Die Brautwerbung.

Auf die in Petersburg verbrachten vier Monate folgte im August 1828 ein kurzer Aufenthalt in dem Ostseebad Doberan; Varnhagen v. Ense weiß zu berichten, daß man unterdessen aus Petersburg unter der Hand bei der Prinzessin Marie anfragte, wie sie sich zu einer Heirat ihrer jüngeren Schwester mit dem älteren Bruder ihres Gatten stellen würde; man erhielt am russischen Hofe darüber wohl eine beruhigende Antwort; so sehr aber die Heirat des Prinzen Wilhelm nun auch entschieden war, „so hielt man dies doch noch ganz geheim“, ja im Juni schien sie dem klatschsüchtigen, aber trefflich unterrichteten Beobachter „noch keineswegs in Richtigkeit; man tut auf der russisch-weimarischen Seite sehr kostbar und der Prinz ist eben auch nicht sehr eifrig“. Dieser traf am 11. September in Wien ein, um dort den Manövern beizuwohnen; militärische Interessen und die Schilderung höfisch-gesellschaftlicher Interessen stehen in den Briefen der nächsten Wochen im Mittelpunkt; am 11. November reiste er wieder ab, um, ohne Berlin zu berühren, über Prag und Teplitz nach Weimar zu gehen. Denn von dort war nun der auch für seine Zukunft entscheidende Schritt erfolgt: man erwartete ihn als Brautwerber.

Schon 1823 hatte von Augusta v. Weimar Goethe in Marienbad geäußert, daß sie „ein ganz liebenswürdiges und originelles Geschöpf sei, das schon jetzt ganz seine eigentümlichen Gedanken und Einfälle habe“, und als sie verlobt war, rühmte er „ihren hellen Verstand, ihre hohe Bildung, ihr reiches Wissen: sie hat etwas gelernt, sie kann schon mitsprechen in der Welt“. Dieses Urteil des geistigen Hofes von Weimar wird durch eine Äußerung Wilhelm v. Humboldts bestätigt und ergänzt, der 1827 an den preußischen Minister v. Stein schrieb: „Prinzessin Augusta soll schon in früher, kaum der Kindheit entgangener Jugend einen festen und selbständigen Charakter haben. Ihr lebendiger und durchdringender Geist spricht aus ihrem Blick; ihre Züge sind im höchsten Grade bedeutungsvoll und ihre ganze Gestalt wird sich — wenn sie nicht ein wenig zu stark ist —, in einigen Jahren gewiß noch schöner als sie jetzt schon erscheint, entwickeln.“

Wien, den 26. September 1828.

Mit etwas ruhigerem Herzen kann ich Ihnen heute Mitteilung über die mich am wichtigsten und meisten interessierende Angelegenheit machen[37]. Ich erhielt nämlich gestern einen Brief vom Großherzog von Weimar, der mir sehr herzlich und freundschaftlich auf den meinigen antwortet. Und wenn freilich die Hauptperson noch nicht geredet hat, so bin ich doch schon zufrieden, daß der Vater sich beistimmend ausspricht, indem er schreibt: „Eben so offen wie Sie verehrtester Prinz, mit mir reden, gestehe ich Ihnen, daß ich nicht Nein sagen werde, wenn meine Tochter das Ja, bezüglich auf Sie ausspricht, welches Sie, gnädigster Herr, nicht ungern hören werden. Augusta sah Ew. Kgl. Hoheit freilich nur als erstere gleichsam noch ein Kind war; jetzt muß meine Tochter Sie, verehrtester Prinz, mit anderen Augen betrachten; es ist daher ratsam, daß man sich wiedersehe und spreche. Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, daß Sie, lieber gnädiger Herr, uns in jeder Hinsicht sehr willkommen sein werden.“

Der Nachsatz enthält also auch zugleich die Weisung, was gewünscht wird und die stillschweigende Antwort auf meine Demarsche bei Prinzessin Augusta selbst. Leider ist es aber nicht mehr möglich, über Berlin bis zum 30. September in Weimar zu sein. Außerdem fehlt mir auch noch eine Antwort von der Groß-Fürstin, die ich wohl jedenfalls abwarten muß, ehe ich nach Weimar reise...

Weimar, den 14. Oktober 1828.

