Die letzten Tage des Malers Georg Pentz.
Die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums besitzt eine für die Lebensgeschichte der Nürnberger Künstler des 16. Jahrhunderts ungemein wichtige Quelle, das handschriftliche Totengeläutbuch von St. Sebald in Nürnberg aus den Jahren 1517 bis 1572. Darin findet sich auch eine Nachricht über das Ableben des Malers Georg Pentz, die in diesen Mitteilungen (Jahrg. 1893, S. 39 u. 40) bereits zum Gegenstande einer längeren Erörterung gemacht wurde[70].
Den dort gegebenen Ausführungen läßt sich zur Ergänzung noch einiges hinzufügen.
Nach dem Totengeläutbuch von St. Sebald ist Georg Pentz im Jahre 1550 in Breslau verschieden[71]. Nachforschungen, die in Breslau gepflogen wurden, bestätigten jedoch diese Nachricht nicht oder, genauer gesagt, sie führten zu keinem Ergebnis: Die Breslauer Totenbücher gehen nämlich nicht bis zum Jahre 1550 zurück, und auch in den Breslauer Archiven, dem königlichen Staatsarchiv und dem Stadtarchiv, ließ sich keine auf Pentz bezügliche Notiz ermitteln.
Wären die Totengeläutbücher eine durchaus zuverlässige Quelle, so wäre es unangebracht, die Angabe des Nürnberger Totengeläutbuches von St. Sebald, Pentz sei in Breslau gestorben, in Zweifel zu ziehen. Allein die Totengeläutbücher hatten nicht den Zweck, über die Personalien der Verstorbenen genaue und sichere Ausweise zu bieten, sondern sie waren lediglich dazu bestimmt, als Rechnungsbücher über die bezahlten oder nicht bezahlten Totengeläutgelder zu dienen. Außerdem mögen aber auch öfter die Anmeldungen nicht von den Hinterbliebenen selbst, sondern von ferner Stehenden, von Seelfrauen u.s.w., hinterbracht worden sein. Hieraus erklärt es sich zur Genüge, daß in den Totengeläutbüchern nicht gar selten irrige Einträge namentlich bezüglich der Vornamen sich finden. Die Personalangaben der Totengeläutbücher wird man daher immer mit einer gewissen Vorsicht aufnehmen und, wo es geht, andere gleichzeitige Quellen zur Kontrolle heranziehen müssen.
Nagler hat als Pentz’ Todesort Breslau verworfen und dafür — jedoch ohne Quellenzitat — Königsberg (in Preußen) eingesetzt[72]. Aus einer gleichzeitigen Königsberger Quelle kann er jedoch nicht geschöpft haben; denn auch die Königsberger Totenbücher reichen nicht bis zum Jahre 1550 zurück, und die Königsberger Archivalien enthalten zwar einzelnes über Pentz aus dem Jahre 1550, berichten aber nicht, daß er dort gestorben sei. Immerhin aber ist Naglers Angabe wegen der Beziehungen, die Pentz gerade in seinen letzten Lebenstagen zu Königsberg hatte, nicht ganz aus der Luft gegriffen.
Bei meinen Studien über Nürnberger Künstler stieß ich nun auf bisher unbeachtete Nachrichten, die über Pentz’ letzte Lebenszeit völlig neue Aufschlüsse geben. Hiernach ist Pentz weder in Breslau, noch in Königsberg gestorben.
