Zweites Kapitel.

Salt ist eine wohlhabende Gemeinde von über 10000 Einwohnern, die zur Hälfte Christen sind. Es liegt in einer reichen, um ihrer Trauben und Pfirsiche willen bekannten Gegend; schon im 14. Jahrhundert tut der Geograph Abu'l Fīda seiner Gärten Erwähnung. Auf dem Hügel liegt über den dichtgedrängten Dächern ein zerfallenes Kastell, welcher Zeit entstammend, weiß ich nicht. Die Bewohner glauben an ein sehr hohes Alter der Stadt, ja die Christen behaupten, in Salt sei eine der ersten Gläubigengemeinden gewesen; es geht sogar die Sage, daß Christus selbst hier das Evangelium gepredigt habe. Obgleich die Aprikosenbäume noch nichts weiter als ihre kahlen Zweige zeigten, trug doch das ganze Tal den Stempel freundlicher Wohlhabenheit, als ich mit Habīb Fāris durchritt, der sein Pferd bestiegen hatte, um mich auf den rechten Weg zu bringen. Er hatte auch seinen Anteil an den Weinbergen und Aprikosengärten und schmunzelte geschmeichelt, als ich mich lobend über sie aussprach. Wer hätte auch an einem solchen Morgen nicht schmunzeln sollen? Die Sonne schien, blitzender Frost lag auf der Erde, und die Luft zeigte jene durchsichtige Klarheit, die nur an hellen Wintertagen nach einem Regen zu beobachten ist. Aber es war nicht nur ein allgemeines Gefühl des Wohlwollens, dem meine anerkennenden Worte entsprangen: die Bewohner von Salt und Mādeba sind ein kluges, fleißiges Völkchen, das jedes Lob verdient. In den fünf Jahren, wo ich die Gegend nicht besucht, hatten sie die Grenze des Ackerlandes um die Breite eines zweistündigen Rittes nach Osten hin vorgeschoben und den Wert des Bodens so unbestreitbar bewiesen, daß nach der Eröffnung der Haddjbahn der Sultan einen großen, im Süden bis Ma'ān reichenden Landstrich für sich reserviert hat, den er in eine Königliche Farm umzuwandeln gedenkt. Er und seine Pächter werden Reichtümer ernten, denn wenn auch nur ein mäßig guter Regent, so ist der Sultan doch ein vorzüglicher Landwirt.

Eine halbe Stunde hinter Salt verabschiedete sich Habīb und überließ mich der Obhut seines Knechtes Jūsef, eines kräftigen Menschen, der mit seiner Holzkeule (Gunwā nennen sie die Araber) über der Schulter neben mir dahinschritt. Wir zogen durch die weiten, baumlosen, unbewohnten, ja fast unbebauten Täler, die die Belkaebene umgeben, und vorbei an der Öffnung des Wādi Sīr, durch welches man, immer durch die schönsten Eichenwälder reitend, bis in das Jordantal hinabgelangen kann. Auch die Berge würden hier Bäume tragen, wenn die Kohlenbrenner sie nur wachsen ließen — wir fanden manches Eichen- und Schwarzdorndickicht auf unserm Wege —, aber ich möchte gar nichts geändert haben an dem herrlichen Ostjordanland. Zwei Menschenalter später wird es im Schmucke der Kornfelder stehen und mit Dörfern übersät sein; die Wasser des Wādi Sīr werden Mühlräder treiben, und man wird selbst Chausseen bauen, aber — dem Himmel sei Dank — ich werde das alles nicht sehen müssen. Solang ich lebe, wird das Hochland bleiben, als was es Omar Khayyām besingt: »Verstreuten Grüns ein schmales Band, trennt es die Wüste von dem Ackerland.« Öde und menschenleer wird es auch ferner sein; nur hie und da wird ein einzelner Hirt, auf die langläufige Flinte gelehnt, mitten in seiner Herde stehen, und wenn ich den Reitersmann, der so selten nur sein Roß durch die Berge lenkt, frage, woher er kommt, wird er noch immer antworten: »Möge dir die Welt noch Raum genug bieten! Von den Arabern komme ich.«

Ein Adwānaraber als Feldhüter.

