Das Gedenkbuch des Georg Friedrich Bezold, Pfarrers zu Wildenthierbach im Rothenburgischen.
Durch Schenkung seitens des Herrn Direktors von Bezold ist das germanische Museum letzthin in den Besitz einer Handschrift gelangt, die, wie eine kurze Charakterisierung des Inhalts zeigen wird, manchen willkommenen Beitrag zur Kenntnis insbesondere der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts liefert. Viele Eintragungen freilich können nur ein beschränktes, lokalgeschichtliches Interesse erwecken, andere dagegen verdienen auch in weiteren Kreisen ohne Zweifel Beachtung. Diese Doppelnatur unseres (mit Ausschluß des Registers und eines später hinzugebundenen Heftes von 41 Seiten mit allerlei biblischen Zitaten und Nachweisen) 658 nummerierte Quartseiten zählenden Manuskripts erklärt sich leicht aus der Lebensstellung und Sinnesart des Sammlers und Schreibers.
Es ist der reichsstädtisch rothenburgische Pfarrer Georg Friedrich Bezold, welcher den Codex um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, aber gewiß im Laufe mancher Jahre zusammengeschrieben hat. Seine Familie, die seit dem 15. Jahrhundert in Rothenburg nachweisbar ist, gehörte zu den ratsfähigen Geschlechtern und sein Oheim Georg Christoph Bezold stand noch zu Ende des 17. Jahrhunderts dem Rate der freien Reichsstadt als Consul d. h. Bürgermeister vor. Er selbst aber (geb. 1710) hatte, wie sein Vater Johann Albert, der Pfarrer an der Kirche zum heiligen Geist gewesen war, die Theologie zum Lebensberuf erwählt und die Tochter des Pfarrers Johann Michael Stock zur Frau genommen, dessen Geschlecht bereits seit mehreren Menschenaltern der kleinen evangelischen Gemeinde von Wildenthierbach — auch einfach Thierbach genannt — ihre Seelsorger gegeben hatte. 1734 starb der alte Pfarrherr, wie es in den genealogischen Notizen auf S. 67 des Gedenkbuches, aus denen wir unsere Kenntnis schöpfen, heißt: »ex improviso bombardae ictu militis Würzburgensis«, und im Amte folgte ihm sein Schwiegersohn, der die Pfarrei bis zu seinem im Jahre 1771 erfolgten Tode bekleidet zu haben scheint. Wenigstens folgte ihm, wie eine spätere Eintragung a. a. O. ergibt, in diesem Jahre als Pfarrer von Wildenthierbach sein Sohn Ernst Albert Bezold.
Von seinem stillen Erdenwinkel aus hat der Schreiber unserer Handschrift Jahrzehnte lang dem Treiben der Welt zugesehen. An beschaulicher Muße wird es ihm wohl nicht gefehlt haben, sonst würde er schwerlich große Abschnitte seines Gedenkbuches in zierlicher Druckschrift ausgeführt und, wo etwa seine Vorlagen größere oder kleinere Vignetten und Zierleisten aufwiesen, auch diese mit sorgfältiger Feder wiedergegeben haben. Bewunderungswürdig ist in der That die Ausdauer und Hingabe, mit der er selbst umfänglichere Flugschriften bis auf die Form der Buchstaben getreu kopiert hat.