Meinem Reiseplan gemäß bin ich am 12. glücklich hier angelangt, aber nicht, wie ich hoffte, um Mittag, sondern erst Abends 7 Uhr, indem ich beim Passieren des Erzgebirges von einem so ungeheueren Gewitter mit rasendem Sturm und Regengüssen überfallen ward, daß, wenngleich ich die Reise ununterbrochen fortsetzte, doch nur fast im Schritt fahren konnte, da die Nacht über alle Maßen dunkel war. So machte ich die 22 Meilen von Teplitz[38] bis Leipzig in 22 Stunden und mußte, um noch zur Soiree wenigstens hier zu sein, ohne zu dinieren bis hier fahren. Ich gestehe es, ich kam etwas matt an und die Erwartung eines solchen Wiedersehens, das meiner hier wartete, war auch nicht gemacht, meine Kräfte zu stählen. Karl[39] war mir bis Eckartsberga[40] entgegengekommen und fachte meine matten Lebensgeister wenigstens durch gute Aussichten hier auf. Ich machte in Eckartsberga halbe und hier ganze Toilette und erschien dann bei der verwitweten Großherzogin[41], wo, wie alle Sonntage, große Soiree war. Die Herrschaften empfingen mich sehr gnädig und zuvorkommend. Marie hatte aber glücklicher Weise sich mit ihrer Schwester und einer Gräfin Gourief in dem letzten Salon etabliert, sodaß ich dort also ohne viele Zeugen das erste Wiedersehen hatte. Daß dasselbe zwar mit starkem Herzklopfen, sonst aber mit allen den Formen geschah, als sei nichts im Werke, versteht sich. Prinzessin Augusta, die ich embelliert finde, empfing mich mit großer Herzlichkeit, wie ich es immer an ihr gewohnt war. Sie jetzt noch mit ganz anderen Augen betrachtend als früher, kann ich mir nur stets Glück wünschen, daß die Wahl auf sie fiel. Ihr Verstand, Geist, ihre Herzlichkeit und Herzensgüte spricht sich bei jeder Gelegenheit aus. Und ich möchte der Bemerkung gern Raum geben, als dürfte ich mir Hoffnung machen, mit glücklichem Erfolge einst hier abzugehen. Freilich konnte bis jetzt zwischen uns noch nicht viel verhandelt werden, was uns sehr viel näher in der zu erzielenden Beziehung gebracht hätte, denn dazu ist uns noch nicht Marge gegeben worden, aber Anspielungen konnte ich doch fallen lassen, die freilich nur mit starkem Erröten und embarassiertem Ausweichen beantwortet wurden.

Ich wünsche jetzt nur, bald klar über meine Zukunft zu sehen. Die Großfürstin sagte darauf, daß sie ihrer Tochter ganz freien Willen in ihrem Entschluß ließe; ihr einstiges Verhältnis zu Marie sei so delicat, daß sie nur eine wirkliche Neigung dasselbe überschreiten machen könne. Daher müsse eine genaue Bekanntschaft vorausgehen und Sie würden mir gewiß alle Zeit bewilligen hier zu bleiben, um dieselbe machen zu können. Ich bemerkte darauf, daß, was mich beträfe, eine nähere Bekanntschaft zu machen wohl nicht nötig sei, da ich mit Bedacht und Überzeugung, glücklich zu werden, die Hand der Princeß gefordert habe; doch, da mir vor allem daran liegen müsse, daß die Prinzessin mich aus ebenfalls eigener Überzeugung wähle, so würde ich abwarten, bis ich Ihren Beschluß darüber vernehmen würde. Da bis gestern mir jedoch auf keinerlei Weise Gelegenheit geboten ward, die Prinzessin zu sprechen anders als in großem Cerkel, so ließ ich darüber mein Bedauern durch Karl und Marie aussprechen, was denn zur Folge gehabt, daß ich jetzt eine Entrevue haben soll... Ich hoffe zu Gott, daß ich nach diesem Gespräch etwas klarer über die Ansichten der Prinzessin Augusta werde urteilen können als bisher, wo alles nur auf Mutmaßungen und Beobachtungen basiert ist.

Die Morgende verstreichen hier stets mit Jagden, von denen ich vergeblich bisher wegen einer Entrevue zurückbleiben zu dürfen bat.

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 20. Oktober 1828.

Von hier und meinen hiesigen Verhältnissen kann ich Ihnen die besten Nachrichten geben, wenngleich ich noch nichts officielles mitteilen kann, indem von oben herab man noch schweigt. Aber in den unteren Haupt-Regionen ist es nicht mehr so stumm geblieben und dies ist allerdings die Hauptsache. Da ich nach einigen Tagen Aufenthalt hier bemerkte und nach den Äußerungen der Großfürstin es vielleicht mit Bestimmtheit ersah, daß sie wünschte, die Sache wenigstens nicht zu übereilen, wenn nicht auf die lange Bank zu schieben, dem ich mich ruhig unterworfen haben würde, wenn ich bemerkt hätte, daß Prinzessin Augusta mit dieser Hinausschiebung aus Unentschlossenheit einverstanden war, ich dies Letztere von der Prinzessin keineswegs gewahr ward, sondern mir aus hingeworfenen und sehr gut aufgenommenen und wohl verstandenen Worten die Überzeugung wurde, daß ich Alles zu hoffen hätte, so beschloß ich meinen Angriff direkt zu machen. So kam es denn, daß ich am 16. Abends nach dem Souper allein im Salon stand mit ihr, ihren zerbrochenen Eventail[42] in der Hand haltend; sie verlangte denselben zurück und indem ich ihr denselben hinhielt, legte ich meine Hand in die ihrige, sie fragend: wollen Sie diese behalten? Sie verlor fast alle Contenance vor Rührung, reichte mir aber gleich darauf die Hand hin und dieser Händedruck und ihr Blick sprachen Alles aus, was ihr Mund nicht auszusprechen vermögend war. Sie können denken, wie glücklich ich war und daß die Nacht ziemlich schlaflos dahinstrich. Den ganzen anderen Tag ließ ich ruhig vorübergehen, um die Prinzessin nicht in Verlegenheit zu setzen und nur einzelne Anspielungen erlaubte ich mir. Den 16. erfuhr ich dann von ihr, daß sie der Großfürstin von jener Scene gesprochen habe. Natürlich wollte ich nun gern auch mit dieser sprechen, aber doch abwarten, ob sie nicht zuerst mir ihrer Tochter Antwort sagen würde, die sie mir mitzuteilen gleich in der ersten Unterredung versprach, als ich ihr sagte, daß ich dieselbe ruhig erwarten würde. Da dies aber gestern, am 19., nicht geschah, so erfragte ich durch Prinzessin Augusta, ob ich heute kommen könnte und soeben brachte mir Mary die Antwort, daß ich morgen früh erst zur Groß-Fürstin kommen solle und ließ sie dabei fallen, als wünsche man die Entscheidung bis zum 26.[43], dem Geburtstag der Kaiserin-Mutter, hinauszuschieben. Das würde mich nun gar nicht arrangieren, weil ich, wie Sie sehen, mit der Prinzessin so ziemlich im Klaren bin, diese 8 Tage also noch als eine Comödie verstreichen müssen.

