Achtes Kapitel.

Als ich dem Vāli (Generalgouverneur) auf seine Fragen, wohin ich von Damaskus aus zu reisen gedächte, Ba'albek als Ziel nannte, äußerte er die Absicht, eine Schar Bewaffneter zum Schutze einer so vornehmen Dame mitzuschicken. Um dieses Thema abzubrechen, erwiderte ich kurzerhand, ich würde die Bahn benutzen. Da ich aber im Ernste nicht die geringste Lust zu diesem Beförderungsmittel verspürte, blieb mir, wollte ich allein reisen, nur ein möglichst früher Aufbruch übrig. Es war ein freundlicher, sonniger Morgen, als wir durch die bereits von einer Schar fröhlicher Menschen belebten Straßen ritten; unsre Pferde zerrten ungeduldig am Zaumzeug nach ihrer achttägigen Ruhe. An Amīr Omars Haus in der Wādi Barada vorüberkommend, erblickten wir diesen Herrn in der Morgensonne auf seinem Dach sich gütlich tun. Er rief mir zu, doch heraufzukommen, aber ich erklärte, daß Geschäfte vorlägen, und er mich ziehen lassen müßte.

»So zieht in Frieden!« gab er zurück, »so Gott will, reiten wir eines Tages zusammen.«

»So Gott will!« sagte ich und »Gott mit euch!«

Als sich nach ein oder zwei Meilen der Weg teilte, schlug ich die direkte Richtung nach dem Antilibanon ein, denn mir lag daran, der Aufmerksamkeit behördlicher Personen zu entgehen, die angewiesen worden waren, mir ihre Achtung zu bezeigen. Wir kamen durch das schöne, mit Aprikosenbäumen bestandene Tal der Barada (noch war die Zeit der Blüte nicht gekommen), kreuzten den Fluß oberhalb der prächtigen Schlucht Barada, und ritten über eine zwischen schneebedeckten Bergen liegende Ebene nach dem durch seine Äpfel berühmten Zebdāny. Hier schlugen wir auf einer grünen Wiese neben einem Brunnen unser Lager auf; nach Süden zu begrenzten die schneeigen Flanken des Hermon das Bild, nach Norden lagen die Dorfhäuser verstreut auf den Hügelwellen; kein einziger aus Zebdāny bekümmerte sich um die kleinen Zelte. Am nächsten Tage passierten wir im Sturmgeheul den Antilibanon. Eine weite Tour war es von 8¼ Meilen, aber reizvoll und unterhaltend. Wir mußten auf der großen Römerstraße von Damaskus nach Ba'albek sein; das ganze Tal entlang sah man ab und zu lateinische Inschriften an den Felswänden. Ganz durchnäßt, denn die letzten Meilen wurden durch kahle Gegend in strömendem Regen zurückgelegt, gelangten wir endlich in Ba'albek an. Es war fast zu stürmisch, um ein Lager auszuschlagen, und doch lehnte sich alles in mir gegen den Gedanken an ein Hotel auf. Aber Michaïl wußte Rat. Er kannte eine anständige, christliche Frau, die am Eingang des Dorfes wohnte, die würde uns sicherlich Obdach geben. Und so geschah es auch. Die Frau war hocherfreut, uns zu sehen, und richtete sofort einen sauberen leeren Raum für mein Zeltzubehör ein, während Michaïl sich mit seinen Kochutensilien in einem anderen niederließ. Mochte nun der Regen wütend gegen die Fenster schlagen — wir waren geborgen.

Meine Wirtin, Kurunfuleh, die Nelke, mit Namen, hatte zum Gatten einen gewissen Jūsef el 'Awais, der gerade in Amerika sein Glück suchte, wohin sie ihm zu folgen gedachte. Ich verbrachte einige Stunden in ihrer Gesellschaft; auch ihr Sohn und ihre Tochter waren da, und ein paar Verwandte, die ihre Lauten mitgebracht hatten. Man plauderte und musizierte. Wie sie sagten, macht ihnen die Zukunft viel Sorge, denn die Bevölkerung von Ba'albek und der Umgegend gehört größtenteils zu den Metāwileh, einer freisinnigen und wegen ihres Fanatismus und ihrer Unwissenheit berüchtigten Sekte des Islam. So oft die Japaner siegreich waren, pflegten diese Leute zu kommen, ballten ihre Fäuste drohend gegen die Christennachbarn und riefen: »Die Christen sind geschlagen worden! Hütet euch, wir werden euch auch bald davonjagen und eure Habe nehmen.« »Und ganz so geht es in Jerusalem her,« fiel Michaïl ein (ob seine Worte auf Wahrheit beruhten, weiß ich nicht), »dort haben die Muselmänner dem Mufti durch eine Deputation sagen lassen: ‚Die Zeit ist für uns gekommen, die Christen zu verjagen.’ Aber der Mufti versetzte: ‚Wenn ihr Unruhen heraufbeschwört, werden die europäischen Mächte sich einmischen, denn Jerusalem ist ihr Augapfel; sie werden das ganze Land einnehmen, und wir werden schlimmer dran sein als zuvor.’«

Ich suchte Kurunfuleh zu trösten, indem ich sagte, es sei undenkbar, daß die Christen in Syrien verfolgt werden könnten, da das Land so wohl bekannt und von Touristen viel besucht sei, die sicherlich entrüstet sein würden. Der alljährlich wiederkehrende Strom von Touristen bietet in der Tat eine der besten Garantien für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Aber warum kehrte denn Kurunfuleh nicht in den Libanon, ihre Heimat, zurück, wo sie unter dem direkten Schutz der Mächte stand und keine Gefahr zu befürchten brauchte? Sie antwortete:

Suk Wādi, Barada.