Von ihm selbst rührt in dem Codex nur wenig her. Es sind da vor Allem Aufzeichnungen über Wind und Wetter, Beobachtungen, wie sie dem Landgeistlichen besonders nahe liegen mußten, zu nennen. Die Einkleidung ist zuweilen originell genug und verrät uns bereits die ausgesprochene Vorliebe des Pfarrers für absonderliche, »curieuse« Gegenstände und Geschichten. So zählt er auf Seite 85 in seinen »Anmerkungen über das 1766ste Jahr« »der Nachwelt zum unvergeßlichen Angedenken« acht »Merkwürdigkeiten« des Winters 1766 auf 67, die sich alle lediglich auf die Witterung beziehen, auf. Daß er aber zugleich mit feinem Sinn für Witz und Humor begabt war, zeigen sogar seine »Dicta quaedam breviter explicata« (S. 377 ff.), teils eigene teils fremde Auslegungen von Bibelstellen, in welchen ein schalkhafter Humor nicht selten das theologische Element überwiegt. Da notiert er sich beispielsweise:
»1. Tim. VI, 9: Denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und in Viele thörigte und Schädliche Begierden, welche die Menschen Versenken ins Verderben und Verdammniß; den der Geitz sey eine Wurtzel alles Übels, und durchstechen sich selbst mit Vielen todes Schmertzen«
und bemerkt dazu:
»Aus diesem Dicto hat eine nachsinnende Feder, Von denen See-Würmern in Holland und deren Vermuthender ursach folgende courieuxe Observation gezogen: .... Der heil. Geist Brauche durch den Apostel das Wort »Schädliche«, und dieses Wort heiße nach dem Grund Text βλαβερὸς, deßen derivation von βλίπτω oder ἐάπτω und ἴπτω, noceo, ich schade, DaVon dan herkomme ἴψ, ἰπὸς vermis cornua corrodens, ein Wurm der Hörner durchnaget, mit Hörnern armiret. — Weilen nun in Holland in sonderheit die Geldgierigkeit und Begierde reich zu werden durch die Handlung zu waßer und zu land, wie bekandt herschet, so hat Gott zur straffe, wie sie selbst bekennen, .... diese schädliche Würmer ... gesandt, welche ihre hornharte Pfähle an den Teichen durch-Brechen und das Land in äußerste Gefahr der überschwemmung und des Verderbens setzen.«
Man hört förmlich bei dieser an den Haaren herbeigezogenen, umständlichen Erklärung den wackeren Pfarrherrn von Wildenthierbach hinter seinem Buche leise lachen.
Im Übrigen besteht der Inhalt so gut wie ausschließlich in Abschriften, deren Vorlagen nicht immer leicht festzustellen sind. Es wurde bereits erwähnt, daß ihm mehrfach Flugblätter und Flugschriften als solche gedient haben, die heute teilweise zu den Seltenheiten zählen. Vieles auch entnahm er der »Frankfurter gelehrten Zeitung«, die er sich gehalten zu haben scheint, oder der »Erlanger Realzeitung«, der »Berliner Zeitung« etc., anderes ist aus Chroniken zusammengetragen, aus den Werken gleichzeitiger Dichter, wie Gellert, Gleim, Gottsched u. a. abgeschrieben. Es verrät keinen besonders entwickelten historisch-wissenschaftlichen Sinn, daß Angaben über das Woher den einzelnen Abschnitten und Gedichten nur selten hinzugefügt sind.
Gleich der erste umfängliche Eintrag in sein Gedenkbuch (S. 1 ff.) zeigt ihn zwar als guten Rothenburger Patrioten und überzeugten, glaubenseifrigen Protestanten, aber als schlechten Historiker, denn zu einer Sammlung von Nachrichten »von der geseegneten Reformation allhier in Rotenburg hätten ihm wohl bessere Quellen zu Gebote gestanden als die ziemlich wertlose Kompilation Albrechts[66] aus der er seine Weisheit geschöpft hat. In einer anderen ähnlichen »Sammlung allerhand merkwürdiger Sachen«, die sich auf Franken, insbesondere aber wieder auf Rothenburg beziehen (S. 397 ff.), wird ein Lobgedicht auf Rothenburg angeführt, welches folgendermaßen beginnt:
»Rotenburg die Edel Berühmte Stadt
Von Schloß und Burg den Nahmen hat.«
Ich kenne dies Gedicht auch aus einem dem 16. und 17. Jahrhundert angehörenden Sammelbande, Ms. 153 fol. der großherzogl. Hofbibliothek zu Darmstadt, wo es auf Bl. 39 f. jedoch in sehr veränderter und bedeutend erweiterter Fassung erscheint und sich für ein Werk Hans Sachsens ausgibt, der in den Schlußversen als Dichter genannt wird. (»Dz wunscht von Nurmberg Hans Sachs, Gott geb dz sein kirch darinnen wachs«). Wenn nun auch das Gedicht in der Form, wie es uns heute vorliegt, alle Zeichen des Apokryphen an sich trägt und keine Spur von dem Geist des Nürnberger Dichters erkennen läßt, so wäre doch immerhin möglich, daß es in Erinnerung und unter Zugrundelegung eines verloren gegangenen Hans Sachsischen Poems entstanden wäre. Und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, wäre das in der Darmstädter Handschrift enthaltene Gedicht als eine frühe Unterschiebung — die Hand, welche es schrieb, gehört der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an — nicht uninteressant und ein Gegenstück zu dem bekannteren Lobspruch auf die Stadt Rostock, der gleichfalls Hans Sachs fälschlicherweise zugeschrieben ist[67].
