Dreizehntes Kapitel.

Am 4. April, früh 8 Uhr, verließen wir Bāsufān und ritten auf unglaublich felsigen Pfaden südwärts. Wir ließen Kal'at Sim'ān westlich liegen und umgingen die Ostflanke des Djebel Scheich Barakāt. Mūsa erklärte, mich noch einen Teil des Weges begleiten zu müssen, und kam mit bis Deiret Azzeh, einem großen, aus 300–400 Häusern bestehenden mohammedanischen Dorfe. Hier verließ er uns, und wir stiegen hinab in die fruchtbare Ebene von Sermeda, die von den Hängen des Djebel Halakah eingeschlossen ist. Gegen Mittag erreichten wir das große Dorf Dāna und speisten an dem berühmten, dem dritten Jahrhundert entstammenden Grabe, das de Vogüé beschrieben hat. Es ist meiner Meinung nach das lieblichste unter den geschichtlichen Denkmälern Nordsyriens und könnte in seiner zierlichen Einfachheit würdig dem choragischen Denkmal des Lysicrates in Athen zur Seite gestellt werden. Es hielt uns nichts weiter in Dāna zurück, und als auch unsre Lasttiere angekommen waren, sandte ich sie mit Michaïl und einem heimischen Führer voraus nach den Ruinen von Dehes, wo sie Nadjīb und mich erwarten sollten. Nach einigem Beraten wurden sich Nadjīb und der Eingeborene auch über die Lage des Ortes einig, der mir nur aus den Berichten der Reisenden bekannt war. Erst als wir ihn erreicht hatten, entdeckte ich, daß wir uns in Mehes statt in Dehes befanden. Schließlich machte es keinen großen Unterschied. Hauptsache war, daß wir einen bequemen Lagerplatz dort vorfanden. Von Dāna aus führte mich Nadjīb die alte Römerstraße entlang an einem römischen Triumphbogen, Bāb el Hawa, vorbei, der malerisch am Eingange zu einem felsigen Tale erbaut ist. Wir ritten einige Meilen weit in demselben aufwärts, sahen eine verfallne Kirche und erstiegen dann den Westabhang durch eine Schlucht, die uns auf ein weites Hochplateau, dicht an das verödete Dorf Ksedjba führte.[16] Unser Weg führte uns durch eine Gegend, die mit Blumen und Gruppen verfallner Häuser und Kirchen wie bestreut war, weiter nach dem Dorfe Bābiska. Das Herz hüpfte vor Freude beim Anblick so viel einsamer, unberührter Schönheit. Zwischen diesen Hügeln war es schwierig, zu sagen, wo Bākirha, die Stadt, der mein nächster Besuch galt, liegen mochte; aber in der Nähe von Bābiska fanden wir einige Hirtenzelte, von deren Bewohnern wir den Weg erfragten. Der Hirt, ein phlegmatischer Mann, behauptete, es gäbe keinen Weg nach Bākirha, und der Nachmittag wäre für ein derartiges Unternehmen zu weit vorgeschritten, überdies müßte er einen Korb Eier nach einer andern Richtung tragen und könnte uns nicht helfen. Ich aber war nicht so viele Meilen geritten, um so nahe dem Ziele von meinem Vorhaben abzustehen, und mit etwas Poltern und viel Überredungskunst brachten wir den Mann endlich dazu, uns bis an den Fuß des Berges, der Bākirha trägt, zu führen. Er ging ungefähr eine Stunde weit mit uns und zeigte dann nach dem Gipfel des Djebel Bārischa. Mit den Worten »Das ist Bākirha« verließ er uns eilends und kehrte zu seinem Eierkorb zurück.

[16] Die alten Stätten im Djebel Bārischa sind von der amerikanischen Expedition bereist und beschrieben worden.

Grab zu Dāna.

Bāb el Hawa.

Da wir uns vergeblich nach einem Pfad umsahen, der uns hinaufführen sollte zu den Ruinen, die im leuchtenden Nachmittagssonnenschein oben am Berghang lagen, lenkten wir unsre Tiere endlich mitten in das Geröll und das blühende Dornengestrüpp hinein. Aber selbst die Ausdauer der syrischen Pferde kennt eine Grenze, und die unseren waren fast an derselben angelangt, nachdem sie schon den ganzen langen Tag über Felsgestein geklettert. Überdies stand uns noch ein wer weiß wie langer Ritt bis zu unserm Lager bevor. Und doch mochte ich die verlockend schimmernden Mauern, die so greifbar nahe über mir lagen, nicht aufgeben; ich gebot daher dem widerwilligen Nadjīb, unten mit den Pferden auf mich zu warten, und kletterte allein hinauf. Schon neigte sich der Tag, und ich eilte schnell vorwärts, aber die Erinnerung an diesen hastigen Stieg über die steilen Felsen, die halb in Blumen begraben und von der Sonnenhitze durchglüht waren, wird mir nicht so leicht aus dem Gedächtnis schwinden. Eine halbe Stunde später stand ich am Eingang der Stadt vor einer prächtigen Basilika mit der schönsten abwechslungsreichsten architektonischen Ausschmückung. Jenseits derselben lagen die verfallenen Straßen, alles Lebens bar, am Berghange die Häuser, die mit Skulpturen geschmückten Balkone, die tiefen, überwölbten Torwege, die säulenbestandenen Marktplätze, — alles war vom goldenen Sonnenlicht überflutet. Aber ich strebte noch einem weiteren Ziele zu. Ich stieg einen breiten, gewundenen Weg hinan, bis die Stadt und die blumigen Wiesenhänge hinter mir lagen, und der Pfad an einem tiefen Abgrund endete. Nichts mehr lag zwischen mir und dem Kamme des Bergzuges als eine schroffe Felswand. Das Gebirge war nämlich hier durch steile Schluchten zerrissen, deren Böschungen sonnenbeglänzte, fruchtbare Ebenen einschlossen, der obere Rand dieser Schluchten aber trug auf einem schmalen Felsplateau einen kleinen lieblichen Tempel. Ich ließ mich an dem Tore nieder, durch welches die Andächtigen in den Tempelhof geschritten waren. Unter mir lagen der Nordabfall des Djebel Bārischa, breite, schöne Täler und die schneegekrönten, von warmem Dunst umschleierten Häupter des Giour Dāgh. Stadt, Tempel und Berg, alle lagen sie gleich verödet, nur weit drüben auf felsigem Pfad blies ein Hirtenknabe seiner zerstreuten Herde eine wilde, süße Melodie. Der Ton der Rohrpfeife ist so recht die Stimme der Einsamkeit: getragen von den Wellen der Gebirgsluft, die vom Hauch der Blumen durchduftet, von den Strahlen der sinkenden Sonne durchglüht war, schallte sie schrill, klar und leidenschaftslos herüber zu dem Tore des Tempels. Menschen waren gekommen und gegangen, das Leben war an den Flanken des Berges heraufgeflutet und wieder geebbt, die alten Götter aber waren zurückgeblieben und streckten ihre Zepter über die in friedlicher Einsamkeit und Schönheit liegenden Felsen und den blühenden Dorn.

