Zwölftes Kapitel.
Während meines zweitägigen Aufenthaltes in Aleppo wurde jeder Moment meiner Muße benutzt, um Maultiertreiber auszuwechseln, eine zwar störende, aber durchaus unerläßliche Beschäftigung. In Antiochien hörte die Arabisch sprechende Bevölkerung auf. Habīb und sein Vater konnten kein Wort Türkisch, Michaïl nur einige Namen, wie Ei, Milch und Piaster, und mir, die ich kaum weiter vorgeschritten war, widerstrebte es, mit einem Gefolge in Gegenden einzudringen, wo wir höchstens nach den dringendsten Bedürfnissen oder nach dem nächsten Wege fragen konnten. Man hatte mir viel von den großen Fähigkeiten der nordsyrischen Maultiertreiber erzählt; der Titel Maultiertreiber ist allen Ernstes eine Namensirrung, denn das Lasttier ist in diesen Strichen nur ein armseliger Klepper (kadīsch sagt man auf Arabisch); von Alexandretta bis Konia sahen wir wohl überhaupt kein Maultier, ganz sicher aber keine Karawane. Man hatte mir gesagt, daß ich bis zur Reorganisation meiner Begleitung auf Behaglichkeit, Pünktlichkeit und Ordnung würde verzichten müssen, nie ohne Verdruß und das Gefühl der Verantwortlichkeit sein würde, und daß ich ja, wenn ich wünschte, meine Karawane in Konia auflösen könnte. Für die Männer aus Aleppo würde sich schon eine Ladung zum Heimweg finden. So verabschiedete ich mich von meinen Beirutern — und vom Frieden.
Von nun an ging die Reise unter einem Erpressungssystem vor sich. Der Erpresser war ein zahnloser alter Lump, Fāris mit Namen, der mit seinem Bruder eine beträchtliche Zahl Lasttiere in Aleppo besaß. Dank seiner Zahnlosigkeit war sein Arabisch und Türkisch in gleicher Weise unverständlich. Er versah mich mit vier Lastpferden und ritt selbst auf einem fünften zu seiner eignen Bequemlichkeit und auf eigne Kosten, machte aber doch den vergeblichen Versuch, mich dafür zahlen zu lassen, als wir Konia erreichten. So mietete er auch um einen Hungerlohn zwei Burschen zur sämtlichen Arbeit im Lager und auf dem Marsche, und ließ sie fast verhungern. Die Ärmsten gingen barfuß (die vermögenden Leute aus dem Libanon hatten sich mit Eseln versehen), denn obgleich Fāris sich verbindlich gemacht hatte, ihnen Schuhe zu liefern, weigerte er sich, bis ich endlich mit der Drohung einschritt, ihm das Geld für die Schuhe an seinem Lohne abzuziehen und sie selbst zu kaufen. Ich mußte mich sogar um den Proviant bekümmern und darauf achten, daß die Burschen genug zu essen bekamen, um arbeitsfähig zu bleiben, aber trotz aller Mühe liefen die gemieteten Leute auf jeder Station davon, und mir lag die Sorge ob, andre ausfindig zu machen und, was noch schlimmer war, das neue Paar in seine Pflichten einzuweihen — wo die Zeltpflöcke zu befestigen waren, wie die Lasten verteilt werden mußten, und noch hundert kleine, aber immerhin wichtige Dinge mehr. Dann galt es, Fāris anzuspornen, der sich mit stets wachsenden Entschuldigungen von seiner Arbeit zu drücken suchte, und hätte ich nicht früh und spät das Füttern der Pferde überwacht, sie wären sicher mit ebenso knapper Not dem Hungertode entgangen, wie die gemieteten Burschen. Als wir endlich in Konia angelangt waren, mußte ich erfahren, daß Fāris die letzten seiner Sklaven auf die Straße gesetzt und sich ganz entschieden geweigert hatte, sie bis in ihre Heimat Adana mitzunehmen, weil er — so hatte er sich hinter meinem Rücken geäußert — »billigere Leute bekommen könnte«. Da es mir widerstrebte, zwei Leute, die bei aller Dummheit ihr Bestes getan hatten, um mir zu dienen, im Stich zu lassen, mußte ich sie unterstützen, damit sie ihr Heim wieder erreichten. Kurz und gut: ich möchte behaupten, daß niemand, der die Maultiertreiber Aleppos und ihr abscheuliches System empfiehlt, je eine wohlorganisierte und gut geleitete Karawane besessen haben kann, wo die Arbeit mit der Regelmäßigkeit des Big Ben getan wird, und die Männer heitere Mienen und willige Hände zeigen. Sie können auch keine Erfahrung in wirklich geschäftsmäßigem Reisen haben, denn das läßt sich nur mit Dienern ermöglichen, die Mut in Gefahren und Unternehmungslust offenbaren, und die sich zu helfen wissen. Ich gebe zu, daß ich nur geringe Erfahrung besitze und — im Vertrauen sei es gesagt — sie wird auch nicht zunehmen, denn eher würde ich Maultiertreiber aus Bagdad mitbringen, als Fāris und seinesgleichen ein zweites Mal mieten.
Gerade als die Schwierigkeiten der Reise sich mehrten, versagten Michaïls Tugenden. Die zwei Tage, wo er auf die Gesundheit seiner davonziehenden Kameraden trank, mit denen er — wie sich's den Gliedern einer guten Karawane geziemt — sich vortrefflich gestanden, genügten, um den Segen seiner zweimonatigen Nüchternheit wieder zu vernichten. Von den Tagen an bauchte die Arrakflasche seine Satteltaschen aus, und wenn auch auf Arrakflaschen in Satteltaschen gefahndet und sie am Gestein zerschmettert werden können, so vermochte doch keinerlei Wachsamkeit, Michaïl den Weinläden fernzuhalten, sobald wir in eine Stadt kamen. Das Mißgeschick gibt uns manche Lehre, mit gemischten Gefühlen blicke ich auf die vier ungemütlichen Wochen zurück, die zwischen unsrer Abreise von Aleppo und der Zeit lagen, wo die Vorsehung mir einen anderen und besseren Mann bescherte, und ich mein Herz verhärtete und Michaïl entließ, aber ich bedaure das Lehrgeld nicht, welches ich zahlen mußte.