Nach dem Vorgefallenen sehen Sie, daß ich das Ja-Wort der Prinzeß eigentlich bereits habe. Ich glaube mit Zuversicht Ihnen sagen zu können, teuerster Vater, daß ich Ihnen eine Tochter zuführe, mit der Sie zufrieden sein, die Ihnen ihre ganze Liebe schenken wird und der Sie gewiß die Ihrige dann nicht versagen werden. Es ist nicht gut, zu viel Gutes im Voraus weder über innere noch äußere Vorzüge zu sagen; mein Urteil über die letzteren kennen Sie bereits und ich glaube aussprechen zu können, daß die inneren die äußeren übertreffen. Sie werden sich leicht denken können, in welcher Stimmung ich mich befinde, in diesen entscheidenden Tagen, in denen ich mein bisher so bewegtes Leben sich einem sicheren, frohen Ziele sich nähern sehe. Gott schenke mir in Gnaden die Erfüllung der Absichten, zu denen ich mich jetzt berechtigt sehe.

Weimar, den 25. Oktober 1828.

Kaum weiß ich die Feder zu führen, um Ihnen endlich zu melden, daß der geheimnisvolle Schleier von dem Verhältnis aufgezogen ist, welches sich seiner Entscheidung näherte oder eigentlich im Factum schon entschieden war.

Heute, à la veille des Geburtstages der Kaiserin-Mutter, war dazu ausersehen, um im Familienkreise mir das Ja-Wort der Prinzessin Augusta förmlich zu geben! Die Familie war dazu um 11 Uhr bei der Großfürstin versammelt; die Großfürstin empfing mich im Neben-Zimmer, wohin mich der Großherzog geleitet hatte und umarmten mich beide dort zum Erstenmale als zu ihnen gehörig; sie führten mich nun zu den Übrigen, legten unsere Hände in einander, worauf ich Augusten in die Arme sank, freilich, ohne ein Wort sprechen zu können!!! Die Großherzogin umarmte mich mit einer Herzlichkeit und Innigkeit und solcher Rührung, daß ich fast alle Fassung verlor; so waren denn auch Mary und Carl von einer Herzlichkeit und von einem so tiefen Gefühl, daß ich nie, niemals diese Scene schon wegen Aller Teilnahme vergessen werde, wenn nicht sie es wäre, welche mein Lebensglück mir sichert! Ja! dies kann ich mit aller Überzeugung aussprechen, denn ich habe Augusten in diesen Tagen so ganz kennen gelernt und gesehen, daß ich mich nicht einen Moment in ihr getäuscht habe und sie von jeher richtig beurteilte. Ich preise Gott, der mir in seiner Gnade dies Glück nach so manchem Sturm zu Teil werden läßt und kann nur zu ihm flehen, daß er mich würdig erhalte, dies Glück zu genießen und der Prinzeß das Glück zu bereiten, was mein einziges Streben von nun an sein wird!

Ihr Segen und der der teueren, unvergeßlichen Mutter wird mir nahe sein, jetzt und immerdar, wenn ich mich dessen würdig zeige! Dazu gebe Gott mir die Kraft!

Seit meinem letzten Briefe an Sie hatte ich die Unterredungen mit den zwei Eltern und der Großmutter. Ich kann nicht genug rühmen und loben, wie sehr sämtliche Herrschaften mich mit Gnade und Barmherzigkeit empfingen bei diesem entscheidenden Schritte. Da die Großfürstin sehr wünschte, den heutigen Tag abzuwarten, so konnte ich nach einigem Sträuben doch nichts dagegen einwenden, und ich gab nach.

