Vierzehntes Kapitel.

Auch meine weitere Bekanntschaft mit Antiochien änderte an dem Eindruck des ersten Abends nichts. Je mehr ich die engen, gepflasterten Straßen durchwanderte, desto bewundernswerter erschienen sie mir. Bis auf die Hauptstraße, den Bazar, waren sie fast menschenleer; meine auf den Kieselsteinen widerhallenden Tritte unterbrachen die Stille von Jahren. Die flachen, mit roten Ziegeln gedeckten Giebel verliehen der ganzen Stadt einen reizvollen, eigenartigen Ton; Haus für Haus war mit vorspringenden, verschließbaren Balkonen versehen. Von der Vergangenheit ist freilich kaum eine Spur mehr vorhanden. In der Serāya befinden sich zwei schöne Sarkophage, die mit Girlanden und Köpfen sowie mit den bekannten Stiere zerfleischenden Löwen geziert sind, letzteres, wie ich glaube, ein speziell asiatisches Motiv. Ein dritter, weniger großartiger, steht am Saume der Daphnestraße. Ferner sah ich im Hofe eines türkischen Hauses das Fragment eines klassischen Simses und auf der Hauptstraße ein Stückchen Mauerwerk, das sicherlich aus der vormohammedanischen Zeit herrührte — die Bauart, abwechselnde Streifen in Ziegeln und Steinen, — gleicht derjenigen der Akropolis. Im übrigen lebt das Antiochien des Seleucus Nicator nur in der Phantasie. Die Insel, worauf es erbaut war, ist mit der Veränderung des Flußbettes verschwunden; der Überlieferung nach hat es oberhalb der modernen Stadt gelegen. Prächtige Villen müssen die Ufer des Orontes gesäumt haben. Man erzählte mir, daß die Grundmauern davon zum Vorschein kamen, wenn genügend tief in den Morast gegraben wurde, und daß kleine Wertgegenstände, Münzen und Bronzen, oft gefunden wurden. Es wurden mir auch gar viele zum Verkauf angeboten, aber ich erachtete sie für ungeschickte Nachahmungen und wurde auch in dieser Meinung von einem türkischen Pascha, Rifa't Agha, bestärkt, der sich zu seinem Vergnügen eine Antiquitätensammlung angelegt hat. Von seiner schönen Serie seleucidischer Münzen sind die ältesten beinahe so gut wie die besten sizilianischen, und die späteren fast so schlecht wie die schlechtesten byzantinischen. Auch einige Bronzelampen sind vorhanden. Eine derselben, ein lockiger Eroskopf, ist ein schönes Exemplar römischer Kunst. Der Agha verehrte mir einen kleinen Kopf, welchen ich für eine Nachahmung von dem Haupte des Antiochus mit der hohen Krone halte. Obgleich er ziemlich grob gearbeitet ist, verrät er doch durch eine gewisse Vornehmheit die Abstammung von einem großen Original.

Der Getreidemarkt, Antiochien.