Von Hadji Mahmūd, dessen Vertrag in Aleppo zu Ende war, verabschiedete ich mich nur ungern. Der Vāli versah mich mit einem Zaptieh, dem Kurden Hadji Nadjīb, der, obwohl von unvorteilhaftem Äußeren, sich doch als ein gefälliger und auch nützlicher Mann erwies, denn er war mit den Gegenden, die wir durchreisten, und auch mit den Bewohnern wohlbekannt. Unser Aufbruch verzögerte sich: Michaïl war voll Arrak, und die Maultiertreiber ungeschickt im Aufladen. Der Tag (wir hatten den 30. März) war wolkenlos, und zum erstenmal machte sich die Sonne unangenehm fühlbar. Schon als wir um 10 Uhr auszogen, brannte sie glühendheiß, und den ganzen Tag lang winkte auf dem ganzen öden Weg keine Spur von Schatten. Nachdem wir etwa eine Meile auf der Straße von Alexandretta geritten und an einem von etlichen Bäumen umstandenen Kaffeehaus vorübergekommen waren, schlugen wir zur Linken einen Pfad ein, der in kahles, felsiges Hügelland führte und selbst bald ebenso felsig wurde. Wir hielten uns östlich mit einer Neigung nach Norden zu. ½12 hielten wir inne, um zu frühstücken, und warteten eine volle Stunde auf unser Gepäck, was mir Zeit gab, Vergleiche zwischen der Marschschnelligkeit meiner alten und der neuen Dienerschaft anzustellen und der Sonnenglut innezuwerden, die während des Reitens weniger fühlbar gewesen. Als wir nach einem weiteren halbstündigen Ritt auf eine Hütte, Jakit 'Ades, stießen, schlug Nadjīb vor, da zu lagern, aber ich fand es noch zu früh, und nachdem wir Fāris genaue Weisungen über den Pfad, den er verfolgen, und den Ort, wo wir lagern würden, erteilt hatten, machte ich mich mit dem Zaptieh auf den Weg, und gemächlich weitertrabend, waren wir bald außer Sehweite der übrigen.
Auf der Sohle eines kahlen, gewundenen Tales dahinziehend, kamen wir an mehreren Stellen vorbei, die zwar auf der Karte eingezeichnet, in Wirklichkeit aber nichts als winzig kleine Trümmerhaufen waren. Gegen 4 Uhr erstiegen wir den Nordabhang des Tales und erreichten einen Weiler, der Kiepert unbekannt war, und den mir Nadjīb als das Dorf Kbeschīn bezeichnete. Hier fanden wir inmitten einiger alter Mauern und vieler moderner Schutthaufen ein kurdisches Lager, eine jener Frühlingsniederlassungen, wie sie nomadische Völkerschaften mit ihren Herden zur Zeit des jungen Grases zu beziehen pflegen. Die Zeltwände, wenn der Name Zelt überhaupt anwendbar ist, bestanden aus rohen Steinen, die flüchtig zu einer Höhe von ca. fünf Fuß übereinandergesetzt waren, die Dächer aber bestanden aus Ziegenhaarstoff und wurden in der Mitte durch Zeltstangen gestützt. Bald drängten sich die kurdischen Hirten um uns und unterhielten sich mit Nadjīb in ihrer eignen Sprache, die mir vertraute Klänge aufwies, denn sie ähnelt der persischen. Sie sprachen auch Arabisch, ein seltsames Kauderwelsch voll türkischer Worte. Wir saßen eine Weile auf den Schutthaufen in Erwartung unsrer Lasttiere, bis mir endlich, trotz Nadjībs beruhigender Worte, klar wurde, daß die Sache einen Haken haben mußte, und wir wahrscheinlich in alle Ewigkeit hier warten konnten. Da kam der Kurdenscheich mit der Nachricht, daß es Essenszeit sei, und lud uns ein, an dem Mahle teilzunehmen. Der Vorschlag fand freudiges Entgegenkommen, denn es ist einer der Vorteile des Lebens im Freien bei schmaler Kost, daß es keinen Augenblick des Tages gibt, der uns nicht voll Eifer findet zu essen.
Kal'at Sim'ān.
Der Kurde erfreut sich in den Reiseberichten keines guten Namens. Er wird als mürrisch und streitsüchtig geschildert, ich für mein Teil aber habe an ihm fast alle die Eigenschaften gefunden, die angenehmen geselligen Verkehr ermöglichen. Wir wurden in das größte der Gebäude geleitet; es war hell und kühl, luftig und sauber, da seine Bauart ihm die Vorteile des Zeltes sowohl als auch des Hauses verlieh. Die Mahlzeit bestand aus Brot, saurem Quark und vorzüglichem Pillaf, in dem zerquetschter Weizen den Reis ersetzte. Wir saßen auf Teppichstücken um eine Matte herum, auf welcher die Gerichte aufgetragen waren. Die Frauen bedienten uns. Ehe wir fertig wurden, war es 6 Uhr, aber keine Karawane ließ sich blicken. Nadjīb war sehr betroffen, unsre Wirte zeigten große Anteilnahme und erklärten sich von Herzen gern bereit, uns über Nacht zu beherbergen. Unserm Zögern wurde durch einen kleinen Knaben ein Ende gemacht, der mit der Kunde hereingestürmt kam, daß bei dem Dorfe Fāfertīn, auf der entgegengesetzten Seite des Tales, eine Karawane gesehen worden war, die auf Kal'at Sim'ān, das nächste Ziel unsrer Reise, zusteuerte. Nun gab es keine Zeit zu verlieren; die Sonne war bereits untergegangen, lebhaft erinnerte ich mich der nächtlichen Wanderung bei El Bārah durch eine Gegend, die der jetzt vor uns liegenden nicht unähnlich war. Vor unserm Aufbruch aber nahm ich Nadjīb beiseite und fragte ihn, ob ich den Leuten wohl Geld für die uns gebotene Mahlzeit geben dürfte. Er versicherte, daß das keinesfalls angängig sei: die Kurden erwarteten keine Bezahlung von ihren Gästen. Ich konnte weiter nichts tun, als die Kinder um mich versammeln und eine Handvoll Metalliks unter sie verteilen, eine sehr wohlfeile Großmut, die auch das empfindlichste Gemüt nicht verletzen konnte. Dann machten wir uns auf den Weg. Nadjīb ritt so schnell auf dem steinigen Pfade voran, daß ich die größte Mühe hatte, Schritt mit ihm zu halten. Ich wußte, daß die große Kirche des St. Simon Stylites auf einem Hügel stand und von unserm Wege aus zu sehen sein mußte; freilich liegt die große Säule des Heiligen, um welche die Kirche erbaut wurde, schon seit Jahrhunderten in Trümmer gesunken. Nachdem wir eine Stunde vorwärts gestolpert waren, zeigte Nadjīb nach dem dämmerigen Gebirge, und ich konnte gerade noch eine undeutliche Masse unterscheiden, die wie eine die Kammlinie unterbrechende Festung aussah. Eine weitere halbe Stunde brachte uns an die Mauern. Es war ½8 Uhr und vollständig dunkel. Als wir durch die ungeheure Kirche ritten, merkten wir zu unsrer Erleichterung am Geläut