Leonhard Danner.
Zu dem Artikel »Aus der Plakettensammlung II« sei nachträglich erwähnt, daß der unter Danner angeführte Brettstein nebst einer Reihe anderer, sicher auf diesen Künstler zurückzuführender, von Stockbauer, Bayer. Gewerbe-Zeitung 1888, Nr. 1, beschrieben wurde.
F.
Das schleswig-holsteinische Frontale im germanischen Museum.
Zu den wertvollsten Schätzen des germanischen Museums zählt ein in der Kirche aufgestelltes Frontale. Es dürfte nicht überflüssig sein, das Interesse der Besucher der Sammlung auf dieses schon durch seine Seltenheit und sein Alter kostbare Stück zu lenken.
Die Seitenwände, vornehmlich aber die Vorderwand des Altares zu schmücken, sei es durch Vorhänge, sei es durch eine Vorsatztafel (antependium, frontale, antemensale) ist jedenfalls eine sehr alte Sitte, welche bis in die frühchristliche Zeit zurückreicht. Auf dem bis etwa zum Jahre 1000 gewöhnlich vom Ciborium überdachten Altar durften nur die notwendigsten Geräte aufgestellt werden, das Kruzifix, die Leuchter, das Meßbuch und außerdem Reliquienbehälter. Für figurale Darstellungen bot sich also kein geeigneterer Platz, als die Seitenwände und die Vorderseite des Altares. Letztere wählte man naturgemäß vorwiegend zur Anbringung bildlichen Schmuckes. Meistens scheint man sich dabei einer metallenen Tafel bedient zu haben, sehr häufig auch des Holzes, oder in Rahmen gespannter Gewebe. In einzelnen Fällen wurde Stein verwandt. Diese Altarvorsätze waren beweglich und konnten nach Bedarf entfernt oder gewechselt werden. Für die weitere Entwicklung des Altarschmuckes wurde die Neigung zur Aufstellung einer immer größeren Anzahl prächtiger Reliquienbehälter auf der Altarplatte (mensa) von Bedeutung. Diese Gegenstände beengten den Raum der Mensa. Um nun diesen wieder für ungehinderte Ausübung der heiligen Handlung zu gewinnen, ohne doch den prächtigen Schmuck der goldenen und silbernen Reliquienbehälter entbehren zu müssen, errichtete man hinter der Mensa eine sie überragende Steinwand (retabulum) die zur Aufstellung kirchlicher Prunkgefäße diente. Das Retabulum selbst bot eine neue Fläche für Anbringung figuraler Darstellungen, die man nicht unbenutzt ließ. In derselben Weise, wie beim Schmuck der Stirnwand des Altares verfuhr man auch hier und so entwickelte sich über dem Frontale ein Superfrontale[326]. Aus dem Retabulum mit dem Superfrontale ging unter der Herrschaft der Gotik der reichgeschnitzte und bemalte, in die Höhe und Breite wachsende Flügelaltar hervor, während gleichzeitig das Frontale mehr und mehr seinen bildlichen Schmuck verlor und sich in eine ornamental verzierte Altarbekleidung umwandelte. Das metallene Antemensale verschwindet im Laufe der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts, an seine Stelle tritt die zuweilen geschnitzte, meist bemalte Holztafel und vor allem gewebte Antependien.
Aus der hier kurz gegebenen Entwicklung der Altarbekleidung ergibt sich, daß sich das metallene Frontale mit figuralem Schmuck allgemein nur bis zum Beginn der Gotik findet[327]. Die erhaltenen romanischen Antemensalien sind in ihrer größeren Zahl gewebte, bemalte oder gestickte Antependien, ferner bemalte, sehr selten geschnitzte Holztafeln. Metallene Frontalien sind nur in geringer Anzahl überkommen. Doch darf man daraus nicht den Schluß ziehen, sie wären seltener angewandt worden, denn der Not und dem Kampfe der Zeiten mußten solche Stücke leichter als weniger kostbare zum Opfer fallen. Dieses Schicksal hatte z. B. eine am Ende des XII. Jahrhunderts aus Gold und Silber gefertigte Altartafel des Klosters Petershausen. So wurde auch im XVI. Jahrhundert der mit Edelsteinen gezierte Altar aus dem Dom zu Merseburg, ein Geschenk Kaiser Heinrich II., Kriegsbeute.
Doch sind einige metallene Altarvorsätze in Deutschland erhalten geblieben: Im Schatze des Münsters zu Aachen 17 getriebene Goldplatten aus dem X. Jahrhundert[328], ein goldenes Frontale, das Kaiser Heinrich II. 1019 dem Münster zu Basel gestiftet hat[329]. Jetzt befindet es sich im Hotel Cluny zu Paris. In der Stiftskirche zu Komburg in Württemberg ist ein kupfernes, vergoldetes, mit Emailarbeit und Edelsteinschmuck versehenes Frontale aus dem XII. Jahrhundert[330]; ferner ist das Antemensale der Ursulakirche in Köln zu nennen, von gleicher Arbeit und aus gleicher Zeit wie das vorige[331]. Ein hervorragendes Werk deutscher Emailarbeit ist das Frontale in Kloster-Neuburg, das in drei Reihen die Heilsgeschichte zur Anschauung bringt[332].
Das zuletzt entdeckte unter der geringen Anzahl in Deutschland erhaltener Frontale ist das im germanischen Museum aufgestellte, aus Quern in Angeln (Kreis Flensburg, Schleswig-Holstein) stammende.
