Siebentes Kapitel.
Als ich Damaskus vor fünf Jahren besuchte, war Lütticke, Chef des Bankhauses gleiches Namens und deutscher Honorarkonsul, mein Ratgeber und bester Freund, ein Freund, dessen Tod gewiß von manchem Besucher Syriens beklagt wird. Durch eine ganz zufällige Bemerkung klärte er mich darüber auf, welche Rolle die Stadt in der arabischen Geschichte gespielt hat und noch spielt. »Ich bin überzeugt,« sagte er, »daß Sie in und um Damaskus die edelste arabische Bevölkerung finden, die es überhaupt gibt. Es sind dies die Nachkommen der ursprünglichen Einwanderer, die bei der Eroberung des Landes von der ersten großen Kriegswoge hierhergeschwemmt wurden, und die ihr Blut fast ganz rein erhalten haben.«
Mehr als alle anderen großen Städte muß Damaskus die Hauptstadt der Wüste genannt werden. Bis an die Tore erstreckt sich die Wüste, jeder Windstoß trägt ihren Atem über die Mauern, mit jedem Kameltreiber dringt ihr Geist durch die östlichen Tore herein. In Damaskus haben die Scheichs der reicheren Stämme ihre Stadtwohnungen. Sie können Mohammed von den Haseneh oder Bassān von den Beni Raschid sehen, wie er an einem schönen Freitag im goldgestickten Mantel an den Bazars hinabstolziert. Die purpur- und silberfarbenen Tücher, die seine Stirn schmücken, sind mit golddurchflochtenen Kamelshaarschnuren umwunden. Sie tragen ihre Häupter hoch, diese Herren der Wildnis, wenn sie durch die festtägliche Menge schreiten, die sich öffnet, um ihnen Raum zu geben, als wäre ganz Damaskus ihr eigen. Und das ist es ja eigentlich auch, denn es war die erste Hauptstadt aller der außerhalb der Provinz Hedschas wohnenden Beduinenkalifen und ist der Schauplatz und die Bewahrerin der heiligsten Traditionen Arabiens. Als eine der ersten der weltbekannten Städte fiel Damaskus der unwiderstehlichen Tapferkeit der Wüste zum Opfer, die Mohammed zu den Waffen gerufen, der er ein Ziel gesteckt und einen Schlachtruf gegeben hatte, und es war die einzige, die unter der Herrschaft des Islam ebenso bedeutend blieb, wie sie während des römischen Kaiserreichs gewesen. Mu'āwiyah machte es zu seiner Hauptstadt, und es verblieb in dieser Würde, bis etwa neunzig Jahre später das Haus Ummayah gestürzt wurde. Es war die letzte mohammedanische Hauptstadt, die in Übereinstimmung mit den Traditionen der Wüste herrschte. Persische Generale setzten die Beni Abbās auf ihren Thron in Mesopotamien, persischer und türkischer Einfluß begann in Bagdad vorzuherrschen, und mit ihm schlich sich der so verhängnisvolle Luxus ein, den die Wüste nie gekannt, und dem auch die früheren Kalifen nicht gehuldigt haben, die ihre Ziegen noch selbst melkten und ihre Siegesbeute unter die Gläubigen verteilten. Schien doch selbst der Boden von Mesopotamien eine Luft auszuströmen, die keine Mannhaftigkeit aufkommen ließ. Die alten Geister der babylonischen und assyrischen Palastintrige entstiegen ihren schmutzigen Gräbern wieder und versuchten, mächtig im Bösen, den Soldatenkalifen zu stürzen, ihn seiner Rüstung zu entkleiden und ihm Hände und Füße mit Fesseln von Gold und Seide zu binden. Damaskus, das von dem frischen, reinigenden Wüstenwind durchfegte, kannte das alles nicht, es hatte das Reich des Propheten mit dem an spartanische Strenge gemahnenden Geist der früheren Tage regiert. Kein Parvenü, wie die Hauptstädte am Tigris, hatte es Könige und Kaiser in seinen Mauern gesehen, den Unterschied zwischen Kraft und Schwäche kennen gelernt und erprobt, welcher Weg zur Herrschaft und welcher zur Sklaverei führt.
In der palmyrischen Wüste.
Bei meiner Ankunft wurde ich mit der Nachricht begrüßt, daß Se. Exzellenz, Nāzim Pascha, der Generalgouverneur von Syrien, sich in großer Erregung über meine Reise in den Haurān befinde, ja gerüchtweise verlautete sogar, daß der vielbeschäftigte und sich in schwieriger Stellung befindende Herr über mein plötzliches Erscheinen in Salchad ungewöhnlich ärgerlich gewesen und sich ins Bett verfügt habe, sobald ich den Bereich von Jūsef Effendis wachsamen Augen verlassen. Andere freilich vermuteten den wahren Grund von Sr. Exzellenz plötzlichem Unwohlsein in dem Wunsch, nicht an der Trauerfeier für den Großfürsten Sergius teilnehmen zu müssen. Sei dem, wie ihm wolle, am Tage meiner Ankunft schickte mir der Vāli einen sehr höflichen Brief, in dem er die Hoffnung ausdrückte, daß ich ihm das Vergnügen meiner Bekanntschaft zuteil werden lasse.
Große Moschee und Dächer vom Fort aus.
