Das Bildnis des Hans Perckmeister.
Gegen das Ende des Jahres 1894 gelangte durch Ankauf ein interessantes Porträt, in Öl auf Holz gemalt, h. 51 cm, br. 41,5 cm in die Gemäldesammlung des germanischen Museums. Am obern Rande trägt das Bild, dessen nähere Beschreibung unten folgt, auf dem olivgrünen Grund in gelben lateinischen Majuskeln die Inschrift: ALS · MAN · M · CCCC · LXXXXVI · IAR · ZALT · WAS PERCKMEISTER · LX · IAR · IN · DER · GE · STALT · Am Rande der linken Seite in der Mitte das Monogramm W aus zwei sich überschreitenden V gebildet. Der Dargestellte (Brustbild) blickt dem Beschauer dreiviertel en face etwas nach rechts gewandt entgegen, die beiden nicht mehr ganz sichtbaren Hände sind gekreuzt, in der Rechten hält er einen Rosenkranz mit roten Perlen. Er trägt schwarze Schaube und schwarze Mütze mit hinten herabhängendem Ende. Das Gesicht ist schmal, mit kräftiger, ein wenig gebogener Nase, vielfach von Falten durchfurcht, das Haar graumeliert, der Ausdruck der eines klugen, dabei etwas gutmütigen Mannes.
Über die Persönlichkeit des Dargestellten hat Hermann Peters in seinen geschichtlichen Notizen über die Mohrenapotheke das Wissenswerte zusammengestellt. Darnach war er der Sohn des Meisters Conrad Berkmeister, Besitzers der an Stelle des jetzigen Rathauses an der Ecke der heutigen Theresienstraße dem seinerzeitigen Predigerkloster gegenüberliegenden Apotheke. Nach der mitgeteilten Inschrift ist Hanns 1436 geboren; 1470-1512 in welchem Jahre er starb, war er Genannter des größeren Rates. Die Apotheke am Predigerkloster, die er jedenfalls nach seinem Vater übernommen, befand sich schon vor seinem Tode in andern Händen (1511) und es ist wahrscheinlich, daß er, der mit seiner Frau eine Stiftung für die neue Spitalapotheke gemacht hatte, diese selbst in seinen letzten Lebensjahren geleitet habe.
Das Bild ist gewiß kein hochbedeutendes Kunstwerk, aber nach mehr als einer Richtung von kunstgeschichtlichem Interesse. In der reichen Litteratur über Wolgemut ist es bisher nicht erwähnt, insbesondere auch Thode unbekannt geblieben. Gehört es wirklich Wolgemut an, so wäre es dessen bisher einzig existierendes bezeichnetes Gemälde. Daß das Monogramm W alt und echt ist, unterliegt nach Angabe von Geheimrat v. Reber und Professor Hauser, die gelegentlich der Restauration Gelegenheit hatten genau zu prüfen, keinem Zweifel. Fraglich bleibt zunächst nur, ob es Wolgemut bedeutet. Sind die verschiedenen W auf Illustrationen des Schatzbehalters Hinweise auf den Künstler Michael Wolgemut, so ist es das W auf dem vorliegenden Bilde sicher auch. Noch mehr aber dürfte für Wolgemut die künstlerische Art und Weise sprechen. Zum Vergleich heranzuziehen ist zunächst das in Größe und Ausführungsart dem des Hans Perckmeister ganz gleiche Brustbild des Martin Rosenthaler (Kat. d. Gem. d. Germ. Mus. Nr. 119). Leider ist das Bild schlecht erhalten, mit Ausnahme des Gesichtes ist alles übermalt. Die Persönlichkeit des Dargestellten geht aus einer fast verwischten Inschrift der Rückseite, die bisher nicht beachtet wurde, hervor, und heißt: MERTEN ROSSENTAHLER IN DIESER GESTALT 72 IAR ALT. Sie ist nach der Schrift (Weiß auf schwarzem Grund) wohl im sechzehnten Jahrhundert, vielleicht als das Bild eine Übermalung erhielt, erneuert worden. Die freie, kecke, an eine schnell gemachte Skizze erinnernde Art des Porträts Perckmeisters wohnt ihm nicht inne, es ist sorgfältiger behandelt, wie das Perckmeisters zeigt es aber dieselbe Auffassung und dieselbe Art den Dargestellten gegen den Hintergrund zu setzen. Der Dargestellte war nach urkundlichen Nachrichten 1493 gestorben, 1492 von einer Reise in das gelobte Land zurückgekehrt. Vermutlich ist das Bild kurz nach 1490 oder 1492-93 entstanden. Von diesem Martin Rosenthaler existiert ein auch in der Porträtsammlung des Museums vorhandener Kupferstich von