Wie unendlich gut und liebevoll Augusta in diesen Tagen für mich war und wie ich nun heute seit dem entscheidenden Moment so ganz ihre Liebe zu mir erkannt habe, vermag ich nicht zu schildern. Ich verstehe mich manchmal selbst nicht, denn so wenig bin ich gewohnt, ein Glück festzuhalten und zu besitzen. Die ersten Worte, die mir Augusta heute sagte, zeigten mir eine Tiefe des Gefühls, die sie mir über Alles teuer macht; sie sagte: Möchte ich Ihnen doch jemals die ersetzen können, die ich ersetzen soll! Zweimal wiederholte sie diese Worte! Mehr vermag ich nicht zu sagen!

Sie werden mir wohl erlauben, nun noch 8 bis 10 Tage hier zu bleiben; den Oberst von Lützow sende ich aber nach Berlin mit dieser Freuden-Post, zugleich, weil er meine Geschäfte endlich übernehmen muß. Sie erlauben doch gewiß auch an Karl und Mary nun noch einige Tage über Urlaub zu bleiben, da der erteilte vierwöchentliche Urlaub das heutige schöne Ereignis nicht voraussah.

Die Briefe für Petersburg hat der Oberst Lützow und Sie haben wohl die Gnade, wie bei Karls Versprechung einen Feldjäger mit denselben an die Kaiserin-Mutter zu senden[44]. Den Brief für den Großfürsten Konstantin werde ich morgen nachsenden. Die Großfürstin wünscht, daß bis zur Antwort von der Kaiserin-Mutter Alles noch in Nebel gehüllt bleibe; ich soll es Ihnen ausdrücklich als ihren Wunsch mitteilen. Die Antwort aus Warna[45] wird aber wohl nicht abzuwarten nötig sein. Gott sei Dank, daß Warna über ist. Das war eine Freude und ein Jubel gestern, als ich beim Diner die Estafette mit dieser Nachricht erhielt. Also heute lauter Freude und Frohsinn.

Ich umarme Sie in Gedanken, teuerster Vater, und bitte, der Fürstin mich mit meinem Glück zu Füßen zu legen. Sie wird die Namens-Schwester gewiß freundlich empfangen. Ihren Segen anflehend

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 31. Oktober 1828.

.... Vor allem war Augusta so gerührt, über Ihre gnädigen Ausdrücke und Bestellungen[46], daß sie kaum die Bestellung dafür an Sie mir auftragen konnte, die jedoch dahin zuletzt lautete: daß sie eigentlich keine Worte in solchem Augenblicke für Sie finden könne, daß sie zu gerührt und beschämt über Ihre Gnade sei und sich so glücklich fühle, Ihnen von nun an näher anzugehören und daß sie nur wünsche, auch in der Folge Ihre Gnade und Liebe zu verdienen. Daß sie sich derselben würdig zeigen wird, kann ich täglich mit mehr Überlegung aussprechen, denn täglich gewinnt Augusta mehr in meinen Augen, in meiner Liebe und Achtung. Doch ich mag ihr Lob nicht zu hoch im Voraus spannen, um sie nicht in der Wirklichkeit hinter demselben zurückbleiben zu sehen...

Wie haben wir uns gefreut über die Rückkehr Nicolaus’ nach Petersburg; welche enorme Freude wird es gewesen sein. Gott sei gepriesen, daß die Campagne doch noch so endigte; denn die letzten Momente waren gar sehr beängstigend. Hoffentlich wird le grand Turc nun im Winter traitable werden.

Weimar, 11. November 1828.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auffallend es mir oft ist, in welchem Grade unsere Ansichten über fast alle Lebens-Verhältnisse und überhaupt über alle Gegenstände, die wir besprechen, zusammentreffen und übereinstimmen und wie dennoch Augusta Alles von demselben Gesichtspunkte aus ansieht wie ich. Wie sehr dadurch unser gegenseitiges Vertrauen wächst, läßt sich ermessen und wie froh wir zusammen einer glücklichen Zukunft entgegen sehen. Oft sagt man: die verschiedensten Charaktere geben die besten Ehen; ich denke aber, wir wollen beweisen, daß auch übereinstimmende es recht gut zusammen haben können.