Ich muß gestehen, daß es hauptsächlich ein Gefühl der Reue war, mit dem ich das große, neue Haus betrat, das Se. Exzellenz sich draußen vor der Vorstadt Salahijjeh erbaut hat, die sich am Fuße der nördlich von Damaskus liegenden kahlen Hügel ausbreitet. Ich hegte den großen Wunsch, mich zu entschuldigen, oder wenigstens zu zeigen, daß ich nicht als vorsätzlicher Feind zu betrachten sei, und dieser Wunsch wurde nur noch verstärkt durch die Freundlichkeit, mit der ich empfangen wurde, und durch die Achtung, die der Vāli jedem einflößt, der ihn kennen lernt. Er ist ein ziemlich nervöser Mann, der immer auf die Schwierigkeiten gefaßt ist, mit denen seine Provinz ihn reichlich genug versieht, dabei gewissenhaft und auch aufrichtig, wie ich glaube, und stets ängstlich bemüht, Interessen zu vereinigen, die oft so schwer zu verschmelzen sind, wie Essig und Öl. Ein Winkel seines Auges aber bleibt unablässig auf seinen königlichen Herrn geheftet, der wohl darauf bedacht ist, eine so hervorragende Persönlichkeit, wie Nāzim Pascha, in gehöriger Entfernung vom Bosporus zu halten. Obgleich die gewöhnliche Amtsdauer nur fünf Jahre beträgt, befindet sich der Generalgouverneur bereits acht Jahre in Damaskus und hat augenscheinlich auch die Absicht, hier zu bleiben, wenn kein Unfall dazwischenkommt, denn er hat sich ein großes Haus gebaut und plant einen schönen Garten, dessen Anlage ihn hoffentlich von den ihn beschäftigenden Angelegenheiten abzieht, die nur selten erfreulicher Natur sein dürften. Der beste Schutz für ihn ist sein lebhaftes Interesse am Bau der Heddjasbahn, an der auch der Sultan großen Anteil nimmt. Solange sie nicht vollendet oder aufgegeben worden ist, wird es der Sultan für nützlich erachten, den Vāli an seinem Platz zu belassen.[7]
[7] Seit ich diese Zeilen schrieb, ist der Vāli durch eine Drehung des politischen Rades nach unten gekommen und hat jetzt eine Stellung auf der Insel Rhodus inne.....
Trotz des Widerstandes des Emirs von Mekka und seiner ganzen Sippe, die dem Sultan noch immer kein gesetzmäßiges Anrecht auf das Kalifat des Islam zugestehen wollen, und die ihn gern von jeder näheren Berührung mit ihren heiligen Städten fernhalten wollen, glaubt der Bazar, das ist die öffentliche Meinung, nicht, daß man das Bahnprojekt fallen lassen wird. Der Bazar gewährt dem Sultan Rückhalt gegen den Emir und alle seine anderen Gegner, seien es geistliche oder weltliche. Die Mühlen des Türken mahlen langsam und stehen oft still, besonders wenn arabische Stämme das Mahlkorn sind, die durch ihre privaten Zänkereien, Verdächtigungen und Anmaßungen schon morsch geworden. Die türkische Politik ähnelt der, von der Ibn Kulthum singt:
»Wenn unsre Mühle in einem Volke aufgestellt ist, so ist es wie Mehl schon vor unserem Kommen.
Unser Mahltuch ist ostwärts von Nedj ausgebreitet, und unser Korn ist der ganze Stamm Kuda'a.
Wie Gäste seid ihr vor unsrer Tür abgestiegen, und wir haben euch Gastlichkeit gewährt, daß ihr euch nicht gegen uns kehrtet.
Wir haben euch Willkomm geboten, schnellen Willkomm: ja, vor Tag, und unsre Mühlen mahlen fein.«
Nāzim Pascha spricht nicht Arabisch, obgleich er acht Jahre in Syrien gelebt hat. Wir in Europa sprechen von der Türkei als von einem geschlossenen Ganzen, begehen aber damit denselben Fehler, als wenn wir in den Namen England Indien, die Schanstaaten, Hongkong und Uganda mit einbegreifen wollten. Versteht man unter Türkei ein Land, das hauptsächlich von Türken bewohnt ist, so gibt es keine Türkei. Der Teile des Landes, in denen der Türke in der Majorität ist, sind wenige; im allgemeinen nimmt er die Stellung eines Widersachers ein, der mit einer Handvoll Soldaten und einer leeren Börse ein zusammengewürfeltes Gemisch von Untertanen regiert, die nicht nur ihm, sondern auch einander feindlich gesinnt sind. Er kennt ihre Sprache nicht, und es ist widersinnig, von ihm besondere Sympathie für ihre politischen und religiösen Wünsche zu erwarten, die ihm noch dazu gewöhnlich unter Musketengeknatter bekannt gegeben werden. Richten sich, wie es nicht selten geschieht, die Kugeln der einen aufsässigen, ungebärdigen Partei gegen eine andere ebenso aufsässige und ungebärdige, so wird die Regierung wohl nicht viel Bedauern über den daraus folgenden Verlust an Menschenleben empfinden. Wenn dem Türken freier Lauf gelassen wird, so zeigt er großen Sinn für die Segnungen des Gesetzes und der Ordnung. Man beobachte nur die inneren Einrichtungen in einem türkischen Dorfe und man wird sehen, daß der Türke versteht, Verhaltungsmaßregeln zu geben und sie zu befolgen. Ich glaube, daß die besten unsrer eingebornen Lokalbeamten in Ägypten Türken sind, welche unter dem neuen Regime ihren gesunden Verstand und ihre natürlichen Gaben zum Regieren, die unter der alten Herrschaft brachliegen mußten, erst recht zur Geltung gebracht haben. In den oberen Ämtern hat sich die Hierarchie der ottomanischen Regierung sehr mangelhaft bewiesen. Und wer hält diese oberen Ämter besetzt? Griechen, Armenier, Syrer und Personen anderer Nationalitäten, die im Osten allgemein (und nicht ohne Grund) als nicht vertrauenswürdig gelten. Und in der Tatsache, daß solche Männer bis auf die oberste Stufe der Leiter steigen, liegt der Grund zu den Mißerfolgen des Türken. Er kann wohl eine Dorfgemeinde organisieren, aber im großen Maßstabe herrschen, — das kann er nicht. Vor allem versteht