Und hin zu den Arabern führte uns unsere Reise. In der Wüste gibt es weder Beduinen — alle Zeltbewohner heißen Araber (mit einem kräftigen Rollen des Gutturallautes) — noch auch Zelte, sondern nur Häuser, manchmal auch »Haarhäuser«, wenn eine nähere Bestimmung nötig ist, sonst schlechthin »Häuser«, eine Bezeichnung, die nur die äußerste Verachtung alles dessen erfinden konnte, was zu einem Haus gehört; denn mit einem solchen haben diese Zelte nichts gemeinsam als höchstens das Dach aus schwarzen Ziegenhaaren. Man kann Araber sein, auch wenn man zwischen Mauern wohnt. Die Leute von Salt zählen samt den Abādeh, den Da'dja und den Hassaniyyeh und mehreren anderen die große Schar der 'Adwān bildenden Arabern, zu den Belkastämmen. Zwei mächtige Stämme streiten um die Oberherrschaft in der Syrischen Wüste, die Beni Sachr und die 'Anazeh. Es besteht eine traditionelle, jetzt freilich durch bedauerliche Vorkommnisse getrübte Freundschaft zwischen den Suchūr und den Belkaarabern, und wahrscheinlich deshalb wurde mir hier erzählt, daß die 'Anazeh zwar die an Zahl überlegenere, an Mut aber die bei weitem untergeordnetere der beiden Parteien sei. Mit einem Sohne Talāl ul Fāiz', des Beherrschers aller Beni Sachr, verknüpft mich sozusagen eine Grußbekanntschaft. Vor fünf Jahren, aber einen Monat später, also gerade zu der Zeit, wo der ganze Stamm die heißen östlichen Weideländer verläßt und jordanwärts zieht, stieß ich gerade in dieser Gegend auf ihn. In Begleitung eines zirkassischen Polizeisoldaten ritt ich von Mādeba nach Mschitta — es war, ehe die Deutschen die mit Steinbildwerk versehene Fassade von dem prächtigen Gebäude ablösten. Als wir die mit den Herden und schwarzen Zelten der Suchūr bedeckte Ebene kreuzten, kamen drei bis an die Zähne bewaffnete Reiter mit finsteren Brauen und drohenden Mienen auf uns zu, um uns den Weg abzuschneiden. Aus der Ferne schon riefen sie uns ihren Gruß zu, wandten aber um und ritten langsam zurück, sobald sie des Soldaten ansichtig wurden. Der Zirkassier lachte: »Das war Scheich Fāiz,« sagte er, »Talāls Sohn. Wie die Schafe, wāllah! Wie die Schafe laufen sie, wenn sie einen von uns erblicken!« Ich kenne die 'Anazeh nicht, da ihre Winterwohnplätze mehr nach dem Euphrat zu liegen, aber unbeschadet meiner sonstigen Hochachtung für die Suchūr, glaube ich, daß jene, ihre Nebenbuhler, die wahren Aristokraten der Wüste sind. Ihr Herrscherhaus, die Beni Scha'alān, trägt den stolzesten Namen, und ihre Pferde sind die besten in ganz Arabien; sogar die Schammār, Ibn er Raschīds Leute, kaufen sie gern, um ihre eigne Zucht damit aufzubessern.

Lager in der Nähe des Toten Meeres.