Doch zurück zu dem Gedenkbuch des G. F. Bezold! Was dasselbe sonst über Ereignisse und Verhältnisse im Rothenburger Ländchen enthält, ist von keinem besonderen Belang. Allenfalls dürfte die Aufzählung sämtlicher Landpfarrer der Rothenburger Diöcese von den Zeiten der Reformation bis zu Lebzeiten des Schreibers (S. 45 ff.) für die Rothenburger Lokalgeschichte hin und wieder als Quelle benutzt werden können. Zuweilen wird auch ein Gelegenheitsgedicht oder ein Spottlied, wie das auf den bestraften Nachtigallenfänger und deutschen Schulmeister Vester in Rothenburg (S. 35 f.) wiedergegeben, aber von dem eigentlichen Leben und Treiben in und um Rothenburg oder von der Politik der freien Reichsstadt während des 18. Jahrhunderts erfahren wir nichts. Wir wissen freilich zur Genüge aus Bensens vortrefflicher Schilderung (a. a. O. S. 383 ff.), wie traurig es in dieser Beziehung seit lange, ja eigentlich seit dem Ausgang des Mittelalters, um das Rothenburger Gemeinwesen bestellt war, wo sich im Kleinen wiederholt, was zur selben Zeit auch größere Reichsstädte allmählich in eine ganz unhaltbare Lage geraten ließ: rücksichtslose Interessenpolitik, Protektionswesen und finanzieller Verfall im Innern, kraftlose, feige Nachgiebigkeit nach außen. Man erinnere sich nur an die Geschichte von dem preußischen Lieutenant Stirzenbecher aus dem Jahre 1762, die Bensen erzählt, oder an jene andere Episode von 1800. Siebzehn französische Soldaten waren damals auf einem Beutezuge in die Stadt eingedrungen und verlangten eine Brandschatzung von 40,000 fl. Bereits saßen die geängstigten Räte beieinander, um über die Aufbringung der Summe zu beraten, als eine kleine Anzahl beherzter Bürger, über solche Schmach erbittert, sich erhob und die Franzosen mit Heugabeln aus der Stadt hinaustrieb[68]. Zwei Jahre später wurde bekanntlich die Stadt vom Reichstage dem Kurfürsten von Bayern übergeben.
Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen die Blicke der Nachdenklicheren, tiefer Angelegten über die engen Grenzen ihres kleinen in Verfall geratenen Freistaates hinüberschweiften, die großen Weltereignisse mit Spannung und lebhaftestem Anteil verfolgend, als könne fremde Größe ihnen einen Ersatz bieten für die Ärmlichkeit der kleinlichen Verhältnisse, welche sie umgaben.
Zu starkem eigenen Denken freilich oder auch nur zu überlegtem, verstandesmäßigem Politisieren konnte man sich schwer erheben, und so ist es denn auch hier wieder in erster Linie der Treppenwitz der Weltgeschichte, das Anekdotenhafte und Absonderliche an den großen Ereignissen und Persönlichkeiten der Zeit, das den Schreiber unseres Codex interessiert. Kleine Charakterzüge, satirische und witzige Exkurse aller Art finden sich in Menge in sein Gedenkbuch eingezeichnet, und da es sich dabei großenteils um Dinge von allgemeinerem Interesse handelt, so mögen einige Proben solcher Eintragungen hier folgen:
»Alß der König von Preußen Zu Ende des 1756sten Jahrs an einem Sonntag in Dreßden den Herrn D. am Ende in der Evangelische Kirche mit Vergnügen predigen hören, auch in der Catholische Schloß Capelle der Music bey einer halben Stunde zugehört und darauf in die Reformirte Kirche gieng, wo H. Dietrich prediger war, und besagter Dietrich Bey dem Königl. Eintritt, mitten unter Rede anfieng: »Halber Gott! großer Friedrich!« sprach der König von Verdruß über diese übertriebene Rede aus dem Steg Reif Zu ihm, laut: »Gantzer Narr, kleiner Dietrich!« und gieng sogleich mit seinem Gefolge wieder aus der Kirche.
S. 507 liest man:
»Teutschland als ein kranckes Frauenzimmer Vorgestellt
in einem Gemählde, von P:P. aus dem Englischen 1757.