er nicht, in moderner Weise zu regieren und wird doch unglücklicherweise mehr und mehr mit fremden Nationen in Berührung gebracht. Sind doch seine eigenen Untertanen bereits vom Fortschritt angesteckt worden! Die Griechen und Armenier sind Kaufleute und Bankiers geworden, die Syrer Kaufleute und Grundbesitzer; nun aber sehen sie sich an allen Ecken und Enden durch eine Regierung gehemmt, die nicht begreifen kann, daß eine Nation nur reich wird, wenn sie reiche Untertanen ihr eigen nennt. Und doch weiß man trotz aller ihrer Fehler niemand, der wirklich geeignet wäre, die Türken zu ersetzen. Ich spreche hier nur von Syrien, der Provinz, mit der ich am besten vertraut bin. Welchen Wert haben die großen arabischen Bündnisse und die begeisternden Schriften, die sie in ausländischen Druckereien herstellen lassen? Die Antwort ist sehr leicht: sie haben gar keinen Wert. Denn es gibt überhaupt keine arabische Nation; ein weiterer Abgrund trennt den syrischen Kaufmann vom Beduinen als vom Osmanen, und das syrische Land ist von allerlei arabisch sprechenden Völkerschaften bewohnt, die am liebsten einander an den Hals springen würden, wenn sie nicht an der Ausführung dieser ihrer natürlichen Instinkte durch die zerlumpten, halb verhungerten Soldaten gehindert würden, die nur in langen Pausen des Sultans Sold in Empfang nehmen. Und diese Soldaten, mögen sie nun Kurden, Zirkassier oder Araber aus Damaskus sein, sind viel mehr wert als der Lohn, der ihnen zuteil wird. Andere Armeen mögen meutern, die türkische steht stets treu zu ihrem Kalifen; mögen andere vor Leiden, Seuchen und Entbehrungen die Waffen strecken, der türkische Soldat geht vorwärts, solange er sich aufrecht erhalten kann, er kämpft, solange ihm Waffen zu Gebote stehen und siegt, solange er Führer hat. Er gibt nichts Bewundernswerteres und Mitleiderregenderes als ein türkisches Regiment auf dem Marsche: Graubärte neben halbflüggen Knaben, schlecht gekleidet, oft barfuß, geknechtet, abgemattet — und unbesiegbar. Siehst du sie vorüberziehen, so rufe ihnen zu: Ihr seid von dem Stoff, aus dem in den Tagen, da der Krieg noch mehr eine Kunst als eine Wissenschaft war, die Weltbezwinger gemacht waren.
Kornmarkt.
Aber ich habe den Generalgouverneur von Syrien viel zu lange warten lassen. Da er die französische Sprache, in der wir uns unterhielten, nur unvollkommen beherrschte, half ihm von Zeit zu Zeit ein türkischer Herr über die Steine des Anstoßes hinweg. Dieser Syrer war ein reicher Grundbesitzer aus dem Libanon und stand in großer Gunst im Hause des Gouverneurs, obgleich er erst kürzlich ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte. Er begleitete mich auf meinem Besuche und wurde vom Vāli zu meinem Cicerone in Damaskus ernannt; Sēlim Beg war sein Name. Wir sprachen hauptsächlich von Archäologie. Ich betonte ganz nachdrücklich mein weitaus größeres Interesse für dieses Gebiet als für die Politik des Gebirges und der Wüste, welch letzteres Thema wir nicht mehr als flüchtig streiften. Der Vāli war die Liebenswürdigkeit selbst. Er überreichte mir mehrere Photographien der unschätzbaren Manuskripte der dem Publikum nun für alle Zeiten verschlossenen Kubbet el Chazneh in der Großen Moschee und versprach mir die übrigen der ganzen Serie. Zu diesem Zweck schrieb eine sich verbeugende Persönlichkeit meine Adresse in England mit der größten Sorgfalt in ein Notizbuch, und das war — ich brauche es wohl kaum zu erwähnen — das Letzte, was von dieser Angelegenheit je gehört wurde. Darauf bemerkte der Vāli, daß Madame Pascha und die Kinder meinen Besuch erwarteten, weshalb ich ihm treppauf in ein sonniges Zimmer folgte, dessen Balkon einen Ausblick auf ganz Damaskus mit seinen Gärten und auf die jenseitigen Hügel bot. Augenblicklich gibt es nur eine Madame Pascha, eine hübsche Zirkassierin mit ausgeprägten Zügen, eine weitere (die bevorzugtere, wie man sagt) ist vor einem Jahr gestorben. Die Kinder waren von sehr einnehmendem Wesen. Sie sagten französische Gedichte auf, wobei ihre hellen Augen jeden Blick der Billigung oder der Heiterkeit auffingen und beantworteten. Die Rattenschwänzchen über ihren Samtrücken hinabhängend, saßen sie kerzengerade auf dem Musikschemel und spielten muntere Polkas. Der Pascha lehnte strahlenden Gesichts am Fenster, die Zirkassierin rauchte Zigaretten und verbeugte sich, sobald mein Auge dem ihren begegnete, an der Tür stand ein schwarzer Sklavenjunge und grinste von einem Ohr bis zum anderen, während seine kleinen Herren und Herrinnen, die zugleich seine Spielgefährten und Schulkameraden waren, ihre Künste zeigten. Es war ein sehr guter Eindruck, den ich mit fortnahm, ich hatte angenehme, gewinnende Manieren und lebhaften Geist kennen gelernt und bezeugte dem Pascha meine Freude darüber, als wir hinabstiegen.
Kubbet el Chazneh.
»Ach,« sagte er höflich, »könnte ich sie nur Englisch lernen lassen! Aber was hilft der Wunsch? Wir können keine Engländerin bekommen, die sich an das Leben hier gewöhnt. Wir haben nur die Griechin, welche Sie oben sahen, die lehrt Französisch.«
Ich hatte sie wohl bemerkt, die kleine ungebildete Person, deren Verhalten in der ganzen anmutigen Gesellschaft oben nicht unbemerkt bleiben konnte, aber — möge mir der Himmel verzeihen — ich zögerte nicht, mich in Lobsprüchen über die Vortrefflichkeit ihres Französisch zu ergehen. Der Pascha schüttelte jedoch den Kopf.