Aus dem tief eingeschnittenen, das Jordantal überragenden Gebirge kamen wir in ein flaches Hügelland, in dem zahlreiche verfallene Plätze liegen. Eine Viertelstunde vor den an der Quelle des Wādi Sīr befindlichen Ruinen stießen wir auf eine ansehnliche Menge Mauerwerk und eine Zisterne, welche die Araber Birket Umm el 'Amūd (Brunnen der Mutter der Säule) nennen. Jūsef berichtete, daß dieser Name von einer Säule herrühre, die früher inmitten des Wassers gestanden; ein Araber schoß nach ihr und zerstörte sie, und nun liegen ihre Trümmer auf dem Grunde der Zisterne. Der Hügel (oder Tell, um ihm dem heimischen Namen zu geben) von Amēreh ist ganz mit Ruinen bedeckt, und weiterhin, in Jadūdeh, findet man Felsengräber und Sarkophage am Rande der Brunnen. Der ganze Saum der Wüste ist mit ähnlichen Zeugen einer vergangenen Bevölkerung übersät; wir finden Dörfer aus dem 5. und 6. Jahrhundert, der Zeit, wo Mādeba eine reiche, blühende Christenstadt war, ja einige entstammen zweifellos einer noch früheren, vielleicht vorrömischen Periode.

In Jadūdeh hat ein Christ aus Salt, der größte Kornproduzent der Gegend, seinen Wohnsitz aufgeschlagen; er bewohnt ein einfaches Landhaus auf der Spitze des Hügels. Man rechnet ihn zu den energischen Bahnbrechern, die bemüht sind, die Grenzen der Kultur immer weiter hinauszuschieben. Bei Jadūdeh verließen wir das Hügelland und betraten die endlose, mit spärlichem Grün bewachsene Ebene. Hie und da ein kegeliger Hügel oder ein niedriger Höhenzug, dann wieder weite, unbegrenzte Ebene. Ruhevoll dem Auge und doch nie monoton liegt sie, in die magische Glut des winterlichen Sonnenuntergangs getaucht; auf den sanft gewölbten Erhöhungen rastet noch das Licht, die leichten Bodensenkungen bergen schon die Schatten der Nacht, und über dem allen breitet sich der weite Himmelsdom aus, der Wüste und Meer gleichermaßen überwölbt. Die erste größere Erhebung ist der Tneib. Wir erreichten ihn nach einem neunstündigen Marsch um ½6 Uhr, gerade als die Sonne sank, und schlugen unsere Zelte an der südlichen Berglehne auf. Der ganze Abhang war voller Ruinen: niedrige Mauern aus rohbehauenen Steinen ohne Mörtel, in Felsen gehauene Zisternen, deren einige ursprünglich jedenfalls weniger zu Wasser- als zu Kornbehältern benutzt worden, welchem Zweck sie auch jetzt noch dienen. Namrūd war zum Besuch eines benachbarten Landwirtes geritten, einer seiner Männer aber eilte sofort, ihn von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und gegen 10 Uhr abends erschien er im Glanze der frostblitzenden Sterne mit vielen Freudenbezeigungen und der Versicherung, daß meine Wünsche leicht zu erfüllen seien. So legte ich mich zur Ruhe, eingehüllt in das kalte Schweigen der Wüste, und erwachte am andern Morgen zu einem Tage voll Sonnenschein und guter Aussichten.

Das Theater 'Ammān.