»O meine Dame, das Haus hier ist auf meines Gatten Namen eingetragen, es darf vor seiner Rückkehr nicht verkauft werden noch unbewohnt bleiben, und außerdem lebt es sich in der Ebene so ganz anders, als im Libanon; ich könnte es nicht wieder ertragen, dort zu wohnen. Dort tun die Leute weiter nichts als ihre Nachbarn beobachten, und zieht man einen neuen Rock an, so stecken sie die Köpfe zusammen und spotten: Hast die feine Dame gesehen? Und lassen Sie sich auch nur sagen, wie man im Libanon lebt: ich esse in Ba'albek jeden Tag Fleisch, die im Libanon aber nur einmal in der Woche. Sie teilen eine Zwiebel in drei Teile und würzen drei Abende hintereinander ihren burghul (geschroteter Weizen) damit; ich aber werfe Abend für Abend eine ganze Handvoll Zwiebeln in den Kochtopf. Ja, es geht karg her im Libanon.«

Sie hatte recht. Es geht so karg dort her, daß jeder, der nur irgendwie das Reisegeld erschwingen kann, nach den Vereinigten Staaten auswandert, so daß es in den Kulturen von Getreide, Wein und Maulbeerbäumen entsetzlich an Arbeitskräften mangelt. »Es ist kein Vorwärtskommen«, wie der Syrer sagt. Die Provinz ist eine Sackgasse ohne eignen Hafen, ohne Handel. Du brauchst dort nicht gerade zu verhungern, aber was hast du von einem Leben, das dir nicht mehr als den dritten Teil einer Zwiebel zum Abendbrot bietet? Die Hohe Pforte ist den Mächten einmal wieder übergewesen. Sie hat alles bewilligt, was von ihr gefordert worden ist, o ja, auch mit Freuden, aber die Zugeständnisse, welche die Türen zum Wohlstand anscheinend erschlossen, haben in Wirklichkeit den Pfad denen versperrt, die Nutzen daraus ziehen sollten.

Am nächsten Tage hatte der Regen noch nicht nachgelassen. Ich empfing den Polizeikommissar, der mich hergeleitet hatte, und stattete dann in dem meiner Wohnung nahegelegenen Hotel einer vielköpfigen Portugiesenfamilie einen Besuch ab. Monsieur Luiz de Sommar war mit Gattin, Töchtern und Neffen über den Djebel Druz von Jerusalem nach Damaskus gereist. In Salchad hatte ich von ihrer Ankunft in Sueda gehört und mich gewundert, wie sie sich Zulaß verschafft haben mochten. Ich hörte eine seltsame Geschichte, die sehr zugunsten Sommars spricht, gleichzeitig aber auch dartut, wie ängstlich die Regierung das Bergland vor den spionierenden Augen der Touristen zu hüten bestrebt ist. Die Portugiesen hatten Mr. Mark Sykes in 'Ammān getroffen, der ihnen riet, ihre Tour lieber über Kanawāt im Djebel Druz zu nehmen, da sie keinerlei Schwierigkeit haben würden, die Erlaubnis dazu zu erhalten. Monsieur Sommar war denn auch gutes Mutes vorwärtsmarschiert, aber in Sueda, dem Hauptsitz der Regierung, angekommen, hatte ihn der Kāimakām angehalten und zwar höflich aber fest angedeutet, daß er auf demselben Wege, den er gekommen, wieder zurückreisen müsse. Der Herr verweigerte das in ebenso bestimmter Weise und sandte Telegramme an seinen Konsul in Damaskus und seinen Minister in Konstantinopel. Und nun erfolgte ein erregter Depeschenaustausch mit dem Endergebnis, daß Monsieur Sommar nach Kanawāt weiterreisen dürfte, falls er hundert Zaptiehs mitnehmen würde. »Denn«, sagte der Kāimakām, »das Land ist über die Maßen gefährlich.« (Ein Land, durch welches, wie ich weiß, eine Frau in der alleinigen Begleitung eines Drusenjungen, ja, ganz allein reiten kann, selbst wenn ihre Satteltaschen mit Gold angefüllt sind!) Aber Monsieur de Sommar war ein kluger Mann. Er erwiderte, daß er die hundert Zaptiehs schon mitnehmen wolle, aber keinen Piaster würden sie von ihm bekommen. Man feilschte, der Kāimakām änderte seinen Beschluß und setzte die Eskorte auf zwanzig fest, unter welchem Schutz die Sommars glücklich in Kanawāt landeten. Ich beglückwünschte sie zu diesem Abenteuer und mich selber, die ich meinen Passierschein von Fellāh ul 'Isa und nicht vom syrischen Vāli erwirkt hatte.

Ba'albek.

Trotz des Regens war der Tag in Ba'albek nicht verloren. Die Deutschen hatten seit meinem letzten Besuch den Tempel der Sonne ausgegraben und Altäre, Fontänen, Teile von Dekorationen sowie Grundmauern von Kirchen bloßgelegt, die von höchstem Interesse waren. Und außerdem erweckt die große Gruppe von Tempeln mit den sie umschließenden Mauern, die zwischen dem Doppelgebirge des Libanon und Antilibanon liegt, einen Eindruck, der nur von der Tempelgruppe der athenischen Akropolis übertroffen wird, die ja wirklich ihresgleichen sucht. Die Ausführungen im einzelnen sind weniger gut als die athenischen. Das unendlich Würde- und Maßvolle in dieser Krone unter den Schöpfungen der Architekten kann nicht erreicht werden, wie auch die prachtvolle, das blaue Meer und den Golf von Salamis beherrschende Lage einzig in ihrer Art ist. Aber im großen ganzen kommt Ba'albek der Akropolis näher als irgend ein anderer Gebäudekomplex, und der Gelehrte findet reichlich Material zu Betrachtungen über die griechisch-asiatische Kunst, die Ba'albek erbaut und seine Pfosten, Architrave und Kapitäle mit Ornamenten versehen hat, die ebenso abwechslungsreiche Entwürfe zeigen, wie sie herrlich ausgeführt sind. Der Archäologe kennt weder rein noch unrein. Jedes Werk der menschlichen Phantasie nimmt bei ihm den ihm bestimmten Platz in der Geschichte der Kunst ein, leitet und erweitert sein eigenes Verständnis. Befriedigt das Ergebnis sein Auge, so freut er sich, in jedem Falle aber liefert es ihm ein neues unerwartetes Band zwischen dieser und jener Kunst und führt ihn eine Stufe weiter empor auf der Leiter der Geschichte. Das macht ihn fähig, mit allem zufrieden zu sein, was er sieht, und sicher wird er nicht sagen: »O weh — o weh! Diese Dummköpfe von Syrern ... Phidias würde das so und so gemacht haben!« Denn ihm gewährt es Befriedigung, einen neuen Versuch auf dem Pfade künstlerischen Schaffens zu entdecken, einen frischen Hauch, der die Akanthusblätter und Weinranken an den Kapitälen bewegt.

