schon meldete, wird sich der Kaiser diesen Vorschlägen nicht opponieren, jedoch auch seinerseits sich sehr bestimmt aussprechen und während dem handeln. Denn das fortwährende Temporieren und nicht Ernstmachen müsse ja die Pforte immer mehr bestärken, sich zu opponieren, da immer nur gedroht wird und den ernsthaftesten Drohungen doch keine Folge gegeben wird. So reize man die Pforte also ordentlich zur fortgesetzten Opposition bei jeden erneuten Unterhandlungen.
Im Sommer 1819 bemühte sich Prinz Wilhelm, unterstützt von seiner Schwester Charlotte, die Einwilligung seines königlichen Vaters für seine Verbindung mit der schon seit 1817 geliebten Prinzessin Elise von Radziwill zu erlangen. Friedrich Wilhelm III. schwankte auch in dieser familiären Angelegenheit in seinen Meinungen und Entschlüssen ständig hin und her, um so mehr, als die Unebenbürtigkeit der Prinzessin bald für gleichgültig, bald für hindernd in bezug auf die in Aussicht genommene Eheschließung gehalten ward. Erst im Juni 1826 hat er seine Zustimmung endgültig verweigert. Auf der Reise nach der Schweiz hatte Prinz Wilhelm 1826 bei der Hochzeit seines Bruders Karl mit Maria von Weimar deren jüngere Schwester Augusta kennen gelernt; vielleicht hat er im Anschluß daran in Karlsruhe die oben genannte Prinzessin Cäcilie von Schweden (1807/44) gesehen, die Tochter jenes Gustav IV. Adolf (1778/1837), der mit Friederike von Baden in einer 1812 geschiedenen Ehe vermählt und Mitte Mai 1809 seines Thrones verlustig erklärt worden war; er führte dann ein seltsames Wanderleben und weilte in der fraglichen Zeit als Oberst Gustavsson in Leipzig. Die mannigfachen Absonderlichkeiten dieses Mannes lassen es verstehen, daß der vorsichtige Friedrich Wilhelm III. von der ersten medizinischen Autorität seines Staates, dem „so höchst ehrwürdigen“ Christoph Wilhelm Hufeland (1763/1836), wie der König an seine Tochter Charlotte am 14./26. August 1836 nach Petersburg schrieb (Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 169), ein Gutachten über den Geisteszustand Gustav Adolfs IV. einholte, das schließlich in der wichtigen Frage einer künftigen Königin von Preußen den Ausschlag gab; Prinzessin Cäcilie heiratete den Großherzog August von Oldenburg. Prinz Wilhelm hat, wie aus dem obigen Briefe hervorgeht, lange in seinen Empfindungen zwischen den beiden Mädchen hin und her geschwankt; darauf deutet auch eine Briefstelle an den Vater aus Petersburg vom 23. December/4. Januar 1828:.... Beim Beginn des verflossenen Jahres war ich weit entfernt zu glauben, daß dasselbe von Einfluß auf mein künftiges Schicksal sein würde — und doch war es so; wieviel ernster mußte ich also nicht beim Eintritt in das nun vor uns verschlossene gestimmt sein, da es Pläne zur Ausführung bringen dürfte, die jetzt noch unentschieden in mir liegen. Möge der Himmel meine Wahl leiten und mir eine Zufriedenheit schenken, die ich lange entbehren mußte. Ihnen dadurch Freude zu machen und mir stets Ihre Gnade zu vergewissern ist ja dabei mein Hauptaugenmerk.... Des Prinzen Wilhelm Petersburgreise ist oft als eine „Brautfahrt“ gedeutet worden (vgl. Th. Schiemann, Historische Zeitschrift, N. F., Bd. 44, 1892, S. 243/50), was wohl nur in dem Sinne richtig ist, als die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland als die Großmutter der Prinzessin Augusta von Weimar deren künftigen Gatten kennen lernen sollte, wenn vielleicht auch ein Satz aus einem Berichte Schölers (14. April/6. Mai 1828) an den König darauf deuten könnte, daß eine russische Großfürstin für den Prinzen Wilhelm von Preußen als Lebensgefährtin in Aussicht genommen war: „Bei der hohen Achtung und wahrhaften Zuneigung, welche Seine Kgl. Hoheit sich hier allgemein erworben haben, teilt die ganze Residenz das Bedauern der kaiserlichen Familie, den Prinzen aus ihrer Mitte scheiden zu sehen und gibt nicht ohne Schmerz eine Hoffnung auf, mit welcher man, in Folge der Eigenheit des menschlichen Herzens, die Erfüllung eines lieben Wunsches keinem Zweifel unterworfen zu halten seit längerer Zeit sich geschmeichelt hatte.“
St. Petersburg, 13./25. März 1828.
Als Sie im Oktober vorigen Jahres von mir eine Erklärung wünschten, welchen Entschluß ich in Folge der im Sommer unternommenen Reise zu fassen gesonnen sei, war meine Antwort, daß die Bestimmung meiner Zukunft von der Wahl zwischen Prinzessin Augusta und Prinzessin Cecile abhängig sei als denjenigen beiden Prinzessinnen, welche mir von den kennengelernten als die ausgezeichnetsten erschienen.