Teutschland sitzet unter der Gestalt eines prächtig gekleideten, und mit allerhand Kleinodien ausgezierten Frauenzimmers, auf einem Stuhl, in der rechten Hand hält sie den Scepter, in der Lincken den Reichsapffel. Sie gleichet einer krancken Person, die in eine ohnmacht zu sincken beginnt, und den Kopff über den Stuhl hangen läßt, aus ihrem Mund gehen die worte: »Ihr Kinder helfft mich doch!«
Eine Menge umstehender Personen Zeigen sich in geschäftiger Stellung
1) der Kayser, in steiffer Kleidung, nimmt ihr mit beeden Händen den Scepter und den Reichsapffel aus den Ihrigen, mit diesen worten: Ich will dich leichter machen!
2) der König von Franckreich trennt mit einer Hand die breiten Treßen von ihrem Rock und läßt mit der andern ihre Armbänder Von den Händen und spricht: wozu dienet der viele Schmuck an einer krancken Person, er Beschweret sie nur.
3) der König von Preußen in einem fürchterlichen Harnisch dringet hiezu, reißet ihr das Halsband vom Hals, hält ihr den Säbel an die Kehle, mit denen Worten: Machet Platz, ihr Herren! Ihr müßet Lufft machen wann es angehen will.
4) der Churfürst von der Pfaltz und der Landgraf von Hessen Caßel stehen dem Kayser zur Seiten, und schüttet ein jeder ein Brech-Pulver in den Löffel mit den Worten: wir wollen ihr was zu brechen geben.
5) der König Von Engelland hält ein Gläßgen Gold Tinctur in Händen und zeiget sie der krancken Person von weitem, und spricht mit den worten: das wäre wohl die beste Panace!
6 die Republic Holland als ein Apotheker Gesell gekleidet, stehet hinter der Krancken ihren Stuhl, hält in der Hand einen großen bündel Recepte, und in der andern Hand eine Clistir Spritze, aus seinem Mund gehen die Worte: Ich kan nicht darzu kommen, und wer weiß ob meine Artzney bezahlet wird?
7) Der Churfürst von Sachsen langet mit der Hand über die Vorstehende hinweg, und reibet dem Patienten Balsan unter die Nase, mit den worten: Ich helffe so gut ich kan, ich kan mir selber nicht helffen.
8) die Kayserin von Rußland stehet von ferne u. siehet mit einem Perspectiv oder fern Glaß auf die krancke Person und spricht: Sie erholt sich wieder!
9) der Türckische Kayser stehet in der Thür des Zimmers, und schüttet einen Löffel Voll Magentropffen in den Hals, über ihm stehen die worte: ich brauche meine Medicin selber!
10) Ein österreicher läßt ihr am lincken Fuß, Ein Ungar aber am rechten Fuß Zur ader, über ihm stehen die Worte: in desparaten Kranckheiten muß man desparate Mittel brauchen.
Auf der andern Seite siehet man Teutschland mit Vielen Wunden getödet, auf der Erde in seinem eigenen blute liegen, mit der überschrifft: also muß man heutzutag die Patienten curiren!«
Ob es sich bei vorstehender Beschreibung in der That um einen Kupferstich, bezw. ein Flugblatt mit einem solchen, oder ob es sich nur um eine Fiktion handelt, vermag ich im Augenblick nicht zu sagen[69]. Freuen wir uns vor Allem, daß unser Vaterland die lange zum Spott und zum Vorteil der Nachbarn gespielte Rolle der »kranken Person« seit dem Anbruch des neuen deutschen Reiches und hoffentlich für immer ausgespielt hat.
S. 277 bietet eine satirische Kleinigkeit von ähnlicher Tendenz, die sich in erweiterter Fassung auch auf S. 588 f. wiederfindet:
»Friedens-Congreß
d. 15ten Jan. 1761
Die letztern Briefe von Pariß verkündigen einen nahen allgemeinen Frieden, und daß der Congreß wird hier gehalten werden.
Man hat Quartiere gemietet, nemlich
1) Vor den Kayser .... zur Gnade, in der Gaße von Bourbon.
2) vor die Kayserin .... zur bösen Allianz, in der Invaliden Gaße.
3) vor den König von Engelland .... zum Glück, auf dem Sieges-Platz.
4) vor den König von Preussen .... zu den 4 Winden, in der Fuchs-Gasse.
5) vor den König in Pohlen .... zum Opfer Abrahams, nahe bey den Unschuldigen.