Tempeltor, Bākirha.

Ein Loblied stieg hier, an der Schwelle des Heiligtums, aus meinem Herzen empor, ehe ich dankerfüllten, freudigen Sinnes den Rückweg antrat.

Nadjīb bewillkommnete mich mit Ausrufen der Erleichterung.

»Bei Gott,« sagte er, »nicht eine einzige Zigarette habe ich geraucht, seit ich Ew. Exzellenz aus den Augen verloren. Die ganze Stunde mußte ich unaufhörlich beten: Gefalle es Gott, daß sie auf keinen Räuber in den Felsen stößt!«

Um das Versäumte nachzuholen, brannte er die Zigarette an, die er trotz seiner Angst während meiner Abwesenheit gerollt hatte, und wenn ich auch nicht zu behaupten wage, daß es wirklich die einzige war, so muß man seinem Gefühl doch Anerkennung zollen. Ich glaubte damals (der nächste Tag belehrte mich freilich eines besseren), daß wir auf dem holperigsten Pfade der Welt in die Ebene von Sermeda hinabritten. Am Fuße des Berges angelangt, wandten wir uns südwärts einem Tale zu, das, ein schmaler Streifen angebauten Bodens, sich zwischen steinigen Höhen dahinwand. Weiterhin verbreiterte es sich, und wir kamen durch ein großes, neues Dorf, in dem uns die willkommne Nachricht zuteil ward, daß unsre Karawane uns bereits voraus war. ¼7 Uhr ritten wir todmüde in Mehes oder Dehes, welches von beiden es auch gewesen ist, ein. Es möchte eine harte Probe für unsre Tiere gewesen sein, hätten sie noch eine Meile weiter aushalten sollen. Mehes war ein prächtiger Lagerplatz. Es kam nicht oft vor, daß wir unsre Zelte so weit von jeder menschlichen Wohnung entfernt aufschlagen konnten. Die Maultiertreiber trauerten dem sauren Quark und anderm Luxus der Kultur nach, und auch ich vermißte den Quark, aber der Reiz eines einsamen Lagers vermochte mich über vieles zu trösten. Die Nacht war still und klar; wir verbrachten sie in dem verfallnen Schiff einer Kirche und schliefen nach unserm langen Ritt den Schlaf der Gerechten.

Noch eine Ruine gedachte ich zu besuchen, ehe ich das Gebirge verließ, und zwar die Kirche von Kalb Lōzeh, die der Beschreibung nach das schönste Gebäude von ganz Nordsyrien sein mußte und in Wirklichkeit auch war. Die Lasttiere schickte ich unten herum durch die Täler und gab Fāris strenge, leider nutzlose Anweisung, unterwegs nicht zu säumen. Ich selbst machte mich mit Michaïl und Nadjīb auf, zwei Gebirgszüge, den Djebel Bārischa und den Djebel el 'Ala zu überschreiten. Es ist am besten, Felsen zu Fuße zu überklettern, wer aber die ganze gymnastische Leistungsfähigkeit eines Pferdes kennen lernen will, der muß über den Djebel el 'Ala nach Kalb Lōzeh reiten. Ich glaubte über diesen Punkt ganz genau Bescheid zu wissen, muß aber gestehen, daß dieser Streifzug meine Kenntnis um ein ganz Erhebliches erweitert hat. Nachdem wir einen unerträglich steinigen Berg westlich von Mehes gerade hinaufgeklommen waren, erreichten wir den Kamm des Djebel Bārischa.