Der große Hof, Ba'albek.

Unsre Abreise von Ba'albek wurde durch ein sehr betrübliches Vorkommnis gekennzeichnet: mein Hund Kurt war in der Nacht verschwunden. Im Gegensatz zu den meisten syrischen Pariahunden offenbarte er ein höchst anschmiegendes Wesen, war auch (und darin unterschied er sich wiederum nicht von seinen halbverhungerten Stammesgenossen) unersättlich gefräßig, weshalb die Wahrscheinlichkeit nahelag, daß er mit einem Knochen weggelockt und eingesperrt worden war, bis wir glücklich aus dem Wege sein würden. Während Habīb nach der einen Richtung hin das Dorf durchstreifte, und Michaïl nach der anderen, erschien der Polizeikommissar auf dem Schauplatz und suchte Balsam in die Wunde meines Schmerzes zu träufeln. Nach einiger Zeit erschien Habīb wieder, hinter ihm Kurt, schweifwedelnd und an einer Kette befestigt. Wie jener atemlos berichtete, hatte er das Tier, an eben diese Kette gefesselt, bei jemand entdeckt, der es hatte stehlen wollen.

»Und als Kurt meine Stimme hörte, bellte er; ich ging in den Hof und sah ihn. Und der Herr der Kette verlangte sie von mir, aber bei Gott! ich gab sie ihm nicht, sondern schlug ihn zu Boden damit. Gottes Zorn über den diebischen Metawīleh!«

Und so habe ich das Vergnügen zu berichten, daß die Metawīleh eine ganz so unehrliche Gesellschaft sind, wie das Gerücht von ihnen geht, daß ihre Anschläge aber von umsichtigen Christen vereitelt werden können.

Wir ritten das weite und öde Tal zwischen Libanon und Antilibanon dahin. Ich hätte ja mit der Bahn nach Homs und weiter bis Hamah reisen können, aber ich zog es vor, je nach Laune von einer Seite des Tales nach der anderen zu kreuzen, um alle interessanten Stätten der Gegend aufzusuchen, und das war mir nur zu Pferde möglich. Das nördlich von Ba'albek gelegene Syrien war mir unbekannt, es war auch insofern ein Abschnitt, als hier die Karte von Palästina aufhörte. Ich mußte nun meine Zuflucht zu Kieperts kleiner aber vortrefflicher Karte nehmen, die ich aus dem in Saleh verbliebenen Werke Oppenheims entfernt hatte. Es gibt keine andre genügende Karte, bis etliche dreißig Meilen südlich von Aleppo Kieperts großer kleinasiatischer Atlas im Maßstabe von 1 : 400000 einsetzt; diesem Übelstand wird hoffentlich abgeholfen sein, sobald die Amerikanische Princeton-Expedition ihr Werk herausgibt. Nach 4½ Stunden erreichten wir Lebweh, wo der Hauptquell des Orontes in einer Menge kleiner Brünnchen dem Boden entspringt — ein entzückender Anblick. Hier war es, wo wir von zwei Soldaten eingeholt wurden, die der Kāimakām uns mit der höflichen Frage nachgeschickt hatte, ob mir eine Eskorte erwünscht wäre. Ich schickte den einen Mann zurück, behielt aber den anderen, um den Kāimakām nicht zu verletzen. Unser neuer Begleiter nannte sich Derwisch und erwies sich als sehr nützlich und angenehm, wie in der Tat die ganze lange Reihe seiner Nachfolger, die uns eskortierten, bis ich den Zug in Konia bestieg. Einige von ihnen trugen viel dazu bei, die Reise unterhaltend zu gestalten: während wir Stunde um Stunde nebeneinander dahinritten, erzählten sie mir vielerlei von ihren Erfahrungen und Abenteuern. Diese Unterbrechung des Garnisonlebens behagte ihnen nicht wenig; gar wohl gefiel ihnen auch der Medschideh (etwa vier Mark) täglich, der ihnen viel sicherer war als der Sold des Sultans. Nach Ablauf ihrer Dienstzeit beschenkte ich sie überdies noch mit einem kleinen Trinkgeld, und sie erhielten sich und ihre Pferde mit den Nahrungsmitteln und dem Futter, die sie, wie ich starken Verdacht hege, dem Bauernvolk gewaltsam abnahmen — eine Art offizieller Erpressung, gegen die einzuschreiten der Reisende keine Macht hat.

Säulen des Sonnentempels, Ba'albek.

In Lebweh befinden sich die Ruinen eines Tempels, der in derselben massigen Bauweise wie Ba'albek errichtet war. Ein aus vier Steinlagen bestehendes Podium, das von einem einfachen Sims, lediglich einer krummgezogenen Fläche, überragt wird, ist alles, was davon übriggeblieben. Das Dorf gehört Asad Beg, einem reichen Metawīleh, dem Bruder des in ganz Nordsyrien wohlbekannten Dr. Haida. Er ist in der Tat überall zu finden. Komme ich doch nie nach Damaskus, ohne ihn zu treffen, und immer gewährt es mir Befriedigung, denn er ist außerordentlich intelligent und in der Literatur Arabiens gut zu Hause. Neuerdings ist er zu irgend einem Posten an der Bahn von Mekka berufen worden; meines Wissens ist er der einzige Mann seines Stammes, der eine gute Erziehung genossen und sich hervorgetan hat.