Vorgestern hat die Großfürstin die Unterredung mit mir auf den Zeitpunkt der Vermählung gebracht und gleich damit angefangen zu sagen: nous en sommes pas du tout empressés de marier notre fille. Ich erwiderte, daß in dem Grade, wie man es hier vielleicht nicht sei, man es gerade bei uns im Gegenteil sei; doch ich müßte bitten, zu sagen, was für einen Termin man sich hier denke. Gegen Ende des Sommers, Anfang August, war die Antwort. Ich erwiderte, daß Ihre Ansichten und meine Wünsche darin nicht sehr abwichen, indem wir den Monat Mai wünschten, es also vielleicht nur auf einen Unterschied von zwei Monaten ankäme; doch müßte dieser Unterschied nach unseren Ansichten ausgeglichen werden, indem der Sommer und namentlich der August eine Periode sei, wo ein Beilager in Berlin gar nicht mit dem nötigen Glanze, der doch zu solchen Dingen gehöre und den ich durchaus wünschen müßte, begangen werden könne. Darauf meinte die Großfürstin: dann könnte man ja die Vermählung hier begehen. Dagegen opponierte ich auf das allerbestimmteste, ausführend, daß dies bei keinem Ihrer Söhne der Fall gewesen sei, daß alle meine Verhältnisse und Interessen zu innig mit der Idee, meine Vermählung in Berlin begangen zu sehen, vereint seien, daß ich nie davon abgehen würde. Die Großfürstin sagte darauf, daß, wenn man ihr alle Wünsche abschlüge, sie ihrerseits gewiß in dem des Termines nicht nachgeben werde, denn es sei ihre letzte Tochter und die wäre sie gar nicht expressiert zu verlieren, auch könnte das Trousseau nicht fertig werden, etc. Ich entgegnete, daß Sie gewiß nachgeben würden über den Punkt des Termines, wenn Ihnen Gründe vorgeführt würden, die haltbar seien; die bisher angeführten seien es in meinen Augen keineswegs und würden es auch in den Ihrigen nicht sein, um so mehr, da, wenn der Mai nicht bestimmt werde zur Vermählung, dieselbe bis zum November, December aufgeschoben bleibe, weil die Manöver bis zum Oktober dauerten, die Sie einen Teil des Septembers am Rhein beschäftigten, und dann auch Berlin bis zum December nicht so gefüllt sei, um den gehörigen Glanz den Festlichkeiten zu geben. Da meinte die Großfürstin, das sei um so besser, um so länger behalte sie ihre Tochter, worauf ich aber entgegnete: um so schlimmer, denn um so länger entbehrte ich ihre Tochter, und ich sei alt genug geworden, um keinen langen Aufschub mehr erdulden zu wollen, um so mehr, da auch Karl und Marie nur vom November bis Mai versprochen gewesen wären und Karl doch damals nur 25 Jahre alt war. Kurzum, Jeder blieb bei seiner Meinung und ich endigte damit, daß ich durch den intentionierten Aufschub auch noch die Unannehmlichkeit hätte, nicht einmal häufiger Besuche hier machen zu können, indem ich es mit meiner Pflicht nicht vereinbaren könnte, noch ein zweites Jahr so lange von meinem Wirkungskreise entfernt zu sein, wie in diesem Jahre, indem die Geschäfte nur zu sehr darunter litten, wenn man sie so lange anderen Händen anvertrauen müßte.

Ein ebenso streitiger Punkt war der des Termines der Verlobung. Die Großfürstin will ihn nach Neu-Jahr, weil da die halbe Trauer um ist und man auf einige Tage farbige Kleider und Diamanten usw. anziehen könnte, Conzerte geben ect. Ich versicherte, daß, da die Verlobung doch nur eine Ceremonie sei, ich nicht darauf halte, daß alle jene Dinge dabei sich zutrügen, ich aber durch den gewünschten Termin verhindert würde, früher wiederzukommen, indem ich gehofft hätte, nach Karls Beispiel, gleich nach den Petersburger Antworten verlobt zu werden, also etwa zu Weihnachten; denn daß ich noch einmal herkäme, ohne verlobt zu werden, würde ich natürlich und ganz gewiß nicht tun. Es hinge also nur davon ab, ob ich in 4 Wochen oder in 2 Monaten wiederkommen sollte. Ich werde nun noch mit dem Großherzoge vor meiner Abreise über Alles sprechen und mündlich die Resultate berichten...

Der Fürstin lege ich mich zu Füßen. Seien Sie versichert, daß wir gewiß Alle täglich Gott danken und preisen für das Glück und die Zufriedenheit, die Sie in Ihrem Besitz finden und wir mit Ihnen. Möge es Ihnen lange, lange erhalten werden.

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 12. November 1828.

Ach! Sie können sich denken, in welchem Zustande wir hier sind. Nein, wie war es denkbar, daß diese teuere Kaiserin[47], die so noch in der Kraft und Fülle der Gesundheit dazustehen schien, so bald uns entrissen werden würde. Ich betrauere in ihr ein Herz, das mir während 11 Jahren mit mütterlicher, wahrhaft mütterlicher Liebe zugetan war und das sich gerade jetzt diesen Namen mit Recht erringen sollte. O wie rührend ist sie noch in ihren letzten Stunden mit meiner Augusta und mir beschäftigt gewesen. Ich kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht mehr die Kunde erhielt, daß Alles am Ziel sei...

Weimar den 22. November 1828.

.... Sonst hat die Großfürstin sehr viel Fassung dies Mal gezeigt ... hauptsächlich sagt sie immer, daß ihr der Anblick meines Verhältnisses zu Augusta Ruhe und Frieden wiedergäbe. Sie ist gegen mich von unendlicher Liebe und Herzlichkeit, denn sie sieht mich wie ein Vermächtnis der Kaiserin an, die mich viel mehr kannte als sie bisher und ihr immer so gnädig und liebevoll von mir gesprochen hat...

Wie mir bangt, Sie nach Allem wiederzusehen und zu umarmen, können Sie sich denken. Auf 14 Tage nahm ich von Ihnen Abschied und nun bin ich im dritten Monat schon abwesend.