Erwähnt wird das Querner Frontale von Haupt in seinen Bau- und Kunstdenkmälern der Provinz Schleswig-Holstein Bd. I. S. 321; ferner in der schleswig-holsteinischen Kirchengeschichte, nach hinterlassenen Handschriften von H. N. A. Jensen, herausgegeben von A. L. J. Michelsen Bd. II. S. 267. Auch in Ottes Handbuch der kirchlichen Kunstarchäologie des deutschen Mittelalters Bd. I. S. 136 findet es eine kurze Erwähnung. Eine ausführlichere Beschreibung widmet ihm J. P. Trap in seiner Statistisk-topographisk Beskrivelse af Hertug-demmet Slesvig Bd. II. S. 500 und 501. Endlich darf wohl angenommen werden, daß das von J. von Schröder in seiner Topographie des Herzogtums Schleswig S. 414 erwähnte kupferne Altarblatt mit dem Brustbild Christi und den vier Evangelistenzeichen unser, hier allerdings ungenau beschriebenes Frontale sein soll. Wenigstens haben meine Nachforschungen am Orte selbst keinen Anhalt ergeben für die Annahme, daß noch ein zweites kupfernes Altarblatt in Quern sich befunden habe.
Das Frontale im germanischen Museum stammt aus der St. Nicolaikirche in Quern, einem romanischen Quader- und Feldsteinbau, der in seiner ursprünglichen Form dem XII. Jahrhundert angehören mag. Die Altartafel wurde, wie Haupt mutmaßt, am Ende des XVII. Jahrhunderts mit Flügeln versehen, die eine schlecht gemalte Darstellung des Abendmahls und der Kreuzigung enthalten. In dieser Form diente sie als Altaraufsatz. Unter dem 31. Oktober 1881 beschloß das Kirchenkollegium, das Antependium, welches seit 1869 hinter dem Altar gehangen hatte, und dessen Altertumswert niemand ahnte, nebst zwei messingenen Altarleuchtern für 300 Mk. zu verkaufen[333]. Eine Zeit lang war das Antemensale im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt und wurde schließlich vom germanischen Nationalmuseum in Nürnberg erworben.
Die Querner Altartafel ist zwei Meter lang und ein Meter hoch, von stark vergoldetem Kupferblech, aus einzelnen unregelmäßig geschnittenen Platten zusammengesetzt. Die Aureole in der Mitte der Tafel ist 580 mm. hoch, 432 breit, der obere Rand hat 30, die innere Abschrägung 32 mm. Die Bogennischen haben eine Höhe von 340 und eine Breite von 60 mm. Der mittlere Ornamentstreifen ist 40 mm. breit. Die Figuren haben folgende Maaße: Die Christusfigur mit der Gloriole 400 mm., der geflügelte Mensch 290 mm., die übrigen Figuren messen 270-280 mm. von der Hake bis zum Scheitel. Die unbärtigen Köpfe haben ein Maaß von 45-50 mm., die bärtigen von 60-70 mm.
Inhalt und Einteilung der Tafel sind die für das Frontale um 1200 allgemein üblichen. In kräftig getriebenem Relief, das die Köpfe und oberen Körperpartien besonders stark hervortreten läßt, zeigt sie in einer von den vier Evangelistensymbolen in der Reihenfolge Matthäus, Johannes oben, Marcus, Lucas unten, umgebenen, zugespitzten elliptischen Aureole den Salvator auf tuchbehangenem Thron, die rechte Hand segnend erhoben, die linke auf das Buch des Lebens gestützt. Die Füße stehen auf einem Schemel. Der bärtige Kopf des Heilands ist von einer Gloriole umgeben, welche die Kreuzform in bekannter Weise enthält. Das Bild hebt sich von schuppenartig gemustertem Grund ab. Über der Aureole ist die Taube, unter der Aureole das Lamm mit Heiligenschein und Fahne in typischer Darstellung gegeben. Zu beiden Seiten des großen Mittelfeldes sind je sechs Apostel zu drei und drei über einander in romanischer Rundbogenstellung angeordnet. Petrus ist durch den Schlüssel ausgezeichnet, die übrigen Apostel tragen das Buch. Die obere und untere Bogenstellung werden durch einen Ornamentstreifen getrennt; ebenso ist die Aureole durch Ornamentstreifen gebildet. Ein Rundstab scheidet die Tafel von dem nach innen abgeschrägten Rand. Auf letzterem findet sich in Beziehung auf das Salvatorbild die mit Gold gemalte Inschrift: Sum lux eterna residens in sede superna. — Lux ego sum vite per me sup astra venite.
Mit Bezug auf die Bestimmung des Altares heißt es weiter: Est deus hic regnans hic sacratur et ebibitur roseus cruor agni per quem sulphurei tepuit violentia stagni. — Die erste Umschrift beginnt über der letzten Bogennische links von der Aureole und endigt unter Petrus. Dort setzt die zweite Umschrift ein.
Der Querner Tafel fast gleich nach Inhalt und Einteilung ist das dem XII. Jahrhundert angehörende Antemensale aus der Stiftskirche zu Komburg in Württenberg. In der Mitte zeigt es gleichfalls die Aureole in Gestalt einer zugespitzten Ellipse mit der hier allerdings stehenden und auch sonst abweichenden Heilandfigur. Durch gerade verlaufende Ornamentstreifen wird das Mittelfeld von den Seitenfeldern abgetrennt. In den so um die Aureole entstehenden vier Zwickeln sind die Evangelistensymbole angebracht in derselben Reihenfolge wie auf der Querner Tafel. Die Seitenfelder gleichfalls durch gerade verlaufende Ornamentstreifen abgeteilt und darin von der Querner Tafel abweichend, enthalten in gleicher Anordnung, zu drei und drei über einander beiderseits je 6 Apostel. Die Reihenfolge unter den Aposteln selbst ist allerdings insofern eine andere, als in dem Komberger Antemensale Petrus, der hier noch nicht mit dem Schlüssel dargestellt ist, in der oberen Reihe rechts zu nächst dem Mittelfelde steht, während er in dem Querner Frontale an der entsprechenden Stelle in der unteren Reihe rechts seinen Platz gefunden hat.