Ehe ich jedoch hierauf weiter eingehe, muß ich noch etwas zurückgreifen. Georg Pentz war als Fremder in Nürnberg eingewandert und dort am 8. August 1523 gegen Zahlung von vier Gulden Währung als Bürger aufgenommen worden[73]; er war also nicht begütert, da vier Gulden als Aufnahmegebühr von denen gezahlt wurden, deren Gesamtvermögen nicht über 100 Gulden an Wert ausmachte. Nach der Sitte der Zeit wird er damals sich verheiratet haben. Seiner Ehe entsproß eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft: zwar erfahren wir nichts über seinen Nachwuchs aus den ersten neun Jahren seiner Ehe, da die Nürnberger Taufbücher erst mit dem Jahre 1533 einsetzen, daß aber seine Ehe auch anfangs eine sehr fruchtbare gewesen sein muß, läßt sich daraus schließen, daß ihm später nach 1532 laut der Nürnberger Taufbücher noch neun Kinder geboren wurden[74]. Er hatte also für eine sehr große Familie zu sorgen, und es ist daher kein Wunder, daß er bei seiner Vermögenslosigkeit und bei dem geringen Verdienste, wie ihn zu seiner Zeit die Maler in Nürnberg hatten, sich oft in sehr mißlichen Verhältnissen befand. Am 31. Mai 1532 erhielt er eine Bestallung als Nürnberger Stadtmaler, dem Rate mit seiner Kunst zum Reißen, Malen und Visiermachen gewärtig zu sein, und dazu ein festes jährliches Wartgeld von 10 Gulden[75]; aber schon nach vier Tagen wurde ihm dieses Wartgeld, »so über ein Jar fellig, aus angezeigter Not« im Voraus gezahlt[76]. Und das Jahr darauf verfügte der Rat am 1. September: »Jorgen Benntzen soll man seine jährliche Pension vor heraus geben alle Jar, so lange ime die zuraichen einem Rate gefellig ist«, und gleichzeitig wurden ihm für eine Visierung vier Gulden ausgezahlt[77]. Im Jahre 1542 muß er sich wieder in sehr großer Not befunden haben; denn am 7. März verkaufte er zusammen mit seiner Frau Margareta, die damals ihrer Entbindung entgegensah[78], an den Maler Michel Graff um fünfunddreißig Gulden »Hausrat, Kleider und andere Fahrnuß«[79]. Weiterhin im Jahre 1548 verehrte er nach damaliger Sitte, um sich Geld zu verschaffen, dem Nürnberger Rate ein »künstliches« Gemälde »Sant Jeronimus Pild« und erhielt dafür 80 Gulden als Gegengabe[80]. So sehen wir ihn also immerwährend mit einem widrigen Geschick kämpfen. Zuletzt wußte er sich nur noch durch Schuldenmachen zu helfen. In diese üble Lage war er aber nicht ohne eigenen Fehl geraten; denn er besaß ein unruhiges Temperament und eine ausschweifende Phantasie, wie dies schon seine Beteiligung an der radikal-religiösen und sozialistischen Bewegung im Jahre 1525 beweist, und dazu hatte er eine Frau, die durch ihre Trunksucht ihn noch mehr ins Verderben brachte.
Unter diesen Umständen wird es ihm wie eine Erlösung vorgekommen sein, als er eine Bestallung zum Hofmaler des als Freund der Künste und Wissenschaften bekannten Herzogs Albrecht von Preußen erhielt. Die Bestallung, in Königsberg ausgefertigt, datiert vom 6. September 1550[81].
Es liegt auf der Hand, daß Pentz sich sogleich auf den Weg gemacht haben wird. Die Nachricht von seiner Ernennung zum preußischen Hofmaler traf aber sicher selbst bei schneller Beförderung nicht vor Ende September in Nürnberg ein. Pentz kann daher erst um diese Zeit die Reise nach Königsberg angetreten haben. Da er jedoch, wie dies bereits von anderer Seite auf Grund des Totengeläutbuchs von St. Sebald festgestellt wurde[82], schon vor Mitte Oktober seinen Tod gefunden hat, so muß er noch vor Erreichung seines Zieles unterwegs gestorben sein. Der Ort, wo er verschied, kann aber demnach nicht Breslau gewesen sein, da es viel zu abseits von der Hauptstraße liegt, die von Nürnberg nach Norden führt.
Nun ließe sich allerdings einwenden: es ist doch wohl möglich und denkbar, daß Pentz schon vor Oktober oder September nach Breslau gezogen war, um dort Verdienst zu suchen. Hiegegen wäre zu erwidern: wenn es Pentz in Nürnberg, das an Reichtum, Bedeutung und Verkehr die Stadt an der Oder damals noch weit überragte, schon recht sauer geworden war, für sich und seine zahlreiche Familie das tägliche Brot zu erringen, so hätte er sich schwerlich in Breslau eine bessere Existenz versprechen können. In Nürnberg hatte er ja zudem auch noch durch seine Stellung als Stadtmaler einen Rückhalt.