Noch vor 40 Jahren waren die Mauern und Türme der Akropolis fast unversehrt; jetzt sind sie fast gänzlich zerstört. Die Bewohner Antiochiens behaupten, die Stadt werde jedes halbe Jahrhundert bis in ihre Grundfesten erschüttert, und sie selbst erwarten jeden Augenblick eine neue Bodenbewegung, nachdem die letzte im Jahre 1862 stattgefunden hat. Die Verwüstung der Festung aber hat kein Erdbeben, hat der Wohlstand herbeigeführt. Die Stadt ist wunderbar günstig in ihrem reichen Tale gelegen und mit dem Hafen Alexandretta durch eine ziemlich gute Landstraße verbunden, so daß sie mit Leichtigkeit zu einem bedeutenden Handelszentrum werden könnte. Während der letzten 50 Jahre ist sie — sogar unter türkischer Herrschaft — beträchtlich gewachsen, freilich auf Kosten der Akropolis. Der Orientale läßt sich durch keinerlei Schwierigkeiten abschrecken, wofern sie ihm nur die Mühe des Steinebrechens ersparen, und trotz der Mühe, die das Befördern der behauenen Steine der Festung macht, ehe sie bis an den Fuß des ungemein steilen Hügels, worauf sie steht, gelangen, hat man zum Bau all der neueren Häuser das Material von dort genommen. Das Werk der Zerstörung hält an. Die Steine der Mauern verschwinden schnell, und der Rest von Schutt und Mörtel wird in kurzer Zeit dem Einfluß der Witterung erliegen. Eines Morgens umging ich die Festung; es kostete mich drei Stunden. Westlich vom Gipfel der Berges Silpius wurde die Berglehne von einem Felsenspalt durchschnitten, der voller Felsengräber war, und direkt über meinem Lager von einem Aquädukt überspannt wurde. Auf der linken Seite der Schlucht fiel die Felsenwand jäh ins Tal ab. An größeren Überresten erkannte man deutlich, daß die Mauern abwechselnd aus Reihen von Steinen und Ziegeln bestanden hatten, ja hier und da war auch in den Steinreihen noch durch größere und kleinere Blöcke Abwechselung geschaffen worden. Die Befestigungen umfaßten eine weite Fläche; leicht ansteigende, mit Gestrüpp und verfallenem Gemäuer bedeckte Hänge führten zu der Spitze des Hügels. In der Westmauer war eine schmale, massive Steintür, die von einem Sims aus gefügten Blöcken mit einem erhabenen Bogen darüber gekrönt war. Die südliche Mauer wurde durch Türme unterbrochen, die Hauptzitadelle aber befand sich an der südöstlichen Ecke. Von hier aus fielen die Mauern wieder steil nach der Stadt zu ab und setzten sich noch eine Strecke östlich derselben fort. Ich glaube, sie können bis an den Orontes hin verfolgt werden. Ich ging ihnen nicht nach, sondern kletterte auf einem steinigen Pfad von der Zitadelle in die tiefe Schlucht, die das östliche Ende des Hügels durchschneidet. Den Eingang zu derselben bewacht eine mächtige Ziegel- und Steinmauer, und sie führt den Namen »Das eiserne Tor«. Jenseits desselben klettern die Festungswerke an der gegenüberliegenden Seite der Schlucht empor und ziehen sich an der Spitze des Hügels weiter. Wie weit sie sich erstrecken, weiß ich nicht, denn der Boden war so uneben und mit Gestrüpp überwachsen, daß ich den Mut verlor und umkehrte. Eine reiche Fülle von Blumen, Ringelblumen, Asphodill, Zyklamen und Iris, wucherten zwischen den Felsen. Auf der Berglehne, die jenseits vom Eisernen Tor auf den Orontes niederblickt, befindet sich eine Höhle, welche die Tradition St. Petershöhle nennt. Die Griechengemeinde hat an ihrem Eingang eine kleine Kapelle errichtet. Ein wenig weiter am Hügel hin ist eine noch merkwürdigere Reliquie Altantiochiens, nämlich das Haupt einer Sphinx, reliefartig aus einem etwa 20 Fuß hohen Felsen ausgehauen. Sie trägt auf ihrer Stirn eine Drapierung, die, zu beiden Seiten ihres Gesichtes niederfallend, dort endet, wo der Hals in die unbekleidete Brust übergeht. Ihr ausdrucksloses Gesicht ist leicht talaufwärts gerichtet, als ob sie jemandes harre, der aus dem Osten kommen müsse. Könnte sie nur reden! Sie würde uns von großen Königen und prunkvollen Aufzügen, von Kämpfen und Belagerungen erzählen, denn all das hat sie von ihrem Felsen an der Berglehne aus gesehen. Sie erinnert sich auch, wie die ihr bekannten Griechen von Babylonien heraufzogen, aber da selbst die Römer sie nicht lehren konnten, daß das wahre Leben westwärts liegt, durfte auch ich nicht hoffen, sie aufzuklären, und ließ sie daher weiter des Neuen aus dem Osten harren.

Lampe in Rifa't Aghas Sammlung.

Eine weitere Pilgerfahrt mußte von Antiochien aus nach Daphne, der berühmten Ruine, gemacht werden, die den Ort kennzeichnet, wo die Nymphe die Absicht des Gottes vereitelte. »Das Haus der Gewässer« nennt sie der Araber. Man erreicht die im Westen der Stadt gelegene Stelle durch einen einstündigen Ritt am Fuße der Hänge entlang, und einen bezaubernderen Ritt kann man sich zur Frühlingszeit nicht wünschen. Der Pfad führte durch ein liebliches Gehölz aus knospendem Grün, aus dem sich üppig blühender Schwarzdorn und das eigenartige Purpur des Judasbaumes abhoben; er führte dann über einen niederen Gebirgszug hinweg und senkte sich, steil abfallend, in ein Tal, durch welches ein tosender Bach dem Orontes zueilte.