Zunächst mußte nun zu den Arabern geschickt werden. Nach einer Beratung entschieden wir uns für die Da'dja, einen Stamm der Belkaaraber, als für die nächsten und wahrscheinlich geeignetsten, und ein Bote wurde in ihr Lager entsandt. Wir verbrachten den Morgen mit Besichtigung der Ruinen und Betrachtung einer Menge Kupfermünzen, die Namrūds Pflugschar zu Tage gefördert. Lauter römische; eine zeigte undeutlich die Züge Konstantins, andre waren älter, keine entstammte der jüngeren byzantinischen Periode oder der Zeit der Kreuzzüge. Soweit die Münzfunde Zeugnis ablegen können, liegt Tneib seit dem Eindringen der Araber verödet. Namrūd hat die Totenstadt entdeckt, die Gräber aber leer gefunden; wahrscheinlich wurden sie schon vor Jahrhunderten ausgeplündert. Sie waren zisternenartig und in die Felsen gehauen. Zwischen zwei massigen Steinsäulen ein schmaler Eingang dicht über dem Erdboden, einige wenige Vorsprünge zum Hinabsteigen in den Seitenwänden, im unteren Raume Nischen, die in übereinander liegenden Reihen rund um die Mauern liefen. Fast am Fuße des Südabhanges sahen wir die Grundmauern eines Gebäudes, das eine Kirche gewesen sein mochte. Aber das alles war nur ein zu armseliges Ergebnis für die Forschung eines ganzen Tages; wir machten deshalb am goldenen Nachmittag einen zweistündigen Ritt nordwärts in ein breites, zwischen niederen Hängen liegendes Tal. Um den ganzen Rand desselben lagen in Zwischenräumen Ruinen, und nach Osten zu standen verfallene Mauern auch in der Mitte des Tales, — Namrūd nannte die Stelle Kuseir es Sahl, die kleine Wüstenburg. Unser Ziel aber war eine kleine Gruppe von Gebirgen am Westende, Chureibet es Suk. Zunächst kamen wir an ein kleines, halb im Sand begrabenes Bauwerk (41 Fuß zu 39 Fuß 8 Zoll, größte Ausdehnung von Ost nach West). Zwei Sarkophage zeigten an, daß es ein Mausoleum gewesen. In der Westwand war ein bogengeschmücktes Tor; den Pfeilerbogen krönte ein flaches Gesims. In der Höhe des Bogens verschmälerten sich die Mauern um einen kleinen Vorsprung, und etwas höher lief eine geschweifte Kranzleiste. Ein paar Hundert Meter westwärts von dem Kasr oder der Burg (die Araber benennen die meisten Ruinen Burg oder Kloster) liegt ein zerfallener Tempel, der augenscheinlich in irgend einer Zeit einem anderen Zwecke gedient hat, als dem ihm von der Natur zukommenden, denn er zeigte eingestürzte Mauern um die beiden Reihen von je sieben Säulen und unerklärliche Querwände an der westlichen Seite des Säulenganges. Dahinter schien ein doppelter Hof gelegen zu haben, und noch weiter nach Westen hin befand sich ein ganzer Komplex von zerfallenem Mauerwerk. Das Tor sah nach Osten hin, seine Pfeiler zeigten feine Steinmeißelungen: ein Band, eine Palmette, ein zweites glattes Band, eine Weinranke, eine Haspel und Weife, einen Pfeil und eine zweite Palmette auf der oberen Leiste. Das Ganze ähnelte außerordentlich den Kunstwerken in Palmyra — es konnte kaum den Vergleich aushalten mit dem Steinbildwerk in Mahitta, war überhaupt nüchterner und den klassischen Mustern näher verwandt als jene Architektur. Nördlich vom Tempel stand auf einer kleinen Reihenerhebung noch eine Ruine, ein zweites Mausoleum. Es war ein längliches Rechteck aus großen, sorgsam ohne Mörtel gefügten Steinen. An der südöstlichen Ecke führte eine Treppe in eine Art Vorzimmer, das dank dem abfallenden Abhang in gleicher Höhe mit der Ostseite lag. An der Außenwand dieses Vorraums standen Säulenstümpfe, vermutlich die Überreste eines schmalen Säulenganges, der die Ostfassade geschmückt. Sechs Sarkophage standen längs der noch vorhandenen Mauern, je zwei an der Nord-, Süd- und Westwand. Über der Basis der zu beiden Seiten der Treppe befindlichen Säulen lief ein Fries, der einen kühnen Torus zwischen beiden Wänden aufwies, und dasselbe Motiv wiederholte sich auf der Innenseite der Sarkophage. Die Stützmauer auf der Südseite zeigte zwei Vorsprünge, im übrigen war das Gebäude ganz einfach, nur einige der umherliegenden Fragmente schmückte ein lockeres Weinrankenmuster. Dieses Mausoleum erinnert an das Pyramidengrab, das in Nordsyrien vielfach vorkommt, wenn ich auch kein zweites so weit südlich gesehen habe. Es mag vielleicht einst dem schönen Denkmal mit der Säulenfassade geähnelt haben, das eine der Sehenswürdigkeiten des südlichen Dāna ist, und die Fragmente von Weinrebenskulptur waren vielleicht Teile der Krönung.