Der Boden war hier vielfach mit Felsblöcken bedeckt, aber zwischen denselben erblickten wir kleine Olivenhaine, Weingärten und winzige Kornfelder verstreut. Jeder Vorsprung, jede Vertiefung war ein Garten voll wilder Blumen: große blaue Iris entfalteten ihre schlanken Knospen im süßduftenden Lorbeerdickicht, und die Luft war mit dem Wohlgeruch des purpurfarbenen Seidelbast erfüllt. Und in diesem Paradies wohnte ein sauertöpfischer Bauer, der unliebenswürdigste und schweigsamste Mensch, den man sich denken kann. Nach viel erfolglosem Verhandeln (er verlangte ungeheuerliche Preise für alle Dienste, und da wir in seiner Hand waren, mußten wir auch schließlich nachgeben) willigte er ein, uns nach Kalb Lōzeh zu bringen, und führte uns auf einem steilen, in den Felsen gehauenen Pfad den Djebel Bārischa hinab. Er fiel so gerade ab und war so schmal, daß wir uns nur mit größter Mühe an einigen Frauen vorbeidrücken konnten, die mit Bündeln von Reisig — Reisig! es war blühender Lorbeer und Seidelbast — vom unteren Abhang heraufgestiegen waren. Am Fuße dieses halsbrecherischen Abstiegs lag ein tiefes Tal, an dessen einem Ende ein See erglänzte, und vor uns erhob sich der Djebel el 'Ala, meinem Ermessen nach nicht mehr als eine Steinmauer, die kein Roß zu erklimmen vermochte. Unser einsilbiger Führer — glücklicherweise habe ich seinen Namen vergessen — gab uns zu verstehen, daß unser Weg dahinauf lag, und da Nadjīb beizustimmen schien, folgte ich sinkenden Mutes. Es war unbeschreiblich. Wir sprangen und stolperten über die Steinblöcke, und unsre Tiere sprangen und stolperten hinter uns drein; sie taumelten am Rande kleiner Abgründe dahin, in denen ihnen beim Hinabstürzen jeder Knochen zerschmettert worden wäre. Aber die Vorsehung wachte über uns, und unversehrt gelangten wir hinauf, wo sich unseren Blicken eine ebenso liebliche Landschaft zeigte, wie sie drüben auf dem Djebel Bārischa hinter uns lag. Am Rande eines Olivenhaines machte unser Führer kehrt, und wir erreichten nach wenig Augenblicken Kalb Lōzeh.

Kalb Lōzeh.

Ob die große Kirche je von einer umfangreicheren Niederlassung umgeben gewesen ist, weiß ich nicht; jetzt finden sich nur noch wenige Häuserruinen vor, die Kirche steht fast ganz isoliert. Kaum ein anderes Denkmal syrischer Kunst kommt ihr gleich. Schon beim ersten Blick wird das Auge des Beschauers gefesselt von dem turmtragenden Narthex, den weiten Ausbuchtungen des Schiffes, der mit Säulen geschmückten Apsis, der unvergleichlichen Schönheit des architektonischen Bildwerkes und den tadellosen Größenverhältnissen; schaust du aber näher hin, so wirst du innewerden, daß du hier nicht nur die höchste, letzte Vervollkommnung der syrischen Kunst, wie sie allein durch Jahrhunderte währendes Streben erreicht werden konnte, vor dir hast, sondern daß dieses Bauwerk den Anfang eines neuen Kapitels in der Architektur der ganzen Welt bezeichnet. Der romanische Stil in seiner edlen Einfachheit ist ein Kind Nordsyriens. Es ist ein dankbares Feld für die Phantasie, zu überdenken, wie sich das Genie dieser Architekten weiter entfaltet haben würde, wäre es nicht durch die arabische Besitzergreifung gehemmt worden. Sicher ist, daß sie eine große Künstlerschule gebildet hätten, die sich vielleicht stark an die klassischen Muster und sicher mehr noch an den Orient anlehnte, die aber allerorten unverkennbar ihre ebenso kühne wie edle und schöpferisch tätige Eigenart bekundete. Ein kleiner Trost liegt in dem Gedanken, daß die Schöpferkraft, die sich in Kalb Lōzeh offenbart, nie Zeit gehabt hat, in Verfall zu geraten.

Apsis, Kalb Lōzeh.

Wie ich früher gehört oder gelesen, befanden sich in den Bergen bei Kalb Lōzeh einige drusische Niederlassungen, die von Auswanderern aus dem Libanon bewohnt wurden, da ich aber noch keine gesehen, hatte ich ihr Dasein fast ganz vergessen. Nun standen in der Nähe der Kirche ungefähr ein halbes Dutzend Hütten, deren Bewohner herauskamen und mir beim Photographieren zusahen. Und siehe da, es traf mich ein wohlbekannter Blick aus kohlschwarzen Augen, es fielen mir gewisse Eigentümlichkeiten im Benehmen auf, die zwar schwer zu beschreiben sind, die aber in ihrer Gesamtheit bei mir den Eindruck freundschaftlicher Vertrautheit, mit Wohlwollen gepaart, hervorriefen. Als sich die Frauen der kleinen Gruppe zugesellten, hafteten meine Augen auf den silbernen Ketten und Schnallen, die sie trugen, und die ich, wie ich mich dunkel erinnerte, schon früher gesehen hatte. Beim Abschied trat ein ältlicher Mann vor und erbot sich, uns eine Stunde weit zu begleiten, da der Weg nach Hārim schwer zu finden sei, wie er sagte. Noch waren wir keine hundert Schritte zusammen gegangen, als mir die Bedeutung meines unbewußten Wiedererkennens klar wurde.