Diese Wahl jedoch damals gleich zu treffen war mir meiner Überzeugung nach nicht möglich, weil dazu eine Kenntnis in gleichem Maße von beiden Prinzessinnen gehörte, ich bis dahin aber nur Prinzessin Augusta in so weit hatte kennen lernen, daß ich mir ein ziemlich gegründetes Urteil über sie erlauben durfte, dahingegen ich Prinzessin Cecile nur erst flüchtig konnte kennen gelernt haben, da ich sie nur wenige Tage sah. Da aber trotz dieser flüchtigen Bekanntschaft Prinzessin Cecile mich dennoch, trotz jener genaueren der Prinzessin Augusta beschäftigte und zwar auf eine Art, die ich nicht von der Hand zu weisen dürfen glaubte, so ging meine Bitte an Sie, die Sie auch genehmigten, dahin, daß ich eine nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile auf eine nicht auffallende und Niemand compromittierende Art suchen dürfte. Und wenn ich alsdann beide Prinzessinnen in gleichem Maaße kennte, so wollte ich danach meine Wahl festzustellen suchen. Da Sie diese meine Ansichten gut hießen, so würde ich nicht nötig haben, jetzt wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, wenn ich nicht schon in jener ersten Unterredung in Charlottenburg bemerkt hätte, daß Ihr Wunsch es sei, meine Entscheidung möchte für Prinzessin Augusta ausfallen. Da Sie jedoch deshalb meine Pläne nicht misbilligten, so glaubte ich es auch wagen zu dürfen, auf deren Ausführung mein Augenmerk zu richten. Seit jener Unterredung kamen mir vielerlei Äußerungen zur Kenntnis, die mir das bestätigten, was ich von Ihnen selbst zu verstehen geglaubt hatte, daß nämlich, wenngleich gegen die ganzen Verhältnisse der Prinzessin Cecile nichts einzuwenden sei, was eine Verbindung mit ihr unmöglich oder unpassend machte, doch gerade ihre eigentümliche Stellung, diese Verbindung nicht vorzugsweise wünschenswert machte. Diese Ihre Ansicht glaube ich auch in Ihrer Äußerung enthaltend gefunden zu haben, die Sie mir machten, als ich bei Gelegenheit, daß Sie meine Reise hierher genehmigten, von meiner Zukunft sprach. Sie sagten, Sie müßten nur zu bedenken geben, daß die sehr unangenehme Möglichkeit obwalte, daß das Übel, an welchem der Vater der Prinzessin Cecile litte, auch erblich sei und auch mit überspringenden Generationen erblich sei; ich glaubte also aus dieser Äußerung schließen zu müssen, daß Sie mich durch dieselbe von meinen Absichten detournieren zu suchen wollten. Wenngleich ich die Möglichkeit einer solchen Erblichkeit nicht bezweifeln konnte, so konnte ich jedoch auch nur bemerken, daß mir bis jetzt nirgends ein Zeichen obzuwalten scheine, welches jene Möglichkeit anzeige. Seit meinem Hiersein erfuhr ich nun jedoch, daß diese mögliche Erblichkeit der Geisteskrankheit Ihnen so erheblich erscheint, daß Sie sich durch Hufeland haben ein Gutachten über diese Angelegenheit geben lassen, welches die Möglichkeit des Vererbens eines solchen Übels bestätigt und als wahrscheinlich angibt.
Die Sicherstellung, welche Sie für sich durch dies Gutachten für jede Zukunft, falls ich auf jener Verbindung bestände, zu verschaffen suchten, muß ich vollkommen anerkennen. Ja ich muß die Pflicht anerkennen, welche Ihre väterliche Liebe hat und Ihre höchste Stellung, mich ernsthaft und aufs gewissenhafteste auf diese Möglichkeiten aufmerksam zu machen und mir die Verbindung vollkommen zu untersagen, falls augenscheinlich Gefahr obwaltet.
Aus allem Angeführtem glaube ich aber nunmehr erneuert den Schluß ziehen zu müssen, daß es Ihnen lieb wäre, wenn die mir getanen Vorhaltungen mich bewegen könnten, nach Ihrem Wunsche von der näheren Bekanntschaftmachung der Prinzessin Cecile abzusehen und mich für Prinzessin Augusta zu entscheiden.
Wenn ich nun dies auch nicht unbedingt zu tun vermag, so sehe ich mich dennoch veranlaßt, meinerseits einen Schritt zu tun, der mich über meine Zukunft aufklärt, indem ich nur erlaube, die Frage zu stellen: „ob Sie aus jenen Gründen mit dem quästionierten Gutachten in Händen von Ihrem höchsten und väterlichen Standpunkte aus die Pflicht zu haben glauben, Ihre Einwilligung zu der in Rede stehenden Verbindung zu versagen, falls ich nach genauerer Bekanntschaft der Prinzessin Cecile um deren Hand wirklich anhielte?“
Von Ihrer gnädigen Beantwortung dieser Frage hängt dann natürlich mein ganzes ferneres Verhalten ab.
Glauben Sie Ihre Einwilligung geben zu können, so brauche ich in meinen Plänen nichts zu verändern.
Glauben Sie Ihre Einwilligung nicht geben zu können, so muß ich davon abstehen, die nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile erst noch machen zu wollen, denn in der Ungewißheit, ob ich Ihre Einwilligung erhalten könnte, darf ich nie diese nähere Bekanntschaft suchen, weil sie leicht dahin führen könnte, daß das Aufgeben dieser Verbindung dann schmerzlicher sein dürfte, als es jetzt noch der Fall sein kann.
Mit kindlicher Liebe habe ich in meinem dankbaren Herzen jeden Schritt bewahrt, den Sie taten, um meine Zukunft sich glücklich gestalten zu sehen. Daher bitte ich auch nunmehr aus der Tiefe des Herzens, daß Sie meine Frage gnädig aufnehmen und ganz nach Ihrer Überzeugung beantworten mögen. Doch muß ich Sie noch darum bitten, mir nicht auf meine Verantwortung für die Folgen der gefürchteten Erblichkeit die mögliche Verbindung mit Prinzessin Cecile zusagen zu wollen und sich zu überzeugen, daß mein Herz noch durchaus nicht für eine der beiden Prinzessinnen sich entscheidender ausspricht wie früher.