Torweg 'Ammān.

Als ich kurz vor Sonnenuntergang zu meinen Zelten zurückkehrte, erfuhr ich, daß der Bote, den wir am Morgen abgesandt, sich unterwegs aufgehalten hatte und, erschreckt durch die vorgerückte Stunde, umgekehrt war, ohne seinen Auftrag auszurichten. Das war ärgerlich genug, war aber nichts im Vergleich zum Betragen des Wetters am nächsten Morgen. Ich erwachte, um die ganze Gegend in Nebel und Regen getaucht zu sehen, den ganzen Tag jagte der Südwind einher, und der Regen schlug an unsre Zeltwände. Am Abend brachte Namrūd die Kunde, daß Gäste bei ihm eingekehrt seien. Es befanden sich nämlich ein oder zwei Meilen entfernt einige Suchūrzelte (das Gros des Stammes hielt sich noch weit im Osten auf, wo das Winterklima weniger rauh ist), und der lange Regentag war für die männlichen Bewohner zu viel geworden. Sie hatten ihre Rosse bestiegen und waren nach Tneib geritten, mochten die Frauen und Kinder sehen, wie sie durch die Nacht kamen. Ein Plauderstündchen nach dem langen, feuchten Tag war verlockend, ich schloß mich der Gesellschaft an.

Namrūds Höhle läuft weit in die Erde hinein; sie muß sich bis in die Mitte des Tneibberges erstrecken. Mit Ausnahme der niedrigen Schlafstellen und der Krippen für das Vieh, die in die Wände eingehauen sind, ist der erste Raum augenscheinlich natürlichen Ursprungs. Ein enger, durch die Felsen gebrochener Gang führt in ein kleines Gelaß, hinter welchem noch mehrere andere liegen, die ich aber auf Treu und Glauben hinnahm, da die schwüle, eingeschlossene Luft und die zahllosen Fliegen mich von weiterer Besichtigung abhielten. An diesem Abend bot die Höhle ein so urwüchsiges, wildes Bild, daß selbst der abenteuerlichste Geist davon befriedigt sein mußte. In rote Lederstiefel und gestreifte, regendurchweichte Mäntel gehüllt, saßen zehn bis zwölf Araber in der Mitte um das Reisigfeuer, in dessen Asche die drei Kaffeetöpfe standen, die von der Wüstengastlichkeit untrennbar sind. Hinter ihnen kochte eine Frau Reis über einem helleren Feuer, das flackernde Lichter in die Tiefen der Höhle und auf Namrūds Vieh warf, das, an seinen Felsenkrippen stehend, gemächlich seinen Häcksel zermalmte. Nachdem man mir einen verhältnismäßig sauberen Platz im Kreise eingeräumt und eine Tasse Kaffee gereicht hatte, ging die Unterhaltung weiter, solange als ein Mann seine arabische Pfeife fünfmal rauchen konnte. Sie drehte sich hauptsächlich um die Schandtaten der Regierung. Der Arm des Gesetzes, oder vielmehr die gepanzerte Faust der Ungerechtigkeit ist ein beständig drohender Schrecken am Saum der Wüste. Dieses Jahr war sie, infolge der Anforderungen des Krieges, zu unheimlicher Tätigkeit veranlaßt worden.