J. F. Leonhardt (Ende des 17. Jahrhunderts). Dieser enthält auch die Notiz über Rosenthalers Wallfahrt zum heiligen Grab, welche in der betreffenden Litteratur bis heute nicht Erwähnung gefunden hat. Es ist eine ebenfalls nach links gewandte Halbfigur in schwarzer Schaube mit Rosenkranz in der Rechten. Das Haupt deckt ein pelzverbrämtes Barett. Der Dargestellte trägt hier einen Bart und ist jugendlicher, etwa als Fünfziger, wiedergegeben, so daß die beiden auf die Pilgerfahrt bezüglichen Zeichen, Muschel und Stern wohl spätere Zuthat sind. Die Gesichtszüge sind trotz des Bartes unverkennbar dieselben wie auf dem Ölgemälde und offenbar liegt dem Stich ein gleichzeitiges Gemälde zu Grunde. Nicht so groß, aber doch leicht erkenntlich ist die Verwandtschaft zu den neuerdings Albr. Dürer zugeschriebenen Tucherbildnissen der Casseler Galerie und des Weimeraner Museums. In Auffassung und Technik stehen diese 1499 datierten Bilder entschieden bedeutend höher als das vorliegende Porträt. Nichtdestoweniger ist die zeichnende, die Konturen hervorhebende Art beiden gemeinsam, auch die Art die Augen zu behandeln zeigt Verwandtes. Daß das Bildnis in die der Werkstatt Wolgemuts angehörende Gruppe zu verweisen ist, wurde auch ohne Monogramm des Weiteren ein Vergleich mit der Vorderseite der Predella des Peringsdorfferischen Altars (Brustbilder Cosmas, Damian, Magdalena und Lucia, Kat. Nr. 113 und 114) ergeben; die technische Behandlung des Haares und des Fleisches, der Modellierung stimmt genau überein.
Ein erhöhtes Interesse gewinnt das Bild durch den Umstand, daß wir von einem zweiten und zwar plastischen Bildnis desselben Mannes Kunde haben. Wäre nicht die ganz ausdrückliche Bemerkung dabei, daß es Bildhauerarbeit und zwar vermutungsweise eine solche von Veit Stoß sei, so würde die Annahme, daß wir es mit dem eben besprochenen Gemälde zu thun haben, wohl kaum fehlgreifen. Joh. Christoph von Murr berichtet nämlich in seiner Beschreibung der Marienkirche zu Nürnberg (v. J. 1804, auf S. 15) bei Gelegenheit der Besprechung der Kunstweise von Veit Stoß: »Ich habe von Veit Stoß eine sehr schöne Büste. Sie ist 12½ Zoll hoch (das entspricht auch ungefähr der Größe des gemalten Bildnisses), und hat diese Aufschrift in goldenen Buchstaben:
»ALS MAN M · CCCC · LXXXVI IAR ZALT
WAR HANS PERCKMEISTER IX IAR IN DER GESTALT.«
Das in der Bibliothek des germanischen Museums befindliche Exemplar der Schrift, stammt aus der Colmarischen Bibliothek und trägt von der Hand dieses Sammlers wie so viele andere, auch die Bemerkung: Jetzt hat sie (die Büste) Hr. Fürst Reiß-Lobenstein. Leider waren die Bemühungen den weiteren Verbleib dieser Skulptur, die als deutsche Porträtbüste des XV. Jahrh. von größter kunstgeschichtlicher Wichtigkeit wäre, festzustellen, bis jetzt ohne Erfolg. Eine handschriftliche Bemerkung auf der Rückseite des Ölgemäldes, der Schrift nach aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, weist auf die »alhier« befindliche Praunsche Kunstkammer hin, und beweist damit, daß das Gemälde sich bis auf unser Jahrhundert in Nürnberg befand. In den Besitz des Museums gelangte es aus der nachgelassenen Sammlung des Appellationsgerichtsrates Lippart in Sulzfeld a. M., wo es wohl wenigstens seit der Mitte des Jahrhunderts war. Merkwürdig ist immerhin, daß weder Murr, der doch die Nürnbergischen Kunstbestände sehr genau kannte, noch der Autor der handschriftlichen Bemerkung von dem Vorhandensein des Bildes etwas wußten. Vielleicht trägt diese Notiz dazu bei, der Büste des weiteren nachzuforschen; dann kann auch entschieden werden, ob, wie zu vermuten ist, beide Arbeiten zusammenhängen, resp. das eine nach dem Vorbild des andern geschaffen wurde. Die lebenswahre, jedem Beschauer auffallende Behandlung des Gemäldes spricht vorläufig für die Arbeit desselben nach dem Leben.
Nürnberg.
Hans Stegmann.