Der Grund, warum ich gerade jetzt mit diesem entscheidenden Schritt gegen Sie hervortrete, ist der, daß in dem Falle die ferneren Pläne auf Prinzessin Cecile ganz aufgegeben werden müßten, ich wohl keine bessere und erwünschtere Gelegenheit finden könnte, Prinzessin Augusta noch näher kennen zu lernen und die dann nötig werdenden Schritte einzuleiten und zu tun als bei deren bevorstehender Ankunft hier mit ihrer Mutter... Der Kaiser hat mir mündlich heute beim Fahren zur Parade das förmliche Anerbieten gemacht, ob ich die zu erwartende Campagne nicht mit machen wollte... ich glaubte ihm antworten zu können, daß von einer Mißbilligung Ihrerseits ich nichts zu fürchten haben würde, indem die sich darbietende Gelegenheit wohl für jeden Soldaten zu interessant und wichtig sei, als daß Sie die Teilnahme an derselben versagen würden... daß sich Ihre Einwilligung wohl davon abhängig fühlen würde, in welcher Stellung sich Preußen zur Pforte beim etwaigen Ausbruch des Krieges befinden würde... Der Kaiser hat mich bei Zeiten von diesem seinen Anerbieten in Kenntnis gesetzt, damit ich der Distance wegen nicht zu spät Ihre Willens-Meinung erführe, wenngleich die Kriegs-Deklaration noch nicht erfolgt ist... So liegen Ihrer gnädigen Bestimmung zwei wichtige Fragen vor, deren Lösung ich mit ungemeiner Ungeduld entgegensehe, da sie von dem höchsten Einfluß auf meine ganze Zukunft sein werden. Von Ihrer väterlichen Liebe erwarte ich die Entscheidung, die für mein Herz und für meine militärische Tätigkeit von gleichem unendlichen Werte sein wird.
Ihr Sie zärtlichst liebender gehorsamer Sohn
Wilhelm.
20. März/1. April.
.... die Ansicht, daß Preußens... Anschluß am trilateralen Vertrag gewiß den von Österreich nach sich gezogen haben würde. Wenn Sie sich gnädigst erinnern, zu welcher Zeit Ihnen der Kaiser diesen Antrag und die Aufforderung demgemäß auf Preußen zu wirken machte, so werden Sie finden, daß dies der Moment war, wo die Einigkeit der drei Verbündeten auf dem Culminations-Punkt war, Anfang Februar, und es damals also wohl sehr begreiflich war, daß der Kaiser diesen Moment benutzt wünschte, um Preußen und Österreich sich anschließen zu sehen. Aus dieser Zeit-Zusammenstellung glaube ich, dürfte folgen, daß der Kaiser Preußens Interesse nicht verkannte.
Preußen wünschte das gemeinsame Handeln der Mächte der großen Alliance; in jenem Moment war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß eine solche Vereinigung möglich sei. Jetzt ist es ganz anders.
Es ist dem Kaiser leid..., daß Preußen[31] gar nicht mehr an die Möglichkeit glaubt, auf Österreich wirken zu können, in einem Augenblicke, wie gesagt, wo dieses selbst ernst anfängt zu reden und daß Preußen ein solches Zureden für unnütz hält, weil es nicht auf eine Macht einwirken zu können glaubt, die mit dem Oriente selbst grenzt, während Preußen doch vollkommen damit einverstanden ist, daß die Sachen sich im Oriente ändern müssen und dieserhalb mit Österreich ganz divergierte, es also nicht aufhören müsse, es von seiner Ansicht überzeugen zu wollen. Das feste Halten Preußens an Österreich trotz der völlig divergierenden Ansicht im Prinzip begriff der Kaiser zwar bisher, wegen des Scheines der großen Alliance; jetzt aber, wo sich die Verhältnisse anfangen anders zu gestalten, würde es dem Kaiser sehr wehe tun, wenn Sie sich zu denen halten wollten, mit denen Sie im Prinzip nicht einverstanden sind, während Sie die aufgeben, mit denen Sie übereinstimmend im Prinzipe sind...
Prinzessin Augusta
Miniaturbild von A. Grahl um 1840 im Palais Kaiser Wilhelms I.