der Karawanenglocken, daß unsre Zelte angekommen waren — wir hörten auch das Schreien und Fluchen Michaïls, der unter dem Einfluß verschiedener Dosen Arraks wie ein wildes Tier tobte und sich weigerte, den neuen Maultiertreibern Anweisungen bezüglich des Aufstellens meines englischen Zeltes zu geben. Als die einzige nüchterne Person, die da wußte, wie die Pfähle ineinandergepaßt, die Zapfen eingetrieben und die Möbel aufgestellt wurden, mußte ich beim Schimmer zweier Kerzen den größten Teil der Arbeit selbst verrichten und dann die Vorratskörbe nach Brot und Butter für die Maultiertreiber durchsuchen. Wurde doch mein Befehl, die übliche, aus Reis bestehende Abendmahlzeit zu bereiten, von meinem aufsässigen Koch mit höhnischem Geheul und mit Fluchen über alles und jedes beantwortet. Mit einem Betrunkenen ist nicht zu reden, ich hoffe aber, daß der Racheengel der Gefühle nicht Erwähnung getan hat, mit denen ich mich zum Schweigen zwang.
Kal'at Sim'ān.
Als endlich alles fertig war, ging ich hinaus in die milde Frühlingsnacht, durchschritt die stattlichen, so friedlich daliegenden Ruinen, unter deren Mauern wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und befand mich plötzlich in einem kreisrunden, oben offnen Hofe, von dem aus sich die vier Flügel der Kirche nach den vier Himmelsgegenden erstrecken. Der Hof ist von einem unvergleichlich schönen Säulengang umgeben gewesen, von dem noch jetzt viele Bogen erhalten sind, und in der Mitte erhob sich in vergangenen Tagen die Säule, auf welcher St. Simon lebte und starb. Ich kletterte über die Steinhaufen bis zu dem die Basis bildenden Felsblock; es war ein mächtiger, schiefriger Stein mit einer Vertiefung in der Mitte, in der sich, wie in einer kleinen Schüssel, klares Regenwasser gesammelt hatte. Ich wusch mir Hände und Gesicht darin. Die Nacht war mondlos; eine verfallne Pracht, standen die Pfeiler und Bogen im tiefen Schatten da, still wie ein unbewegter See lag die Luft, alle Müdigkeit und aller Ärger fielen von der Seele ab, sie stand dem Himmel und dem Frühling offen. Ich saß und überdachte, welch einen Streich das Schicksal in diesen Stunden dem grimmigen Heiligen gespielt. Für diese eine Nacht hatte es seinen Thron der Bitternis einem Menschenkinde überlassen, dessen rosige Träume einer tiefen inneren Zufriedenheit entstammten, die er wohl als der erste verdammt haben würde. Bei solchem Sinnen nickte mir ein großer Stern zu, der über den in Trümmer stehenden Säulengang heraufgeklettert war, und wir beide kamen überein, daß es besser sei, über Himmel und Erde dahinzuwandern, als bis zum Ende der Tage auf einer Säule zu sitzen.
Kal'at Sim'ān, westliches Tor.
Die Glieder der amerikanischen Vermessungsgesellschaft haben die nördlichen Gebirge bis zur Kal'at Sim'ān aufs genaueste erforscht und in ihren Karten aufgezeichnet, aber weder sie noch andre Reisende haben einen Bericht des Hügellandes veröffentlicht, das sich von dem Heiligtum in nordöstlicher Richtung erstreckt.[11] Ich habe dasselbe bereist und beinahe alle verfallnen Dörfer besucht. Von den Bewohnern wird es beinahe allgemein Djebel Sim'ān genannt, und auch ich werde unter diesem Namen davon sprechen. Das Simongebirge mit dem Djebel Bārischa nach Südwesten und dem Djebel el 'Ala noch weiter nach Westen hin gehören demselben architektonischen System an, wie der Djebel Zawijjeh, durch den wir auf unserm Wege nach Aleppo gekommen waren. Man könnte wohl Unterschiede in dem Stile der nördlichen und dem der südlichen Gruppe herausfinden; dem amerikanischen Architekten Mr. Butler ist es dank seiner gründlichen Kenntnis der beiden Distrikte auch gelungen, für den flüchtigen Beobachter aber scheinen diese Verschiedenheiten hauptsächlich auf natürlichen Ursachen zu beruhen, sowie auf dem Umstand, daß der nördliche Distrikt mehr unter dem Einflusse Antiochiens stand, und diese Stadt war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die Hauptquelle aller künstlerischen Anregung, und zwar nicht für Syrien allein. Die Ansiedlungen im Djebel Sim'ān waren kleiner und die einzelnen Häuser weniger geräumig, wahrscheinlich weil das nördliche Gebirge viel zerklüfteter ist und unmöglich eine so große und reiche Bevölkerung ertragen konnte. Der Djebel Sim'ān scheint früher bebaut worden zu sein und den Gipfel des Wohlstandes etwas später erreicht zu haben, als der Süden des Landes, auch ist er nicht jener Periode des Verfalls unterworfen gewesen, der den Süden im letzten Jahrhundert vor der arabischen Besitzergreifung heimgesucht hat.[12] Die schönen Kirchen des Nordens entstammen dem 6. Jahrhundert und zeigen bezüglich des architektonischen Schmuckes einen fast genialen Luxus, den keine der spätesten südlichen Kirchen erreicht, die, mit Ausnahme der Bizzoskirche in Ruweihā, alle bereits ein Jahrhundert früher erbaut sind. Es ist interessant, daß die letztgenannte Kirche, die doch etwas jünger ist, als Kal'at Sim'ān, gleichwohl viel herber in ihren Einzelheiten ist, und daß im Norden selbst kleine Häuser nicht selten größere Mannigfaltigkeit und Kostbarkeit im Schmuck aufweisen, als im Süden üblich ist.[13] Da der Reisende beim Lesen der Inschriften an Kirchen und Wohngebäuden das Datum immer mehr nach der Antiochischen Zeitrechnung angegeben findet, wird er auf den sehr verzeihlichen Gedanken verfallen, daß es die prachtliebende Hand Antiochiens gewesen ist, die hier die Architrave und Kapitäle, die Simse und Friese geschaffen hat. Die Kirche des St. Simon ist nicht nur aus lokalen Beiträgen errichtet worden, sondern hier hat die ganze Christenheit dem berühmten Heiligen ihren Tribut dargebracht, und wahrscheinlich sind nicht heimische Arbeiter, sondern die Architekten und Steinschneider von Antiochien ihre Erbauer gewesen. Wenn es an dem ist, so muß man auch die anmutige Kirche von Kalb Lōzeh denselben Schöpferhänden zuschreiben, und ein Dutzend kleinere Bauten wie z. B. die Ostkirche in Bākirha verraten deutlich gleichen Einfluß.