»Könnte ich nur eine Engländerin bekommen,« sprach er. Unglücklicherweise konnte ich niemand für die Stelle vorschlagen; wahrscheinlich wäre ihm ein Vorschlag auch gar nicht willkommen gewesen.
Ehe ich mich verabschiedete, kamen zwei angesehene Persönlichkeiten zur Audienz zum Vāli. Die eine, der Amīr 'Abdullah Pascha, der Sohn von 'Abd ul Kādir, dem großen Algerier, und einer Negersklavin, hatte fast den Teint eines Negers, sonst aber den unverkennbaren Rassetypus und einen durchdringenden, lebhaften Blick. Der zweite Herr war Hassan Nakschibendi, ein erbliches Oberhaupt (beinahe hätte ich Pope gesagt) einer in Damaskus berühmten, orthodoxen Sekte des Islam. Dort befindet sich auch ihr Hauptsitz, die Tekyah. (Diese ist ein religiöses Stift für bettelnde Derwische und andere heilige Leute. Könnte beinahe ein Kloster genannt werden, nur daß für seine Brüder das Gelübde der Keuschheit nicht gilt, da sie außerhalb des Stiftes beliebig viel Frauen haben dürfen. Scheich Hassan hatte in der Tat die Vollzahl vier.) Die schlauen Züge des würdigen Kirchenmannes strahlten seine ganze Verschlagenheit wider. Ob sein Verstand besonders hervorragend war, weiß ich nicht, aber wenn sein Lächeln nicht trog, muß seine Skrupellosigkeit all seine Defekte wettgemacht haben.
Meine Begegnung mit diesen beiden Herren hatte meine Einführung in die Gesellschaft von Damaskus zur Folge. Beide luden mich ein, sie in ihren Häusern, in der Tekyah oder sonstwo zu besuchen, ich nahm auch alles an, ging aber zuerst zu dem Amīr 'Abdullah.
Tekyah des Nakschibendi.
Oder vielmehr in das Haus des Amīr 'Ali Pascha, seines ältesten Bruders, und zwar weil 'Abd ul Kādir dort gewohnt und in den trüben Tagen des Blutbades von 1860 tausend Christen daselbst beherbergt hat. Ein Schimmer von Mut und Vaterlandsliebe verherrlicht seinen Namen, und außerdem verleiht sein Reichtum dem bejahrten weisen Manne Ansehen und Macht, besitzt doch die Familie 'Abd ul Kādir das ganze Viertel, das sie bewohnt, als ihr eigen. Das Haus macht, wie alle großen Häuser in Damaskus, äußerlich nichts von sich. Aus einer kleinen krummen Straße traten wir durch eine Tür in einen dunklen Gang, bogen um etliche Ecken und sahen uns in einem rings mit Orangenbäumen bepflanzten Marmorhof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand. Auf diesen Hof mündeten alle größeren Räume; nachdem sämtliche Türen weit für mich geöffnet worden waren, präsentierte ein Diener Kaffee und Konfekt. Ich bewunderte die Verzierungen der Mauern und das in die Marmorbecken plätschernde Wasser, das durch Marmorrinnen abfloß. Wie bei allen Palästen in Damaskus, so war auch hier jede Fensterbrüstung mit einem gurgelnden Wässerchen versehen, so daß die in den Raum eindringende Luft immer feuchte Kühle mit sich führt. Der Amīr 'Ali war zwar nicht anwesend, aber sein Haushofmeister, — er trug ganz den Typus eines hochherrschaftlichen Dieners und befleißigte sich jener ehrerbietigen Vertraulichkeit, die der untergebene Orientale sich so leicht aneignet — zeigte uns die Schätze seines Herrn. Da war der juwelenbesetzte Säbel, den Napoleon III. dem alten Amīr überreicht hatte, dann 'Abd ul Kādirs Flinten und einige schwere, silberbeschlagene Schwerter von 'Abd ul 'Aziz ibn er Raschid aus dem letzten Jahre. Wie ich hörte, verbindet eine alte Freundschaft die algerische Familie mit den Lords von Haīl. Ferner zeigte er uns verschiedene Gemälde von 'Abd ul Kādir: wie er seine Reiterei anführt, wie er in Versailles mit Napoleon die Stufen des Palastes hinunterschreitet in der Haltung eines Mannes, der gewinnt und nicht verliert, und endlich Amīr als Greis in Damaskus; überall trägt er die weiße, algerische Tracht, die er überhaupt nie ablegt, immer zeigt er auch dieselben ernsten und würdevollen Züge. Und nun wurde ich über eine kleine Brücke geführt, die hinter dem großen Hofe einen Bach überspannte, und wir gelangten aus einem Garten voll Veilchen in die Ställe. So luftig, hell und trocken waren sie, wie nur die besten europäischen Ställe sein könnten. Hier standen zwei prächtige Araberstuten aus dem Gestüte der Ruwalla, und, fast ebenso wertvoll wie sie, ein gut zugerittenes Maultier. Auf unserm Rundgang begleitete uns ein Mann, der scheinbar nicht zu dem Haushalt gehörte. Er blickte so melancholisch drein, daß er mir auffiel, und ich Sēlim Beg nach ihm fragte. »Ein Christ,« erklärte dieser, »er entstammt einer reichen Familie, die ihre Religion zu wechseln gezwungen war und bei Amīr Ali Zuflucht suchte.« Weiter hörte ich nichts von ihm, aber er paßte in das Bild, das 'Abd ul Kādirs Haus mir hinterließ: eine Wohnstätte edler Leute, die von einer gut geschulten Dienerschaft geleitet wird, und die, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens versehen, auch den Bedrängten Schutz gewährt.
Tor der Tekyah.