Dem Komburger Antemensale nahe verwandt ist die Altartafel in St. Ursula in Köln. Die übrigen von mir angeführten metallenen Frontalien aus Deutschland weichen völlig ab von dem Typus, den die Querner Tafel zeigt. So stellt der berühmte goldene Altarvorsatz aus dem Münster zu Basel unter 5 hohen schmalen säulengetragenen Rundbögen Christus mit den 3 Erzengeln und dem heiligen Benedictus dar. Die Tafel aus Klosterneuburg entbehrt ganz des plastischen Schmuckes, sie giebt in vortrefflicher Emailarbeit die Heilsgeschichte wieder.
In Schleswig-Holstein selbst finden sich einige hölzerne Altarvorsätze, die bezüglich ihrer Einteilung und des Inhalts ihrer Darstellung bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Querner Tafel zeigen. Zunächst ist in der alten Kirche zu Ekwadt (Kreis Apenrade) vor der Mensa ein spätromanischer, um 1200 gefertigter Vorsatz[334], der genau dieselbe Einteilung hat. Die Mitte nimmt die Aureole ein in Form einer zugespitzten Ellipse, die hier freilich keinen Raum mehr für eine Darstellung der Taube und des Lammes (über und unter sich) freiläßt. Dagegen sind für die Anbringung der 4 Evangelistenzeichen an gleicher Stelle wie bei der Querner Tafel Teile von der Ellipse durchschnittener Bögen ausgespart. Zu beiden Seiten des Mittelfeldes finden wir auch hier in 2 Reihen je 3 Bögen. Leider sind die Figuren aus dem Frontale verloren gegangen. Man darf jedoch bei der völligen Gleichheit der Einteilung des Rahmens auch annehmen, daß der von ihr umschlossene figürliche Inhalt derselbe war, wie ihn das Querner Antemensale besitzt. Wir dürfen das um so unbedenklicher thun, als sich in Hellewadt[335], in der Nähe Ekwadts, ein dem Ekwadter gleiches Frontale befand, welches zwar 1878 zerstört ist, aus dem sich aber ein thronender Christus und 8 Apostel erhalten haben. Beachtenswert sind beide Stücke auch deswegen, weil Bögen, Säulen und Figuren nicht nur gemalt, sondern in Holz geschnitzt sind. Ein ähnliches Stück soll sich in der Universitätssammlung zu Christiania befinden.
Taf. IV.
Frontale aus der Kirche zu Quern in Holstein.
Die Frontalien des XII. Jahrhunderts geben sehr oft Vorgänge aus der Heilsgeschichte, meist in 3 Reihen von Bildern, wieder, so das Antemensale aus Stroddetorp im Museum zu Stockholm[336] ferner die Reste eines norwegischen kupfernen Frontale, das Bendixen in den Bergens Museums Aarsberetning for 1890 bespricht. Um 1200 scheinen die früher beliebteren scenischen Darstellungen der Anbringung einzelner Figuren in umgrenztem Felde zu weichen und für Letztere wurde Einteilung und Inhalt der Darstellung, wie sie die Querner Tafel zeigt, typisch. Bis in die Zeit der Gothik hinein hat sich diese Tradition, ohne freilich zur ausschließlichen Herrschaft zu gelangen, erhalten. So finden wir in einem hölzernen gotischen Antemensale in Riseby (Kreis Eckernförde) das Haupt in den Anfang des XII. Jahrhunderts setzt[337] bei gleicher Einteilung Christus mit den Aposteln in gleicher Anordnung wieder. Dasselbe ist in einem ungefähr gleichzeitigen norwegischen Frontale aus der Kirche von Ulvik in Hardanger[338] der Fall, nur ist hier die Aureole abweichend gestaltet.
Die Darstellung des Heilandes in der Aureole, umgeben von den Evangelistensymbolen, ist in romanischer und frühgotischer Zeit eine überaus häufige. Seit dem XII. und XIII. Jahrhundert scheint man meist die, auch in unserer Tafel angewandte Reihenfolge der Symbole (geflügelter Mensch und Adler oben, Löwe und Ochse unten) bevorzugt zu haben.
Es würde aber doch nicht unbedenklich erscheinen, die Reihenfolge der Evangelistensymbole als weiteren Anhaltspunkt zur Datierung der Querner Tafel zu benützen. Ebensowenig dürfte die Darstellung der Symbole in ganzer Figur (wie in dem Querner Altarvorsatz) oder in halber Figur (wie im Komburger Frontale) auf einen zu verschiedenen Zeiten allgemein üblichen Gebrauch zurückzuführen sein. Auch ist es mir zweifelhaft, ob die anthropomorphe oder nichtanthropomorphe Gestaltung der Symbole ein für die Datierung zu benutzendes sicheres Merkmal bildet. Dagegen darf zur Bestimmung der Entstehungszeit darauf hingewiesen werden, daß Petrus in dem uns vorliegenden Antemensale als Attribut den Schlüssel in den Händen hält. Das XII. Jahrhundert stellt die Apostel entweder mit einer Schriftrolle oder mit einem Buch versehen dar. Die Gotik charakterisiert die einzelnen Apostel durch bestimmte Attribute. Das XIII. Jahrhundert beginnt damit, Petrus mit einem solchen zu versehen und zwar wird ihm entweder das Schwert gegeben, wie die aus dem Frontale zu Hellewadt erhaltene Figur des Apostels zeigt, oder man stellt ihn den Schlüssel tragend dar. Ich möchte glauben, daß die letztere Art der Charakterisierung des Petrus die jüngere ist. Jedenfalls scheint die Petrusfigur aus dem Hellewadter Frontale, die neben dem Schwert auch noch die ursprüngliche Schriftrolle trägt, älter zu sein, sie stammt, wie oben gesagt, aus der Zeit um 1200. Das Querner Frontale würde danach in den Anfang des XIII. Jahrhunderts zu setzen sein.[339]