[11] Seither habe ich erfahren, daß nach meiner Anwesenheit Mr. Butler und seine Reisegesellschaft ihre Forschungen auf das Land nördlich von Kal'at Sim'ān erstreckt haben, und ich warte mit Spannung auf eine ausführliche Beschreibung dieser Gegend in ihren künftigen Veröffentlichungen.
[12] Vermutlich hat dieser Verfall seine Ursache zum Teil in der ungeheuren Steuerlast, die Justinian während seiner Bemühungen, den Westen seines Landes zurückzuerobern, den Ostprovinzen auferlegte. Wer Diehls großes Werk über Justinian gelesen hat, weiß, wie sehr die soziale und politische Organisation seiner Provinzen unter dem Druck der Kriege in Italien und Nordafrika in Unordnung geriet. Die Ostländer hatten, als die reichsten, am meisten zu leiden.
[13] Es ist dies eine Beobachtung Mr. Butlers, »Architektur und andre Kunst.«
Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.
Ich verbrachte den Morgen damit, die Simonskirche und das am Fuße des Berges gelegene Dorf zu durchforschen. Letzteres weist einige sehr schöne Basiliken und die Ruinen einer großen Pilgerherberge auf. Beim Frühstück erschien ein Kurde auf der Bildfläche, der einen so klugen, vertrauenerweckenden Eindruck machte, daß ich mir ihn sofort für die nächsten Tage zum Führer erkor, denn die Gegend, die ich zu durchziehen beabsichtigte, war steinig, pfadlos und auf der Karte nur ein leerer Fleck. Mūsa war der Name meines neuen Freundes. Als wir am Nachmittag zusammen dahinritten, vertraute er meinem verschwiegenen Ohr, daß er seines Glaubens Jezīdi sei, eine Sekte, die die Mohammedaner Teufelanbeter nennen. Ich halte sie jedoch für ein gutmütiges, harmloses Volk. Sie sind im oberen Teile von Mesopotamien zu Hause, und von dort war Mūsas Familie auch ausgewandert. Wir sprachen von Glaubenslehren — freilich nur vorsichtig, denn unsre Bekanntschaft war noch jung — und Mūsa gestand ein, daß die Jezīdis die Sonne anbeten. »Ein sehr geeignetes Anbetungsobjekt,« entgegnete ich, und in der Absicht, ihm etwas Angenehmes zu sagen, fügte ich hinzu, daß die Ismailiten beides, Sonne und Mond, anbeten, aber siehe da, bei dem bloßen Gedanken an einen derartigen Götzendienst war Mūsa kaum imstande, seinen Abscheu zu verbergen. Das führte mich zu der stillen Betrachtung, ob die Welt wohl viel klüger geworden seit den Tagen, da St. Simon auf seiner Säule saß. Der Schluß, zu dem ich endlich gelangte, war nicht schmeichelhaft.
Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.
In den Dörfern am Fuße des Djebel Scheich Barakāt, des höchsten Gipfels südlich von Kal'at Sim'ān, setzte der Regen unsern Streifereien ein Ziel und trieb uns heim; gegen Abend aber klärte sich der Himmel wieder auf. An dem wunderbar schönen Westtor sitzend, beobachtete ich, wie die Berge allmählich kupferrot erstrahlten, die grauen Mauern der Ruine wie in Gold getaucht erschienen. Der sehr niedergeschlagene und reumütige Michaïl beglückte mich mit einem vortrefflichen Diner, trotzdem würde ich ihn davongejagt haben, wenn St. Simon mir nur zu einem andern Koch hätte verhelfen können. Ja, ich war halb geneigt, mir einen aus Aleppo kommen zu lassen, aber der Zweifel, ob ich durch eine Stellenvermittlung einen guten Diener bekommen würde, und eine gewisse Bequemlichkeit verhinderten mich an der Ausführung des Planes. Vor mir rechtfertigte ich mich mit der Hoffnung, daß Michaïls Reue von Dauer sein würde. Einen Monat lang lebten wir auf einem Vulkan mit gelegentlichen Ausbrüchen, bis wir schließlich in die Luft flogen. Aber genug dieser unerquicklichen Dinge.
Kal'at Sim'ān, Apsis.