Nach dem Vorhergesagten wird man also mit größerer Berechtigung als Pentz’ Todesstätte einen Ort zu vermuten haben, der mit Pentz’ Ernennung zum Hofmaler des Herzogs Albrecht von Preußen und mit einer Reise des Künstlers nach Königsberg sich in Beziehung bringen läßt, einen Ort, der an der von Nürnberg nach Norden gehenden Hauptverkehrsstraße zu suchen und nicht gar zu entfernt von Nürnberg anzunehmen ist, weil Pentz, nach der Zeit seines Ablebens zu schließen, nicht allzuweit auf seiner Reise gekommen sein kann.
Diese Vermutungen finden ihre Bestätigung durch einen Eintrag der Nürnberger Ratsmanuale. Hiernach brachte am 17. Oktober 1550 Hans Zeser, der zusammen mit Pentz die Vormundschaft über die Kinder des Hans Wolf[83] führte, bei dem Nürnberger Rate zur Anzeige, daß in Abwesenheit des Georg Pentz, »so yetzo zu Leiptzigk mit Tod abgangen«, eine Truhe, die den bevormundeten Wolf’schen Kindern gehörte, in Pentz’ Behausung aufgesperrt, und daß daraus etliche Ding’ entwendet worden seien.
Die Angaben Zesers verdienen vollen Glauben, weil er als einer der Nächstbeteiligten gute Kenntnis hatte, und weil er dem Rate gegenüber sich nur auf zuverlässige Nachrichten gestützt haben kann.
Die Kunde von Pentz’ Tode brauchte bei dem schnellen Postverkehr, der damals zwischen Nürnberg und Leipzig durch reitende Boten geschah, kaum fünf Tage um zu den Hinterbliebenen zu gelangen.
Nach all dem wird man also kaum fehl gehen, wenn man den zu Leipzig erfolgten Tod des Malers Georg Pentz in die Tage vom 11.-13. Oktober 1550 verlegt.
Der Nürnberger Rat verfügte auf die Anzeige Zesers eine Untersuchung, die den Verstorbenen schwer belastete. Die Haltung aber, die der Rat und alle Beteiligten in dieser Sache zeigten, läßt deutlich erkennen, daß Pentz trotz seiner menschlichen Schwächen bei seinen Mitbürgern beliebt und als Künstler hoch geachtet war.
Doch lassen wir nunmehr die Quellen selbst sprechen:
Freitags, 17. octobris 1550. Dieweil nach anzaig Hansen Zesers, als vormund Hansen Wolfs kinder, in abwesen Jörg Pentzen, seines gewesnen mitvormunds seligen, so yetzo zu Leiptzigk mit tod abgangen, ain truhen, in soliche vormundschaft gehörig, in sein, des Pentzen behausung geöffent und etlich ding daraus entwendt sol worden sein, sol des Pentzen wittib beschickt und derhalb zu red gehalten, ir antwurt wider pracht und ir eingepunden werden, weiter nichts aus dieser truhen entwenden zulassen, weil die nit ir oder irs manns gewest, sonder in berurte vormundschaft gehörig sey. — C. Grolandt.
[Ratsmanuale 1550/51, Heft 7, Fol. 34a.]
Sambstags, 18. octobris 1550. Auf Jörgen Pentzen seligen verlassener wittib verantwurtung, das nit sy, sonder ir verstorbner hauswirt seliger die truhen vor seinem hynnen raysen aufgespert, etliche pecher heraus gethan, versetzt und die schlüssel mitsampt den hausschlüsseln mit ime hinwegk genomen hab etc., sol dieselb truhen von gerichts und ampts wegen in beysein der wittib und Hansen Zesers geöffent, was darinn, inventirt und beschryben, auch volgends wider darinn verspert und verpetschirt, dem Zeser und der wittib yedem ain abschryft gegeben und solichs alles ime dem Zeser angesagt, auch auf ine gestelt werden, sein clag und vorderung gegen der wittib und des Pentzen kinder vormundern, die in aufs fürderlichst von oberkait gesetzt werden sollen, zuthun, und fürzunemen, wie das sein gelegenhait und notturft ervordern oder in rathe befynden werde. — C. Grolandt.
[Ratsmanuale 1550/51, Heft 7, Fol. 36r.]
Donerstag, 13. novembris 1550. Margareten (Jörg) Pentzin ir supplicirn ableinen und sagen, das meine herren ir eingangs halben nit wilfarn könden. — Joch. Haller.