Dafür spricht auch der Stil der Figuren selbst. Auf den ersten Blick erinnern die in lange Gewänder gehüllten, wenig proportionierten Gestalten, mit den schmalen, schräg abfallenden Schultern, den stark herausgetriebenen Köpfen und den mehr in die Fläche zurücktretenden nackten Füßen an die Plastik des beginnenden XI. Jahrhunderts, etwa an die Erzthür im Dom zu Hildesheim. Bei aufmerksamerer Betrachtung entgehen uns aber in dieser unbeholfenen und zum Teil rohen Arbeit nicht die Züge, welche die Kunstblüte im Anfang des XIII. Jahrhunderts auszeichnen. Der Trieb nach treffenderer Wiedergabe des Wirklichen, nach freierer Bewegung der Gestalten und die nicht ungeschickte Behandlung des Stofflichen. Die rechte, segnend erhobene Hand des Heilandes ist noch völlig konventionell. Sie steht fast in rechtem Winkel zum Arm, eine Haltung, die in Wirklichkeit außerordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich sein würde. Die Stellung der Finger der segnenden Hand (der kleine Finger und der Ringfinger sind eingeschlagen, während die übrigen 3 Finger gestreckt sind) findet sich schon sehr früh, z. B. auf dem erwähnten Buchdeckel des heiligen Bernward im Domschatz zu Hildesheim und vielen anderen Stücken; ebenso noch in der spätromanischen Zeit, u. a. in einer Miniatur in einem Evangelienbuch aus der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts in der Königl. Schloßbibliothek zu Aschaffenburg.[340] — Gut beobachtet dagegen ist die Stellung des linken Beines; es ist stark angezogen, um dem Buche als Stütze zu dienen. Bekleidet ist der Heiland mit einem langen, weitärmlichen Gewand, das am Halse mit einem breiten, gemusterten Kragen abschließt und in der Mitte des Körpers von einem breiten etwas nach oben verschobenen Gürtel gehalten wird. Nur über die linke Schulter geworfen ist ein Mantel, welcher das linke angezogene Bein bis übers Knie deckt. In ganz derselben Weise finden wir den Salvator aus dem Antemensale zu Hellewadt bekleidet, auch dort liegt der Mantel nur auf der linken Schulter, ist dann freilich über beide Beine geschlagen und rechts im Gürtel befestigt. Große Ähnlichkeit mit dem Salvator in der Querner Tafel zeigt der thronende Heiland in dem norwegischen Antemensale im Museum zu Bergen, nur thront er dort auf dem Bogen und hat zu beiden Seiten der Gloriole das Alfa und Omega. Leider ist in dem Querner Frontale der Kopf des Heilandes eingedrückt, doch kann man deutlich erkennen, daß bei der Behandlung des Bartes und Haares zu feinerer Ausarbeitung der Stichel angewandt ist. Seine Anwendung finden wir nur noch einmal bei dem Apostel in der vom Mittelfeld aus ersten Bogennische oben rechts im Frontale wieder. Die Figuren lassen ein gewisses Streben nach natürlicherer und freierer Gestaltung nicht verkennen. Bei Einzelnen wird der oft nicht ganz geglückte Versuch gemacht, durch die Kleidung die Körperformen sehen zu lassen, so bei dem geflügelten Menschen, dem Symbol des Matthäus. Hier ist auch die Behandlung des Faltenwurfes eine recht gute. Beim Petrus zeigen sich die Knie deutlich durch das Gewand. Einer der Apostel (im Frontale rechts unten der äußerste), ist ganz in Profilansicht gegeben. Er schreitet eilend vorwärts und die Kontouren seines Beines heben sich deutlich im Stoff ab. Überhaupt ist die Absicht unverkennbar, möglichsten Wechsel in Haltung und Gebärden der Figuren eintreten zu lassen. Wenn dennoch einmal 2 Gestalten große Ähnlichkeit mit einander zeigen, wie die beiden unbärtigen Apostel (in der oberen Reihe die äußersten), so muß man zur Erklärung in Betracht ziehen, daß es gar nicht leicht ist, 12 Figuren, die durch gleiche Bedeutung und gleiche Raumbeschränkung gebunden sind, überall in abweichender Stellung zu zeigen. Dazu kommt, daß die Figuren durch Säulen getrennt, keine Beziehungen zu einander haben. Allerdings könnte es scheinen, als ständen die 3 Apostel oben rechts in einem gewissen inneren Zusammenhang. Die beiden äußeren Figuren wenden sich der mittleren zu. Auch die Fußstellung würde mit solcher Annahme im Einklang sein. Doch ist das wohl nicht mehr als ein zufälliges Zusammentreffen, denn unter den übrigen Aposteln ist irgend eine Beziehung nicht zu konstatieren. — Die meist bärtigen Köpfe der Apostel haben entschieden eine in die Augen fallende Ähnlichkeit, dennoch besteht das Streben zu individualisieren wie in der Haltung und Bewegung so auch hier; man betrachte z. B. den Kopf des Petrus, ferner den des über Petrus stehenden Apostels mit dem zugespitzten Vollbart. Hier ist, wie bereits erwähnt, zur feineren Behandlung des Haares auch der Stichel angewandt. — Ein bemerkenswerter realistischer Zug zeigt sich in der Wiedergabe der Tierleiber. So ist der geflügelte Ochse, wenn auch nicht völlig richtig wiedergegeben, doch gut beobachtet in Bezug auf seine Bewegung und nicht ungeschickt modelliert. Die Wendung des Kopfes mit der herabhängenden Wampe findet sich freilich auch öfter in romanischen Werken früherer Zeit, ebenso das Hervortreten der großen und kleinen Rippen. Beim Löwen, wo der Anfertiger auf Vorbilder oder seine Phantasie angewiesen war, finden wir eine ganz typische Wiedergabe, die Füße sind sogar stilisiert. Einen naturalistischen Zug bekundet dagegen wieder die Bildung des Halses bei dem geflügelten Menschen. Hier zeigen sich deutlich die Knorpelringe des Kehlkopfes. — Nach Allem dürfen wir wohl im Stil der Figuren trotz ihrer augenfälligen Mängel Züge der Kunst des beginnenden XIII. Jahrhunderts als festgestellt annehmen.