Am nächsten Morgen besuchte ich den Amīr 'Abdullah, der direkt neben seinem Bruder wohnt. Ich fand da den Amīr Tāhir, den Neffen Abdullahs, als Sohn eines dritten Bruders vor. Meine Ankunft erregte um so mehr Freude, als zufällig ein vornehmer Gast anwesend war, ein gewisser Scheich Tāhir ul Djezāiri, der wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner ungestümen, revolutionären politischen Tätigkeit wohlbekannt war. Er wurde schleunigst in das mit Diwan und Teppichen ausgerüstete Oberzimmer, in dem wir saßen, gebeten, kam wie ein Wirbelwind herein und, sich neben mich setzend, ergötzte er sowohl meine als alle Ohren in der Nähe (er sprach sehr laut) mit Klagen darüber, daß ihm der Vāli nicht erlaubte, nach Gutdünken mit begabten Ausländern, wie mit amerikanischen Archäologen oder auch mit mir, zu verkehren. »Oh, behüte Gott!« protestierte ich bescheiden. Und noch manchen anderen Kummer hatte er. Als das Thema ziemlich abgelaufen war, ließ er den Amīr Tāhir einige von ihm selbst verfaßte Schriftstücke holen und verehrte sie mir. Sie handelten von der arabischen und ihr verwandter Sprachen, der nabathäischen, safaitischen und phönizischen. Die Lettern des Alphabetes waren höchst peinlich zu vergleichenden Tabellen zusammengestellt, und doch verstand der gute Mann keine einzige dieser Sprachen außer seiner eigenen. Scheich Tāhir repräsentiert wirklich ein seltsames und typisches Beispiel orientalischer Gelehrsamkeit, aber nach seiner Unterhaltung zu urteilen, bin ich doch zweifelhaft, ob die Sympathien von Ordnung und Frieden liebenden Leuten sich nicht eher dem Vāli zuneigen. Jetzt trat noch ein andrer Edelmann, Mustafa Pascha el Barāzi, ein Glied einer der vier ersten Familien von Hamah, ein. Der ganze Kreis wendete sich inneren Angelegenheiten zu, der Politik Syriens und dergleichen, ich aber lauschte, schaute dabei durch das Fenster in Amīrs Garten und auf den angrenzenden Fluß hin und wunderte mich über mein Glück, an einer Morgenvisite in Damaskus teilnehmen zu können. Schließlich führten mich der Amīr 'Abdullah und sein Neffe abseits, um über ein großes Projekt zu beraten, das ich ihnen vorgelegt hatte, hier aber nicht erörtern will. Als der Besuch beendet war, ging ich mit Sēlim und Mustafa nach dem griechischen Bazar, um in einem vortrefflichen heimischen Restaurant zu frühstücken. Da saß ich denn Schulter an Schulter neben einem Beduinen der Wüste, und wir drei genossen, für den Betrag von 1,50 Mark gemeinschaftlich, die auserlesensten Speisen und als Dessert delikate Rahmtörtchen. Der Preis umschloß auch den Kaffee und ein reichliches Trinkgeld.
Muschkin Kalam.
Noch ein andrer, nicht weniger angenehme Morgen erwartete mich, als ich mit dem treuen Sēlim, einem prächtigen alten Mann, dem berühmtesten Künstler der Feder, Mustafa el Asbā'i, meine Aufwartung machen ging. Sein Haus war in dem vor etwa zwei Jahrhunderten herrschenden trefflichen Geschmack dekoriert: bunte Marmortäfelung und Gipsstuck, ganz in dem Muster des Titelblattes von einem berühmten persischen Manuskript; in der Malerei, die in sanften, satten Farben ausgeführt war, herrschten gold und goldigbraun vor. Aus dem Empfangsraum wurden wir in ein kleines oberes Zimmer geführt, wo Mustafa jene Verzierungen zu entwerfen pflegte, die im mohammedanischen Orient die Bilder ersetzen. Rings an den Wänden hingen antike und moderne Proben von der Hand berühmter Künstler, auch mein Freund, Mohammed Ali, war vertreten, der Sohn des persischen Propheten Beha Ulla. Meiner Ansicht nach ist er der geschickteste Meister der Feder, obgleich die Orientalen Muschkin Kalam, einem anderen Propheten derselben Sekte, den Vorzug geben. Auch ihn zähle ich zu meinen Freunden. Während wir, auf Kissen sitzend, unsern Kaffee tranken, blätterten wir in kostbaren Manuskripten verschiedenster Perioden und Länder, von denen etliche aus Gold oder Silber, andre auf Brokat oder geschmeidiges Pergament geschrieben waren. (Unter den letzteren befanden sich einige Seiten cufischer Schriften, die man dem Kubbet el Chazneh entnommen hatte, bevor derselbe geschlossen worden war.)
Als wir uns verabschiedeten, überreichte mir Mustafa drei Proben seiner eignen Kunst, die ich hocherfreut annahm.
Am späteren Nachmittage fuhren Selim und ich nach dem Tale des Barada, um einem dritten Sohn Abd ul Kādirs Besuch abzustatten. Die in lateinischen Lettern gehaltene Visitenkarte meldete »Amir Omar, princ d'Abd ul Kadir«. Er ist der Landedelmann der Familie. 'Ali ist durch seine Ehe mit einer Schwester 'Isset Paschas (ein mächtiger Schatten hinter dem Throne von Konstantinopel) in einflußreichere Sphären gelenkt, 'Abdullah wird immer durch tausenderlei Geschäfte an die Stadt gefesselt, aber 'Umar jagt, schießt, pflegt seinen Garten und fühlt sich in diesem einfachen Leben glücklich. Eben promenierte er, mit Rauchkäppchen, Schlafrock und Gurtschuhen angetan, durch die Wege seines Gartens. Er nahm uns in sein Haus, das, wie alle Häuser seiner Familie, voller Blumen war, und von da nach dem Lusthäuschen auf dem Dach, wohin uns auch sein Hühnerhund mit wohlwollender, kameradschaftlicher Miene folgte. Zwischen blühenden Hyazinthen- und Tulpenpflanzen hindurch beobachteten wir die Sonne hinter den schneeigen Hügeln verschwinden und sprachen von Wild und Sport der Wüste.