Wir schlugen unser Lager in Rās Ba'albek, 1½ Stunde von Lebweh entfernt auf, wo sich eine vortreffliche Quelle in einer Schlucht der östlichen Hügel befindet. Der beißende Frost hatte eines Morgens aufgehört — dem Himmel sei Dank! — aber noch war es kalt. Die Graupeln schlugen an die Zeltwand, als wir in der Morgendämmerung aufstanden, und den ganzen Tag ritten wir in einem teuflischen Wetter dahin. Und dies war der 8. März! Ja, der Frühling reist gemächlich in das nördliche Syrien! Ich ließ mein Lagergerät auf dem direkten Wege gehen, um mit Derwisch ein Denkmal aufzusuchen, welches sich auf einer kleinen Anhöhe inmitten des Orontes-Tales erhebt und auf dieser trostlosen Fläche von jeder Seite her auf eine Tagereise weit sichtbar ist. Es ist ein hoher Turm aus massivem Steingemäuer mit einer Pyramide auf der Spitze; viereckige Wandpfeiler und ein grober Fries mit Kriegstrophäen und Jagdszenen in Basrelief bilden die Dekoration. Die Syrer nennen es nach einem nahegelegenen Dorfe Kāmu'a Hurmul (Turm von Hurmul), und die Gelehrten vermuten, daß es zum Gedächtnis an irgend eine große Schlacht der Römer errichtet wurde. Ob sie recht haben oder nicht, läßt sich durch keinerlei Inschrift nachweisen. Es liegt zwei Wegstunden westlich von Rās Ba'albek. Von dem fürchterlichen Wind gepeitscht, ritten wir noch 1½ Stunden weiter bis zu einer Reihe kleinerer Erdwälle, welche die Luftlöcher eines unterirdischen Kanals deckten. In Persien nennt man es einen Kanāt, und ich glaube, so heißt es auch auf Arabisch. 2½ weitere Stunden brachten uns nach Kseir; und als eine Viertelstunde später auch die Maultiere eingetroffen waren, schlugen wir unser Lager dicht an der Begräbnisstätte außerhalb der häßlichen, aus Lehm erbauten Stadt auf. Nach Sonnenuntergang legte sich der Wind, und Friede, physischer sowohl als moralischer, zog ins Lager ein. Hatte doch sogar Michaïls gute Laune unter der Wut der Elemente gelitten, während Habīb, heiter wie gewöhnlich, hereingekommen war, und ich mich — ich freue mich, das konstatieren zu können — in philosophisches Schweigen gehüllt hatte, sobald ich fühlte, daß der Orkan sich mit meinem Humor entfernen wollte. Mohammed der Druse war nicht mehr bei uns; wir hatten ihn in Damaskus zurückgelassen. Mochte es seine eigne Schuld sein, oder hatten sich die anderen gegen ihn zusammengetan — jedenfalls nahmen die Verdrießlichkeiten und der Streit kein Ende, und es war besser, ein Glied des Stabes zu opfern, um die Karawane in Einigkeit zu erhalten. In Damaskus, wo unser Vertrag endete, schieden wir als die besten Freunde, und eine Reihe von Mietlingen, die sich — in meinen Augen wenigstens — durch nichts voneinander unterschieden, nahm seinen Platz ein.

Das Tal des Orontes war früher arabischer Lagerplatz; noch jetzt lassen sich in trocknen Zeiten einige Scheichs der Haseneh und der 'Anazeh dort nieder, aus dem letzteren Stamme hauptsächlich die Ruwalla; aber die große Masse der Beduinen ist von der Zivilisation verdrängt worden. Der Kāmua wahrt ihr Gedächtnis in Gestalt alter Stammeszeichen. Seltsam mutete es an, daß wir uns in den Niederlassungen der alten Hittiter (wer sie auch gewesen sein mögen) befanden; die berühmten Proben ihrer noch bis jetzt nicht entzifferten Schrift, die in Hamah aufgefunden wurden, sind jetzt in dem Museum von Konstantinopel untergebracht und spotten der Bemühungen der Gelehrten. Die jetzigen Einwohner von Kseir bestehen teilweise aus Christen und aus Gliedern einer die »Nosairijjeh« genannten Sekte. Der Islam erkennt sie zwar nicht als Rechtgläubige an, aber sie geben sich, wie alle die kleineren Sekten, die größte Mühe, den äußeren Unterschied zwischen sich und dem herrschenden Glauben zu verwischen. Sie halten ihre Glaubenslehren möglichst geheim, aber Dussaud hat ihnen gründlich nachgespürt und manche Anklänge an den alten Phönizierglauben entdeckt. Abgeschlossen in ihren Bergfesten lebend, haben die Nosairijjeh ihren alten semitischen Kultus beibehalten und nehmen als direkte Abkömmlinge des Heidentums eine hohe Stellung in den Augen der Syriologen ein, während sie selbst über ihre Abstammung völlig im Dunklen sind. Im Lande sprach man Übles von ihrer Religion, wie man ja überhaupt immer über Dinge, die man nicht versteht, Böses zu flüstern pflegt, und als sichtbaren Beweis sagte man mir, daß das Leben dieser Sekte alles zu wünschen übrig lasse. Aber Dussaud hat den Fleck weggewaschen, der auf ihrem Glauben lag, und ich meinerseits beobachte, nach meinen Erfahrungen über ihr Verhalten Fremden gegenüber, eine wohlwollende Neutralität. Habe ich doch fünf Tage in dem Bergland westlich von Homs verlebt und eine Woche in der Nähe Antiochiens, in welch beiden Distrikten sie besonders vertreten sind, und habe keinen Grund zur Klage gehabt. Weniger war mein Hund Kurt mit der Gesellschaft zufrieden, die er in Kseir antraf. Er bellte die ganze Nacht hindurch unaufhörlich, fast hätte ich ihn in den Hof des Metawīleh zurückgewünscht.

Tempel des Jupiter, Ba'albek.