Haupt einer Sphinx, Antiochien.

Von den Tempeln, die dieses schönste aller Heiligtümer zierten, ist keine Spur geblieben; Erdbeben und stürzende Bäche haben sie von den Bergen in die Schluchten gefegt. Aber die Schönheit der Gegend hat nicht verloren seit jenen Tagen, als die Bürger der üppigsten Stadt des Ostens mit den Mädchen tändelten, die dem Gott dienten. Nicht brausend bricht der Strom aus der Seite des Berges hervor, wird er doch in einem tiefen, stillen Weiher geboren, der, in ein Gewand aus Mädchenhaar-Farn gehüllt, zwischen Dickichten verborgen liegt, »die alles Leben zu süßem Traum mit Grün umweben«. Aus dem Weiler geht ein durchsichtiger, spiegelglatter, schmaler und tiefer Bach hervor; bald aber staut er sich und bildet Wirbel und Wasserfälle, die ihren weißen Schaum in das Gezweig von Maulbeerbaum und Platane hinaufschleudern. Unter den Bäumen drehen sich elf Wassermühlen; die zerlumpten Müller bilden die einzige Bewohnerschaft von Apollos Heiligtum. Sie brachten uns Walnüsse, an den Ufern des Stromes zu essen, und kleine, antike Steine, die aus den Schmuckstücken derer gefallen waren, die an dem Gestade dieses Stromes wohl weniger harmlosen Vergnügungen nachgingen als wir.

Daphne.

Man kann unmöglich in Nordsyrien reisen, ohne von einem lebhaften Interesse für die Seleucidenkönige ergriffen zu werden, das durch die Anerkennung ihrer hervorragenden Taten in Politik und Kunst noch gefestigt wird; ich beschloß daher, ehe ich mich nordwärts wenden würde, noch die Gegend von Seleucia Pieria, den Hafen von Antiochien und die Begräbnisstätte von Seleucia Nicator aufzusuchen. Binnenstadt und Hafen entstanden zu gleicher Zeit; beide waren Teile desselben großen Planes, der aus der Gegend des unteren Orontes eine reiche und bevölkerte Handelsstätte schuf. In jenen Tagen konnten Könige mit einem Winke ihres Szepters weltberühmte Städte ins Leben rufen, und die Seleuciden säumten wahrlich nicht, dem Beispiele zu folgen, das Alexander ihnen gegeben. Wie Apamea, so ist auch Seleucia zur Größe eines Dörfchens zusammengeschrumpft, oder besser gesagt, es hat sich in mehrere Dörfer zersplittert, die der Name Sweidijjeh deckt. (Da jede Gruppe Farmhäuser oder Hütten ihren eignen Namen führt, kann man sich in den Ortsbezeichnungen schwer zurechtfinden.) Das weite Auseinanderwohnen der Leute in den Dörfern am Orontes ist in ihrer Beschäftigung begründet. Ihre Tätigkeit als Seidenwurmzüchter erfordert im Frühling einen Monat lang die ununterbrochene Anwesenheit des Besitzers im Mittelpunkt seiner Maulbeerbaumplantagen, so daß der Mann durch deren ganze Ausdehnung von seinem Nachbar getrennt ist. Nach dreistündigem Ritt durch eine prächtige Gegend voll Myrtengebüsch und Maulbeerbaumhaine erreichten wir die Militärstation Sweidijjeh, das wichtigste der verstreut liegenden Dörfer. Und hier geschah es zum ersten und einzigen Mal auf meiner Reise, daß ich von einem Beamten (er hatte offenbar der Arrakflasche zugesprochen) nach meinem Paß befragt wurde. Nun besaß ich keinen Paß, ich hatte ihn im Djebel Zawijjeh mit meinem Mantel zugleich eingebüßt, und daß ich durch das halbe Ottomanenreich ohne papiernen Anhang an meinen Namen reisen konnte, beweist, wie wenig sich der türkische Beamte um seine Regierungsbefehle zu kümmern braucht. Da der mich begleitende Zaptieh mit ziemlichem Eifer erörterte, daß es ihm sicherlich nicht erlaubt gewesen sein würde, mich zu begleiten, wenn ich nicht eine achtbare und gutbeleumdete Persönlichkeit wäre, durften wir weiterreisen. Die Veranlassung zu solch ungewöhnlichem Pflichteifer wurde uns bald klar: die Küstendörfer beherbergen große Kolonien Armenier und sind von Militärstationen umgeben, welche die Bewohner abhalten sollen, sowohl nach anderen Orten im Binnenlande des Reiches, als zur See nach Cypern zu entweichen. Die Ankunft und Abreise der Fremden wird sorgsam überwacht. Der Reisende sollte stets als Hauptpunkt im Auge haben, sich nicht in die armenische Frage verwickeln zu lassen. Es war die stillschweigende Überzeugung der Gelehrten des Mittelalters, daß eine unlösbare Frage überhaupt nicht existierte. Es könnte ja Dinge mit ernstlichen Schwierigkeiten geben, aber wenn man sie der richtigen Person unterbreitete — z. B. irgend einem Araber in Spanien, der durch gründliches Studium in Einzelheiten eingeweiht ist, in die man selber lieber nicht einzudringen versucht — so würde man sicher die rechte Lösung erfahren. Der Kernpunkt wäre, nur die passende Person zu finden. Heutzutage sind wir von diesem Glauben abgekommen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es leider viele für den Menschengeist unlösbare Probleme gibt, und ein beträchtlicher Teil davon fällt dem Türkenreich zu. Ein solches Problem ist die armenische Frage, und ein zweites die mazedonische.