»Mascha'llah!« sagte ich, »ihr seid Drusen.«

Ängstlich blickte sich der Mann nach Nadjīb und Michaïl um, die uns auf dem Fuße folgten, dann nickte er mit dem Kopfe und schritt ohne zu sprechen vorwärts.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten,« tröstete ich, »der Soldat und mein Diener sind verschwiegene Männer.«

Da nahm er sich ein Herz und sprach:

»Etliche von uns wohnen hier in den Bergen, aber wir fürchten die Mohammedaner und verheimlichen vor ihnen, daß wir Drusen sind, damit sie uns nicht verjagen. Es sind nicht über 200 drusische Häuser, alles in allem.«

»Ich hatte mich schon auf euch gefreut,« entgegnete ich, »denn ich kenne die Scheichs im Haurān; sie haben mir viel Freundlichkeit erwiesen. Deshalb will ich alle Drusen begrüßen, wo ich sie auch finde.«

»Allah,« sagte er, »kennst du den Turschan?«

»Bei Gott!« erwiderte ich.

»Schibly und seinen Bruder Jahya?«

»Jahya kenne ich, aber Schibly ist tot.«

»Tot!« rief er aus, »Allgütiger — Schibly tot?«

Und so entlockte er mir alle Neuigkeiten aus dem Gebirge und lauschte mit atemloser Aufmerksamkeit den mancherlei Geschichten, für die ich, so weit von Salchad entfernt, kein williges Ohr zu finden erwartet. Plötzlich stockte sein Fragen, er verließ den Weg und trat auf einen Weingarten zu, in dem ein junger Mann die Stöcke verschnitt.

»Oh mein Sohn!« rief er, »Schibly el Atrasch ist tot! Borge mir deine Schuhe, daß ich mit der Dame nach Hārim gehen kann, die meinen sind zerrissen!«

Der junge Mann näherte sich und zog währenddes seine roten Lederpantoffeln von den Füßen.

»Wir sind Gottes!« sagte er. »Ich habe Schibly zuletzt vor einem Jahr gesehen.« Und die Kunde mußte ihm in ihren Einzelheiten wiederholt werden.

Während wir über die steinigen Berggipfel dahinzogen, und unsre Füße das Seidelbastgestrüpp streiften, das in üppiger Fülle die Hänge überwucherte, plauderten wir, als wären wir alte, lange getrennt gewesene Freunde. Als wir den Rand des Djebel el 'Ala erreichten, sahen wir Hārim unter uns liegen, und ich bestand darauf, daß mein Begleiter sich die Mühe weiteren Mitgehens erspare. Mit großem Widerstreben nur gab er nach und goß fünf Minuten lang all seine Segenswünsche über mich aus, ehe er Abschied nahm. Schließlich kehrte er nochmals um, um sich zu versichern, ob wir ihn auch bezüglich des Weges richtig verstanden hätten.

Hārim.

»Und wenn Sie das nächste Mal in den Djebel el 'Ala kommen,« sagte er, »müssen Sie Ihr Lager in Kalb Lōzeh aufschlagen und wenigstens einen Monat bleiben. Dann geben wir Ihnen alles, was Sie brauchen, und zeigen Ihnen alle Ruinen. Und nun gefalle es Gott, daß Sie in Frieden und Sicherheit ziehen und nächstes Jahr in Frieden und Gesundheit wiederkehren.«

»Gott schenke euch langes Leben,« sprach ich, »und gebe euch Frieden.«

So trennten wir uns, und in meinem Herzen fühlte ich wieder jene warme Zuneigung zu diesem Volk, die immer wieder aufs neue entfacht wird. Sie mögen grausam im Kriege sein — hier spricht überwältigendes Zeugnis gegen sie — manche erklären sie für treulos, andre haben sie habgierig gefunden; aber wenn ich einem Drusen begegne, so begrüße ich ihn als Freund und werde das so lange tun, bis ich den Beweis habe, daß mein Vertrauen übel angebracht ist.

Die Burg Hārim steht auf einem Bergkegel an der Mündung einer der wenigen Schluchten, die Zugang zum Djebel el 'Ala gewähren. Jenseits liegt die große Orontesebene, die in alten Zeiten die Kornkammer der Stadt Antiochien war. Da die letzten Regengüsse den sumpfigen See, von den Syrern El Barah genannt, in seiner ganzen Ausdehnung angefüllt hatten, stand der nördliche Teil der Ebene fast ganz unter Wasser. Wir wandten uns von Hārim südwärts und ritten am Fuße des Djebel el 'Ala entlang nach Salkīn. Dieser Ritt wird mir der außerordentlichen Schönheit der Landschaft wegen unvergeßlich bleiben. Nirgends weiter in Syrien habe ich solch üppige Fruchtbarkeit gefunden. Oliven- und Mandelhaine teilten sich mit Hafer und Gerste in die Fettigkeit des Bodens, undurchdringliches Gestrüpp von Ginster, Seidelbast und Brombeeren säumte den Weg, und jede sonnige Stelle war mit der blauen Iris stylosa übersät. Salkīn selbst lag in einem bewaldeten Tal inmitten eines wahren Olivenhaines, der sich mehrere Meilen weit, fast bis an den Orontes hin, erstreckte. Ehe wir die Stadt erreichten, stiegen wir auf einem freien Platz zwischen Olivengärten ab. Es war 5 Uhr, aber Fāris war noch nicht da; wir machten es uns deshalb unter den Bäumen gemütlich und warteten auf ihn. Unsre Ankunft verursachte einige Aufregung unter den Leuten, die, im Grase sitzend, den ruhigen Abend genossen; es dauerte nicht lange, so kam einer, augenscheinlich eine vornehme Persönlichkeit, in Begleitung eines Dieners auf mich zu und forderte mich auf, in seine Wohnung zu kommen und auszuruhen. Obgleich erst von mittleren Jahren, war er ein stattlicher Mann und hatte angenehme Züge. Ich nahm seine Einladung an, da ich neugierig war zu sehen, was Salkīn zu bieten hatte. Besonders in fremden Ländern muß man jede Gelegenheit ergreifen, seine Kenntnisse zu erweitern.