Was der Kaiser von dem ernsthaften Schritte Österreichs erfahren hat, ist folgendes: daß es der Pforte erklären will — nach Rußlands Vorschlag und Drängen im Januar —, daß sie durchaus jetzt nachgeben müsse, wo nicht, so würde sich auch Österreich den Verbündeten anschließen und gemeinschaftlich mit ihnen über dasselbe kriegerisch herfallen und habe es zu dem Ende ein Corps in Bereitschaft... Von Frankreich hat der Kaiser gestern erneuert die intimsten Versicherungen erhalten, mit dem Bemerken, daß es erneuert die dringendsten Vorstellungen in London mache, um das Kabinett zur Annahme der russischen Proposition zu bringen. Jedenfalls glaubt der Kaiser, Frankreichs ganz sicher zu sein, selbst für den Fall, wenn England ganz abspringen sollte... Den Kaiser hat diese ganze Vereitelung, wie sie jetzt durch Englands Umspringen erzeugt wird, keinen Moment frappiert, indem er von jeher vorher sah, daß England im Trüben fischen wollte und eigentlich allein handeln wollte und egoistisch, zum Nachteil aller anderen handeltreibenden Nationen, in der orientalischen Frage. Die Ruhe Europas ist erhalten, sobald England dem Tractat treu bleibt und den von Rußland und Frankreich vorgeschlagenen Maßregeln beitritt, meint der Kaiser; springt also England jetzt ab, so erzeugt es den Krieg und die Unruhe, wahrscheinlich in ganz Europa, wovon es doch gerade das Gegenteil will. Der Kaiser sagte mir: Die Verhältnisse, die sich in der Türkei gestalten, sind für Rußland zehnmal wichtiger, als für alle andern Staaten, die selbst durch ihren Handel mit jenem Lande in Verbindung stehen. Diesetwegen habe er müssen eine sehr bestimmte Sprache gegen die Pforte gleich bei seinem Regierungsantritte führen und die Akkermannschen Unterhandlungen waren die Folge davon. Als sich diese Verhandlungen zu seinen Gunsten entschieden hätten, habe er nichts weiter wünschen können, denn das seit Jahren compromittierte Ansehen Rußlands bei der Pforte und der Einfluß, den es doch natürlich stets auf dieselbe auszuüben suchen muß, war wiedergewonnen. Aus diesem Grunde hätte er auch nicht nötig gehabt, in der griechischen Angelegenheit etwas zu tun, um so weniger, da er... gar nicht gesonnen gewesen sei, für sie wohl gar aus Enthusiasmus zu handeln. Er hätte also aus diesem Grunde auch nicht nötig gehabt, das englische Anerbieten, zu Gunsten der Griechen zu wirken, anzunehmen und zu deren Pacificirung die Hand zu bieten, wenn er sich nicht hätte sagen müssen, daß sein Zurückweisen dieses Anerbietens England nicht gehindert haben würde, seine Vorschläge und Pläne zur Veränderung der Dinge im Oriente demnach durchzuführen, welche es, alsdann allein handelnd, auch ganz nur zu seinem Vorteile und gewiß zum größten Nachteile Rußlands geordnet haben würde. Eroberungs- und Aquisitions-Pläne möchten gleichfalls wohl bei England obgewaltet haben, wie die Geschichte der Ionischen Inseln beweisen könnte... Frankreichs Handels-Interesse verlangte es, daß die orientalischen Verhältnisse eine andere Gestaltung gewännen; dieses trat nun also auch dieserhalb mit der Sprache hervor. England und Frankreich mußten sich also wegen dieser orientalischen Frage begegnen und gewiß auf eine unangenehme Art. Da nun also nicht anzunehmen war, daß England sich durch Rußlands Refus abhalten lassen würde, seine Absichten im Oriente zu verfolgen, wobei ihm noch zu Statten kam, daß die Griechen sich ja selbst an dasselbe gewandt hatten, um für sie sich zu interessieren, ebensowenig aber anzunehmen war, daß sich Frankreich und England gütlich über jene Verhältnisse vergleichen würden, so nahm der Kaiser das englische Anerbieten an, um dem egoistischen und Allein-Handeln Englands zu begegnen und um ein Zerwürfnis zwischen England und Frankreich zu verhindern und um somit also die Ruhe und Eintracht in Europa zu erhalten. So entstand das Petersburger Protokoll vom 4. April 1826 von Seiten des Kaisers in der Hauptabsicht, Ruhe in Europa zu erhalten, durch die Pacificierung Griechenlands seinen Handel noch mehr zu sichern und somit sein Ansehen bei der Pforte noch mehr zu sichern. Als dies Ansehen durch den Akkermannschen Vertrag hergestellt war, erklärte der Kaiser an England, daß er es seinetwegen nicht mehr nötig habe, dem Protokoll Folge zu geben, indem er Alles erlangt habe zum Besten Rußlands, was er von der Pforte nur verlangen könnte. England erwiderte auf die zweimalige derartige Vorstellung, daß es seinerseits sich in der Notwendigkeit befände, den Bestimmungen des Protokolls durchaus Folge geben zu müssen; dadurch demasquierten sich Englands egoistische Absichten immer mehr in den Augen des Kaisers und er hielt es für notwendig, dieserhalb schon im gedachten Protokoll die Bestimmung ausdrücklich aufzunehmen, daß von keinem Teile Eroberungs- oder Acquisitions-Pläne beabsichtigt würden; somit waren England freilich in ganz Europa die Hände gebunden, nicht dergleichen wahrscheinlich intentionierte verborgene Absichten einseitig ausführen zu können. Rußland kostete es nichts, dies Versprechen zu geben, indem jede Länder-Vergrößerung für dasselbe ein Nachteil sei. Frankreich trat diesen Protokoll-Bestimmungen später bei und verlangte zuerst dessen Umwandlung in ein Tractat. So waren also die verschiedenen Interessen durch einen Tractat vereint und dadurch die Ruhe und Einigkeit Europas gesichert. Diese Verhältnisse konnten also nur gestört werden, wenn ein Teil seinen Verpflichtungen ungetreu wurde, d. h. dem gemeinsamen Verband sich entzog, um einseitigen Plänen Folge zu geben.
Dies Letztere scheint nun allerdings leider Englands jetziges Benehmen sein zu wollen. Wollte es die Pacificierung Griechenlands wirklich, so könnte es jetzt keinen Augenblick anstehen, nachdem alle Mittel erschöpft sind, mit Gewalt auf die Pforte wirken zu wollen. Da es diese Gewalts-Mittel aber gegen seine beiden Alliierten zurückweiset, so gehet daraus wohl deutlich hervor, daß es etwas anderes als die gemeinschaftliche Pacificierung der Griechen wünscht, nämlich dort allein sprechen zu wollen und somit entlarvt es sich selbst.