Der folgende Tag brachte herrliches Wetter. Ich machte mit Michaïl einen weiten Umweg, um den Tell Nebi Mendu aufzusuchen, wo Kadesch am Orontes, die südliche Hauptstadt der Hittiter, lag. Kadesch muß seinerzeit eine schöne Stadt gewesen sein. Der Hügel, auf dem es erbaut wurde, erhebt sich aus einer großen Getreideebene. Nach Süden zu zieht sich zwischen den Zwillingsketten des Libanon das breite Orontestal dahin, im Westen wird es durch den Djebel Nosairijjeh gegen das Meer hin geschützt, und der Libanon umschließt mit den Nosairijjehbergen ein blühendes Flachland, durch welches die Kaufleute mit ihren Waren an das Meer gelangen können. Nach dem nördlichen Horizont erstrecken sich die Ebenen von Zölesyrien, und die Steppen der palmyrischen Wüste begrenzen den Blick nach Osten. Der Fuß des Tell wird von dem kleinen aber reißenden Orontes (der »Rebell« bedeutet sein arabischer Name) bespült, ganz im Vordergrund aber liegt der sechs Meilen lange See Homs. Man nähert sich dem Hügel Kadesch auf grasbewachsenen Flächen; zwischen Weidengebüsch dreht sich ein Mühlrad lustig in dem rauschenden Strom. Die Gegend muß seit den Zeiten der Hittiter beinahe ununterbrochen bewohnt gewesen sein, denn die Geschichte erwähnt eine Seleucidenstadt Laodicea ad Orontem, auch finden sich Spuren einer christlichen Stadt. Jede nachfolgende Generation hat auf dem Staube derer gebaut, die vor ihr gewesen. So ist der Berg höher und höher geworden und sicher auch reicher und reicher an Spuren von denjenigen, die darauf wohnten. Aber er kann nicht gänzlich durchgraben werden wegen der armseligen Lehmhütten, die den Ruhm von Laodicea und Kadesch geerbt haben. Und da ist ja auch der kleine Kirchhof am Nordende des Dorfes, der, so will es der Islam, ungestört bleiben muß, bis die Posaune Gabriels die Schläfer weckt. Ich sah wohl Fragmente von Säulen und recht rohen Kapitälen umherliegen, aber als ich so auf dem Berge stand, war meine Phantasie zu lebhaft beschäftigt, ein Bild von der Schlacht bei Kadesch zu weben, wo der König der Hittiter seinerzeit gegen Pharao kämpfte, und von der uns eine wundervolle Reihe Hieroglyphen in Ägypten erzählt. Ein viertelstündiger Ritt führte von Tell Nebi Mendu an eine seltsame Erdarbeit, die von den Arabern für Sefinet Nuh (Noahs Arche), von den Archäologen dagegen für eine assyrische Befestigung erklärt wird; jede der beiden Auslegungen über den ursprünglichen Zweck kann mit derselben Berechtigung für richtig gelten. Es ist ein quadratischer Erdhaufen mit genau nach den Punkten des Kompaß gerichteten Seiten; er erhebt sich 40-50 Fuß über die Ebene und wird von einem Graben umgeben, dessen Ecken noch scharf sind.

Kapitäle in dem Tempel des Jupiter, Ba'albek.

Wir ritten auf die Spitze und fanden, daß es eine ungefähr eine Achtelmeile im Geviert messende Plattform war; die vier ein wenig erhabenen Ecken mochten wohl Türme getragen haben, und Turm sowohl als Wall und Plattform waren mit aufsprießendem Getreide bedeckt. Der Schöpfer — ob Patriarch oder Assyrer — mag eine mühevolle Arbeit gehabt haben, aber solange man nicht mit Nachgrabungen begonnen hat, muß es dahingestellt bleiben, welchem Ziel sein Schaffen diente. Wir ritten an den See hinunter, um bei dem Lecken der plätschernden Wellen auf einer Bank aus sauberen Muscheln zu frühstücken. In der Nähe der Ufer befanden sich noch zwei weitere Erhöhungen, und eine dritte etwa eine Meile vor Homs, während die Burg Homs selbst auf einer vierten errichtet worden war. Sie scheinen alle von Menschenhand geschaffen und bergen mutmaßlich Überreste von Schwesterstädten Kadeschs. Die fruchtbare Ebene östlich vom Orontes muß von jeher imstande gewesen sein, eine große Bevölkerung zu ernähren; vielleicht war dieselbe zu der Hittiter Zeit größer als in unseren Tagen. Diesen Tag hatte unser Ritt von 8½-2 Uhr gedauert mit einer dreiviertelstündigen Rast bei Tell Nebi Mendu und einer halbstündigen am See.

Brunnen im großen Hof, Ba'albek.

Fragment eines Gebälkes, Ba'albek.