Ich merkte bald, daß ich in die Hände des reichsten Bewohners der Stadt gefallen war. Mohammed 'Ali Agha ist der Sohn Rustum Aghas, eines Zirkassiers von Geburt, der Diener in der großen zirkassischen Familie Kakhya Zādeh von Hamadān war — so lautet ihr arabischer Name, während die Perser sie Kat Khuda Zādeh nennen. Die Familie wanderte vor 200 Jahren nach Aleppo aus; durch die bei den Zirkassiern üblichen Unternehmungen wurde sie außerordentlich reich und ist nun eine der mächtigsten Familien in Aleppo. Ihre Diener teilten ihren Erfolg, und Rustum Agha legte als sorglicher Mann so viel Geld zurück, daß er sich in Salkīn, im Orontestale, nahe bei seines Herrn großem Grundbesitz, ein Stück Land kaufen konnte. Dazu begünstigte ihn das Glück so sehr, daß sein Sohn die Hand einer Tochter aus dem Hause der Kakhya erhielt. Ich erfuhr diese Einzelheiten nicht alle sofort und wunderte mich bei meinem Besuch in Mohammed 'Alis Harem über die Ehrerbietung, die er seiner Frau entgegenbrachte. Ich konnte mir nicht denken, warum die kleine Dame mit den scharfen Zügen und den hellen Augen, die ihm doch keinen Sohn geschenkt hatte, von ihrem Mann mit solcher Hochachtung angeredet wurde, denn ich wußte noch nicht, daß sie die Schwester Reschīd Agha Kakhya Zādehs war. Mohammeds einziges Kind, ein Mädchen von sechs Jahren, schien, obwohl sie einem so unnützen Geschlecht angehörte, doch des Vaters Augapfel zu sein. Während ich die vortrefflichen Oliven und die Kirschenmarmelade aß, die seine Mägde mir vorgesetzt hatten, sprach er weitläufig über des Kindes Erziehung und seine weitere Zukunft. Die Hausfrau ließ sich herab, den Kaffee mit ihren eignen Händen zu bereiten und den abgenutzten Filzhut zu bewundern, der, mit einem purpur- und silberfarbenen Tuch ausgeputzt, neben mir auf dem Diwan lag.

Salkīn.

»Oh, der schöne europäische Hut,« sprach sie, »warum legen Sie eine Verhüllung darüber, wo er doch so hübsch ist?«

Damit streifte sie das seidene Tuch und die Kamelshaarschnur ab, drückte ihn in seiner ganzen kahlen Schäbigkeit auf die schwarzen Locken ihrer Tochter und erklärte ihn für den schönsten Kopfputz der Welt.

Um 6 Uhr bekam ich die Nachricht von der Ankunft meiner Packtiere, aber ehe ich zu meinen Zelten zurückkehren durfte, mußte ich erst noch Rustum Agha besuchen. Er lag in wattierte Seidendecken gebettet in einem oberen Zimmer, das auf den rauschenden Strom und die beiden großen Zypressen hinausblickte, die so viel dazu beitragen, der Stadt ein malerisches Ansehen zu verleihen. Riesigen schwarzen Schildwachen gleich, stehen diese Bäume vor dem Tor des Hauses, das das erste und größte der krummen Straße ist. Rustum Agha war sehr alt und leidend. Wie das Antlitz eines Toten hob sich sein Gesicht von der blaßgelben Seide ab. Mein Besuch erfreute ihn augenscheinlich, aber sobald er die Lippen zu einem Wort der Begrüßung öffnete, wurde er von einem so unerträglichen Husten befallen, als ob er sich die Seele heraushusten solle. Sobald er sich einigermaßen erholt hatte, verlangte er die letzten Berichte über Rußland und Japan zu hören, und ich wunderte mich, daß er, mit dem Tode so nahe vor Augen, nicht lieber zu wissen begehrte, ob wir wohl den säumigen Schnitter mit seiner Sense durch die Zypressen auf das Tor zuschreiten sähen.

Als ich mich dann in meinem Zelt zum Abendessen niederließ, traten zwei Diener Mohammed 'Alis mit einem großen Krug Oliven ein, die in den Gärten von Salkīn gewachsen und in ihrem eignen Öl eingelegt waren. Die Diener fragten auch an, ob ihr Herr kommen und eine Stunde mit mir verbringen dürfte. Ich ließ um die Ehre bitten. Später erschien er mit einigen Begleitern, die ihm seine Wasserpfeife trugen, und ließ sich zum behaglichen Geplauder nieder, das durch das gemütliche, besänftigende Lied der Wasserpfeife nur um so angeregter wurde. Er erzählte mir, daß Salkīn, eine der vielen seleucischen Städte, von Seleucus I. selbst als eine Art Sommerresidenz für die Bewohnerschaft von Antiochien gegründet worden wäre. Auf der Stelle, wo mein Lager stand und auf dem Kirchhofe daneben, hatte, wie er sagte, jene alte Stadt gestanden, »und sobald wir ein Grab graben, stoßen wir auf behauene, nicht selten mit Inschrift versehene Steine.« Es erscheint nicht unglaubhaft, daß diese fruchtbaren Ausläufer des Gebirges von den Antiochiern als eine günstige Lage für ihre Landhäuser erwählt worden sind, aber ich habe keinen weiteren Beweis für diese Annahme. Mohammed 'Ali erzählte auch, daß sein Schwager Reschīd Agha bei ihm weile, und sprach die Hoffnung aus, daß ich ihn vor meiner Abreise besuchen würde.