Mit dem Entschluß, nicht einem Grundsatz untreu zu werden, der, wie ich überzeugt war, viel zu einer glücklichen und erfolgreichen Reise beigetragen hat, ritt ich nach Chaulīk, dem Hafen des alten Seleucia, hinab. Mein Entschluß war um so leichter durchzuführen, als die Armenier fast nur Armenisch und Türkisch sprachen; jedenfalls genügten die wenigen arabischen Worte, deren einige mächtig waren, nicht, um eine eingehende Schilderung ihrer Leiden zu geben, und der Mann, der mir diesen Nachmittag als Führer diente, war mit so heiterer Gemütsstimmung begnadigt, daß er sicher ein anderes Gesprächsthema vorgezogen hätte. Ibrahim war der Name des helläugigen, klugen Mannes, und sein Frohsinn verdiente in der Tat Lob, da sein jährliches Einkommen sich auf nicht mehr als 400 Piaster (kaum 40 Mark deutsches Geld) belief. Davon gedachte er noch genug zu erübrigen, um die türkischen Beamten im Hafen zu bestechen, damit sie ein Auge zudrückten, wenn er in einem offenen Boote nach Cypern entwich. »Denn,« sagte er, »hier ist kein anderer Erwerb als die Seidenraupenzucht, die aber schafft mir nur zwei Monate vom Jahre Arbeit, und in den anderen zehn kann ich nichts tun und nichts verdienen.« Er erzählte mir auch, daß die Nosairijjeh, welche die umliegenden Dörfer bewohnten, unangenehme Leute wären.

»Ist Fehde zwischen euch?« fragte ich.

»Ey, wāllah!« sagte er mit Nachdruck und illustrierte seine Behauptung durch den langen Bericht eines vor kurzem ausgebrochenen Streites, der, soviel ich ausmachen konnte, gänzlich den Übergriffen der Armenier zu verdanken war.

»Aber ihr hattet zuerst gestohlen,« wendete ich ein, als er zu Ende war.

»Ja,« sagte er, »die Nosairijjeh sind Hunde.« Und lächelnd fügte er noch hinzu: »Ich saß darauf zwei Jahre lang im Gefängnis zu Aleppo.«

»Bei Gott! Ihr hattet es verdient,« bemerkte ich.

»Ja,« gestand er mit gleicher Heiterkeit ein.

Und das war, wie ich mich freue, konstatieren zu können, alles, was Ibrahim zur Beleuchtung der armenischen Frage beitrug.