Englands Plan scheint bestimmt zu sein, sich von dem trilateralen Vertrag zurückziehen zu wollen, dieserhalb jedoch mit Frankreich noch nicht zu brechen, es sich überhaupt angelegen sein zu lassen, auf dem Kontinente Alliierte zu sammeln, wahrscheinlich um Rußland mit denselben vereint zu bedrohen und so vom Türkenkriege abzuhalten. Dies Suchen von Alliierten dürfte also wohl zunächst auf Preußen und Österreich gerichtet sein. Überhaupt kann es Preußen nicht ruhig mit ansehen, daß dergleichen Alliancen sich schließen, wie die zwischen Österreich und England wäre und sein Verweigern zum Beitritt zu derselben dürfte vielleicht selbst dies ganze Projekt hindern und eine Aufforderung Preußens an England, den Frieden Europas dadurch nicht zu stören, daß es einseitig von einem Vertrage abspringt, während seine zwei Mit-Alliierten fest zusammenhalten, von einem Vertrage, an dessen Existenz es selbst schuld ist und den es vorschlug und gegen Rußlands anfängliche Vorstellungen durchsetzte, eine solche Vorstellung Preußens in London, wie gesagt, könne vielleicht noch eine plötzliche Wendung erzielen. Wenn eine allgemeine Verwicklung entsteht, so ist daran nur der englische Egoismus und die österreichische bisherige Starrheit Schuld. Wie traurig.
St. Petersburg, 24. März/5. April 1828.
.... die Armee, die zwischen dem 20. und 25. April den Pruth überschreitet und die der Kaiser, bevor sie die Donau erreicht, einholen will. Jedenfalls will er beim Übergange über die Donau zugegen sein. Wo? hat er mir noch nicht gesagt und da ich nur eine Regel gemacht habe, den Kaiser nach nichts abzufragen, was er mir nicht mitteilen zu wollen zu beabsichtigen scheint, so habe ich darüber, wie überhaupt über den ganzen Operationsplan garnichts erfahren.
Mit welcher Ungeduld sehe ich Ihren Bestimmungen über mich entgegen. Hier kommt es mir unmöglich vor, daß ich an allem, was ich sich hier vorbereiten sehe seit drei Monaten, nicht Teil nehmen sollte und so denkt man es sich hier auch allgemein für unmöglich, daß ich nun nicht mitgehen werde. Der Kaiser erhielt soeben einen Courir aus Paris, der erneut die besten Nachrichten überbrachte und auch aus England die Nachricht, daß, wenngleich sich dasselbe nicht mit Rußlands Maßregeln in soweit einverstanden erkläre, um sich zur Teilnahme an denselben zu verstehen, so würde es jedoch Rußland nicht hindern und aufhalten in seinen Absichten auf die Türkei.... Welch’ ein Glück für die allgemeine Ruhe Europas, wenn England einsiehet, daß es durch sein falsches Benehmen den allgemeinen Krieg im Begriff war anzuzünden ...
Den heute hier erschienenen Friedensschluß in Persien lege ich hier bei[32]... wären wir doch erst soweit mit der Türkei.
Die abgebrochene Contre-Revolution in Portugal ist eine merkwürdige Sache[33]. England wird da auch etwas ins Gedränge kommen.
St. Petersburg, 28. März/9. April 1828.
Aus England sind die letzten Eröffnungen auch günstiger, indem es wenigstens erklärt, sich nicht Rußlands Maßregeln opponieren zu wollen. Von Österreich fehlt noch immer die seit zwei Monaten erwartete Antwort... mit Frankreich ist der Kaiser außerordentlich zufrieden. Dagegen können die portugiesischen Geschichten wohl nur sehr unangenehm erscheinen. Hätte Don Miguel nur nicht schon in Wien die unglückselige Constitution beschworen, so wäre Alles gut. Aber so ist sein Benehmen unverzeihlich...
Gestern sind Nachrichten aus Bukarest angekommen, die von dem Einrücken eines 6000 Mann starken türkischen Corps in Serbien, von Bosnien kommend, Meldung machen. Es sollen große Grausamkeiten vorgefallen sein und den Serben annonciert worden, daß eine größere militärische Occupation folgen werde und alle Waffen abgeliefert werden sollten. Auch sind türkische Truppen in dem kleinen Freistaat Montenegro eingerückt. Der Kaiser ist über die Serbische Occupation sehr entrüstet, weil dieselbe ganz gegen die Tractate ist und ihm daher nur gerechte Waffen gibt, die Pforte nicht länger zu schonen[34]. Aber es ist wirklich wahr, Alles vereinigt sich, des Kaisers Politik höher und gerechter mit jedem Tag zu stellen. Das ist der Preis und der Lohn für Offenheit, Gewandtheit und Festigkeit in der Politik, die dem Kaiser nie genug zu danken sein wird.
St. Petersburg, den 3./15. April 1828.
.... Der Kaiser hat gestern Depeschen aus London und Berlin erhalten. Die ersteren annoncieren ihm officiell, was er schon wußte, daß England ihn in nichts hindern will, aber ihn aus dem Vertrag getreten betrachtet...
Die verbreitete Nachricht des von der Pforte den Griechen angebotenen Waffenstillstandes, um darauf Negotiationen anzuknüpfen, freut den Kaiser sehr, wenn es eine gegründete Nachricht ist, indem wegen der griechischen Angelegenheit er seine Instruktionen gegeben hat an Lieven und mit denen dieserhalb von England vorgeschlagenen Maßregeln teilweis einverstanden ist. Doch dies Alles hält ihn keinen Augenblick auf, seine eigenen Griefs gegen die Pforte mit gewaffneter Hand zu verfolgen. Den 25. April/7. Mai soll die Armee den Pruth überschreiten; am selben Tage will der Kaiser von hier abgehen...
Die Kaiserin-Mutter hat mit Einemmale ihrer Tochter die Reise hierher abgeschrieben[35], um, da sie nur bis zum August bleiben wollte, ihr diese beschwerlichen Reisen nicht so rasch auf einander machen zu lassen, da die Großfürstin noch Carlsbad brauchen soll später. Ich sehe mit desto größerer Ungeduld Ihrer Antwort entgegen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, muß ich immer wieder sagen.