6) vor den König in Schweden .... zur Chimäre, nahe bey der Strasse der lebendigen Bären-Häute(r).
7) Vor die Kayserin von Rußland .... zum Berg Vesuvius, in der Höllen-Gaßen.
8) vor die Fürsten des H. R. Reichs .... zur Brille, nahe bey den Unheilbaren.
9) Vor die Holländer .... zur Waage, nahe bey der Stern-Warte.
10) Vor den Marschall de Broglio .... zum hölzernen Degen, in der Gaße, Hochmuths-Berg.
11) Vor die Madame de Pompadour .... zur Magdalene, in der Salpeter-Sieders-Gaße, welche nach Rochelle gehet.«
Es ist bei der Abfassungszeit des Codex fast selbstverständlich und ergibt sich auch schon aus den mitgeteilten Proben, daß der siebenjährige Krieg durchaus im Vordergrunde des Interesses steht. Bald sind es mehr oder minder witzige Auslassungen der angedeuteten Art, nicht selten auch Chronogramme, etwa eine Friedensweissagung enthaltend (z. B. S. 270), am häufigsten aber politische Gedichte, vornehmlich Kriegs- und Siegeslieder, die wir mit bekannter Sorgfalt in das Buch eingetragen finden. Eben diese politischen Dichtungen — auch die meisten der oben erwähnten Flugschriften gehören hierher — scheinen mir den eigentlichen Wert der merkwürdigen Sammlung auszumachen und ihr eine allgemeinere Bedeutung zu gewährleisten. Wenig bekannte Volkslieder, die in neueren Sammlungen solcher Gedichte nicht zu finden sind, wechseln hier mit den Oden und Gesängen gefeierter Poeten, und deutsches Wesen, deutsches Fühlen durchdringt sie fast ohne Ausnahme und läßt auch einen verklärenden Schimmer auf die Persönlichkeit des Schreibers, auf den schlichten Pfarrer in jenem kleinen Dorf im Rothenburgischen fallen. In der Brust Georg Friedrich Bezolds fanden alle großen Ereignisse den lebhaftesten Wiederhall, in dem stillen Pfarrhause zu Wildenthierbach wurden alle Schlachten und Siege noch einmal geschlagen und gesiegt, wenn auch nur auf dem Papier und in den zierlichsten geschriebenen Lettern von der Welt. Ganz unverkennbar ist seine hohe Bewunderung für den großen Preußenkönig, die er mit den meisten seiner süddeutschen Amtsbrüder teilte. Es geht aus zahlreichen Eintragungen deutlich hervor, daß man Friedrich in diesen Kreisen als den Verfechter der protestantischen Sache ansah, seine Siege als Triumphe des Protestantismus über den Katholizismus feierte. Aber der Pfarrer von Wildenthierbach ist doch nicht so sehr Politiker oder Fanatiker, daß er nicht auch in den Reihen der Gegnerpartei entstandene Lieder in sein Gedenkbuch aufgenommen hätte, wenn sie sich auch freilich in der Minderzahl befinden. Aus der großen Masse des vorhandenen Materials können wieder nur einige wenige Stücke probeweise hervorgehoben werden:
S. 264:
Herr Pfarr M...r
in H—ch
auf
den König in Preußen
Sinn’t, Zeiten, auf ein Wort, daran man Friedrich kennt;
Nicht Groß, nicht Menschen Lust, nicht Sieger nicht den Weisen,
So mag ein Theil von Ihm, in kleinen Fürsten heißen
Nennt Ihn den Einzigen, dann ist er gantz genennt.
S. 233:
Helden-Lob
Friedrichs des Großen
Königs von Preussen.
Vor diesem war, wann ein Poëte sang,
Ihm jeder Held gedoppelt groß und lang,
Und sicherlich, je größer und je länger,
Dem Held er log, je besser war der Sänger;
Offt war der Held, mit samt des Helds Verrichtung,
Im Grunde nichts, als seines Dichters Dichtung.
Der brave Hector, Ajax und Achill,
Sind nicht so brav, als der Poët es will.
Æneas hätt an keine Schlacht gedacht,
Wann nicht Virgil ein Buch davon gemacht
Printz Satan selbst ist nur ein Funffzen huth [?],
Mahlt Milton ihn gleich voller Trotz und Wuth;
Ja mancher spricht die Existenz ihm ab,
Und die mit Recht, wie sie ihm Milton gab.