Am nächsten Tage ging ich daran, den östlich und nordöstlich der Kirche gelegenen Dörfern des Djebel Sim'ān einen Besuch abzustatten. Ein einstündiger Ritt in rein östlicher Richtung brachte uns nach Burdjkeh, das den unverfälschten Charakter dieser Dörfer des äußersten Nordens trägt. So hat es den fast unvermeidlichen großen, viereckigen Turm. Alles Mauerwerk war massiv; oft waren die Steine nicht einmal zu richtigen Lagen geschichtet, und wenn schon, so zeigten diese Lagen ganz verschiedene Tiefen. Die Kirche hatte eine viereckige, über die Mauern des Schiffes hinausgebaute Apsis. Jedes Fenster krönte ein fortlaufender Fries, der sich in der Höhe der Brüstung von einem Fenster zum anderen hinüberzog und beim letzten in einer Spirale endete. Er machte den Eindruck eines Bandes, das um die Öffnungen geschlungen, und dessen Enden aufgerollt worden waren.
Kal'at Sim'ān, Westtor.
Dieser Fries ist den Bauten des 6. Jahrhunderts in Nordsyrien eigen. Die Wohnhäuser von Burdjkeh waren einfache, viereckige Hütten und aus vieleckigen Steinen erbaut. Mūsa kundschaftete ein neugeöffnetes Grab in der Nähe der Kirche aus. Mit etwas Mühe gelang es mir, hineinzukriechen; ich wurde aber belohnt, denn in einer der Nischen fand ich das Datum 292 der Antiochischen Zeitrechnung eingegraben. Es entspricht unserm Jahr 243 n. Chr. Unter der Jahreszahl befanden sich drei Zeilen arg verwitterter griechischer Schrift. Wir ritten weiter und gelangten eine halbe Stunde später nach Surkanyā, einem verlassenen Dorfe, das ganz reizend am Anfange eines flachen, felsigen Tales liegt, in dem sogar einige Bäume zu finden sind. Die Häuser waren von außergewöhnlich massiver Konstruktion; schwerfällige Steinbalkone bildeten eine Art Vorraum über der Tür. Eins trug ein Datum, das Jahr 406 n. Chr. Die Kirche war der zu Burdschkeh fast ganz gleich. Dreiviertel englische Meilen weiter nördlich lag Fāfertīn; hier begann es zu regnen. Wir suchten Zuflucht in einer Apsis, dem letzten Überrest einer Kirche, die grob gebaut war, aber größer als eine der bisher gesehenen.[14]
[14] Butler berichtet in seinen Aufzeichnungen, daß diese Kirche die Jahreszahl 372 n. Chr. trägt und damit den Vorzug hat, diejenige Kirche Syriens, wenn nicht der ganzen Welt zu sein, die das älteste Datum aufweist.
Grabmal, Kāturā.
Das Dorf war von einigen Familien der Jezīdi-Kurden bewohnt. In strömendem Regen ritten wir eine Stunde nordostwärts nach Chirāb esch Schems, konnten hier aber infolge des Wetters nichts vornehmen. Wir eilten deshalb weiter über Kalōteh nach Burdj el Kās, wo ich meine Zelte auf einer feuchten Wiese errichtet fand. Mūsa zeigte sich sehr betrübt über den heftigen Regen, denn, wie er sagte, war das feuchte Frühjahr seinen Feldern verhängnisvoll, da alle Erde von den hochgelegenen Stellen in die Täler hinabgewaschen wurde. Noch ist das Bloßlegen des Gesteins, das die Fruchtbarkeit Nordsyriens so herabgemindert hat, in vollem Gange. In Burdj el Kās krönte ein viereckiger Turm den Gipfel des Berges, einige alte Häuser waren wieder instandgesetzt und von den Kurden bewohnt. Der Querbalken einer Tür trug die Zahl 406 n. Chr., ein anderer eine sehr schwer zu entziffernde Inschrift. Das Ende dieses Steines wurde durch die Ecke eines wiederaufgebauten Hauses verdeckt, ein Blick dahinter aber ließ mich gerade noch erkennen, daß sich am äußersten Rande eine kleine Verzierung befand. Der Besitzer des Hauses war der Meinung, daß dieselbe eine Madonna darstelle. Das wäre nicht nur eine bemerkenswerte Vermehrung der spärlichen Skulpturen Nordsyriens gewesen, sondern auch ein neuer theologischer Ausblick; ich drückte deshalb mein Bedauern aus, die Ecke nicht genauer sehen zu können. Sofort holte mein Freund eine Spitzhacke und schlug damit ein Stück seines Hauses ab: die Jungfrau Maria erwies sich als ein römischer Adler.
Chirāb esch Schems.
Chirāb esch Schems, Skulpturen im Innern eines Grabes.
In Nadjībs und Mūsas Begleitung suchte ich die Dörfer wieder auf, an denen ich des Regens wegen am Tage vorher vorübergeritten war. In Kalōteh blieb Nadjīb mit den Pferden zurück, während wir zu Fuß nach Chirāb esch Schems weitergingen. War doch der Weg so steinig, daß ich ihn meinen Tieren gern ein zweites Mal ersparen wollte. Chirāb esch Schems enthielt eine schöne Kirche, die vom Westtor bis zum Beginn des Altarplatzes 21 Schritt maß. Nach Norden und Süden hin waren die Umfassungsmauern gestürzt, es standen nur noch die fünf Bogen auf jeder Seite des Schiffes, sowie ein von zehn kleinen, rundbogigen Fenstern durchbrochenes Cleristerium, letzteres den Eindruck einer allerliebsten, freistehenden Loggia machend. Weiter bergaufwärts befand sich eine massive Kapelle ohne Flügel, aber mit herausgebauter Apsis. Mit ihrem halbdomförmigen Dach aus viereckigen Steinplatten ähnelte sie dem im 5. Jahrhundert erbauten Baptisterium zu Dār Kīta.[15] In der Bergwand fanden wir eine Anzahl Felsengräber; zu meiner Befriedigung entdeckte ich in dem einen mehrere merkwürdige Reliefs. Die Nische links der Tür zeigte vier grobgehauene Figuren mit in Gebetsstellung erhobenen Armen, in einer dunklen Ecke der Felswand aber befand sich eine einzelne Gestalt mit Hemd und spitzer Kappe angetan, die in der rechten einen sonderbaren korbähnlichen Gegenstand hielt. Nach Kalōteh zurückgekehrt, besuchten wir eine westlich des Dorfes isoliert auf einer Anhöhe stehende Kirche. In der Nähe des Südtores trug die Mauer eine lange griechische Inschrift. Das Schiff war von den Flügeln durch je vier Säulen getrennt, die, nach den Überresten zu urteilen, teils kanneliert, teils glatt gewesen waren.