Der Mittelstreifen und der obere Rand der Aureole zeigen 2 einander verwandte spätromanische Ornamente, die, zierlich in Zeichnung und Ausführung, viel Verständnis für die Füllung des Raumes beweisen und in ihrer Arbeit einen merkwürdigen Kontrast zu dem übrigen groben ornamentalen Schmuck des Frontales bilden. Von Letzterem fallen besonders die urnenartigen Gebilde in den Bogenzwickeln auf. Sie bestehen aus einem oberen, von einem Knopfe gekrönten, überquellenden und einem sich nach unten, unter Anschluß an die Linien des Bogenzwickels verengenden Teil. Dieser ist durch eine horizontale Linie geteilt und läßt unter ihr deutlich eine quadratische Vertiefung erkennen. Der obere Teil zeigt vom krönenden Knopf abwärts verlaufende Striche, mehr oder weniger deutlich unter der Farbe erkennbar. Ferner läuft eine Horizontale von einem Knopf zum anderen, nicht überall in gleicher Höhe über den Bögen. Unter ihr zu beiden Seiten der vortretenden Bogenwölbung ist wieder je eine quadratische Vertiefung zu bemerken. — Die deutschen Frontalien geben uns keinerlei Analogien für diese eigenartige Dekoration. Wohl aber zeigen nordische Arbeiten Ähnliches. In dem Superfrontale des Altares zu Lisbjerg (Dänemark) findet sich eine sehr ähnliche Bogenstellung, die in den Zwickeln klar erkennbare Architektur zeigt. Bei mangelhafterer Ausführung könnte sie recht wohl zu Formen führen, wie sie die Querner Tafel über den Bögen hat. In dem norwegischen kupfernen Frontale im Museum zu Bergen läßt sich auch hierin eine nahe Verwandtschaft mit der Querner Tafel konstatieren. Die Platten der zweiten und dritten Reihe haben dort nämlich in den Bogenzwickeln fast völlig gleiche Gebilde, nur kann man dort etwas deutlicher als hier erkennen, daß Türme mit Fenstern dargestellt werden sollten. So darf wohl angenommen werden, auch die Dekoration über den Bögen der Querner Tafel sollte Architektur darstellen. Die Verwendung von Architekturformen, Kuppeln und Türmen, über der Bogenstellung ist ja eine keineswegs seltene, sie will in naiver Weise gleichzeitig die Außen- und Innenansicht eines Domes geben. Sehr oft findet sie sich in Miniaturmalereien, aber auch in der kleinen und großen Plastik. Als Beleg für letztere erinnere ich z. B. an die Chorschranke der Michaelskirche in Hildesheim.
Die Kapitäle und Basen der Säulen in dem Querner Frontale sind, wo sie nicht verloren gingen, teils ornamentiert, teils glatt. Ein systematischer Wechsel bei der Anwendung beider Formen läßt sich nicht feststellen. Die glatten Stücke bilden einfach einen von 2 Rundstäben eingefaßten Wulst. Die ornamentierten Kapitäle und Basen tragen entschieden das Gepräge der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts. Auf dem gleichfalls von Rundstäben eingefaßten Mittelstück wechseln langgestielte Dreipaßblätter mit kurz gestielten, über denen sich zur Ausfüllung des Raumes kugelartige Gebilde befinden, die unter der Übergoldung nicht deutlich zu erkennen sind. Besonders beachtenswert ist, daß in dem Südportal der Querner Kirche selbst ein ganz ähnliches Kapitäl vorkommt[341]. Das auch dort von 2 Rundstäben eingefaßte Mittelstück hat ebenfalls, allerdings etwas abweichend gestaltete Dreipaßblätter. Das Südportal gehört offenbar dem Anfang des XIII. Jahrhunderts an. Es ist spitzbogig, wechselt mit roten und schwarzen Backsteinen, der innere Stab trägt das eben beschriebene Kapitäl, seinen Sockel bilden noch roh glasierte, schwarze, backsteinere Basen mit den romanischen Eckblättern.
Es haben in der Querner Kirche im Anfang des XIII. Jahrhunderts also Umbauten stattgefunden. Nicht unwahrscheinlich ist die Annahme, daß bei dieser Gelegenheit auch das Frontale, welches, wie wir gesehen haben, gleichfalls den Beginn des XIII. Jahrhunderts entstammt, zum Schmucke des Altares angeschafft wurde.
Nach Stil und Technik gehört die Querner Tafel dem Norden an. Und da sich, wie wir sehen, ähnliche, wenn auch nicht in Metall gearbeitete Altarvorsätze in Schleswig-Holstein gefunden haben (die Antemensale aus Ekwadt und Hellewadt), dürfen wir annehmen, daß auch das Querner Frontale im Lande selbst entstanden ist[342].