Doch posito: es wären alle Gaben,
Die in dem Reim, auch ohn ihn, Beyfall haben,
Vereint in ein und nemlicher Person,
Sagt, welche wohl fehlt Preußens großen Sohn?
Solch Treffen hat, wie Er aufs neu gewonnen,
Kein Alter nicht, kein Neuer nicht ersonnen!
Drum folgt mir nur, packt euren Kram hier ein,
Poëten Volck! Laßt Friedrich, Friedrich seyn!
Ihm wird, Trotz Epico, Trotz Lyrico,
Die Wahrheit selbst zum Panegyrico.
S. 443:
Harte Ausdrücke
Wieder
Friederich, den König von Preußen
communic. von Mons. Böttcher, Fourier, unter dem Platz. Regim.
d. 18t Aug. 1758.
Als Feldherr, Rechts-Gelehrt, und Zierde der Poëten,
Gab Dich, O Friederich! die Fama anzubeten;
Allein, o Wunder Ding! da Coccejus gestorben,
So war zugleich an Dir der Doctor schon verdorben.
Du bist auch kein Poët, seit dem Voltair entwichen;
Kein Feldherr von der Stund, als Dein Schwerin erblichen.
Wilst Du, o Friederich! durch das, was Du gethan,
Der Alten Helden-Lob in diesem Krieg erreichen?
Der Alten Helden Lob? Diß geht so leicht nicht an.
Doch bistu ihnen noch in etwas zu vergleichen.
Denn als Du den August aus seinem Land gejagt,
Da warstu Pharao, der Israël geplagt.
Als Broun das vor’ge Jahr die Völcker commandirte,
Da warstu Hannibal, und Broun war Fabius.
Und als letzthin nächst Prag der Daun das Kriegs-Heer führte,
Da warstu Attila, und Daun war Ætius.
Und endlich wirstu auch (stimmt Gott mei’m Wünschen ein)
Der durch die Tamyris besiegte Cyrus seyn.
S. 263:
Auf
Die Bataille bey Hoch-Kirchen
d. 14. Oct. 1758.
In finstrer Nacht zu überfallen,
Wo nicht einmahl Trompeten schallen,
Das ist für Dich kein Ruhm, o Daun!
Im Finstern sich den Sieg zu stehlen,
Und doch den Zweck noch zu verfehlen,
Das wird Dir kein Trophaeum bau’n.
Wann Friedrich kommt, kommt Er am Tage,
Wann Friedrich schlägt, kommt mit dem Schlage
Zugleich die Sonne und der Sieg.
Die NachtEul [Randbemerkung: »Graff Daun führt eine NachtEule«] sucht nur Finsternißen;
Der Adler [Randbemerkung: »Preußen führt einen schwartzen Adler«] will die Sonne wißen;
Und dieser ist der Friederich.
Mein Friedrich kommt der Tag bricht an,
Merck doch, o Schlesien! die Stunden,
Was jüngst die dunckle Nacht gethan,
Das hastu nun beym Licht empfunden.
Was denckt wohl Daun von Tag und Nacht?
Er denckt, das hätt ich nicht gedacht,
Daß Zeit und Stunden also wandern!
Ja wohl, das zeiget eben euch,
Er sey dem größten Helden gleich,
Pompejen, Caesarn, Alexandern.
[Randbemerkung am Schluß: »Der Verfaßer davon ist Herr Wolzhofer, Pro-Decanus und brandenburgischer Pfarr zu Roßstall.«]
S. 265:
Probe
vom Catholischen Witz!
GeneraLIs DaVn CœpIt FrIngILLaM!
Der Finck, auf seiner Locke, gieng, Lerchen aufzufangen,
Und wolt’ auf RebenTisch mit diesen Braten prangen,
Doch Wunsch gieng nicht Wunsch, die Lerchen hielten Stich,
Und nahmen Rebentisch, Wunsch und den Lock mit sich.
Nun sitzt im Garn der Finck, und muß den Lerchen singen,
Er pfeiffet: stinck, stinck, stinck! weils ihm nicht wolt gelingen.
Hingegen schwingen sich die Lerchen mit Gesanger:
Es lebe unser Nest! Es leb der Finken Fanger!
Gerechter Eyfer
über
das elende Cathol. Deutsch.
Wer mit solchem tollen G’sanger
Sich des Feindes Unglück freyt,
Der gehört mit Recht an Pranger,
Der wird billig angespeyt.