Tempel, Chureibet es Suk.

Ohne jede Aussicht auf Entschädigung in Geld oder Naturalien waren Kamele und Pferde in Menge längs des Randes der Wüste wegkommandiert worden. Die Araber hatten alles gesammelt, was ihnen noch von Vieh übrig blieb und es fünf bis sechs Tagereisen landeinwärts gesandt, wohin die Soldaten nicht vorzudringen wagten, und Namrūd war ihrem Beispiel gefolgt, indem er nur soviel Tiere zurückbehielt, als für die Feldarbeit nötig waren. Meine Mitgäste ergriffen einer nach dem anderen das Wort: ihre harte Sprache mit den Gutturallauten erfüllte die Höhle. Bei Gott und Mohammed riefen wir so viele Flüche auf die zirkassische Reiterei herab, daß die kräftigen Männer in ihren Sätteln hätten wanken mögen. Von Zeit zu Zeit beugte sich eins der turbanumwundenen Häupter, dem die schwarzen Haarsträhne unter dem gestreiften Tuch hervor um die Wangen hingen, nach einer glühenden Kohle für die Pfeife, eine Hand streckte sich nach der Kaffeetasse aus, oder das Kochfeuer flammte unter dem frischaufgelegten Reisig hoch auf, und in der plötzlichen Helle summten die Fliegen, bewegten sich die Kühe unruhig. Namrūd war nicht gerade entzückt, daß sein eben gesammeltes Feuerholz so schnell zusammenschmolz, und seine Kaffeebohnen händeweise im Mörser verschwanden. (»Wāllah, sie essen wenig, wenn es vom eignen geht, aber viel, wenn sie Gäste sind, sie und ihre Pferde. Und das Korn ist knapp so spät im Jahre!«)

Mausoleum, Chureibet es Suk.

Aber das Wort »Gast« ist geheiligt vom Jordan bis zum Euphrat, und Namrūd wußte wohl, daß er seine Stellung und seine Sicherheit vornehmlich der Gastfreundschaft verdankte, die er auf jeden erstreckte, mochte er noch so ungelegen kommen. Ich steuerte auch einen Beitrag zu dem Gelage bei, indem ich ein Kistchen Zigaretten verteilte, und ehe ich mich zurückzog, waren freundschaftliche Beziehungen zwischen mir und den Beni Sachr hergestellt.

Belkaaraber.

Der folgende Tag versprach ebensowenig, wie sein Vorgänger. Die Maultiertreiber zeigten sich nicht geneigt, die schützenden Höhen zu verlassen und ihre Tiere einem solchen Regen in der offnen Wüste auszusetzen; widerwillig nur schob ich die Reise auf und schickte die Männer nach dem drei Stunden entfernten Mādeba nach Hafer für die Pferde, schärfte ihnen aber ein, nicht zu verraten, wer sie geschickt. Am Nachmittag klärte es sich etwas auf, und ich ritt in südlicher Richtung durch die Wüste nach Kastal, einem auf einer Erhöhung liegenden, befestigten römischen Lager.

Diese Art Fort war an der Ostgrenze des Kaiserreichs nicht ungewöhnlich und wurde von den Ghassaniden nachgeahmt, als sie sich in der syrischen Wüste niederließen; nimmt man doch an, daß auch Mschitta nur ein besonders schönes Beispiel dieser Art Gebäude war. Kastal hat eine starke Befestigungsmauer, die nur durch ein einziges, nach Osten gehendes Tor und durch runde Bastionen an den Ecken und den Seiten entlang, unterbrochen wird. Im Innern befindet sich eine Reihe parallellaufender gewölbeartiger Räume, die in der Mitte einen Hof freilassen — es ist dies mit kleinen Veränderungen der Plan von Kal'at el Beida in der Safa und von den modernen Karawansereien[1]. Nach Norden zu liegt ein gesondertes Gebäude, wahrscheinlich das Prätorium, die Wohnung des Festungskommandanten. Es besteht aus einem riesigen gewölbten Raum mit einem mauerumgebenen Hof davor und einem runden Turm in der südwestlichen Ecke. Der Turm hat innen eine Wendeltreppe, außen aber einen Fries, der oben Laubwerk und unten gekehlte Triglyphen, dazwischen aber leere Metopen zeigt. Die Maurerarbeit ist ungewöhnlich gut, und die Mauern von bedeutender Stärke; mit solchen Verteidigungswerken selbst an den fernsten Grenzen des Reiches konnten die Römer des Nachts in guter Ruh schlafen.