Aber lassen Sie mich über so hochstehenden Persönlichkeiten auch nicht meine bescheideneren Freunde vergessen: den Afghanen mit den schwarzen Locken um die Schläfe, der mir, so oft wir uns begegneten, seinen Segen spendete (der Amir von Afghanistan hat einen Beamten in Damaskus, um seinen Untertanen auf ihrer Pilgerfahrt beizustehen), den am Eingang zur Großen Moschee sitzenden Zuckerwarenhändler, der mich wiederholt durch das Labyrinth der Bazare geleitet und mir, so oft ich an ihm vorüberkam, zurief: »Benötigen Ew. Exzellenz heute keinen Dragoman?« Auch der Derwische aus Scheich Hassans Tekyah gedenke ich, von denen ich zu einem Freitags-Gebet geladen wurde, und nicht minder gern des rotbärtigen Persers, der ein Teelädchen am Kornmarkt besitzt und zur Sekte der Beha'i gehört, von welcher viele Glieder zu meinen Bekannten zählen. Als ich einst an seinem Tische köstlichen persischen Tee nippte, trank ich ihm in seiner eignen Sprache zu und flüsterte: »Ich bin von der Heiligen Familie in Acre hochgeehrt worden,« worauf er lächelte und, mit dem Kopfe nickend, antwortete: »Ew. Exzellenz sind unter uns wohlbekannt.« Wenn ich ihn beim Fortgehen aber nach seinem Guthaben fragte, sagte er: »Für Sie gibt es nie etwas zu bezahlen.« Es gibt in der Tat nichts, das dem Herzen so wohltut, wie in den geheimen Kreis orientalischen Wohlwollens aufgenommen zu werden. Auch fast nichts Selteneres.
Verkäufer von Zuckerwerk.
An einem sonnigen Nachmittage machte ich mich von den vielen Personen frei, die immer bereit waren, mir dieses oder jenes zu zeigen, und bahnte meinen Weg allein durch die Bazare, jenen bezauberndsten Ort, um Mußestunden zu verbringen, und begab mich nach den Toren der Großen Moschee. Es war die Stunde des Nachmittagsgebetes. Meine Schuhe in der Hut eines gelähmten Negers am Eingange zurücklassend, wandelte ich nach dem großen Säulengang, der sich an der ganzen Westseite der Moschee hinzieht. Zwar hat das Gebäude vor zehn Jahren durch eine Feuersbrunst und die dadurch notwendigen Reparaturen viel von seiner Schönheit eingebüßt, ist jedoch immer noch von großem Interesse für den Archäologen, der sich über allerhand an Mauern und Toren befindliche Zeichen und Gott weiß, was sonst noch, den Kopf zerbricht. In den Hof teilte sich die Sonne bereits mit den Schatten des Nachmittags, und kleine Knaben mit grünen Weidenzweigen in den Händen rannten, geräuschlos spielend, hin und her, während die ankommenden Gläubigen am Eingang zur Moschee in die Kniee fielen. Ich folgte und sah, wie sie sich in Schiff und Seitenflügel in westlicher Richtung zu langen Reihen gruppierten. Da standen sie Schulter an Schulter ohne Unterschied des Ranges, der gelehrte Doktor im Gewande von Seide und pelzgefüttertem Mantel neben dem zerlumptesten Kameltreiber aus der Wüste; erkennt doch der Islam, dieser einzige religiöse Freistaat der Welt, weder Reichtum noch Stand als Unterschied an. Jetzt war die Zahl zu drei- oder vierhundert angewachsen, und der Imām begann seinen Gesang. »Gott!« rief er, worauf die Versammelten wie ein einziger Mann niederfielen und eine Minute lang in stiller Anbetung verharrten, bis der Hochgesang von neuem ertönte: »Der Schöpfer dieser Welt und der zukünftigen, Er, der den Gerechten auf den rechten Weg leitet und den Gottlosen zum Verderben: Gott!« Und als des Allmächtigen Name in dem Säulengang widerhallte, wie er es nahe an die 2000 Jahre getan, da warfen sich die Andächtigen abermals nieder, und das Heiligtum lag einen Moment in tiefem Schweigen. Denselben Abend begab ich mich zu einer Abendgesellschaft auf die Einladung von Schekīb el Arslān hin, eines Drusen aus wohlbekannter Familie im Libanon. Auch Poet war er — hat er mir nicht ein Exemplar seiner neusten Ode verehrt? Die Gesellschaft fand im Meidān statt, in dem Hause von Getreidehändlern, die im Auftrage der Haurān-Drusen Getreide verkaufen, und die in den politischen Angelegenheiten des Berglandes wohl bewandert sind. Wir waren 12–14 Personen, Schekīb, ich und die Kaufleute, die nach Art Wohlhabender blauseidene Gewänder und bestickte gelbe Turbane trugen; außerdem noch einige, deren ich mich nicht weiter erinnere. Der Raum war lediglich mit Teppichen, Diwan und Kohlenbecken ausgestattet, was wirklich bemerkenswert war, denn selbst den Häusern von 'Abd ul Kādir werden weder die blau und roten Glasvasen erspart, noch auch jene befransten Matten, die sich wie ein häßlicher Ausschlag inmitten der Marmortäfelung und auf den Fächern der Gipsetageren ausnehmen. Schekīb war ein gebildeter und wohlerfahrener Mann, — war er doch einst bis nach London gekommen. Er sprach Französisch, bis einer unsrer Wirte ihn unterbrach:
»O Schekīb! Sie können Arabisch, und die Dame hier auch. Reden Sie also, daß wir es ebenfalls verstehen.«
Seine Ansichten über türkische Politik waren hörenswert.