Wir zogen in Homs durch den Friedhof ein. Daß sich schon vor demselben auf eine Viertelmeile hin Gräber befanden, ist nicht etwa lediglich eine Eigentümlichkeit Homs', sondern den Städten des Orients überhaupt eigen. Jede Stadt wird durch Bataillone Toter bewacht, und durch ein Regiment beturbanter Grabsteine flutet das Leben der Stadt hin und her. Nun war es gerade Donnerstag, als wir in Homs eintrafen, der allwöchentliche Allerseelentag in der mohammedanischen Welt. Gruppen verschleierter Frauen legten Blumen auf die Gräber oder saßen munter plaudernd auf den Hügeln — sind doch die Grabstätten für die Frauen des Orients ein Vergnügungsort, ein Spielplatz für die Kinder, und die düstere Bestimmung des Ortes vermag den Besuchern den Frohsinn nicht zu rauben. Mein Lager wurde außerhalb der Stadt auf einer Rasenfläche zwischen den Ruinen der Garnison aufgeschlagen, die von Ibrahim Pascha erbaut und von den Syrern sofort nach seinem Tode zerstört worden war. Jede Spur seiner verhaßten Besetzung des Landes sollte vernichtet werden. Alles war bereit für mich; schon kochte das Wasser zum Tee, und der Kāimakām hatte einen Boten geschickt, um versichern zu lassen, daß jeder meiner Wünsche auf der Stelle beachtet werden würde. Trotzdem gefiel mir die Stadt Homs nicht, und freiwillig werde ich nie wieder dort kampieren. An diesem Entschluß war das Betragen der Einwohner schuld, von dem ich jetzt reden will. Dem Benehmen des Kāimakām, den ich nach der Teestunde besuchte, kann ich das beste Lob spenden; er erwies sich als ein angenehmer Türke, der, ein wenig der arabischen Sprache mächtig, mir sehr freundlich entgegenkam. Es waren noch verschiedene andere Leute anwesend, beturbante Muftis und ernste Senatoren, und wir unterhielten uns beim Kaffee höchst angenehm. Als ich mich Abschied nehmend erhob, erbot sich der Kāimakām, mir einen Soldaten zum Schutze durch die Stadt mitzugeben; ich lehnte jedoch mit der Bemerkung ab, daß ich der arabischen Sprache mächtig sei und daher nichts zu fürchten brauche. Aber da hatte ich mich getäuscht: keinerlei Kenntnis der Sprache könnte den Fremdling in Homs instand setzen, den Leuten seine Meinung klarzumachen. Die Verfolgung begann schon, ehe ich den Fuß nur in den Bazar gesetzt hatte. Ich hätte der Rattenfänger von Hameln sein können, so heftete sich eine Schar kleiner Knaben an meine Fersen. Ein Weilchen ließ ich mir ihre Neugierde gefallen, dann begann ich zu schelten und nahm schließlich meine Zuflucht zu den Geschäftsleuten im Bazar. Das wirkte eine Weile; aber als ich wagte, eine Moschee zu betreten, drängten sich nicht nur die kleinen Burschen nach, sondern (so erschien es wenigstens meiner erregten Phantasie), überhaupt jedes männliche Individuum aus Homs. Nicht etwa, daß sie ärgerlich gewesen wären, mich hätten zurückhalten wollen, sie wünschten im Gegenteil sehnlichst mein langes Bleiben, um mich desto länger beobachten zu können. Das war mehr, als ich ertragen konnte, und ich floh zu meinen Zelten zurück, wobei mir etwa 200 Paar neugieriger Augen das Geleit gaben, und ließ einen Zaptieh holen, den ich, nun klüger geworden, anderen Tags gleich zu Anfang mitnahm. Wir erklommen die Spitze des Burgberges, um einen Überblick über die Stadt zu gewinnen. Homs hat zwar nichts von großer architektonischer Schönheit aufzuweisen, trägt aber dafür ein ganz spezielles Gepräge. Es ist aus Tuffstein erbaut; die großen Häuser umschließen Höfe, deren schwarze Mauern mit einfachen aber schönen Mustern in weißem Kalkstein geziert sind. Hier und da sieht man den weißen Stein, mit dem schwarzen abwechselnd, in geraden Linien gelegt, wie die Fassade der Kathedrale zu Siena. Auch durch die Minarets fühlt man sich nach Italien versetzt, diese schlanken, viereckigen Türme, die so völlig denen in San Gimignano gleichen, nur daß sie in Homs so hübsch und wirkungsvoll durch eine weiße Kuppel gekrönt sind. Die Überreste des Kastells waren arabischen Ursprungs, wie auch die Befestigungswerke um die Stadt herum, nur an einer Stelle, im Osten, schien der arabische Bau auf älteren Fundamenten zu ruhen. Ich sah nur ein einziges Bauwerk aus der mohammedanischen Zeit, nämlich eine Ziegelruine vor dem Tripolitor; sie war unzweifelhaft römisch, die einzige Reliquie der Römerstadt Emesa. Auch der Burgwall befindet sich außerhalb der Stadt. Als ich meine Überschau beendet hatte, traten wir durch das Westtor ein, um uns umzusehen. Diese Tätigkeit erfordert Zeit; alle Augenblicke wird man durch die dringliche Einladung unterbrochen, hereinzukommen und Kaffee zu trinken. Wir kamen am Turkmān Djāmi'a vorüber, wo sich ein paar griechische Inschriften in das Minaret eingebaut finden, und ein als Brunnen dienender Sarkophag mit eingemeißelten Stierköpfen und Girlanden. Da der Zaptieh dafür war, daß ich unter allen Umständen dem Bischof der griechisch-katholischen Kirche meine Aufwartung machen sollte, begab ich mich nach seinem Palast, kam jedoch zu früh, um Seine Herrlichkeit zu sehen. Indes wurde ich mit Marmelade, Wasser und Kaffee bewirtet und durfte den Klageliedern zuhören, die des Bischofs Sekretär den Siegen der Japaner widmete. So oft die Nachricht von einer Niederlage der Russen eintraf, hielt die griechisch-katholische Kirche einen Trauergottesdienst, und eben jetzt flehten sie andächtig zum Allmächtigen, die Feinde des Christentums zu strafen. Der Sekretär beauftragte einen Diener, mir die kleine Kirche Mār Eliās und einen interessanten Marmorsarkophag darin zu zeigen, auf dessen Boden ich lateinische Kreuze eingemeißelt fand, während der Deckel griechische aufwies; ich halte dafür, daß es spätere Ergänzungen eines aus klassischer Zeit stammenden Grabmals sind. Vor der Kirche traf ich einen gewissen 'Abd ul Wahhāb Beg, den ich bei einem Besuche beim Kāimakām in Serāya getroffen. Er lud mich in sein Haus. Ich fand darin die Homs eigene Innenarchitektur schön vertreten: den Hof des Harem in reizenden Mustern aus Kalkstein und Basalt dekoriert. Inzwischen war der Zaptieh dahintergekommen, was ich eigentlich zu sehen wünschte, und er verkündete mir, daß er mich in das Haus eines gewissen Hassan Beg Nā'i führen würde, es sei das älteste in Homs. Als wir durch die engen aber auffallend reinlichen Straßen dem Ziele zuwanderten, bemerkte ich fast in jedem Hause einen Webstuhl, an dem ein Mann geschäftig jenen gestreiften Seidenstoff webte, für den Homs berühmt ist. In den meisten Gassen war auch Seidengarn ausgespannt. Der Zaptieh erzählte, die Leute würden nach dem Stück bezahlt und verdienten täglich 7–12 Piaster (etwa 1–2 Mark), — ein hübscher Verdienst im Osten. Der Lebensunterhalt wäre billig, fügte mein Cicerone hinzu, für 100 Piaster könnte ein armer Mann ein Haus — das heißt, ein einziges Zimmer — mieten, um eine Familie zu ernähren, genügten 30–40 Piaster, ja noch weniger, wenn keine Kinder vorhanden wären.