Reisende.

Reschīd Agha Kakhya Zādeh ist der größte Magnat des Distriktes, aber auch der größte Schurke. Ich fand ihn am andern Morgen unter den Zypressen am schäumenden Strome sitzen, und man könnte sich kein boshafteres Gesicht in einer lieblicheren Umrahmung und von einer strahlenderen Sonne beschienen vorstellen. Er war ein großer Mann mit hochfahrendem Wesen; hinter seiner niederen Stirne lauerte eine ganze Welt böser Gedanken, seine Augen schielten fürchterlich, über seine dicken Lippen sprudelten die eitlen Ruhmredereien und die scharfen Befehle nur so, die der Gipfelpunkt seiner Unterhaltung waren. Er trug ein hellseidenes Gewand und rauchte eine Wasserpfeife, deren Mundstück mit Edelsteinen besetzt war. Den neben ihm liegenden Strauß Frühlingsblumen hob er hin und wieder an das Gesicht und roch während des Redens daran; schließlich bot er mir die schönsten Blüten daraus. Es ist einer der Vorteile, die der unabhängige Reisende genießt, daß er selbst die Gesellschaft von Schurken nicht zu meiden braucht: als ich deshalb erfuhr, daß mein Freund Mohammed 'Ali seinen Schwager Reschīd Agha nach dessen Heim in Alāni begleiten wollte, und daß dieser Ort an meinem Wege lag, stimmte ich dem Vorschlag, die Reise in ihrer Begleitung zu machen, bei. Die Reittiere wurden gebracht, wir stiegen unter den Zypressen auf und trabten unter Olivenhainen dem Orontestale zu. Reschīd Agha ritt eine prächtige arabische Stute; ihr schwarzes Fell glänzte dank sorgfältigster Pflege, sie war leicht aufgeschirrt, ihr Zaum bestand aus silberner Kette, den Sattel schmückten silberne Zieraten, jede ihrer Bewegungen war eine Augenweide. Verschiedentlich forderte ihr Herr den an seiner Seite dahintrabenden Mohammed 'Ali zur Bewunderung des schönen Tieres heraus, und wenn derselbe die erwarteten Lobsprüche gespendet hatte, wurden seine Worte von einem alten fetten Mann, der uns auf einem dürren Pony begleitete, aufgegriffen und verstärkt wiederholt. Der Alte war Kakhya Zādehs ordinierter Spaßmacher und Schmeichler, und überdies, wenn sein Gesicht nicht trog, auch Gefährte seiner Laster und Hehler seiner Verbrechen — in solch seltsamer Gesellschaft befand ich mich an jenem Aprilmorgen. Hadji Nadjīb trottete ganz zufrieden hinter uns drein, Michaïl aber, mit seinem stark ausgeprägten Sinn für alles Geziemende, konnte seine Mißbilligung kaum verbergen und antwortete nur einsilbig, sobald ihn der Spaßmacher oder Reschīd Agha selbst anredeten, wenn er sich auch gegen Mohammed 'Ali, der ihm (und mit Recht) aus anderem Stoffe gemacht schien, ganz zugängig zeigte. Ungefähr eine Stunde lang ritten wir über weichen, sprießenden Boden dahin, während uns Reschīd auf die Schönheiten seines Besitztums aufmerksam machte.

»Alle diese Olivengärten gehören mir,« sprach er, »und bei Gott und seinem Propheten, es gibt im ganzen Lande keine solche Oliven. Jedes Jahr komme ich von Aleppo, um der Olivenernte mit meinen eignen Augen zuzusehen, damit die Schurken, die für mich arbeiten, mich nicht betrügen. Gottes Fluch über sie! Deshalb habe ich mir auch ein Haus in Alāni gebaut. Der Mensch muß es sich behaglich machen und anständig wohnen. Aber Sie werden es ja sehen, denn Sie müssen bei mir speisen; mein Tisch ist für alle Gäste gedeckt. Und um das Haus habe ich Maulbeerplantagen angelegt, tausend Schößlinge sind in den letzten fünf Jahren gepflanzt worden. Ich will Seidenzucht einführen, in großem Stile, so Gott will. Oh Jusef! zeige ihr die Schachteln mit Eiern, die aus dem Lande Frankreich gekommen sind.«

Der Spaßmacher zog aus seiner Brusttasche einen kleinen Pappkasten mit dem Stempel einer französischen Firma; aber noch ehe ich dem Fleiße des Agha meine Achtung zollen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich durch zwei Bauern abgelenkt, die die Olivenbäume nicht zu seiner Zufriedenheit verputzten. Er sprengte hinüber, und eine Flut von Flüchen und Verwünschungen ergoß sich über die unglücklichen Männer. Danach kehrte er zurück und sang sein eignes Lob weiter.