[Ratsmanuale 1550/51, Heft 8, Fol. 29a.]
Freytag, 30. january 1551. Margretha Jörg Pentzen wittib auf ir suppliciren in ansehung irer vyl kinder und grossen armut, das auch ir man ain feyner künstner, mit dem meine herren wol zufriden gewesen, zu bezalung irer übrigen schulden, die man ir, weils unmündige kinder betryfft, nit nachlassen kan, aus ainem guten willen mit den begerten 66 fl. zustatten kumen und dargeben[84], doch den zwayen vordersten fürbittern, als dem abt Egidi und dem prediger zu sandt Sebaldt, sagen, das solichs nit ir der frauen, weil man wol wiss, das sy iren man seligen redlich zum verderben geholfen und alles, das sy überkumen, vertrunken hab, sonder iren armen kindern zu gutem und irem man seligen, als ainem künstner undter der erden, zu eeren geschehe, mit beger, ir und den andern fürbittern solichs also anzuzaigen und dabey, wan sy wider mit dergleichen begern kumen, wurd man in weiter nit wilfaren, sonder sy die frauen zum almusen weysen, das zaichen zutragen, wie andere burger auch thun. — J. Schürstab.
[Ratsmanuale 1550/51, Heft 11, Fol. 30r.]
Zwischen Petern Eppenbach und Hansen Marschalck, beden als vormundern weiland Jorgen Petzen, molers, seligen verlassner kinder, an ainem und Margarethen, seiner verlassnen wittibin, am andern thailn ist darumb, ob die vormundere sich umb der kinder vatterlichen erbthail von der frauen an einer gemainen caution uff allen iren hab und gutern settigen zulassen schuldig seien oder nicht, uf der frauen furbringen, das sie niemand hie hab, den sy zur burgschafft zuvermögen wesst, und das gemein irs mans seligen glaubiger ir alle schulden nachgelassen haben, auch nach besichtigung des aufgerichten inventarii und allerlei gelegenheit diser sachen erkannt, das di vormundere sich an der frauen erbieten der gemeinen caution halb uf allen iren hab und guetern settigen zulassen schuldig sein sollen. Actum in judicio (feria) quarta 22. aprilis 1551ten jar.
[Conservatorien, Band 71, Fol. 219r.]
Nürnberg.
Dr. Alfred Bauch.
Initialen in Holzschnitt von dem Rechenmeister Paulus Frank (um 1600).
Herr Geheimrat Dr. von Hefner-Alteneck in München hat dem germanischen Museum vor einigen Wochen eine Sammlung von 46 Blatt Initialen in Holzschnitt aus der Wende des 16. Jahrhunderts zum Geschenk gemacht, die in der That, was Schwung und Bravour der Ausführung betrifft, ihres Gleichen suchen und von einem hoch entwickelten Sinn für ornamentale Schönheit zeugen, wenn auch die Deutlichkeit der Buchstaben hin und wieder zu wünschen übrig läßt. Die Initialen gehören im ganzen fünf verschiedenen Alphabeten an. Eines derselben ist jedoch nur durch einen Buchstaben, ein W, vertreten, welches offenbar aus der Schule Neudörfers stammt und im Folgendem unberücksichtigt bleibt. Von den vier anderen Alphabeten sind die prachtvollen Initialen des einen fast in kl. 2°-Format ausgeführt, die Buchstaben des zweiten nur etwa halb so groß und diejenigen des dritten und vierten wiederum halb so groß als die Buchstaben der zweiten Folge. Das dritte Alphabet unterscheidet sich von dem vierten wesentlich dadurch, daß die Initialen des einen in gewöhnlichem kl. 8°-Format, die des andern in kl. qu. 8°-Format angeordnet sind.
Fig. 1.
Alle diese vier Alphabete rühren, wie schon die oberflächlichste Betrachtung mit vollkommener Deutlichkeit lehrt, von einem und demselben Meister her, der auch seinen Namen auf allen Holzschnitten der großen Folge mit nur einer Ausnahme und auf den meisten Blättern des mittleren Alphabets durch ein verschlungenes ·PF· in gotischen Lettern — nur einmal stehen beide Buchstaben gesondert — angedeutet hat.