Die Bucht von Seleucia ist dem Golf von Neapel nicht unähnlich und kaum weniger schön. Eine jähe Bergwand, mit Felsengräbern und Höhlen durchsetzt, bildet den Hintergrund der Maulbeerbaumanpflanzungen und schließt, einen Bogen bildend, die Bucht auch nach Norden hin ab. Unterhalb der Felswand liegen die Mauern und die Wassertore des Hafens, der durch eine Sandbank vom offnen Meere getrennt ist. Durch Sand und Schlamm fließt der Orontes weiter nach Süden, und eine steile Bergkette, die an ihrem Südende zu dem lieblichen Berg Cassius ansteigt, schließt die Aussicht ab. Der letztere Berg ist gleichsam der Vesuv der Landschaft. Ich schlug mein Lager an der Nordgrenze in einer kleinen Grotte auf. Sie war von der übrigen Bai durch einen niederen Ausläufer getrennt, der in einem mit Ruinen bedeckten Vorgebirge endete und den Ausblick über die gesamte Küste bot. Ich weidete mich in dem Gedanken, daß gerade an dieser Stelle Tempel und Grab von Seleucus Nicator gestanden hatten, obgleich ich nicht weiß, ob die genaue Lage je festgestellt worden ist. Am Strande befand sich ein isolierter Raum, in dem eine von Säulen getragene Halle ausgegraben worden war. Eine frische, salzige Brise durchwehte den nach dem Meere duftenden Raum: ein echter Tempel für Nymphen und Tritonen. Auf schmalen Pfaden und einer ehemaligen Fahrstraße führte mich Ibrahim über die steilen Klippen hin nach der auf dem höchsten Punkt des Plateaus gelegenen oberen Stadt. Wie er sagte, braucht man sechs Stunden zu einem Gang um die Ringmauer der oberen Stadt; es war nur zu heiß, um seine Behauptung auf die Probe zu stellen. Wir stiegen in eine große Anzahl der künstlichen Höhlen hinein, wovon viele keine Grabnischen aufwiesen; sie mögen wohl eher zu Wohnräumen und Vorratskammern bestimmt gewesen sein. Um diese Zeit waren alle Höhlen von Seidenwurmzüchtern bewohnt, die jetzt, wo die Larven aus den Eiern schlüpften, ihre geschäftigste Zeit hatten. Am Eingang jeder Höhle hing ein Büschel grüner Zweige, um die Sonne auszuschließen, und angenehm schimmerte das Licht des Nachmittags durch das knospende Gezweig. Am Südende der Klippe lag ein großer Begräbnisplatz, der aus kleinen, ringsum mit Grabnischen besetzten Höhlen und Steinsarkophagen bestand. Diese letzteren trugen, wenn überhaupt Schmuck daran war, das Girlandenmuster der Sarkophage zu Antiochien. Die bedeutendste Gräbergruppe befand sich am Nordrande der Klippe. Man betrat sie durch einen mit Säulen bestandenen Portikus, welches in ein doppeltes Gewölbe führte. Das größere enthielt zwischen 30–40 Grabnischen und ein paar Gräber mit Baldachinen, die aus dem Felsen selbst gehauen waren. Das kleinere barg etwa halb so viel Grabnischen. Das Dach wurde von Säulen und viereckigen Wandpfeilern getragen, ich bemerkte über den Gräbern auch grob ausgehauenen Fries mit teils efeuartigen, teils ausgezähnten Blättern.

Der Garīz.

Den Erbauern von Seleucia scheint die Verteilung des Wasservorrats viel zu schaffen gemacht zu haben. Ibrahim zeigte mir einen auf dem Felsen hinlaufenden Kanal von etwa zwei Fuß Weite bei fünf Fuß Höhe, der drei bis vier Fuß unterhalb der Oberfläche ausgehauen war und Wasser von einem Ende der Stadt zum anderen leitete. Durch gelegentliche Luftlöcher oder Spalten in der äußersten Felsenwand konnten wir seinen Lauf verfolgen. Ein äußerst schwieriges Problem muß die Regulierung des Flusses gewesen sein, der nördlich der Stadt eine Schlucht hinabstürzte. Man hatte einen riesigen Tunnel durch den Ausläufer bis südlich von meinem Lager gehauen, um das Wasser nach dem Meere zu leiten, damit es die Häuser am Fuße der Klippe nicht überschwemmte. Der Garīz, wie der Name dieses Tunnels ist, begann an der Mündung eines engen Hohlwegs, erstreckte sich einige hundert Meter weit durch Felsenmassen und setzte sich dann bis zum Ende des Ausläufers als ein tiefer, oben offner Einschnitt fort. Am Eingang des Tunnels befand sich in scharf ausgehauenen Buchstaben eine Inschrift. »Divus Vespasianus« begann sie, aber der Rest verschwand unter dem felsigen Boden. Es gab auch noch einige andere Inschriften am Garīz entlang: alle waren lateinisch, ich denke mir, das Werk ist nicht seleucischer, sondern römischer Herkunft.