Sein Haus war groß und neu und durchweg mit Plüsch und goldgerahmten Spiegeln ausgestattet. Der Agha war nicht eher befriedigt, bis ich alles gesehen und jeden Winkel bewundert hatte. Der Spaßmacher lenkte mein Lob und meine Beglückwünschungen in die rechte Bahn; von ihm erfuhr ich auch, daß der Agha besondere Würdigung der eisernen Öfen erwartete, die in allen Räumen standen — ohne Zweifel erhöhten sie die Behaglichkeit sehr, weniger aber den Eindruck des Malerischen. Nach der Besichtigung ließen wir uns auf einen Diwan nieder, um das Erscheinen des Frühstücks zu erwarten. Der Hausherr benutzte die Zeit, um mir mit übertriebenem Unwillen von seinen Kämpfen gegen die verderbte tyrannische Regierung zu erzählen, unter der er lebte. Freilich vergaß er zu erwähnen, daß er jede Unbill, die ihm von seinen Vorgesetzten zuteil ward, mit Zinsen an seine Untergebenen weitergab.

»Bei Gott!« sprudelte er hervor, »wie ich in meinen Olivenplantagen arbeite, wie ich Maulbeerbäume anpflanze und Seidenwürmer von fernher kommen lasse, um einen neuen Erwerbszweig einzuführen! Aber ist der Vāli dankbar? Beim Propheten, nein! Er schickt seine Leute, und die sagen: »Halt' ein, wir müssen erst sehen, wieviel höher wir dich besteuern können!« Und als ich unten am Fluß eine Mühle zum Mahlen meines Kornes erbauen wollte, sprachen sie wieder: »Halt' ein, das ist nicht erlaubt!« Dann ließen sie mich mitten in der Ernte holen. Hastig ritt ich nach Aleppo und mußte dort Tag um Tag, Woche um Woche warten, denn sie verboten mir, die Stadt zu verlassen. Aber bei Gott!« schrie der Agha und schlug mit der Faust auf den kleinen eingelegten Tisch, »ich habe sie überlistet. Ich ging zum Kadi und sprach: ‚Wer hat den Befehl gegeben?’ ‚Der Vāli,’ antwortete er. Danach fragte ich den Vāli: ‚Wer hat den Befehl gegeben?’ ‚Ich weiß nicht,’ gab er zur Antwort, ‚vielleicht der Kādi.’ Nun verlangte ich es von beiden schriftlich, aber das wagten sie nicht zu tun und ließen mich gehen.«

Mitten in dieser Unterhaltung wurden drei Besucher angekündigt. Bescheiden ließen sie sich auf dem gegenüberstehenden Diwan nieder und ergingen sich in Begrüßungen und Lobsprüchen. Der Agha empfing sie wie der Kaiser seine Untertanen, und einer ergriff die Gelegenheit, um mir bedeutungsvoll und jedem verständlich zuzuflüstern:

»Sie wissen nun, was für ein Mann der Agha ist! Kommt er Ihnen nicht vor, wie ein König in seinem Lande?« worauf der Agha sich voll noch königlicherer Gnade zeigte.

Endlich ließen wir uns vor einem Tisch nieder, der mit allen Arten syrischer Delikatessen beladen war, und wenig fremde Küchen können sich mit der guten syrischen Kochkunst messen. Der Agha sprach und aß mit gleichem Eifer, indem er seinen Gästen eine Schüssel nach der anderen aufnötigte. Als das Fest in vollem Gange war, trat ein Diener mit der Meldung ein, daß ein gewisser Bauer den Herrn zu sprechen wünschte.

»Er soll kommen!« sprach der Agha gleichmütig. Darauf erschien die zerlumpte Gestalt eines Landmannes in der Tür und starrte mit halb trotzigem, halb erschrecktem Blick auf die Gesellschaft und die Fülle auserlesener Gerichte.

»Friede sei mit dir, oh Agha!« begann er.

Kaum aber hatte dieser den Bittsteller erblickt, als er in leidenschaftlichster Wut aufsprang. Sein Gesicht wurde purpurrot, die Augen traten aus ihren Höhlen hervor, und mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend, schrie er:

Antiochien.

»Hinaus mit dir! Gottes Fluch über dich und deine Kinder! Möge er deines Vaters Haus zerstören! Hinaus mit dir, sage ich, und schaffe das Geld, oder ich werde dich mit deiner Frau und deiner ganzen Familie ins Gefängnis werfen und zu Tode hungern lassen.«

»Oh Agha,« sprach der Mann und setzte der Wut des anderen eine gewisse Würde entgegen, »nur ein wenig Zeit! Gewähre mir ein wenig Zeit!«

»Nicht einen Tag! nicht eine Stunde!« tobte der Agha. »Fort! Fort! und noch heute bringst du mir das Geld!«

Ohne ein weiteres Wort verschwand der Bauer durch die Tür, der Agha aber ließ sich wieder zu seiner unterbrochenen Unterhaltung und seinem unterbrochenen Mahle nieder. Die anderen Gäste aßen weiter, als wäre nichts geschehen, ich aber schämte mich einigermaßen meines Platzes an Reschīds Rechter und war nicht böse, als ich ihm Lebewohl sagen konnte.

Der Agha schickte uns an den Orontes hinab und ließ uns in seinem eignen Fährboot über den Strom setzen. Als wir das andere Ufer erreichten, zog Michaïl ostentativ eine Brotkruste aus der Tasche und begann sie zu essen.

»Hast du nicht in Alāni gespeist?« fragte ich.

Antiochien.

»Ich esse nicht mit solchen Leuten, wie er ist,« erwiderte Michaïl steif.