Wer war dieser Meister ·PF·? Diese Frage beantwortet uns ein zu Nürnberg bei Christoff Gerhard im Jahre 1655 gedrucktes Buch, welches den Titel trägt: »Kunstrichtige Schreibart Allerhand Versalien oder Anfangs Buchstaben Der Teütschen Lateinischen und Italianischen Schrifften, aus unterschiedlichen Meistern der Edlen Schreibkunst zusammen getragen. Nürnberg Bey Paulus Fürsten Kunsthändlern daselbst«, und welches in seiner zweiten Hälfte die vier Alphabete vollständig enthält. Auch die beiden Holzschnittfolgen des kleinsten Formates, die in unserer Sammlung nur durch ein, bezw. zwei Blätter vertreten waren, weisen hier meistens das Monogramm ·PF· auf.
Man würde nun aber sehr irren, wollte man dasselbe etwa auf Paul Fürst beziehen und aus dem Buchhändler zugleich den Formschneider oder Zeichner für den Holzschnitt konstruieren. Die Übereinstimmung der Anfangsbuchstaben des Namens ist nur zufällig. Den wahren Verfertiger dieser Alphabete lernen wir vielmehr erst aus der Vorrede zu dem genannten Buche kennen, in der es auf S. 14 zu Anfang des V. Abschnittes (»Von diesem Wercke«) heißt:
Fig. 2.
»FErners ist zu wissen, daß dieses Wercke von Paulo Francken, weiland Modisten und Rechenmeistern zu Memmingen angefangen, und 1601 in Druck gegeben worden, nachmals hat solches jetziger Verleger an sich erkaufft, und es nun der lehrgierigen Jugend zu guten, mit etlicher Autoren Hand vermehret, wider aufflegen lassen, nicht zweifflend, es werde allen Liebhabern der zierlichen Schreibkunst, damit bedient seyn; sonderlich aber den Schulhaltern, welche sich durch diese Vorschrifften vieler Mühe entheben können.«
Damit wären wir nun bei Paulus Frank als dem Autor unserer Sammlung von Initialen angelangt. Daß an dieser Autorschaft in der That nicht zu zweifeln ist, ergiebt sich noch aus einer Reihe weiterer Umstände, die zugleich einiges Licht über die Persönlichkeit des kunstreichen »Modisten und Rechenmeisters« verbreiten.
Das »R«, welches er bei dem L der mittleren Folge seinem Monogramm hinzugefügt hat, bedeutet ohne Zweifel »Rechenmeister«. Eine weitere Hinzufügung findet sich auf dem X der mittleren Folge (s. Fig. 1)[85], nämlich die Zahl 97, welche wohl nichts anderes als die Jahreszahl 1597 bedeuten kann. Es ist also anzunehmen, daß Paul Frank die Zeichnungen zu diesen Holzschnitten um das Jahr 1597 angefertigt hat. Ob sich vollständige Exemplare des von ihm dann 1601 in Druck gegebenen Werkes, dem, wie die trefflichere Erhaltung, die klarere und schärfere Ausführung zu verraten scheint, auch unsere Blätter angehören mögen, noch erhalten haben, vermag ich nicht zu sagen. Es kann jedoch als wahrscheinlich gelten.
Zeitlich noch weiter zurück führt uns eine in Leder gebundene Handschrift in kl.-qu.-fol., welche der im germanischen Museum deponierten Merkelschen Sammlung angehört[86] und auf 16 Pergamentblättern die köstlichsten kaligraphischen Schreibvorlagen von Paul Franks Hand enthält[87]. Das Titelblatt lautet: »Anweißung Kunnstlichs vnnd artlichs schreibens Daraus dann ein Jeder Junger die Fundament der gebreuchligisten Lateinischen Teutschen Fractur Cantzley vnd Currentschrifften begreiffen vnd lernnen kan Durch Paulum Franckh von Gfreß Allen liebhabern dieser Kunst zum besten verordnet. Im Jar Jhesu Christi Anno 1587.«
Fig. 3.