St. Petersburg, 5./17. April 1828.
.... Ansicht über Preußen, die Sie zur Grundlage der Antwort an den Kaiser legen wollen[36]; nämlich die, daß eine Erklärung Preußens an die übrigen großen Mächte Europas, daß es mit der russischen Politik einverstanden sei und die Rechtmäßigkeit seiner Maßregeln vollkommen anerkennt, von dem größten Einfluß auf die übrigen Kabinette in diesem Augenblicke sein wird. Die aus dieser offiziellen Erklärung entspringende Folge ist eine Eröffnung gegen Rußland, daß es unter solchen Umständen auf Preußen in sofern zählen könne, als es etwa in der Verfolgung seiner als rechtmäßig anerkannten Maßregeln von irgend einer Macht gestützt werden sollte. Dies ist der Wunsch des Kaisers; mehr verlangt er nicht... Wenn auf diese Art also Rußland, Frankreich und Preußen einverstanden sind, so dürfte sich so leicht wohl keine Separat-Alliance in Europa bilden, der nicht diese drei Mächte widerstehen würden. Aber gerade durch dieses Zusammenhalten im Prinzip der drei genannten Mächte würde es auch andern gar nicht einfallen, ein Separat-Bündnis zu schließen. Preußens Stellung kommt mir dabei vor wie ein drohender Hund, der nur erst noch warnt.
Heute noch sagte mir der Kaiser beim Abmarsch der Gardejäger-Reserve und der magnifiquen Fuß-Artillerie: je vous jure devant dieu, que je n’aimerais pas mieux que de tenir la même language envers l’Autriche; mais ils ne font rien pour gagner ma confiance. Voilà deux mois que j’attends une réponse de l’empereur d’Autriche sur une lettre que je lui ai écrit deux jours après qu’il me l’avait demandé...
Schon vor längerer Zeit sagte mir der Kaiser, daß, wenn England wirklich ganz abgesprungen wäre, Frankreich aber fest an Rußland gehalten hätte, wodurch es sich dem benachbarten England leicht hätte exponieren können, so würde er mit Frankreich dieselbe Übereinkunft geschlossen haben, welche der selige Kaiser zur Zeit des französischen Einfalls in Spanien mit Frankreich schloß, nämlich es gegen Englands etwaiges Vorhaben zu schützen, zu welchem Ende der Großfürst Konstantin mit seiner Armee zur Disposition Frankreichs gestellt werden würde. Ehe ein Gebrauch dieses zur Disposition-Stellen gemacht worden wäre, dürften freilich noch manche andere Verhältnisse zur Sprache gekommen sein, jedenfalls zeigt es aber, wie sehr der Kaiser diejenigen Staaten achtet und seiner Unterstützung wert hält, die gleich ihm eine feste, offene, gerade, bestimmte und Treue haltende Politik gehen...
Oft ist mir bei uns schon ein Grauen angekommen, wenn die Armee einmal mobil gemacht werden sollte, wegen des Mangels an jeder Vorschrift über diese Mobilmachung. Vor 6 Jahren ist jedem Armee-Corps aufgegeben worden, einen Mobilmachungs-Plan auszuarbeiten; das ist geschehen und man hat natürlich vermutet, daß die Einreichung dieser Arbeiten befohlen wurde, um nach diesen von jedem einzelnen Corps aufgestellten Ansichten eine allgemeine Bestimmung zu bearbeiten und als Vorschrift zu erlassen. Dies ist aber nicht geschehen. So ist also jedes Armee-Corps in diesem Moment zwar mit einer Arbeit versehen, nach der es isoliert handeln würde, wenn schnell eine Mobilmachung einträte; aber eben so viele Corps existieren, eben so viele Verfahrungs-Arten wird es auch geben und dies ist unmöglich für das Ganze. Ich habe diese Arbeit meines Armee-Corps gleich nach Übernahme des Commandos desselben durchstudiert und angefragt, ob die unendlich vielen zur Anfrage und Bestimmung angehaltenen Punkte nicht zur Erledigung eingereicht werden sollten, aber immer gehört, daß die Einreichung noch nicht befohlen wäre. Bei der Wichtigkeit dieses Gegenstandes habe ich mich jetzt, wo mir diese Verhältnisse hier so oft vor Augen treten, für verpflichtet gehalten, Ihrem gnädigen Ermessen diesen Gegenstand einmal in Erinnerung zu bringen...
Es ist heute ein österreichischer Courier angekommen, der aber wiederum nicht eine Zeile dem Kaiser überbracht hat, was ihn natürlich sehr ungehalten stimmt, wobei er jedoch stets seine Ruhe und Heiterkeit behält...
St. Petersburg, 11./23. April 1828.
Auf die Aufforderung in Ihrem Schreiben, den vorgeschlagenen Schritt noch zu tun, ohne den Marsch seiner Armee dadurch aufzuhalten, will der Kaiser jedoch nicht eingehen... Der Grund... sei, daß ja gerade die Propositionen, die er im December vorigen Jahres den Alliierten gemacht und auf die Sie jetzt wünschten, daß er mit einigen Modificationen zurückkäme, namentlich von England nicht angenommen seien, weil von einer Unterstützung mit gewaffneter Hand gegen die Pforte zur Annahme der Vorschläge die Rede gewesen sei. Jetzt, wo ihn individuelle Beleidigungen der Pforte zwingen, die Waffen zu ergreifen, habe er ja neuerdings allgemein erklärt, daß er trotzdem die Erreichung der Bestimmungen des Londoner Vertrages nicht aus den Augen verliere und daher beiden Angelegenheiten de front gehen würden. Hierin glaubt er, würden Sie ungefähr oder eigentlich dasjenige finden, was Sie vorschlügen. Daß nun England hierauf erklärt hat, daß es ihm sich nicht opponieren werde, aber auch nicht ihn mehr als in der Alliance seiend betrachte, dafür könne er nichts und ein erneuter Antrag dieser Art wäre ihm daher unmöglich zu machen... Dennoch versuchte ich aus Ihrem Briefe an mich dem Kaiser Ihren Antrag nochmals so darzustellen und annehmbar zu machen, daß Sie selbst recht wenig auf den glücklichen Ausfall dieses Schrittes bei der Pforte rechneten, aber Sie die Annahme hauptsächlich darum wünschten, um sein Recht nur noch heller erscheinen zu lassen, nachdem alle Versuche gemacht sind, friedlich zum Ziele zu gelangen; aber er gab mir wiederum dieselbe Antwort.