Basilika des Konstantin, Ba'albek.

Steinlager, Ba'albek.

Hassan Beg Nā'i war ein rothaariger und rotbärtiger Mann mit den harten Zügen des schottischen Hochländertypus. Er war freilich gar nicht entzückt, mich zu sehen, aber auf die Bitten des Zaptieh kroch er doch aus seiner Klause hervor, wo er mit seinen Freunden den Freitagsmorgenkaffee trank, führte mich über die Straße in seinen Harem und überließ mich den Frauen, die ebenso freundlich waren, wie er sich sauertöpfisch gezeigt hatte. Sie zeigten sich in der Tat höchst erfreut über den Besuch, denn Hassan Beg ist ein gar gestrenger Herr, welcher weder Frau noch Mutter oder irgend einer anderen Angehörigen erlaubt, die Nase aus der Tür zu stecken; nicht einmal ein Spaziergang im Friedhof oder eine Fahrt am Orontesufer an einem schönen Sommernachmittag ist ihnen gestattet. Der Harem war ehemals ein sehr schönes arabisches Haus nach Art der Häuser von Damaskus. Zimmer und Liwān (Sprechzimmer im Hintergrund des Hofes) waren gewölbt, aber der Stuck blätterte sich ab, und Fußboden sowie Treppen knirschten unter den Füßen der Dahinschreitenden. In die eine Mauer war eine Marmorsäule mit einem Akanthuskapitäl gebaut, und auf dem Fußboden des Liwān stand ebenfalls ein großes, in seiner Art hübsches, wenn auch einfaches Kapitäl. Es war jetzt in ein Wasserbecken verwandelt worden, mag aber wohl als Taufstein gedient haben, ehe die Araber Emesa einnahmen, und nachdem die älteren Gebäude der Römerstadt in Verfall geraten waren, und ihr Material zu anderen Zwecken genommen wurde. Auf meinem Heimweg kam ich an einem schönen Minaret vorbei, das abwechselnd schwarze und weiße Streifen zeigte. Die Moschee oder christliche Kirche, zu welcher der Turm gehört hatte, war eingefallen; wie mein Zaptieh berichtete, soll der Turm für den ältesten der Stadt gelten. Sicherlich war die Moschee am Eingang zum Bazar von nicht geringem architektonischen Wert.

Rās ul 'Ain, Ba'albek.

Da Homs weiter nichts Sehenswertes bot, und der Nachmittag schön war, ritt ich nach dem Anger am Orontes hinab, der in Frühlings- und Sommertagen einen beliebten Schauplatz für alle Feiertagsbelustigungen abgibt. Der Orontes läßt Homs eine gute Meile südlich liegen, und die Versorgung mit Wasser ist, nach Beschaffenheit und auch Menge, unbefriedigend, da sie einem Kanal entstammt, der am Nordende des Sees seinen Anfang nimmt. Der Orontesanger, Mardj ul 'Asi, gibt einen guten Begriff von den Örtlichkeiten, wo der Orientale, mag er Türke, Syrer oder Perser sein, seine Mußestunden zuzubringen liebt. »Drei Dinge sind es,« sagt das arabische Sprichwort, »die das Herz von Kummer befreien: Wasser, grünes Gras und Frauenschönheit.« Der hurtige Orontes strömte durch die bereits mit Gänseblumen besternten grünen Flächen, unter Weidenbäumen, die schon der Hauch des Frühlings gestreift hatte, stiegen leicht verschleierte Christendamen von ihren Mauleseln. Das Wasser drehte eine große Na'oura (persisches Rad), sein angenehmes Rauschen erfüllte die Luft. Ein Kaffeekocher hatte an der Straße sein Kohlenbecken aufgestellt, ein Zuckerwarenhändler breitete am Ufer seine Schätze aus, und auf der breiteren Rasenfläche tummelten buntgekleidete Jünglinge ihre Araberstuten. Der Osten hielt in der ihm eigenen, zufriedenen Weise Feiertag, und seine eigene Sonne spendete ihre Wärme dazu.

Zedern des Libanon.

Der übrige Nachmittag wurde der Geselligkeit und den fruchtlosen Bemühungen gewidmet, der Neugierde der Städter zu entgehen. Es war ein Freitagnachmittag, und wie hätte man ihn besser anwenden können, als sich in einer Schar von vielen Hunderten rings um meine Zelte aufzustellen und jede Bewegung jeder einzelnen Person im Lager zu beobachten? Trieben es die Männer schon schlimm genug, so übertrafen die Frauen sie noch, und die Kinder waren am schlimmsten. Nichts konnte sie zurückschrecken, und die Aufregung erreichte ihren Gipfel, als Abd ul Hamed Pascha Druby, der reichste Mann von Homs, vorsprach und den Kādi Mohammed Sāid ul Chāni mitbrachte. Bei dem uns umgebenden Auf- und Abwogen der Menge konnte ich unmöglich der interessanten, geistreichen Unterhaltung die gebührende Aufmerksamkeit widmen; als ich eine Stunde drauf den Besuch in des Paschas schönem neuen Hause am Stadttor erwiderte, war ich von mindestens 300 Personen begleitet. Ich muß einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben, als die Tür sich hinter meiner eignen Begleitung schloß, denn nachdem ich mich in dem kühlen, ruhigen Liwān niedergelassen, sagte 'Abd ul Hamed:

»Möge Gott geben, daß das Volk Ew. Exzellenz nicht belästigt, ich werde sonst ein Regiment Soldaten ausschicken.«

Ich murmelte eine mir nur halb von Herzen kommende Ablehnung, hätte ich doch mit Befriedigung jene kleinen Burschen von einer ganzen Musketensalve niedergestreckt gesehen. Darauf bemerkte der Pascha nachdenklich:

»Als der deutsche Kaiser in Damaskus weilte, gab er Befehl, daß niemandem untersagt würde zu kommen und ihn sich anzusehen.«

Kamūa Hurmul.