»Meine Freunde,« sagte er, »die fremden Nationen sind an dem Mißgeschick schuld, unter dem wir leiden, sie wollen das türkische Reich sich nicht frei bewegen lassen. Führt es Krieg, so nehmen sie ihm die Früchte seines Sieges weg, wie es im Kriege gegen die Griechen geschah. Was nützt es uns, die aufsässigen Albanesen zu besiegen? Nur die Bulgaren würden Vorteil davon haben, und die Nachfolger unseres Propheten (dabei war er ein Druse!) könnten ebensowenig unter dem Zepter der Bulgaren leben, wie sie unter dem der Griechen auf Kreta leben möchten. Denn sehen Sie, die Muselmänner von Kreta wohnen bekanntlich jetzt in Salahiyyeh, und Kreta hat unter ihrem Weggang gelitten.«
Darin lag so viel Wahres, daß ich wünschte, die Feinde der Türkei hätten es hören können und würden den Standpunkt intelligenter und gut unterrichteter Untertanen des Ottomanenreiches wohl in Erwägung ziehen.
Hof der Großen Moschee.
Dreschplatz in Karyatein.
Mein letzter Tag in Damaskus war ein Freitag. Nun ist Damaskus an einem schönen Freitag ein Anblick, der auch einer weiten Reise wert ist. Die gesamte männliche Bevölkerung paradiert in den besten Gewändern durch die Straßen, die Geschäfte in Zuckerwaren und die in getragenen Kleidern florieren, den fertig vorgerichteten Speisen in den Eßwarenläden entströmen wahrhaft verlockende Gerüche, und prächtig aufgezäumte Rosse galoppieren den Weg am Flusse Abana entlang. Am zeitigen Nachmittag bekam ich vornehmen Besuch, als ersten Mohammed Pascha, den Scheich von Djerūd, letzteres eine Oase halbwegs nach Palmyra. Djerūdi ist der zweitgrößte Brigant im ganzen Lande, der größte aber (niemand wird ihm den Rang streitig machen) ist Fayyād Agha von Karyatein, einer anderen Oase an der Straße nach Palmyra. Fayyād mag wohl ein schlimmer Bösewicht sein, wenn er mich auch höflich genug behandelte, als ich seinen Weg kreuzte, Djerūdis Schurkerei aber ist ganz anderer Art. Dieser große kräftige Mann mit dem Glasauge war seiner Zeit ein tüchtiger Reiter und Räuber, denn in seinen Adern fließt arabisches Blut, und sein Großvater entstammte dem stolzen Geschlecht der 'Anazeh. Aber nun ist er alt, schwerfällig und gichtisch geworden und wünscht weiter nichts als Frieden, den er jedoch mit Rücksicht auf sein Vorleben und die Lage von Djerūd, die diese Oase zu einem günstigen Zufluchtsort für alle unruhigen Geister der Wüste macht, schwerlich erlangen wird. Er muß sich sowohl mit seinen arabischen Stammesbrüdern als auch mit der Regierung gut stellen; während jede dieser Parteien seinen Einfluß auf die andre auszunützen sucht, muß er selbst von beiden Nutzen zu ziehen suchen, sein Glasauge auf die Forderungen des Gesetzes, das gesunde auf seinen eignen Vorteil richten. So wenigstens verstehe ich ihn. In gerechtfertigtem Unwillen hat mancher Konsul schon vom Vāli seine sofortige Hinrichtung verlangt, aber zu einem solchen Schritt kann sich der Vāli nicht entschließen, wenn er auch nicht selten eine besondere Greueltat durch Verhängung einer Kerkerhaft geahndet hat. Wie er sagt, hat die Regierung in Djerūdi gelegentlich einen nützlichen Mann gesehen, und — der Vāli muß es ja am besten wissen. Zu seinem großen Kummer hat Mohammed Pascha keine Söhne als Erben seines immensen Reichtums, und die Grünspechte, in Gestalt einer Schar spekulierender Neffen, sind eine Plage seiner alten Tage. Neuerdings hat er eine Tochter aus Fayyāds Haus, ein fünfzehnjähriges Mädchen, geheiratet, aber sie hat ihm kein Kind geboren. Übrigens kursiert in Damaskus eine hübsche Geschichte von ihm, auf die jedoch in seinem Beisein nicht angespielt wird. Beim Ausbruch des letzten Drusenkrieges wurde Djerūdi, der zufälligerweise gerade mit der Regierung auf gutem Fuße stand und sich im Gebirge wohl auskannte, mit 30 oder 40 Mann ausgeschickt, um zu rekognoszieren und Bericht zu erstatten. Das Heer folgte ihm auf dem Fuße. Als er durch ein Dörfchen nahe bei Ormān zog, lud ihn der Scheich, sein alter Bekannter, zu Tische. Während er noch im Mak'ad des Mahles harrte, hörte er die Drusen draußen beraten, ob es nicht geraten sei, ihn bei dieser Gelegenheit als Beauftragten der türkischen Armee zu töten. Er wünschte sehnlichst, den Ort zu verlassen, aber die Regeln des guten Tones forderten, daß er das Mahl auch verzehrte, welches eben bereitet wurde. Als es endlich erschien, beförderte er es in größter Hast, denn die Lebhaftigkeit der Beratung draußen erfüllte ihn mit ernster Besorgnis, bestieg alsdann sein Pferd und ritt davon, ehe noch die Drusen zu einem Entschluß gekommen waren. Aber plötzlich befand er sich zwischen zwei Feuern, denn das türkische Heer war eingetroffen, und das erste Gefecht war im Gange. Djerūdi und seine Genossen suchten in ihrer Verwirrung hinter einigen Felsen Schutz, und schließlich schlich sich einer nach dem andern zu dem türkischen Nachtrab zurück. Die Drusen haben den Vorfall in einem Liede verewigt; es beginnt:
»Djerūdis goldne Rosse sind berühmt,
und schön die Reiter auf der wirren Flucht!
Mohammed Pascha, sage deinem Herrn,
wo sind die Mannen, wo die Waffen?«
Das Lied wird nicht oft vor ihm gesungen.
Tekyah des Nakschibendi.