Der österreichische Courier... ist doch der Überbringer der langersehnten Antwort gewesen, was Graf Zichy jedoch einige Tage für sich behalten hat. Das Schreiben... enthält die längst bekannte Demarche Österreichs gegen die Pforte wegen des Waffenstillstandes und eine Menge Besorgnisse über die inneren Verhältnisse von Frankreich und der Halbinsel. Daß Graf Capo d’Istria den Waffenstillstand nicht angenommen hat, sondern die Instruktionen der drei ihn anerkannthabenden Mächte erwartet, die gewiß negativ sein werden, dürften Sie bereits wissen...
St. Petersburg, 14./26. April 1828.
Vorgestern erhielt der Kaiser aus London die Anzeige, daß das englische Kabinett die Proposition der österreichischen Intervention in der orientalischen Angelegenheit gänzlich von der Hand gewiesen habe, indem England niemals darauf eingehen könne, die völlige Freiheit Griechenlands als mit son (Englands) état physique unvereinbar anzuerkennen. Da dieser Vorschlag Österreichs, der ja bei der Pforte einseitig gemacht war, von den drei alliierten Mächten nicht gut geheißen worden ist, so gibt Graf Zichy diesem ganzen Vorschlage den Anstrich, als sei er von der Pforte gekommen und von seinem Hofe nur als ein Vorschlag mitgeteilt worden... Wie leicht übrigens Österreich seine Vorschläge fahren läßt, beweist mir noch mehr die auch vorgestern eingegangene Depesche des Grafen Tatischtscheff, die dem Kaiser meldet, daß er eine offizielle Unterredung mit Graf Metternich gehabt habe, der ihm annoncierte, daß unter den jetzigen Verhältnissen auch Österreich sich bewogen fühle, seine Relationen mit der Pforte aufzugeben und sich in Gemeinschaft mit Preußen dem trilateralen Vertrage anschließen würde... Auf mein Befragen, was er, der Kaiser, für einer Meinung sei wegen dieses Vorschlages, erwiderte er, daß ein Artikel des trilateralen Vertrages festsetze, daß, wer sich demselben anschlösse oder anschließen wolle, nicht zurückgewiesen werden würde... Daß Österreich anfing schwankend zu werden, zeigte sich wohl seit drei Monaten und namentlich seit der gewissen freimütigen Eröffnung von hier aus, die wohl mehr aus dem Leben gegriffen war und mehr Eindruck auf’s österreichische Cabinett gemacht hat, als es dasselbe eingestehen will... Nach dem jetzigen Benehmen und Vorschlägen Österreichs scheint es mir, als wäre eine dergleichen fortgesetzte Einwirkung auf dasselbe und namentlich so, wie sie der Kaiser im Februar von Ihnen wünschte, doch wohl auch zum Ziele führend gewesen und ich sage es mit einigem Stolze, Preußen hätte alsdann den Ruhm gehabt, die Einheit herbeizuführen, die es so sehr wünschte, während es jetzt umgekehrt geschieht und zwar von einer Macht, die sich das enorme Dementi gibt, seine stets vorgeschützten Prinzipien zu verleugnen oder aufzugeben, um das Ziel zu erreichen, was ihr früher ganz fremd sein wollte... Was England zu all dem sagen wird, ist am merkwürdigsten zu erwarten. Gott gebe, daß die Einheit endlich zu Stande kommt. Ob es die Furcht vor dieser wahrscheinlichen Einheit Europas ist oder die Concentrierung der russischen Armee, um die Grenze zu überschreiten, welche die Türken bewogen haben, den Großherrn zu zwingen, in Allem den Forderungen der Alliierten nachzugeben, ist jetzt noch nicht zu entscheiden, weil alle Details fehlen... Der Beweis würde wenigstens in dem Benehmen der Türken liegen, daß die Einheit nicht durch Österreich bisher gestört worden wäre und das Ernstmachen der Kriegsdrohung nicht beständig seit Jahren gegen Rußlands Forderungen und Vorschläge zurückgewiesen worden wäre, wir schon seit sehr langer Zeit zu dem Resultate gelangt sein würden, was sich jetzt ergeben zu wollen scheint.
St. Petersburg, 24. April/6. Mai 1828.