Wegen des Wiederkommens[48] wird gegenseitig die Zeit zu Weihnachten gewünscht, wo Sie mir vielleicht erlauben, auf 8–10 Tage herzugehen. Die Zeit der Verlobung ist hier noch unschlüssig, teils zum 30. Januar als dem Geburtstag der alten Großherzogin, teils zum 15. Februar als dem Geburtstag der Großfürstin gewünscht, weil dann auch die Hälfte der neuen Trauer um ist. Ich hätte nicht gewünscht, vor der Verlobung wieder herzukommen; doch bei der nun eingetretenen Verzögerung muß ich diesen Plan wohl aufgeben, um so mehr, weil die Verzögerung jetzt einen anzuerkennenden Grund hat, der früher, in meinen Augen, mangelte... Auch habe ich der Großfürstin gesagt, daß ich vermutete, daß nunmehr bei uns wenigstens kein Geheimnis mehr aus meiner Versprechung gemacht werden würde, da keine Antwort mehr, leider, abzuwarten sei.

Weimar, den 8. Januar 1829.

.... Es scheint ja am politischen Himmel ganz einig mit einem Male auszusehen, in Beziehung auf Griechenland, indem Rußland, Frankreich und England jenes Land als unabhängig gegen die Pforte erklärt haben sollen und daß jeder Schritt von Seiten der Türkei, durch gewaffnete Hand diese Unabhängigkeit anzutasten als ein Angriff auf die drei führenden Mächte betrachtet werden würde. Da dies ganz und gar die Ansicht ist, welche der Kaiser von Österreich und noch mehr Fürst Metternich mir aussprach und es auch wohl die Ihrige gewiß ist, so wäre also in dieser Beziehung eine völlige Einheit der Ansicht eingetreten, wenn nicht Österreich seit den zwei Monaten wieder umgesattelt hat[49].

Berlin, den 5. Februar 1829.

Gestern Abend habe ich die Einlage als Antwort der Großfürstin auf meinen Brief erhalten, in welchem ich ihr in Ihrem Auftrage von dem Zeit-Punkt meiner Vermählung sprach. Daß diese Antwort nicht gleich günstig ausfallen würde, konnte ich wohl vermuten. Daß sie aber so abgefaßt sein würde, wie Sie sehen werden, mußte ich weit entfernt sein zu erwarten, da sie in Ausdrücken und einem Tone geschrieben ist, die ich noch niemals gehört habe. Zum Glück habe ich eine Abschrift der gedachten Stelle meines Briefes behalten, welche ich hier beifüge, um Ihrem eignen Urteile es zu überlassen, ob eine solche Antwort zu erwarten war und jemals zu billigen ist.

.... ich bemerke, daß jene einzige Conversation, welche ich mit der Großfürstin über den Vermählungs-Termin hatte, gar nicht oberflächlich und unvollständig war, denn wir hatten eine Stunde conferiert, als wir unterbrochen wurden; aber Alles war de part et d’autre völlig durchgesprochen, wie ich es Ihnen damals schrieb.

Daß ich neulich nicht wieder von dem Gegenstande sprach, war bei der erneuten Trauer sehr begreiflich. Und jetzt, wo also ein Austausch der Ansichten eingeleitet wird, erhalte ich diese Antwort, die mir vorwirft, im vernichtenden Tone geschrieben zu haben und die Pretension aufstellt, daß Sie hätten selbst schreiben müssen...

Weimar, den 16. Februar 1829.

Schon in Wittenberg hatte ich eine Antwort der Großfürstin auf meinen Brief erhalten, die ich beilege, und also Frieden geschlossen war. Den fand ich also auch durch die Art meines Empfanges als etabliert bestätigt und so störte nichts die Freude des Wiedersehens.

Ich habe gestern meiner Prinzeß das Brautgeschenk, die Perlen, überreicht, die sehr gütig von Allen aufgenommen wurden. Heute übergab die Groß-Fürstin an Augusta ihr Braut-Geschenk, in einem Kamm und Collier von Rubis balais bestehend, ganz superbe.

Um Mitternacht. Die Verlobung ist vorüber und ich dadurch um einen bedeutenden und wichtigen Schritt näher dem so lang ersehnten Ziel. Gott wolle mir stets die Zukunft so heiter und zufrieden gestalten, als sie mir jetzt leuchtet und wie es die Gegenwart ist. Dies ist Alles sagen, was ich vermag, indem es ja alles sagt, was ich über Augustens Eigenschaften aussprechen kann. Die wichtigen Momente im Leben weiß sie gerade auf eine so schöne und hohe Art zu nehmen und mit mir zu besprechen, daß sie mir täglich edler und besser erscheint. Zu Gott flehe ich, daß er sie mir so erhalte und mich ihr würdig.

Ewig ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 1. März 1829.