Leider ist das Querner Frontale mit Farbe dick überstrichen. Der Grund der Aureole, sowie der Bogennischen ist blau. Die Figuren sind nochmals übergoldet. Die Flächen über den Bögen zeigen ein Braunrot, darin sind die architektonischen Gebilde in den Zwickeln von hellerem Braun, unter dem ein grüner Anstrich liegt, mit vergoldetem oberen Teil. Die Ornamentstreifen sind dunkelgrün mit Ausnahme eines links von der Aureole durch ein glückliches Geschick dem Anstrich entgangenen Stückes und des durchbrochenen vergoldeten Ornamentsstreifens in der inneren Abschrägung der Aureole. Die Säulen sind rot und weiß marmoriert und, wie die Innenfläche der Aureole, durch einen schwarzen Streifen eingefaßt. Kapitäle und Basen sind übergoldet. In den Bogennischen hat man ohne Verständnis für die Bedeutung der Bogenstellung den Boden mit gemaltem Pflanzenwuchs bedeckt. — Die wenig schöne Bemalung könnte etwa aus der Zeit stammen, in der man das Antemensale mit den schlecht gemalten Flügeln versah und zum Schreinaltar umbildete. — Eine weitere gewaltsame Umbildung muß der Altarvorsatz auch insofern erlitten haben, als man ihm eine neue Unterlage, entschieden vor der Zeit seiner letzten Bemalung gab. Die einzelnen unregelmäßig geformten Platten sind offenbar nicht mehr auf der ursprünglichen Holzunterlage; sie sind nicht, wie es in der Entstehungszeit der Querner Tafel geschah, mit Kupfernieten, sondern mit groben geschmiedeten Nägeln befestigt. — Jede Figur ist aus einer Platte für sich gearbeitet, die ausgetriebenen Formen wurden, um dem durch die Bearbeitung dünn gewordenen Kupfer Halt zu geben, mit einer Art Harz ausgegossen. Diese Füllungsmasse scheint stellenweise verloren gegangen zu sein, wie der eingedrückte Kopf des Salvators vermuten läßt. Die die Figur umrahmenden Platten sind einfach übergenagelt und zwar zum Teil so unachtsam, daß ein Stück der Figuren verdeckt wird, so der obere Rand des Nimbus bei dem geflügelten Menschen und dem Apostel im erstem Bogen links. Die Platten, aus denen die Taube und das Lamm gearbeitet sind, zeigen deutlich die schräg abgeschnittenen Ränder. An einigen Stellen lassen die nicht ganz zureichenden Metallstücke den Holzuntergrund sehen. — Die Säulenkapitäle und Basen sind auf die über einen runden Holzstab geschlagenen Säulen mit geschmiedeten Nägeln leicht befestigt. Die verschiedene und nicht im regelmäßigen Wechsel angewandte Form derselben legt den Gedanken nahe, man habe die glatten Kapitäle und Basen später, als man das romanische Ornament der Erhaltenen nicht mehr verstand, zur Ergänzung der etwa verloren gegangenen Kapitäle und Basen hinzugethan. Doch zeigen auch andere nordische Frontale, so das norwegische im Museum zu Bergen, denselben unregelmäßigen Wechsel zwischen glatten und ornamentierten Stücken. — Spätere Zuthat dagegen ist unzweifelhaft der Ornamentstreifen der inneren Abschrägung der Aureole. Er zeigt in durchbrochener Arbeit ein romanischen Stil imitierendes, von der Feinheit der Ornamente auf den anderen Streifen weit entferntes, übergoldetes Ornament auf schwarzem Grund. — Alles übrige ist ursprünglich und echt. Ein Zweifel könnte höchstens bezüglich des nicht gestrichenen in seinem alten Glanze erhaltenen Ornamentsstreifens links von der Aureole entstehen. Doch ergab die Untersuchung, daß das Metall dem bei den echten Teilen des Frontale verwandten Material gleich sei.
Nürnberg.
Gustav Brandt.
Geschnitzte friesische Thüren im germanischen Museum.
(Mit 1 Lichtdrucktafel).
Im letzten Heft 5 unserer »Mitteilungen« hatten wir das speziell auf den Halligen übliche nordfriesische Haus kennen gelernt, woran wir nunmehr die Schilderung einiger in unserem Besitze befindlichen Einrichtungsstücke schließen, die im gegebenen Zeitpunkt bei der Ausstattung eines friesischen Zimmers Verwendung finden sollen. Das Glanzstück derselben bilden zwei geschnitzte eichene Stubenthüren, das bedeutendste Profanaltertum, welches die Halligen bargen und welches sich eines nicht geringen Rufes erfreute. Die Thüren stammen von Nordmarsch, der Schwestergemeinde der Hallig Langeneß-Nordmarsch, einer Insel, die lange Zeit durch einen mächtigen Schlot (Graben, der mit der See in Verbindung stehend an Ebbe und Flut teilnimmt) in zwei annähernd gleiche Hälften getrennt war. Das Haus, welches sie schmückten, war eines der ältesten Halliggebäude vom Anfang des 18. Jahrhunderts, in welchem sich vortreffliche Wandkacheln und manches wertvolle Möbelstück befanden, woraus insgesamt geschlossen werden darf, daß es sich von Anfang an eines behaglichen Wohlstandes erfreut habe. Die in die Thüren eingeschnitzten Inschriften bilden den Beweis, daß sie in die Blütezeit des Halligwohlstandes zurückzudatieren sind, von dem ich in meinem vorigen Aufsatze sprach. Das Haus sah ich bei meinem Halligbesuch im Jahre 1893 noch vollständig eingerichtet, aber rettungslos dem Untergang geweiht, weil die Werft, auf der es stand, die Peterswerft, schon damals in gefahrdrohender Weise vom Wasser zerstört war, so daß sie in den heftigen, andauernden Orkanen der beiden folgenden Jahre demselben Schicksal verfiel, wie schon so viele Halligwerften: dem völligen Zusammenbruch und Hinabgleiten in die tobende Brandung schwerer Sturmfluten.