Die Statue im Maulbeerbaumhain.

Noch zu einem anderen Besuch ließ ich mich durch Ibrahim verleiten. Wenn ich ihm durch die Maulbeeranlagen am Fuße der Klippe folgen wollte, erklärte er, würde er mir »eine Person, aus Stein gemacht« zeigen. Nun war meine Neugierde zwar durch die Hitze und den langen Marsch schon etwas gelähmt, aber ich schleppte mich doch durch die Steine und andere Hindernisse mühsam zurück und fand, unter einem Maulbeerbaum sitzend, einen bärtigen, mit Gewändern angetanen Gott. Ein sehr majestätischer Gott war er nicht. Seine Haltung war steif, das Gewand roh ausgehauen, die obere Hälfte seines Kopfes dahin, aber die tiefstehende Sonne vergoldete seine Marmorschulter, und die Zweige der Bäume flüsterten von seiner einstigen Würde. Als wir uns neben ihn gesetzt hatten, bemerkte Ibrahim:

»Auf diesem Felde ist auch noch jemand begraben, eine Frau, aber sie ist tief unter der Erde.«

»Habt Ihr sie gesehen?« forschte ich.

»Ja, der Herr des Feldes hat sie begraben, weil er glaubte, sie brächte ihm Unglück. Vielleicht gräbt er sie aus, wenn Sie ihm Geld bieten.«

Ich ging auf den Vorschlag nicht ein; wahrscheinlich blieb die Frau besser der Einbildung überlassen.

Dicht an der Statue sah ich einen langen modellierten Sims; vermutlich hatte er eine Mauer gekrönt, die jetzt im Getreidefeld vergraben lag. Es bietet sich hier viel Gelegenheit zu Entdeckungen, aber die Ausgrabungen werden wegen der tiefen Schlammschicht und der Ansprüche der Besitzer von Maulbeerbaumhainen und Getreidefeldern hoch zu stehen kommen. Die Stadt bedeckt eine ungeheure Fläche, und das Nachgraben kann jahrelang dauern, wenn gründlich vorgegangen werden soll.

Bei meinen Zelten schlich ein träger Strom durch Büschel gelber Iris und bildete einen Tümpel im Sande, der für unsre Tiere und die Ziegenherden Wasser lieferte, welche von armenischen Hirtenknaben früh und spät am Meeresufer gehütet wurden. So reizvoll war der Ort, und das Wasser so herrlich, daß ich einen ganzen müßigen Tag dort zubrachte, den ersten wirklich müßigen, seit ich Jerusalem verlassen, und da ich nun einmal Seleucia nicht gründlich erforschen konnte, wollte ich auch nicht mehr davon sehen, als von meiner Zelttür aus möglich war. Diesem löblichen Entschluß verdanke ich 24 Stunden, an die ich mit lebhaftester Befriedigung zurückdenke, wenn ich auch weiter nichts davon zu berichten weiß, als daß ich nicht ganz so leicht, wie ich gehofft hatte, der armenischen Frage entgehen sollte. Am Morgen wurde mir ein langer Besuch von einer Frau, die von Kabuseh herabgekommen war, einem Dorfe auf der Höhe der über dem Garīz gelegenen Schlucht. Sie sprach Englisch, hatte es in den Missionsschulen zu 'Aintāb, ihrer Heimat in den kurdischen Bergen, gelernt. Kymet nannte sie sich. Sie hatte 'Aintāb bei ihrer Verheiratung verlassen und diesen Schritt nie zu bereuen aufgehört, denn ihr Gatte war zwar ein guter und ehrbarer Mann, aber doch so arm, daß sie nicht wußte, wie sie ihre beiden Kinder aufziehen sollte. Außerdem waren, wie sie sagte, die Leute in der Gegend von Kabuseh, Nosairijjeh sowohl als Armenier, alle Räuber, und sie erbat sich meine Hilfe, um nach Zypern entkommen zu können. Sie erzählte mir auch ein seltsames Stück Familiengeschichte, welches, wenn man es nicht als Beweis behördlicher Bedrückung zitieren will, doch dartut, wie traurig die Lage der Sekten in einem mohammedanischen Lande sein muß. Als Kymed selbst noch Kind gewesen, war ihr Vater zum Islam übergetreten und zwar hauptsächlich deswegen, weil er eine zweite Frau zu nehmen wünschte. Kymets Mutter hatte die ihr angetane Schmach nicht ertragen können, sie hatte ihn verlassen und ihre Kinder erhalten, so gut es gehen wollte. Der bittre Zwist hatte, nach der jungen Frau Versicherung, ihre eigne Jugend vergiftet. Am nächsten Morgen schickte sie ihren Gatten mit einem Huhn und einem Gedicht, das sie selbst auf Englisch niedergeschrieben hatte. Das Huhn bezahlte ich, aber die Verse waren unbezahlbar. Sie lauteten:

»Willkommen, willkommen, Geliebteste, dein Kommen beglückt uns!
Für dein Kommen willkommen! Willkommen deine Ankunft!
Laßt uns singen mit Freuden, mit Freuden, mit Freuden, ihr Knaben, mit Freuden!
Die Sonne scheint nun mit dem Mond so klar, mit süßem hellen Schein, ihr Knaben:
Für dein Kommen willkommen, ihr Lächeln heißt dich willkommen!
Die Bäume senden uns, teure Knaben, die Vögel jubeln voll Glück;
Der süße Duft spricht dir willkommen! Willkommen dir ihr froher Sang!
Ich verbleibe
Ihr getreuer

George Abraham

Für den Fall, daß das Gedicht für vielversprechend erachtet werden sollte, beeile ich mich noch hinzuzufügen, daß nicht etwa George Abraham der Verfasser war — bei den Verhandlungen über das Huhn fand ich heraus, daß er kein Wort Englisch konnte. Kymet hatte ihres Mannes Namen lediglich benutzt, weil er eine gewichtigere Unterschrift abgab, als der ihre. Überdies sind die in den Versen erwähnten Knaben nur rhetorische Figuren. Auch kann ich keine Vermutung darüber aussprechen, was die Bäume uns senden; in diesem Punkte scheint der Text unklar. Vielleicht ist »uns« als Akkusativ gedacht.

Ich verließ Seleucia mit wirklichem Bedauern. Noch vor Tagesanbruch ging ich hinab in die See, um zu baden; zarte Wolkenschleier lagen über den Berghängen, und als ich in das laue Wasser hinausschwamm, vergoldeten die ersten Strahlen der Morgensonne das schneeige Haupt des Berges Cassius, der einen so bezaubernd schönen Abschluß für das Halbrund der Bai bildet.

Auf demselben Wege, den wir gekommen, kehrten wir nach Antiochien zurück und schlugen unsre Zelte außerhalb der Stadt an der Landstraße auf. Zwei Tage später brachen wir früh 6½ Uhr zu einem langen Ritt nach Alexandretta auf. Während der ersten Meilen war der Weg abscheulich; tiefe Schlammlöcher wechselten mit kurzen gepflasterten Stellen ab, die jedoch kaum bequemeres Vorwärtskommen ermöglichten als der Morast selbst. Nach drei Stunden erreichten wir das Dorf Kāramurt; ¾ Stunden später verließen wir die Straße und ritten bei einer verfallenen Karawanserei, die Spuren schöner arabischer Arbeit aufwies, direkt in das Gebirge hinein. Der Pfad führte steile, erdbedeckte Hänge hinauf und hinab, durch blühende Dickichte aus Ginster, Judasbäumen und den auf der Erde hinkriechenden Cistenrosen. Zur Linken sahen wir das malerische Kastell Baghrās, das alte Pagrae, einen Berggipfel krönen. Ich glaube nicht, daß die Gebirgsgruppe nördlich von Antiochien jemals systematisch erforscht worden ist, vielleicht kommen dort noch Teile seleucidischer oder römischer Befestigungswerke zu Tage, die den Eingang zu dieser Stadt bewachten. Bald lenkten wir in die alte, gepflasterte Straße ein, die steiler dahinführt als der neuere Fahrweg, und nachdem wir ¾ Stunden gerastet hatten, um an den schattigen Ufern eines Flusses zu frühstücken, erreichten wir den höchsten Punkt des Bailānpasses um 1 Uhr. Hier bogen wir in die Hauptstraße von Aleppo nach Alexandretta ein. Ich konnte keinerlei Spuren von Befestigungen an den Syrischen Toren bemerken, wo Alexander umkehrte und nach der Ebene von Issus zurückmarschierte, um Darius zu begegnen, aber der Paß ist sehr eng und muß leicht gegen Eindringlinge von Norden her zu verteidigen gewesen sein. Es ist das der einzige für eine Armee gangbare Paß über den zerklüfteten Berg Amanus. Eine Stunde davon befindet sich das Dorf Bailān; seine wundervolle Lage an der Nordseite der Berge bietet den Überblick über die Bucht von Alexandretta nach der wilden Cilicianischen Küste und der weißen Tauruskette. Ein etwa vierstündiger Ritt brachte uns von Bailān nach Alexandretta.