Ihre Wünsche sowie die meinigen sind hinsichtlich des Termines und Ortes glücklich erreicht... ich habe mich mit der Großfürstin vor mehreren Tagen völlig über Alles ausgesprochen, Vergangenes und Zukünftiges; über das Vergangene sagt sie, sei Friede geschlossen durch die gegenseitig zuletzt gewechselten Briefe. Über die Zukunft, d. h. Termin und Ort der Vermählung[50], erklärte ich, daß ich Ihnen Alles übergeben hätte, seitdem Sie die Gnade gehabt hätten, auf jenen Brief der Großfürstin an mich zu antworten, ich also ganz nach Ihren Ansichten handeln würde und gleich Ihnen ruhig der Entscheidung entgegen sähe. Schon in dieser Unterredung merkte ich, daß sie entschlossen war, in Alles einzuwilligen, daß aber, wie sie damals sagte Mühe haben würde, den Großherzog zu disponieren.

Weimar, den 10. März 1829.

Gerade in diesem Jahre den heutigen[51] Tag entfernt von Ihnen und dem teueren Ort zu begehen, der uns in der Mittagstunde zusammenführt, können Sie leicht denken, ist mir eine unendlich schmerzliche Entbehrung. Denn wie viel umfassend müßte heute wohl ein Gebet sein, daß an jener Stelle nur um so inbrünstiger und bedeutungsvoller gewesen sein würde. Ich habe ihren Segen erfleht auf Alles, was in diesem Jahre mich so entscheidend treffen soll. Wäre sie noch unter uns, so hoffe ich, würde sie mit der getroffenen Wahl zufrieden gewesen sein und die neue Tochter geliebt haben. An dem heutigen bedeutungsvollen Tag muß ich Ihnen also Augusta von Neuem empfehlen und Ihnen allein, da keine Mutter sie bei uns empfängt, deren Segen aber immer unter uns bleiben wird und so sich auch auf Augusten ausbreiten wird...

Die Mitteilungen kürzlich über unsern Finanz-Zustand haben allgemeines Interesse erregt, da sie den Flor desselben ankündigen. Mir, als Militär, ist dabei natürlich die ersparte Summe von 600000 Tlr. beim Kriegs-Etat in die Augen gesprungen und wenn ich freilich vermuten muß, daß diese Ersparnis für andere militärische oder allgemeine Staats-Haushalts-Angelegenheiten verwandt worden ist, so hat sich bei mir der Wunsch aufgedrängt, ob nicht ein Teil dieser Summe zum Etat des Kriegsministers gebracht werden könnte und zwar, um dafür unsere Cavallerie-Regimenter zu verstärken. Diese Argumentation scheint mir dasjenige zu sein, was Ihre Armee am notwendigsten bedarf, sobald die Finanzen es erlauben. Da Sie selbst vor Kurzem die Ansicht aussprachen und ich durch die Anschauung der starken russischen und österreichischen Cavallerie-Regimenter erneut auf die Wichtigkeit der Argumentation der unsrigen aufmerksam ward, so habe ich mich mit diesem Gegenstande beschäftigt... bei der Wichtigkeit des Gegenstandes und der vielleicht disponiblen Fonds unterstehe ich mich, hierauf aufmerksam zu machen, hoffend, daß diese freilich unberufene Einmischung mir von Ihnen nicht ungnädig aufgenommen werden wird.

Weimar, den 6. Juni 1829.

Um 11 Uhr bin ich hier angelangt und habe Alles wohl angetroffen, wenngleich auch Alles durch die bevorstehende Trennung und die vielen Abschieds-Scenen recht wehmütig gestimmt ist.

Vor allem soll ich aber melden, daß die Groß-Fürstin und der Großherzog sich entschlossen haben, nunmehr auch zur Vermählung nach Berlin zu kommen. Die Großfürstin fragte mich, ob sie es ohne Ihre Einladung tun dürfe; ich erwiderte, daß es den Eltern wohl nie benommen werden könne, ihr Kind zur Vermählung zu begleiten. Nun, dann soll mich der Kaiser beim König melden, sagte die Groß-Fürstin; der Großherzog wird Ihnen selbst dieserhalb schreiben... Sie können sich denken, wie froh Augusta und ich über diesen Entschluß ihrer Eltern sind, der den Abschied noch etwas hinausschiebt. Es ist kaum möglich, unter schöneren und froheren äußeren Auspizien eine Vermählung zu feiern; man könnte ganz hochmütig werden, wenn man nicht die Demut zu Hilfe nimmt. Gott gebe eine so glückliche Zukunft, als der Moment schön ist.

Halle, den 7. Juni 1829.

Die glücklich erfolgte Ankunft Augustens an Ihrer Grenze und im ersten Nachtquartier Merseburg eile ich Ihnen sogleich zu melden. Der heutige Morgen war natürlich ein schwerer Moment für meine arme Braut. Früh 7 Uhr waren wir in der Kirche, wo wir Stärkung und Fassung erflehten. Der Lehrer Augustens predigte und recht von Herzen. Bis 11 Uhr blieben wir dann beisammen en famille. Um halb 12 erfolgte die Abreise. Ich fuhr fort, als das Abschiednehmen begann. An der Grenze erwartete ich Augusta, wo sie kaum eine halbe Stunde nach mir eintraf und ich sie im neuen Vaterlande bewillkommnete. Im starken Regen verließen wir Weimar, aber an der Grenze schien die Sonne herrlich und warm. Möge es ein günstiges Vorzeichen meiner Zukunft sein. Wie glücklich ich mich fühle, Augusta bei uns zu wissen, begreifen Sie. Und nun auch zu sehen, wie sie sogleich nach der schweren Trennung eine Stütze in mir sucht, ist mir unbeschreiblich rührend und tröstlich.