Nadjīb, den kein solches Bedenken davon abgehalten hatte, sich an dem ungewohnten Luxus eines reichen Mahles zu erfreuen, nickte darauf mit dem Kopfe und sprach:

»Der Agha ist ein böser Mann. Gott lohne ihm nach seinen Taten! Er preßt den letzten Heller aus den Armen, nimmt ihnen ihr Land, vertreibt sie von Haus und Hof und gibt sie dem Hungertode preis.«

»Und er tut noch Schlimmeres!« bemerkte Michaïl düster.

»Ja, bei Gott!« bestätigte Nadjīb. »Jeder, der eine schöne Frau oder eine schöne Tochter hat, muß ihn fürchten, denn er ruht nicht, bis sie in seinen Händen ist. Bei Gott und Mohammed, seinem Propheten, er hat manchen Mann getötet, nur um seine Frau in seinen eignen Harem bringen zu können, und niemand wird mehr gehaßt, als er.«

»Vermag das Gesetz nichts wider ihn?« fragte ich.

»Wer sollte etwas wider ihn vermögen?« erwiderte Nadjīb, »er ist reich — möge Gott sein Haus zerstören!«

»Oh Michaïl,« sagte ich, während wir mühsam über die schlammigen Felder zogen, »ich habe euer Land viel bereist und habe viel Menschen gesehen und kennen gelernt, aber selten nur bin ich einem Armen begegnet, den ich mir nicht zum Freunde gewünscht, und ebenso selten einem Reichen, dessen Gesellschaft ich nicht lieber gemieden hätte. Wie kommt das? Verändert der Reichtum selbst das Herz in Syrien? Denn sieh, in meiner Heimat sind zwar längst nicht alle Mächtigen tugendhaft, es sind aber auch nicht lauter Schurken. Würdet denn auch ihr, du und die Drusen von Kalb Lōzeh, und Mūsa, der Kurde, wie Reschīd Agha werden, wenn euch plötzlich Reichtümer zufielen?«

»Oh, meine Dame,« erwiderte Michaïl, »die Herzen sind die gleichen, aber Sie haben in Ihrem Lande eine starke und gerechte Regierung, der jeder Engländer, auch der reiche, gehorchen muß; bei uns dagegen gibt es keine Gerechtigkeit: der Große verschlingt den Kleinen, der Kleine den noch Kleineren, und die Regierung verschlingt sie alle. Wir leiden alle in unsrer Weise und schreien zu Gott um Hilfe, da wir uns nicht selbst helfen können. Aber wenigstens habe ich Reschīd Aghas Brot nicht gegessen,« schloß Michaïl ziemlich anzüglich. Worauf Nadjīb und ich den Kopf hängen ließen.

Es folgten nun fünf Stunden mühseligsten Vorwärtskommens. Es war dies vielleicht für Nadjīb und mich die gerechte Strafe, weil wir an der Tafel des Gottlosen gesessen hatten, aber wie fast immer, so betraf auch dieses Strafgericht den Gerechten mit den Sündern, denn Michaïl hatte dasselbe zu leiden wie wir. Hatten uns am Tage vorher die Felsen und Steine zu schaffen gemacht, so stöhnten wir heute unter dem Gegenteil, dem Schlamm. Nur daß diese Plage tausendmal schlimmer war. Fünf Stunden lang wateten wir über Erdberge hin, auf denen kein einziger Stein zu sehen war. Abhänge, bedeckt mit dickem, zähem Schlamm, wechselten mit tiefen Morästen, in die unsre Pferde bis zum Gurt einsanken. Als wir endlich dieses Sumpfland hinter uns hatten und das Orontestal erreichten, waren Menschen und Tiere völlig erschöpft. Das Hügelland, welches wir eben verlassen, erhob sich nun zu felsigen Bergrücken und Gipfeln, zu unsrer Rechten aber lag das breite, zum Teil von Wasserfluten überschwemmte Tal, und jenseits desselben zog sich eine prächtige Bergkette dahin. Bald erblickten wir auch die byzantinischen Türme und Mauern auf den Bergrücken zur Linken, und zwischen blühenden Lorbeerhecken stolperten unsre Tiere über das lückenhafte Pflaster der alten Römerstraße dahin, die nach Antiochien führte.

Wir mußten uns in den Weg mit einem Nebenfluß des Orontes teilen, der lustig über das Pflaster plätscherte. Nicht ohne eine gewisse Erregung konnte ich auf die Stadt Antiochien blicken, die so viele Jahrhunderte lang Wiege der Kunst und Mittelpunkt einer der glänzendsten Kulturepochen gewesen ist, die die Welt je gekannt. Das moderne Antiochien gleicht dem Harlekin, dessen Kleider viel zu weit für seine mageren Glieder sind: umschließen doch die Festungsmauern, die über Fels und Hügel dahinklettern, ein weites Weichbild, von dem die Stadt allmählich hinweggeschmolzen ist. Aber noch heute bietet sie mit den hohen, zerrissenen, mauergekrönten Bergen im Hintergrund und den sich in dem breiten, fruchtbaren Orontestale ausbreitenden Gruppen roter Ziegeldächer eins der lieblichsten Bilder.

Am Ufer des Orontes.

Erdbeben und Überflutungen des Stromes haben die Paläste der Griechen- und Römerstadt gestürzt und mit Schlamm bedeckt, und doch! als ich bei Sonnenuntergang auf der abfallenden Rasenfläche des nosairischen Kirchhofs stand, am Fuße des Berges Silpius, wo mein Lager aufgeschlagen war, und die wachsende Mondsichel die Trümmer beleuchtete, da erkannte ich, daß Schönheit das unveräußerliche Erbe Antiochiens sei.