[15] Butler, Architektur und andre Kunst, Seite 139.
Kapitäl, obere Kirche zu Kalōteh.
Der Säulengang endete an der Apsis mit eingebauten kannelierten Säulen, die schöne korinthische Kapitäle trugen. Apsis, Prothesis und Diaconicum waren alle mit in die Umfassungsmauern eingeschlossen. Das Westtor zeigte einen erhabenen, überhöhten Bogen über der zerbrochenen Oberschwelle, welch letztere mit einer Zahnschnittleiste verziert war. Südlich der Kirche liegt ein isoliertes Baptisterium, neun Fuß im Geviert groß, dessen Grundmauern noch die erste Lage der Steinwölbung trugen. Die Kirche muß mit Ziegeln bedeckt gewesen sein, denn ich sah noch zahlreiche Bruchstücke im Schiff umherliegen. Eine massive Umfriedigungsmauer umschloß beides, Kirche und Baptisterium. Im Dorfe unten standen noch zwei weitere Kirchen, die westliche 38 zu 68 Fuß, die andre 48 zu 70 Fuß groß. Aus den Friesen um die Tore beider Kirchen kann man schließen, daß sie nicht vor dem 6. Jahrhundert erbaut sein können. Das Dorf wies auch Häuser mit Steinveranden auf.
Barād, Turm im Westen der Stadt.
1½ Stunde westlich von Kalōteh liegt Barād, das größte und interessanteste Dorf des Djebel Sim'ān. Es ist zum Teil wieder bewohnt, und zwar von Kurden. Mein Lager befand sich auf freiem Felde, einem wunderbar schönen Grabmal gegenüber; es stellte einen Baldachin dar, der von vier auf hohem Podium ruhenden Strebepfeilern getragen wurde. In der Nähe lag ein großer Steinsarkophag und eine Anzahl anderer Gräber, die teils in die Felsen gehauen waren. Zwei Kirchen im Innern der Stadt unterzog ich näherer Prüfung. In der einen war das 68 Fuß lange Schiff von den Seitenflügeln durch vier große Säulen abgetrennt, die sechs Fuß im Durchmesser hatten und eine Säulenweite von 18 Fuß zeigten. Diese große Säulenweite ist ein Beweis später Entwicklung, sie weist etwa auf das 6. Jahrhundert hin. Die zweite Kirche zeigte noch größere Dimensionen, 118 zu 73 Fuß, lag aber bis auf die Westmauer und einen Teil der Apsis gänzlich in Trümmern. Nördlich davon stand eine kleine Kapelle mit vollständig erhaltener Apsis; der nahe dabeiliegende Sarkophag läßt den Schluß zu, daß die Kapelle ein Mausoleum gewesen ist. Das östliche Ende der Stadt enthielt einen Komplex von Gebäuden, aus vieleckigen Steinblöcken konstruiert; sie umschlossen eine viereckige Umfriedigung mit einem viereckigen Raum in der Mitte, unter dem sich ein Gewölbe befand, das jedenfalls ein Grab darstellt. Im äußersten Westen der Stadt stand ein schöner Turm und einige große, wohlerhaltene Häuser daneben. Diese Gruppe war durch eine kleine Kirche von der Stadt selbst getrennt. Nahe bei meinem Lager befand sich ein wunderliches Gebäude mit zwei unregelmäßig in die Ostmauer eingebauten Altarplätzen. Meiner Meinung nach ist es vorchristlich. Die Mauern trugen noch die vollständig erhaltene Wölbung. Während Mūsa und ich dieses Bauwerk ausmaßen und den Grundriß zeichneten, wurden wir von zwei Personen in langen weißen Gewändern und Turbanen beobachtet, die das größte Interesse für unsre Bewegungen an den Tag legten. Wie Mūsa sagte, waren es Regierungsbeamte, die den Djebel Sim'ān besuchten, um mit Rücksicht auf eine Steuererhöhung eine Volkszählung vorzunehmen.
Barād, Baldachingrab.
Der nächste Tag war einer der unangenehmsten, deren ich mich entsinnen kann. Eine dicke Wolkenschicht lag unmittelbar über dem Gebirge und hüllte uns in kalten, grauen Schatten, während nach Norden und Süden hin Berge und Ebene im lieblichsten Sonnenschein lagen. Wir ritten ungefähr eine Stunde nordwärts nach Keifār, einem großen Dorfe am äußersten Ende des Djebel Sim'ān. Über dem Tale des Afrīn drüben, der das Gebirge im Nordwesten begrenzt, erhoben sich die ersten großen Strebepfeiler des Giour Dagh. Nach Mūsas Aussage enthalten weder das Tal noch die entfernteren Gebirge weitere verfallene Dörfer; sie hören an der Grenze des Djebel Sim'ān ganz plötzlich auf, und die syrische Zivilisation scheint nicht weiter nordwärts gedrungen zu sein. Aus welchem Grunde ist nicht festzustellen. In Keifār fanden wir drei arg verfallne Kirchen, an denen aber noch Spuren außerordentlich fein gearbeiteter Verzierungen sichtbar waren, einige gut erhaltene Häuser und ein Baldachingrab, ähnlich dem zu Barād. Eine zahlreiche kurdische Bevölkerung bewohnte das Dorf. Wir kehrten nach Barād zurück und ritten dann in bitter kaltem Regen und Wind etwa 1½ Stunde in südöstlicher Richtung weiter nach Kefr Nebu. Hier sahen wir eine Inschrift auf dem Oberbalken einer Tür, ein paar kufische Grabsteine und ein sehr schönes, zum Teil wieder hergestelltes Haus; ich litt aber viel zu sehr unter der Kälte, um diesen historischen Denkmälern die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden zu können. Ich war bis aufs Mark erkältet und außerdem so enttäuscht, daß meine Versuche, einige Aufnahmen zu machen, infolge des Sturmes mißlungen waren, daß ich sofort mein eine Stunde von Kefr Nebu entfernt in Bāsufān befindliches Lager aufsuchte, ohne einige weiter südlich liegende Ruinen zu besichtigen.