Von der Grenze bis Merseburg fehlte es denn auch nicht an unzähligen Ehrenpforten, Reden, Gedichten, weißgekleideten Mädchen. Alles war sehr hübsch geordnet, ordentlich und herzlich. Morgen will Augusta noch in Merseburg dem Gottesdienste beiwohnen und um 10 Uhr abreisen. Ich habe mich der Etikette wegen hierher begeben, werde aber zur Kirche in Merseburg sein. Gott geleite uns gnädig in Ihre Arme und in die Mitte der teueren Familie.

Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 26. Oktober 1829.

Preußen scheint in einem nie gekannten Ansehen in Süddeutschland zu stehen und wohl sehr mit Recht. Ein Aufsatz im Hesperus, einer Dresdner Zeitschrift[52], zeugt hiervon aufs deutlichste, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Hier ist der Preußen-Sinn noch nicht der stärkste, was sich neuerdings durch den auf 12 Jahre verlängerten Zoll-Verband der kleinen Mächte erweiset. Ich habe hier mehrere der Herren gesprochen, die Alle wünschen sich anzuschließen an Preußen und Bayern ect., aber eine gewisse Rückschau ist allenthalben bemerkbar, die sie nie mit ganzer Sprache herauskommen läßt. Ich habe ihnen also die Zunge zu lösen gesucht und gesagt, daß wir wohl wüßten, daß Preußen von Wien aus als eine gefährliche, sich vergrößernde Macht geschildert würde, daß ich aber ersuchte, den Weg zu beobachten, den Sie seit 15 Friedensjahren gegangen wären, ob da wohl im geringsten eine solche Tendenz bemerkbar sei? Die embarassierten und widersprechenden und nichtssagenden Antworten, die ich darauf erhielt und die mir große Genugtuung waren, vermag ich hier nicht aufzuzeichnen. Auch an diesen Antworten habe ich gesehen, daß die Wahrheit ohne Rückhalt gesagt, Wunder wirkt, da man noch selten gewohnt ist, die Sachen und Verhältnisse beim rechten Namen zu nennen. Trotz dem 12jährigen Bunde kamen jetzt Deputierte nach Berlin, um zu einem gemeinsamen Bunde zu unterhandeln, also sind jene 12 Jahre eine reine Chimäre...

Weimar, den 5. November 1829.

Ich habe noch eine sehr lange und interessante Unterredung mit dem hiesigen Faiseur, Geheimrat Schweitzer[53], gehabt, den mir der Großherzog schickte, um über die Handels-Verhältnisse zu sprechen. Ich habe gegen ihn wie gegen Alle die gleiche offene und wahre Sprache geführt und die Satisfaction gehabt, zu sehen, daß auch dieser aus Verstand und Finesse zusammengesetzte Mann nichts einwenden konnte gegen die Tatsache, die ich anführte, nämlich daß ich niemals ein freundschaftliches Verfahren und kein annäherndes gegen Preußen darin finden könnte, wenn man sich in einem anti-Preußischen Bund auf 12 Jahre länger bindet, während man zugleich mit Preußen unterhandeln will. Da ich ganz und gar die Stellung Preußens so erkannt habe, wie Sie es angeben, so hoffe ich durch die freie Darlegung dieser unserer Stellung hier vielleicht Gutes bewirkt zu haben. Die Groß-Fürstin sprach mir heute ganz in diesem Sinne, nachdem sie noch vor wenigen Tagen, wie ich durch Augusta weiß, eine ziemlich andere Gesinnung offenbart hatte. Ja, sie ging sogar so weit, daß sie sagte: Sie müßten mehr tun, um Deutschland zu sich und von Österreich abzuziehen. Ich erwiderte, daß ich nicht glaubte, daß Sie dies tun würden, da mir dies auch nicht nötig schien, indem es nur Jalousie geben könne, auf der andern Seite aber Sie die Satisfaction bereits hätten, viele Mächte sich Ihnen nähern zu sehen, und in einem Worte faßte ich es so zusammen: Le Roi verra venir les autres.

Eine Klage, die ich öfters schon hörte und hier auch wieder, ist die, daß die Beamten nicht immer in dem geziemenden Tone zum Auslande sprechen und daß namentlich die Räte in den Ministerien und Regierungen darin fehlen und dadurch, daß sie in anmaßendem Ton reden und schreiben, sie mehr die Stimmung gegen Preußen als für dasselbe gewinnen. Eine Prüfung der Befehle in diesem Punkte dürfte gewiß nicht überflüssig sein, obgleich ich meine Überzeugung darüber dahin ausgesprochen habe, daß die Arrogance einiger Beamten doch unmöglich eine Mißstimmung gegen eine sonst so anerkannt erleuchtete Regierung erzeugen könne.