Durch die erste Ihrer Entscheidungen sehe ich mich nun endlich nach einer langen Reihe von Jahren, die voller Bewegung und Unruhe für mein Inneres waren, der Aufklärung und Feststellung meiner Zukunft mit der Gewißheit entgegen, die wenigstens für jetzt dem Teil gewahrt ist, der die Wahl getroffen hat. Die vorläufige Bestimmtheit hängt nun freilich noch von der Annahme der Wahl ab. Wie tief mich der Gedanke angriff, so weit nunmehr über meine Zukunft aufgeklärt zu sein, braucht keiner Worte. Aber die Worte des Dankes gegen Sie, teuerster Vater, kann ich nicht unterdrücken, daß Sie durch Ihren Ausspruch meinem Leben eine bestimmte Richtung gegeben haben. Wie in jeder Ihrer Bestimmungen, die auf mein ganzes Lebensverhältnis Einfluß haben, erkenne ich und erkläre ich auch hier wiederum nur Gottes Führung. Die getroffene Wahl war gewiß Sein Wille. Und so gehe ich getrost einem Zeitpunkt entgegen, der über mein ganzes ferneres Leben entscheidet, wenn die Wahl aufgenommen wird, da es einen Gegenstand betrifft, dem ich längst meine ganze Achtung gewidmet hatte, und an dessen Erwählung nur der Umstand hinderlich war, daß ich nicht leichtsinnig ein so zartes Verhältnis sich gestalten sehen wollte als es sein wird, in welchem nunmehr zwei Schwestern zu einander zu stehen kommen sollen... Was Ihre zweite Entscheidung betrifft, die mir das Beiwohnen der Campagne abschlägt, so können Sie leicht denken, daß ich von der Gewißheit, dieses so innig gewünschte Projekt aufgeben zu müssen, wie vernichtet war... Sie haben diesen Wunsch aus einem Gesichtspunkte abgeschlagen, gegen den ich, unter der Gefahr mich persönlich zu hoch oder zu niedrig anzuschlagen nichts einwenden kann... Hier, kann ich nicht verhehlen, hat Ihre abschlägige Antwort den Eindruck gemacht, als sei sie ein Beweis, daß Preußen doch wohl nicht so Rußlands Partei diesen Moment halte, als man es hoffte und glaubte... Für meine Persönlichkeit ist es mir sehr wert gewesen, daß hier die Freude über die Hoffnung, mich bei der Armee zu sehen, ebenso groß war als jetzt die Trauer, daß es nicht sein kann. Es mag dies etwas egoistisch und eitel lauten und nur auf diese Gefahr durfte ich es aussprechen.
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Der obige Brief ist die Antwort des Prinzen auf ein Schreiben seines königlichen Vaters aus Potsdam vom 20. April 1828:
Die Hauptgegenstände Deiner Briefe, auf die es ankommt, lassen sich auf drei Hauptpunkte reducieren: 1. Deine Verbindungsangelegenheiten, 2. die politischen Angelegenheiten, 3. die Campagne-Projekte betreffend.
Was den ersten Punkt betrifft, so habe ich mich darüber oft genug ausgesprochen, um alles Gesagte nicht von Neuem wiederholen zu müssen. Nach meinem Dafürhalten ist also jetzt leider nur auf Prinzessin Augusta Rücksicht zu nehmen. Gern überschickte ich Dir der Prinzessin Cäcilie wegen ein schriftliches Gutachten Hufelands, allein er ist schleunigst nach Ludwigslust berufen worden, da Alexandrine uns große Besorgnis gegeben. Ich hätte sehr gern gesehen, wenn Du womöglich die Ankunft der Großfürstin in Petersburg abzuwarten im Stande gewesen wärest... Den zweiten Punkt betreffend, muß ich mit Leidwesen bemerken, daß von Neuem Mißverständnisse über das, was hier beschlossen worden, entstanden sind, die ich zu berichtigen für höchst notwendig halte und deshalb beiliegendes P. M. habe anfertigen lassen. Die Nachrichten, die man über die Absichten Österreichs in Petersburg hat, stimmen nicht im geringsten mit den unsrigen, denn unter anderem ist die Armee noch nicht einmal auf den Friedensfuß complett und statt 11000 Pferde, die verlangt worden sind, um die Kavallerie-Regimenter zu complettieren, hat der Kaiser nur 3000 bewilligt. Die Nachricht der 200000 Mann, die man ausgehoben haben soll, ist also nur ein leeres Gerücht gewesen, denn wie gesagt: noch ist vom Kaiser kein Beschluß gefaßt, die Truppen auf den completten Friedensfuß zu setzen. Erst gestern erhielt ich von Wien aus diese Auskünfte. Es muß also durchaus Leute geben, die, um sich wichtig zu machen, dergleichen Gerüchte verbreiten, vielleicht weil sie glauben, sich dadurch angenehm zu machen... Nach allen Nachrichten scheint auch der türkische Einfall in Serbien wenigstens sehr übertrieben dargestellt, wo nicht gar durch die Zeitungen schon widerrufen zu sein.
Nun kommt der dritte und letzte Punkt. Sehr freundschaftlich und gütig war es vom Kaiser, Dir den Vorschlag gemacht zu haben, den türkischen Feldzug mit ihm zu machen. Daß ich es Dir jedoch nicht bewilligen kann, liegt klar zu Tage; die Gründe dazu wirst Du nach einiger Überlegung selbst zu finden im Stande sein. Wenn das Vaterland in Gefahr kommt, dann ist es Zeit, daß die Prinzen vom Hause mit leuchtendem Beispiel vorangehen, bis dahin aber liegen ihnen andere Pflichten ob. Erfahrung läßt sich allerdings in einem solchen Feldzuge sammeln und sein Leben auf’s Spiel zu setzen, finden sich auch wohl Gelegenheiten. Beides steht aber nicht im Gleichgewicht, da die dort zu sammelnde Erfahrung gegen jede andere Kriegsmacht wenig Anwendung finden dürfte; ich wäre also vor Gott verantwortlich, wenn ich zugäbe, daß Du in einer ganz fremden Angelegenheit Dein Leben aufs Spiel setzt.
Demnach also halte ich für passend, daß Du des Kaisers und Charlottens Abreise noch in Petersburg abwartest, dann aber Dich unverzüglich hierher zurückbegiebst. Ich weiß wohl, daß Dir das nicht gefallen wird, allein ich kann und darf nicht anders handeln, als es meine Pflicht ist...