Bāsufān ist Mūsas Heimat; wir gingen an seinem Vater vorüber, der auf dem Kornfeld arbeitete.
»Gott gebe deinem Körper Kraft!« rief Mūsa. Es ist dies der übliche Gruß für jemand, der Feldarbeit tut.
»Und deinem Körper!« antwortete der Alte und blickte mit seinen trüben Augen zu uns herüber.
»Er ist schon alt,« erklärte Mūsa im Weiterreiten, »und Kummer hat ihn getroffen, aber einstens war er der schönste Mann und der beste Schütze im Djebel Sim'ān.«
»Welcher Kummer?« fragte ich.
»Mein Bruder ist vor wenigen Monaten von einem Blutfeind erschlagen worden,« antwortete er. »Wir wissen nicht, wer ihn getötet hat, vielleicht war es ein Verwandter seiner Braut, denn er wollte sie ohne die Zustimmung ihrer Familie heiraten.«
»Und was ist aus der Braut geworden?«
»Sie ist zu den Ihren zurückgegangen,« sprach er, »aber sie hat bitterlich geweint.«
Bāsufān wird von gewissen Juden und Christen aus Aleppo als Sommerfrische benutzt. Sie kommen heraus und wohnen während der heißen Monate in den Häusern der Kurden, die um diese Zeit in ihren Zelten hausen. Auch einige hohe Bäume stehen im Süden des Dorfes, wo sie einen Kirchhof beschatten, auf dem zumeist mohammedanische Tote ruhen, die oft viele Meilen weit hergebracht worden sind. Das nahe Tal birgt einen berühmten Quell, der selbst in regenlosen Jahren, wo alle seine Brüder erschöpft sind, nicht versiegt.
Mūsa und seine Familie.
Die Kurden pflegten auf den benachbarten Hängen Tabak zu bauen, und das Kraut wurde seiner Güte wegen hochgeschätzt, so daß die Ernten immer schnellen Abgang fanden, bis die Regierung das Tabaksmonopol einführte. Von da ab erhielten die Kurden so geringe Preise, daß der Anbau nichts mehr abwarf. Andre Erwerbsquellen hatten sie nicht, und somit hörte die Industrie ganz auf; die Felder blieben brach liegen, höchstens wurde etwas Korn angebaut — »und nun sind wir alle arm«, sagte Mūsa zum Schluß.
Noch war ich keine Stunde im Lager, als der Regen aufhörte und die Sonne durchbrach. Damit war auch unser Lebensmut wieder hergestellt. In Bāsufān befand sich eine große Kirche, die zu irgend einer Zeit durch Hinzufügung dreier Türme in ein Fort verwandelt worden war. Alle Überreste des ursprünglichen Gebäudes zeigten vortreffliche Arbeit. Die eingebauten Säulen an der Apsis waren spiralig kanneliert — das erste Beispiel, das ich sah — und die korinthischen Kapitäle wiesen sorgfältige tiefeingeschnittene Skulpturarbeit auf. Mūsa zeigte mir auf der Südmauer eine altsyrische Inschrift, die ich mit vieler Mühe und wenig Erfolg kopierte: möge der Kuckuck alle altsyrischen Inschriften holen oder aber die Reisenden mit schärferem Witz begaben! Nachdem ich alles besichtigt, blieben mir immer noch ein paar helle Nachmittagsstunden, und ich beschloß, über die Berge nach Burdj Heida und Kefr Lāb zu gehen, welche beiden Orte ich am Morgen dank dem Regen und der Kälte links hatte liegen lassen. Mūsa begleitete mich und nahm seinen »Kompagnon« mit — so wurde er mir wenigstens vorgestellt —; an welchem Unternehmen sie beide teilhatten, erfuhr ich nicht. Der Besuch von Burdj Heida war lohnend. Es besaß einen viereckigen Turm und drei Kirchen, deren eine noch außerordentlich gut erhalten, und der ein interessantes Gebäude angefügt war, das vielleicht die Wohnung des Geistlichen gewesen. Aber hauptsächlich wegen der Unterhaltung meiner beiden Gefährten war der Ausflug bemerkenswert. Mit Mūsa hatte ich in den drei Tagen, die wir zusammen verbracht, eine feste Freundschaft geschlossen, die sich meinerseits nicht nur auf seine mir geleisteten Dienste gründete, sondern auch auf eine warme Würdigung des strahlenden Lächelns, mit dem er alles für mich tat. Wir waren bereits so vertraut miteinander geworden, daß ich glaubte, mit Recht von ihm einige Aufklärung über die Glaubenslehren der Jezīdi erwarten zu können. Denn, mag man es auch in Europa damit halten, wie man will, in Asien ist es nicht höflich, einen Mann nach seinem Glauben zu fragen, solange er uns nicht für seinen vertrauten Freund erachtet. Es ist auch nicht ratsam, denn man macht sich nur verdächtig, ohne eine befriedigende Antwort zu erzielen. Während wir auf der Schwelle der kleinen Kirche zu Kefr Lāb saßen, begann ich meine Nachforschungen mit der vorsichtigen Frage, ob die Jezīdi Kirchen oder Moscheen hätten.
»Nein,« erwiderte Mūsa, »wir verrichten unsre Andacht unter freiem Himmel. Jeden Tag in der Dämmerung beten wir die Sonne an.«
»Habt ihr,« fragte ich weiter, »einen Imām, der die Gebete leitet?«
»An Festtagen,« sagte er, »tut es der Scheich, an anderen Tagen betet jedermann für sich allein. Wir halten einige Tage für glücklich, andre für unglücklich. Mittwoch, Freitag und Sonntag sind unsre guten Tage, der Donnerstag aber bringt Unheil.«
»Warum?« forschte ich.
»Ich weiß nicht. Es ist so.«
»Seid ihr Freunde der Mohammedaner oder stellt ihr euch feindlich?«
Mūsa antwortete darauf: »Hier in der Gegend von Aleppo, wo unser nur wenige sind, fürchten sie uns nicht, und wir leben friedlich miteinander; aber es kommt jedes Jahr ein sehr gelehrter Scheich aus Mosul zu uns, um Tribut von uns zu erheben, der wundert sich, daß wir so brüderlich mit den Muselmännern auskommen; denn in Mosul, wo es viele Jezīdi gibt, herrscht bittre Feindschaft zwischen ihnen. Dort wollen die Unseren nicht Heeresdienste leisten, wir hier aber werden Soldaten wie die anderen auch. Ich bin es selbst gewesen.«
»Habt ihr heilige Schriften?« fragte ich.