Die beiden Thüren, die wir mit A und B bezeichnen wollen, befanden sich als Pendants in einem ziemlich kleinen Wohnzimmer von ungefähr 3-3½ m. Tiefe und Breite und kaum 2½ m. Höhe. Vom Flur aus betrat man es durch die Thür A, während B in eine Kammer führte. Das Haus war feucht, weshalb die Flächen der vier größeren Thürfüllungen in der Mitte, die geschnitzten Rahmen an den oberen Ecken auseinandergeborsten sind, die Bretter der anschließenden Holzwände aber Spuren von Vermoderung erkennen lassen, während das Eichenholz der Thüren selbst der Fäulnis Widerstand zu leisten vermochte. Sie sind ein Produkt der in ganz Friesland geübten Liebhaberkunst des Holzschnitzens, zu deren Ausübung auf unseren Inseln der sehr geringe Verkehr mit dem Festlande beigetragen haben mag, wodurch die Bewohner darauf angewiesen waren, viele Gebrauchsgegenstände selbst zu verfertigen, und die Vertrautheit mit der Holzbearbeitung, wie sie bei der Ausübung des Schiffzimmermanns-Gewerbes erforderlich ist. An Holz selbst aber gebrach es trotz des mangelnden Baumwuchses auf den Inseln nicht, man fand es an allen Sandplatten und Inselgestaden als Strandgut, das früher noch häufiger gewesen sein muß als jetzt, wo Leuchttürme und ein ausgebildetes Warnungssystem die Schiffe von den gefährlichen Untiefen fernhalten. Daß kein Berufsschreiner sie angefertigt habe, scheint mir schon aus den nicht ganz übereinstimmenden Maßen hervorzugehen, denn der Thürflügel A hat eine Höhe von 187.5, B von 189 cm., die geschnitzten Rahmenleisten der letzteren außerdem auf der Angelseite 200, auf der Schloßseite 202 cm. Höhe, wie auch sonst noch kleine Unregelmäßigkeiten festgestellt werden können, z. B. in der Breite der geschnitzten Rahmenflächen, die bei A 10, bei B 9-9,3 cm. beträgt, u. s. w.
Jede Thür hat eine Breite von 82 cm. und ist durch eine doppelt überschobene obere und untere und eine schmale einfach überschobene Mittelfüllung gegliedert, die also auf der Rückseite aus der übrigen Fläche hervortreten. Die eigentlichen Bilder der oberen und unteren Paneele von A und B haben je eine dreifach zusammengesetzte Umrahmung, bestehend aus einem immer wiederkehrenden, überaus steif stilisierten Pflanzenornament mit phantastischen großen roten Blumen in Breite von 8 cm. zwischen zwei Kehlstoßleisten, die der doppelten Ueberschiebung entsprechen. Das obere Paneel von A zeigt in 34,2:34,6 cm. zwei ganz symmetrische Säulenhallen mit roter Stoffdraperie. Unter der linken Halle sitzt der Evangelist Matthäus auf einem hochlehnigen Polsterstuhl; vor ihm kniet ein Engel und hält ihm das Evangelienbuch, in welches er schreibt, ihm zur Linken steht ein Tisch mit blumenerfüllter, schlanker Amphora. Unter der rechten Halle sitzt Markus hinter einem gotischen gedeckten Tisch auf einem Bänkchen mit schwellendem Polsterkissen. Auf dem Tische steht ein kleines Schreibpult mit dem Evangelienbuch, vor welchem der Apostel, in tiefes Nachdenken versunken, sitzt, die Feder in der Hand. Vor dem Tisch steht der Löwe und blickt zu seinem Herrn empor. Oben mitten zwischen beiden Säulenhallen erblicken wir die Taube des heil. Geistes in einem Strahlenkranze, wie auch die Häupter der Evangelisten von einem goldenen Heiligenschein umgeben sind.
Die Mittelfüllung besteht aus einer oblongen, glatten Kartusche mit dem in Oelfarbe aufgemalten Namen Ebeneser; umrahmt ist letztere von einem horizontal 4, vertikal 8,5 cm. breiten geschnitzten Pflanzenornament von nicht ungefälligem Schwung in zierlicher Spätrenaissance, das sich in seiner freieren Anmut vorteilhaft abhebt von den übrigen steifstilisierten Ornamentschnitzereien. Die Dimensionen des so bearbeiteten Paneels sind 18:56 cm.
In der unteren Füllung tritt aus seiner Umrahmung ein Vollschiff heraus, das mit geschwellten Segeln, wehender Flagge und Wimpeln durch die Wellen streicht, wahrscheinlich der Walfischfänger, dessen glücklichen Reisen der Verfertiger der Thüren als eifriger Teilnehmer seinen Wohlstand verdankte. Möven umflattern das stolze Fahrzeug, dessen gedrungener, fester Bau sehr wohl geeignet erscheint, den Gefahren des Eismeeres zu trotzen. Die Friesen lieben es noch heut, Bildnisse von den Schiffen zu besitzen, auf denen sie gefahren sind, man findet sie als Zeichnungen, Gemälde, Reliefschnitzereien und zierlich gearbeitete Modelle in allen Häusern, sogar als Kachelkompositionen, wie wir früher gesehen haben. Daß wir es hier mit einem Walfischfänger zu thun haben, dessen blau-weiß-rote Flagge auf Schleswig-Holstein hinweist, ersehen wir aus den Inschriften, die in die oberen Querleisten des äußeren Thürrahmens eingeschnitten sind, und zwar auf jedem die Hälfte eines mißlungenen Verses:
| DURCH GLUCK UND | — WALFISCHFANGST (A) |
| GIBT GOT MIR | — HAUS UND LAND (B) |
Größenverhältnisse des Schiffsbildes: 33,5 × 43 cm.