Mein nächster Gast war Scheich Hassan Nakschibendi, der mit dem glatten und schlauen Frömmlergesicht. Er wußte sogar die zehn Minuten gut auszunützen, die er im Gastzimmer des Wirtshauses verbrachte. Denn als er einen prunkvollen Ring an Sēlim Begs Finger erspähte, wünschte er ihn zu sehen und fand so großen Gefallen daran, daß er ihn in die Tasche steckte und bemerkte, Sēlim würde gewiß gern seiner khānum (jüngsten Frau), die er vor ein oder zwei Jahren geheiratet, ein Geschenk damit machen. Sēlim schlug darauf vor, sofort nach seinem Hause in Salahijjeh zu fahren, um das Präsent zu überbringen, und da Scheich Hassan und Mohammed Pascha ihre Landauer an der Tür hatten, stiegen wir ein und fuhren durch die freundlichen, festtägigen Straßen nach Salahijjeh. Vor der Tür des Hauses meinte Sēlim, ich möchte mich erst vom Vāli, der ganz nahe wohnte, verabschieden, und er borgte Djerūdis Wagen, »des Pompes halber«. Dann sagte Sēlim zu Mohammed Pascha:
»Ihr kommt nicht mit uns?« Eine sarkastische Frage, denn er wußte gar wohl, daß Djerūdi gerade in Ungnade und eben erst aus wohlverdienter Haft entlassen worden war.
Djerūdi schüttelte den Kopf, kam dann ganz nahe heran an uns, die wir im Landauer saßen, und flüsterte:
»Sagt etwas zu meinem Gunsten beim Pascha!«
Wir versprachen das lachend. Im Fortfahren vertraute mir Sēlim an, daß auch kein einziger Mann zu ihm selbst gehalten hätte, als er in Ungnade war (»nur Intrigen meiner Feinde waren daran schuld«), kein einziger hätte ihm helfen wollen; jetzt aber, wo er in Gunst stand, würde er von allen Seiten um seine Vermittlung gebeten. Und, die Rockschöße um sich breitend, lehnte er sich in stolzem Selbstbewußtsein in Djerūdis Wagen zurück.
Nāzim Pascha stand auf der Türschwelle und verabschiedete sich eben vom Oberbefehlshaber. Er stieg die Stufen herunter und lud uns mit der größten Freundlichkeit in sein Haus. Und dieser zweite Besuch bei ihm (er hatte mich inzwischen aufgesucht) war weit weniger förmlich als der erste. Wir unterhielten uns über den Krieg in Japan, ein Stoff, der meinen jungen und alten Partnern im Gespräch überhaupt nie fern lag, und ich erkühnte mich, ihn um seine Ansicht zu befragen.
»Offiziell bin ich neutral,« lautete die Antwort.
»Aber unter Freunden?«
»Natürlich bin ich auf Seiten der Japaner. Die Engländer haben durch ihren Sieg gewonnen,« fügte er noch hinzu.
Worauf ich: »Und werden Sie nicht auch gewinnen?«
»Bis jetzt haben wir noch nicht gewonnen,« erwiderte er düster, »in Mazedonien noch gar nicht.«
Dann erkundigte er sich, wie mir mein Aufenthalt in Damaskus gefallen hätte. Da fuhr Sēlim hastig dazwischen:
»Heute hat sie eine große Enttäuschung erfahren.«
Der Vāli sah betroffen drein.
»Ja,« fuhr Sēlim fort, »sie hoffte einen Räuberhauptmann zu sehen und fand nur einen friedlichen Untertan, Ew. Exzellenz.«
»Und der wäre?« forschte Nāzim.
»Mohammed Pascha Djerūdi,« sagte Sēlim. Damit war das gute Wort sehr geschickt angebracht.
Vor den Toren von Damaskus.
In Scheich Hassans Haus zurückgekehrt, teilten wir diesen Teil der Unterhaltung dem Gegenstand derselben mit. Djerūdi zog ein schiefes Gesicht, erklärte sich aber zufrieden. Dann führte mich Hassan zu seiner Frau — seiner fünften, die er geheiratet hatte, nachdem er sich von seiner gesetzmäßigen vierten hatte scheiden lassen. Er ist so diskret, jeder einzelnen ihren besonderen Hausstand zu halten, und ohne Frage wird ihm dafür auch durch Frieden in seinen Häuslichkeiten gelohnt. Drei Frauen befanden sich im inneren Gemach, außer der Gattin noch eine andre, die offenbar nicht zum Haushalt gehörte, denn bei Scheich Hassans Eintritt verbarg sie das Gesicht in den Betten, und eine Christin, die sich um die Bedürfnisse der männlichen Gäste verdient machte (außer Djerūdi und Sēlim waren noch andre anwesend), und die in den Bazaren, wo sie sich freier bewegen kann als ihre mohammedanischen Schwestern, die Einkäufe besorgt. Im Harem sah es entsetzlich wüst aus. Wofern die Frauen nicht Besuch erwarten und darauf vorbereitet haben, herrscht in der Tat überall eine unvergleichliche Unordnung. Es läßt sich dieselbe teilweise dadurch erklären, daß weder Schubladen noch Schränke vorhanden sind, und alle Habseligkeiten in großen grünen oder vergoldeten Kästen aufbewahrt werden, die man auspacken muß, so oft auch nur ein Taschentuch gebraucht wird, und die häufig auch ausgepackt bleiben. Scheich Hassans Frau war jung und hübsch; freilich hing ihr das Haar in Strähnen um Gesicht und Hals, und ein schmutziger Morgenrock umkleidete eine Gestalt, die leider schon verfallen war.
Die Aussicht von Nakschibendis Balkon ist mir unvergeßlich. Zu unsern Füßen die große, prächtige Stadt Damaskus mit ihren Gärten, Kuppeln und Minarets, und weiterhin die Wüste, die fast bis an ihre Tore heranreicht. Und das ist der Kernpunkt der ganzen Sache.
Dies meine Erlebnisse in Damaskus. Was die Kirchen und Kastells betrifft, diese können die Herrschaften selbst sehen.
Wasserverkäufer.