»Gewiß,« sagte er, »ich will Ihnen sagen, was sie uns lehren. Wenn das Ende der Welt herannaht, wird Hadūdmadūd auf Erden erscheinen. Bis dahin werden die Menschen an Größe so zusammengeschrumpft sein, daß sie kleiner sind als Grashalme — Hadūdmadūd aber ist ein mächtiger Riese. Und in sieben Tagen oder sieben Monaten oder sieben Jahren wird er alle Seen und Flüsse austrinken, so daß die ganze Erde ausgetrocknet wird.«
»Und dann,« fiel der Kompagnon ein, der Mūsas Auseinandersetzung mit Eifer gefolgt war, »wird ein großer Wurm aus dem Staub hervorkommen und Hadūdmadūd verschlingen.«
»Und wenn er ihn aufgefressen hat,« fuhr Mūsa fort, »kommt eine Flut, die sieben Tage oder sieben Monate oder sieben Jahre anhalten wird.«
»Und die Erde wird reingewaschen werden,« fügte der Kompagnon hinzu.
»Und dann wird der Madi kommen,« fuhr Mūsa fort, »und die vier Sekten zusammenberufen, Jezīdis, Christen, Mohammedaner und Juden, und der Prophet jeder Sekte muß seine Gläubigen sammeln: Jezīd die Jezīdi, Jesus die Christen, Mohammed die Mohammedaner und Moses die Juden. Alle die aber, die während ihres Lebens den Glauben gewechselt haben, werden im Feuer geprüft, damit offensichtlich wird, welchem Bekenntnis sie in ihrem Herzen anhangen. So wird jeder Prophet die Seinen kennen. Das ist das Ende der Welt.«
»Haltet ihr alle vier Glaubensbekenntnisse für gleichwertig?« fragte ich.
Mūsa erwiderte (etwas diplomatisch vielleicht): »Christen und Juden erachten wir uns gleich.«
»Und die Mohammedaner?« erkundigte ich mich.
»Die halten wir für Schweine.«
Das waren Mūsas Glaubenssätze. Was sie bedeuten, will ich nicht zu wissen behaupten. Hadūdmadūd aber ist wahrscheinlich Gogmagog, wenn das der Sache zu größerer Klarheit verhilft.
Die Sonne sank, als wir uns von der Kirchenschwelle erhoben und über die Ruinen von Kefr Lāb heimwärts zu klettern begannen. Jenseits des Dorfes stießen wir auf brüchigen Boden, und auf der Spitze des Hügels sah ich große Höhlungen unter den Felsen. Mūsas Genosse machte Halt vor denselben und sprach:
»An solchen Stellen suchen wir nach Schätzen.«
»Und findet ihr sie?« sprach ich.
Er erwiderte: »Ich habe nie einen entdeckt, aber man hört viel erzählen. So verlor einst, wie berichtet wird, ein Hirtenknabe eine Ziege und durchsuchte das Gebirge nach ihr. Endlich fand er sie in einer Höhle, die ganz mit Goldmünzen gefüllt war. Schnell verstopfte er den Eingang und eilte heim, um einen Esel zu holen, den er mit dem Golde beladen konnte. In seiner Hast aber ließ er die Ziege in der Höhle, und als er zurückkam, fand er weder Höhle noch Ziege, noch Gold, soviel er auch suchte.«
»Und ein andermal,« sagte Mūsa, »schlief ein Knabe in den Ruinen von Kefr Lāb und träumte, er hätte einen großen Schatz in der Erde gefunden und danach gewühlt. Als er erwachte, waren seine Hände wirklich mit Goldstaub bedeckt, aber er hatte keine Ahnung mehr von der Stelle, wo er gegraben.«
Keine dieser Erzählungen bot jedoch genügend Anhaltspunkte, um die Ausrüstung einer Schatzgräberexpedition nach dem Djebel Sim'ān zu rechtfertigen.
Als wir Bāsufān erreichten, fragte Mūsa, ob seine Schwester Wardēh (die Rose) sich wohl die Ehre geben dürfte, mir ihre Aufwartung zu machen. »Und bitte,« fügte er hinzu, »versuchen Sie doch, sie zum Heiraten zu überreden!«
Bāsufān, kurdisches Mädchen.
»Zum Heiraten?« fragte ich, »wen soll sie denn heiraten?«
»Irgend jemand,« entgegnete Mūsa gleichmütig. »Sie hat erklärt, daß ihr die Ehe verhaßt ist, und daß sie in ihres Vaters Haus bleiben will. Wir können sie nicht davon abbringen. Und doch ist sie jung und schön.«
Sie sah wirklich sehr hübsch und überdies auch bescheiden aus, als sie so in meiner Zelttür stand in der kleidsamen Tracht der Kurdenfrauen, mit der Kaimakschüssel, dem mir zugedachten Gastgeschenk, in der Hand, und ich muß gestehen, daß ich in dem Glauben, sie könne ihre Angelegenheiten am besten selbst versorgen, die Heiratsfrage nicht sehr dringlich betrieb. Sie brachte mir frisches Brot zum Frühstück für den nächsten Tag und bat mich, vor meiner Abreise auch ihres Vaters Haus zu besuchen. Das tat ich und fand die ganze Familie, Söhne, Schwiegertöchter und Enkel zu meiner Begrüßung versammelt. Obgleich ich erst kurz vorher gefrühstückt hatte, bestand doch der alte Vater darauf, daß mir Brot und Schüsseln mit Rahm vorgesetzt wurden, »damit das Band der Gastfreundschaft uns verbinde«. Schöne, wohlgebildete Leute waren sie alle; ihre angenehmen Gesichter wurden durch das Lächeln verklärt, das auch Mūsas Hauptreiz war. Um ihretwillen soll den Kurden künftighin ein Platz in meinem Herzen bewahrt bleiben.