Die geschnitzten Umrahmungen der Paneelbilder der zweiten Thür B gleichen ganz denjenigen von A. Die obere Füllung behandelt hier die Apostel Lucas und Johannes in unverkennbarer Uebereinstimmung der Auffassung und des Arrangements, wie in dem entsprechenden Paneel von A, so daß der Schnitzer nach Vorlagen desselben Künstlers gearbeitet zu haben scheint. Wem diese Vorlagen aber zuzuschreiben sind, vermag ich nicht zu entscheiden, vielleicht haben wir dabei an einen Bibelillustrator zu denken. Links von dem Beschauer sehen wir, abermals unter einer Säulenhalle, geschmückt durch eine schöngeschwungene Purpurdraperie mit goldener Franse, den Apostel Lucas auf einer mit schwellenden Polstern belegten Bank vor einem Schreibtisch sitzen, beschäftigt mit der Niederschrift seines Evangeliums. Ihm zur Linken ragt ein Crucifix bis zum Dache der Halle, zur Rechten liegt am Boden sein Attribut, der Ochse, neben dem Tisch ebenfalls auf dem Boden steht eine blumengefüllte Amphora, doch niedriger als die auf dem Tische des Matthäus. Gegenüber sitzt Johannes, sein Evangelienbuch auf den Knieen haltend und ebenfalls eifrig mit Schreiben beschäftigt. Den Hintergrund erfüllt hier eine von Bäumen umgebene, hochragende Stadt mit spitzen Türmen (wohl Jerusalem), links neben ihm steht sein Adler und über ihm in einer Wolke thront Christus, eine Hindeutung auf seine Eigenschaft als Lieblingsjünger des Herrn. Zwischen beiden Evangelisten schwebt wieder die Taube in goldenem Strahlenkranze, und goldene Nimben verklären die Häupter der beiden Evangelisten, auf diesem Bilde sogar die symbolischen Tiere, was bei A nicht der Fall ist.
Taf. V.
Thüre von der Hallig Nordmarsch.
Die Verhältniszahlen des Bildes sind 34,5:35 cm.
Die Mittelfüllung ist ausgezeichnet durch ein ähnlich zierliches Rankenornament wie bei A, nur läuft es in gleichbleibender Breite von 4,5 cm. um eine Schrifttafel, die in Schnitzerei die gotische Inschrift enthält:
Der Ein Und Aus Gang Mein
Laß Dier O herr Befohlen Sein.
Die Größenverhältnisse des Schnitzwerkes sind hier 17,5:66,5 cm.
Die untere Füllung von B ist einigermaßen überraschend, denn der gelbe Blumenkorb mit steifem, streng symmetrisch geordnetem Bouquet, mit welchem sie geschmückt ist, erscheint mehr als ein Lückenbüßer, denn als charakteristische, der ganzen Veranlassung zu den beiden Pendants entsprechende Verzierung. Da wie um alle übrigen Paneelbilder auch um dieses eine Umrahmung von Pflanzenornament läuft, so ist hier des vegetabilischen Motivs etwas zu viel gethan, und man würde an Stelle des Blumenkorbes lieber irgend eine Scene aus dem Seemannsleben dargestellt sehen.
Um wieder die Verhältniszahlen anzuführen — sie betragen 34,5:43,4 cm.
Jeden Thürflügel umschließt ein 17-18 cm. breiter Rahmen mit 10 cm. breiter Schnitzerei, die sich wesentlich von den übrigen umrahmenden Ornamenten unterscheidet. In Wellenlinien läuft hier von oben nach unten eine scharf hervortretende Lianenranke, deren Wellenhöhe bei B beträchtlicher ist, als bei A, wodurch dann natürlich die Wellenlängen in umgekehrtem Verhältnis stehen. An die Ranke setzen sich Blätter, Blüten und Früchte in naturalistischer Ausführung der exotischen Formen, doch unterscheiden sich beide Rahmen noch dadurch, daß bei A zahlreiche buntgefiederte Vögel, die bei B ganz fehlen, einen Teil der Blüten und Früchte ersetzen.
Die Spruchbänder in den oberen Querleisten sind in der Mitte abgeteilt, bei A durch eine Blüte, aus der ein geflügeltes Engelsköpfchen herauswächst, bei B durch ein ganzes Figürchen, das mit erhobenen Armen ein wehendes Band etwa in der Form eines Schiffswimpels hält. Deutlich hervortretend zieht sich die Lianenranke in organischem Zusammenhange mit denjenigen der Seitenrahmen bei B auch durch die Querleiste, bei A verschwindet sie mehr unter üppigerem Blattwerk. Durch das Auseinanderbersten des Holzwerkes haben sich spätere Besitzer der Thüren veranlaßt gesehen, geschnitzte Keile in die breit klaffenden Fugen zwischen Quer- und Seitenleisten einzusetzen, welche der Harmonie des Ganzen leider in unschöner Weise Abbruch thun.
Die Thürverschlüsse bestehen aus ovalen Messingschilden mit Bogenausschnitten an den Kanten und mit rechtwinkligen Griffbügeln. Von wenig geübter Hand sind Anfangsbuchstaben von Namen in der Mitte eingraviert und die Jahreszahlen 1774. Sie sind ganz augenscheinlich erst nachträglich aufgenagelt worden, denn die Farbe der Thür war hier bereits merklich abgegriffen und die Schilde selbst passen der Breite nach nicht auf die ungeschnitzte Leiste, so daß sie bis auf die Kehlstöße der Mittelfüllung überragen.
Zu den Thüren gehören Bretterwände, die horizontal mit weißen akanthusartigen Arabesken auf blauem Grunde bemalt sind. Breite, reich profilierte Leisten mit buntem Oelfarbenanstrich verbinden je zwei Bretter und bilden auch oben und unten den Abschluß der Wände.
Die Thüren mit ihrem tiefen, ruhigen Farbenschmuck und die Wandbretter harmonierten aufs Schönste mit den dunkelblau-weißen Kacheln der übrigen Wandteile, so daß im Verein mit dem über das gewöhnliche Maß hervorragenden Mobiliar, das mit den Thüren im Hause alt geworden war, mit dem reliefgeschmückten Einlegerofen und der Bettnische das ganze Zimmer ein ungewöhnlich charakteristisches Ensemble bot, dessen Zerstörung, ehe es ganz in unseren Besitz gelangen konnte, sehr zu bedauern bleibt.
Nürnberg.
Dr. Eugen Traeger.