Als wir auf grünen, blumenbesäten Hängen, den letzten Syriens, dem schimmernden Meere zutrabten, entspann sich zwischen mir und Michaïl ein Gespräch. Wir blickten, wie Reisegefährten zu tun pflegen, noch einmal auf unsre Reiseerlebnisse zurück, erinnerten uns der Abenteuer, die uns zu Wasser und Land beschieden gewesen, und endlich sagte ich:

»Oh Michaïl, diese Welt ist schön, wenn auch mancher ihr Übles nachredet, und die Kinder Adams sind meist gut und nicht böse.«

»Es geht alles nach Gottes Willen!« sagte Michaïl.

»Ohne Zweifel,« entgegnete ich. »Aber denken wir an alle die zurück, denen wir auf der Reise begegnet sind. Wie haben sie sich gefreut, wenn sie uns helfen konnten, und wie gut haben sie uns aufgenommen. Gleich zu Anfang hatten wir Habīb Fāris, der uns geleitete, dann Namrūd und Gablān —«

»Mascha'llah!« fiel Michaïl ein, »Gablān war ein vortrefflicher Mann. Habe ich doch noch keinen Araber gesehen, der so wenig gierig war, kaum daß er die Speisen kosten wollte, die ich ihm vorrichtete.«

»Und Scheich Mohammed en Nassār,« fuhr ich fort, »sein Neffe Fāris und der Kāimakām von Kal'at el Husn, der alle von uns zwei Nächte beherbergte und bewirtete. Auch der Kāimakām von Drekisch — er veranstaltete uns zu Ehren ein Fest — und der Zaptieh Mahmūd« — hier knurrte Michaïl, denn mit Mahmūd hatte er auf gespanntem Fuße gestanden — »und Scheich Jūnis« fuhr ich hastig fort, »aber Mūsa, der Kurde, war doch der Beste von allen.«

Unterer Teil des Garīz.

»Er war ein braver Mann und hat Ew. Exzellenz gut gedient,« stimmte Michaïl bei.

»Ja sogar Reschīd Agha,« sprach ich weiter, »er war ja ein Schelm, aber Gastfreundschaft hat er uns doch bewiesen.«

»Hören Sie mich an, Madame,« sprach Michaïl, »ich will Ihnen die Sache erklären. Der Mensch hat einen beschränkten Gesichtskreis, er sieht nur, was er sehen will. Mancher sucht nach Bösem und findet es, ein anderer sucht Gutes, und Gutes findet er. Einem dritten aber lächelt das Glück, und ihm wird immer, was er begehrt. Zu diesen gehören Sie, gelobt sei Gott! Und gefalle es Gott, daß Sie in Frieden weiter ziehen und wohlbehalten in Ihrer Heimat anlangen, wo Sie Seine Exzellenz, Ihren Vater, Ihre Mutter, all Ihre Brüder und Schwestern gesund und glücklich antreffen mögen. Und auch all Ihre Verwandten und Freunde!« fügte er noch bedeutsam hinzu. »Möchten Sie noch manchesmal Syrien in Frieden und Sicherheit glücklich durchreisen, das gebe Gott!«

Sarkophag in der Serāya, Antiochien.

»Gott gebe es!« sagte ich.