Jedenfalls ist auch diese »Anweißung« auf den Druck berechnet gewesen, mit dem Buch von 1601 hat sie aber wohl nichts zu thun, da sie mit unseren Holzschnitten keine direkten Berührungspunkte bietet, beispielsweise auch das Monogramm Paul Franks auf keiner der handschriftlichen Schreibvorlagen erscheint, von ihm also wohl erst um etwa zehn Jahre später in seine zur Reproduktion bestimmten Arbeiten aufgenommen wurde. Ein gedrucktes Exemplar ist mir von der »Anweißung« ebenfalls nicht bekannt. Wie sehr sich dieselbe aber im Stil unseren Holzschnittfolgen nähert, wird am besten durch die Gegenüberstellung eines F der Handschrift (Fig. 2) mit einem Holzschnitt-F (Fig. 3), welches zu dem Alphabete mittlerer Größe gehört, veranschaulicht werden. Hier wie dort der gleiche prächtige Schwung der Linien und Schnörkel, die gleiche Vorliebe für schön verlaufende Spiralen, für allerlei Vergitterungen und für die wie kräftige gotische m-Striche aussehenden Quer-Einschiebsel, die für Paul Franks Art besonders charakteristisch sind. Nur ist, wie zu erwarten, die ganze Ausführung in den Handzeichnungen auf Pergament noch eine ungleich sorgfältigere, feinere und reichere, als die Holzschnitte aufweisen. Auch das ergiebt sich bereits aus einem Vergleich der beiden hier reproduzierten F.
Zur Biographie des Paul Frank erfahren wir aus der Pergamenthandschrift der Merkelschen Sammlung vor Allem, daß er aus Gefrees in Oberfranken gebürtig gewesen ist. Als er seine »Anweißung« schrieb, im Jahre 1587[88], war er aber wahrscheinlich bereits in Memmingen ansässig. Es wäre sonst wenigstens auffallend, daß der Inhalt seiner Schreibvorlagen mehrmals[89] gerade auf Memminger Verhältnisse Bezug nimmt. Acht Jahre später (1595) ereignete sich mit Paul Frank in Memmingen ein tragischer Fall: er wurde zum Mörder. Christoph Schorer berichtet darüber in seiner Memminger Chronik: »Den 3. October hat Paulus Franck, Modist vnd Teutscher Schulmeister allhier, so mit andern Teutschen Schulmeistern auff dem Stadt Weyher (welcher den vorigen Tag gefischet worden) gewesen, im herein gehen zwischen den Gärten den David Lochbichler, sonst Girtler genand, Schulhaltern mit einem Faust-Hammer am Haupt also verletzet, daß er den 13. October hernach gestorben«[90]. Welches die Veranlassung zu dieser That gewesen, ob überhaupt eine vorsätzliche Verwundung vorgelegen oder nur ein unglücklicher Zufall obgewaltet hat, hören wir nicht. Möglich, daß Konkurrenzneid oder verletzte Eitelkeit dabei im Spiel gewesen sind, denn — um schließlich auch noch ein Wort über den mutmaßlichen Charakter unseres Mannes zu sagen — ein etwas übertriebenes Selbstgefühl scheint Paul Frank eigen gewesen zu sein und verrät sich auch in seinen Arbeiten. Ist es schon ein seltenes Vorkommnis, daß ein Rechenmeister fast jedes seiner für den Holzschnitt gefertigten Blätter mit seinem Monogramm signiert, so kennzeichnen ihn auch mehrere der für seine »Anweißung Kunnstlichs vnnd artlichs schreibens« gewählten Vorlagen oder Beispiele durch ihren Inhalt als eitel und von unverhältnismäßigem Stolze auf seinen Künstlerberuf erfüllt. Verschiedentlich ist darin von den Rechenmeistern oder Schreibkünstlern die Rede, namentlich von dem durch seine »Ehrbarkeit, Redlichkeit, gute Sitten, Tugend und Vernunft berühmten« kaiserlichen Kammer-Kanzleischreiber Veit Stoß aus Schweinfurt, von dem weiterhin einmal[91] in der »sehr gemainen vngebrochenen Canntzleyschrifft«, nebenher, aber wohl sehr geflissentlich mitgeteilt wird, daß ihm Konrad Lang von Überlingen »Ein Schloß Hummelburg gnant widerkaufflichen verkaufft habe«[92] u. s. f.
Über den späteren Lebensgang des Paul Frank habe ich bisher nichts weiter ermitteln können, als was sich aus seinen Holzschnitten und der Vorrede zu der »Kunstrichtigen Schreibart« des Paulus Fürst ergab und oben mitgeteilt worden ist.
Nürnberg.
Th. Hampe.