Mit diesem erhabenen Vorbild vor Augen ward mir klar, daß ich die Buße für Größe und fremde Herkunft klaglos auf mich nehmen mußte.

Das Gespräch ging auf religiöses Gebiet über. Ich fragte nach den Nosairijjeh, aber der Kādi verzog den Mund und erwiderte:

»Es sind keine angenehmen Leute. Einige geben vor, 'Ali anzubeten, andre verehren die Sonne. Sie glauben, daß, wenn sie sterben, ihre Seele in den Körper von anderen Menschen, ja sogar Tieren übergeht, wie es der Glaube in Indien oder China lehrt.«

Worauf ich sagte: »Ich habe von einer Geschichte gehört, die unter ihnen geht. Ein Mann hatte einen Weinberg, und als er starb, hinterließ er ihn seinem Sohn. Der junge Mann arbeitete in dem Weinberg, aber als die Trauben reif waren, kam jeden Abend ein Wolf hinein und fraß die Frucht. Der junge Mann versuchte ihn zu verjagen, aber er kehrte jeden Abend wieder. Und in einer Nacht rief der Wolf laut: ‚Soll ich nicht von den Trauben essen dürfen, ich, der ich den Weinberg pflanzte?’ Da staunte der Mann und fragte: ‚Wer bist du denn?’ Der Wolf antwortete: ‚Ich bin dein Vater.’ Und der junge Mann fragte: ‚Wenn du wirklich mein Vater bist, so sprich, wo hast du denn das Gartenmesser hin? Denn ich habe es nicht gesehen, nachdem deine Seele deinen Körper floh!’ Da führte ihn der Wolf an den Ort, wo er das Messer hingelegt hatte, und der junge Mann glaubte, ja wußte nun, daß der Wolf sein Vater war.«

Der Kādi ließ den Beweis unbeachtet.

»Sie sind ohne Zweifel große Lügner,« sprach er.

Später fragte ich ihn, ob er mit den Behā'is bekannt wäre. Er erwiderte:

»Wie Ew. Exzellenz wissen, hat der Prophet (Gott schenke ihm ewigen Frieden!) gesagt, daß es 72 falsche und nur ein wahres Glaubensbekenntnis gibt; ich aber weiß, daß von diesen 72 wenigstens 50 in unserm Lande zu finden sind. So viel von den Behā'is und ihresgleichen.«

Ich erwiderte, daß Propheten allein befähigt wären, echten und falschen Glauben zu unterscheiden, und daß wir in Europa, denen keine solchen zur Seite stehen, es für eine schwere Sache halten.

»Es ist mir gesagt worden,« entgegnete der Kādi, »daß in Europa die Gelehrten die Propheten sind.«

»Und sie gestehen ein, daß sie nichts wissen,« gab ich zur Antwort. »Ihre Augen haben die Sterne erforscht, und doch können sie uns nicht die Bedeutung des Wortes Unendlichkeit erklären.«

»Wenn Sie damit das unendliche Himmelsgewölbe meinen, so wissen wir, daß es von den sieben Himmeln ausgefüllt wird.«

»Und was befindet sich jenseits des siebenten Himmels?«

»Wissen Ew. Exzellenz nicht, daß die Zahl Eins der Anfang aller Dinge ist? Können Sie mir angeben, was vor der Zahl Eins kommt, so will ich ihnen sagen, was sich hinter dem siebenten Himmel befindet.«

Der Pascha lachte und erkundigte sich, ob der Kādi mit seiner Beweisführung zu Ende sei. Dann fragte er mich, was man in Europa vom Gedankenlesen hielte. »Denn,« fuhr er fort, »vor einem Monat wurde ein wertvoller Ring in meinem Haus gestohlen, und ich konnte den Dieb nicht finden. Da kam ein gewisser, mir befreundeter Effendi, der von der Sache gehört hatte, zu mir und sagte: ‚Ich kenne einen Mann im Libanon, der sich auf diese Dinge versteht.’ Ich bat, ihn holen zu lassen. Der Mann kam und forschte in Homs nach, bis er eine Frau gefunden hatte, die das zweite Gesicht besaß. Dank seinen Beschwörungsformeln sagte sie endlich aus: ‚Der Dieb heißt so und so; er hat den Ring in seinem Hause.’ Wir suchten und fanden das Juwel. Dies sind meine Erfahrungen, denn die Sache hat sich unter meinen Augen zugetragen.«

Ein Feiertag im Orient.

Auf meine Erwiderung, daß die Gedankenleser im Libanon einen besseren Gebrauch von ihrer Gabe zu machen verstünden als die in London, entgegnete der Pascha nachdenklich:

»Vielleicht hatte die Frau irgend etwas gegen den Mann, in dessen Hause wir den Ring gefunden haben — Gott allein weiß es, sein Name sei gelobt!«

Damit verließen wir das Thema.

Straße in Homs.

Bei meiner Rückkehr in mein Zelt fand ich eine Visitenkarte auf dem Tische, die folgenden Namen und Titel trug: »Hanna Chabbaz, Prediger an der protestantischen Kirche in Homs.« Darunter stand geschrieben: »Madame, meine Frau und ich sind gern bereit, Ihnen jeden Dienst zu leisten, dessen Sie im Dienste Christi und der Menschlichkeit benötigen. Wir würden Sie gern besuchen, wenn Sie uns annehmen wollen. Ihr gehorsamer Diener.« Ich schickte sofort die Botschaft, daß ich mich sehr über ihren Besuch freuen würde, und so kamen sie denn gerade vor Sonnenuntergang, die beiden guten Leute. Dringend boten sie mir ihre Gastfreundschaft an, von der Gebrauch zu machen, ich jedoch keine Gelegenheit hatte. Ich bedauerte dies um so weniger, als ich in dem Pascha und dem Kādi so überaus angenehme Gesellschafter für den Nachmittag gefunden hatte, und wenn ich an meinen sehr unruhigen Aufenthalt in Homs zurückdenke, erscheint mir die mit den beiden höflichen, gebildeten Mohammedanern verbrachte Stunde immer wie eine ruhige, geschützte Insel in einem stürmischen, brandenden Meere.