Antwort eines Preußen
auf die Spöttereyen eines Oestreichers
über
Finckens Gefangen Nehmung
Der Preusich Adler wird noch manchen Lerchen fangen,
Obwohl es dißmahl schlecht und nicht nach Wunsch gegangen.
Gold Fincken haben wir unzählig große Hauffen,
Wofür sich Lerchen gnug und Hahnen lassen kauffen.
Um einen Fincken will man so viel Lermen machen,
Und soll die gantze Welt hierum mit Oestreich lachen!
Das Lerchen-Nest wird doch von Hahnen noch besch...n;
Der einfach Adler wird dem Dopplen helffen müßen,
Daß dieser Federloß nicht endlich gar verfriere,
Und sich der stolze Hahn mit seinen Federn ziere.
Schaden-Freude
über
den Preusichen Verlust.
Der schönste Vogel-Heerd im gantzen Lande Sachsen,
Ist auf dem Marmor Berg, ohnweit vom Dorffe Maxen.
Da fieng auf einen Zug, Graf Daun zum Spott der Preußen,
8 Gimpel und ein’ Finck, nebst 15m Meisen.
Parodie.
Gedult, mein lieber Freund, man fängt noch länger Vögel,
Und Friedrich lauert nur auf die gelegne Zeit.
Was gilts! Er fängt vielleicht noch manchen solchen Flegel,
Der so, wie Ihr, mein Herr, sich seines Unglücks freut.
S. 276
Auf
Den König in Preußen.
Fritze! schämstu dich nicht deiner?
Alle Tage wirstu kleiner;
Aendre deinen stolzen Sinn,
Wirf die stolzen Waffen hin.
Deine große Enacks-Kinder
Stehen hier wie arme Sünder;
Schaaren-weise fängt man sie,
Das vergißest du dahie?
Laß dich nicht den Großen nennen,
Lerne dich und and’re kennen;
Sieh! nach Maxen und Landshuth!
Sieh! was Daun und Laudon thut!
Antwort:
Schämt euch fünffmal größre Mächte,
Ihr habt Gottes kleinen Knechte
Längst zerstöhrt in eurem Sinn,
Werfft die schlechten Waffen hin.
Meine große Enacks-Kinder
Bleiben eure Überwinder;
Allzu theuer fangt ihr sie!
Gott und Fritze steht noch hie!
Durch Den bin ich Groß zu nennen,
Lernet Ihn und andre kennen!
Schweigt von Maxen und Landshuth!
Merkt, was Fritz bey Liegnitz thut!
S. 270:
Post Pugnam ad Torgaviam
d. 3. Nov. 1760.
Vivat Rex Borußiae!
Tutor hic Ecclesiae,
Et Defensor Patriae!
Victor sit Theresiae,
Atque Regis Galliae,
Copiarum Sueciae
Barbarorum Rußiae
Corporis Germaniae,
Nec non Regis Sueviae
Vivat Rex Borußiae!
Auch unter den zahlreichen Gedichten und sonstigen Eintragungen nicht politischer Art findet sich noch manches Stück, das kulturgeschichtlich nicht ohne Interesse und zugleich — infolge der ausgesprochenen Neigung des Sammlers zu Scherz und Satire — recht unterhaltend und belustigend ist, wie etwa (S. 473):
Schwäbischen Bauren ihr Gebet, als viele durch ansteckende
Kranckheit schnell hingerißen worden.
Ach! du liaba Heara Gott! was hab’n wir Dia gethaun?
Daß Du uns arma Schwöabla wilt gar nimma leben laun?
Wir wolla nimma betha, wolla nimma in Kircha gaun,
Wir wolla Di scho nöatha, daß d’ uns must lebe laun!
oder eine prächtige Satire — es ist noch nicht einmal ausgemacht, ob der Brief, um den es sich handelt, nicht auch wirklich in ähnlicher Weise geschrieben worden ist — auf den Mißbrauch und Mißverstand der Fremdwörter (S. 464) u.a.m. Doch ein weiteres Eingehen auf den Inhalt des interessanten Codex scheint hier um so weniger erforderlich, als diese Blätter lediglich den Zweck haben sollten, den Leser unserer Mitteilungen mit der willkommenen Bereicherung, welche die Bibliothek des germanischen Museums erfahren hat, bekannt zu machen, insbesondere auch den Spezialforscher darauf hinzuweisen und zum Studium des Buches und genauerer Prüfung seines Inhalts einzuladen.
Nürnberg.
Th. H.