[1] Vorzügliche Pläne und Photographien des Forts sind von Brünnow und Domaszewski in Band 11 ihres großen Werkes »Die Provincia Arabia« veröffentlicht worden. Bei meinem Besuch des Kastals war dieser Band noch nicht erschienen.

Ruinen einer Kirche, Mādeba.

Als ich vor fünf Jahren Kastal besuchte, war es unbewohnt, und das Land unbebaut, aber jetzt hatten sich ein paar Bauernfamilien unter den zerbröckelnden Gewölben angesiedelt, und junges Korn sproßte zwischen den Mauern, — lauter Dinge, die wohl das Herz eines Menschenfreundes erwärmen, dem Archäologen aber einen kalten Schauer durch die Brust jagen müssen. Kein größerer Vernichter als der Pflug, kein schlimmerer Zerstörer als der Bauer, der nach behauenen Steinen zum Bau seiner Hütte Ausschau hält. Ich bemerkte noch ein anderes Zeichen der sich ausbreitenden Zivilisation, zwei ausgehungerte Soldaten nämlich, die Wärter der nächsten Haltestelle der Haddjbahn, die nach der einige Meilen weiter westwärts gelegenen Ruine den Namen Zīza erhalten hat. Veranlassung zu ihrem Besuch war die magere Henne, die einer der beiden Soldaten in der Hand trug. Er hatte sie aus der Mitte ihrer noch dürftigeren Gefährtinnen im Festungshof gerissen — gegen welchen Preis, wollen wir lieber nicht erforschen, denn der Hungrige kennt kein Gesetz. Es lag mir nicht besonders viel daran, den Behörden in 'Ammān meine Anwesenheit im Grenzgebiet merken zu lassen, deshalb brach ich schnell auf und ritt ostwärts nach Zīza.

Das Fort von Zīza.

Der Regen hatte die Wasserläufe der Wüste gefüllt, nur selten sind sie so tief und fließen so schnell, wie der eine, den wir an jenem Nachmittag durchkreuzen mußten. Auch die große Römerzisterne von Zīza war bis zum Rande gefüllt, so daß die Suchūr den ganzen kommenden Sommer hindurch Wasser genug haben würden. Die Ruinen von Zīza sind viel zahlreicher als in Kastal; es muß hier eine große Stadt gestanden haben, denn ein weiter Raum ist mit den Mauerwerken zerfallener Häuser bedeckt. Vermutlich war Kastal das jene Stadt schützende Fort und teilte den Namen Zīza. Hier befindet sich auch ein sarazenisches Kal'ah, ein Fort, welches Soktan, ein Scheich der Suchūr — so erzählte Namrūd — wiederherstellen und mit einer in der Wüste ganz unbekannten Pracht ausstatten ließ. Aber da es in dem Gebiet liegt, auf dem das neue Landgut erstehen soll, ist es in Besitz des Sultans gekommen und geht nun wieder dem Verfall entgegen. Die Erhebungen dahinter sind mit Mauerwerk bedeckt, darunter die Überreste einer Moschee, deren Kuppel noch nach Süden zu sichtbar ist. Zīza war zu Ibrahim Paschas Zeit noch ägyptische Garnison, und es waren vornehmlich seine Soldaten, die die Zerstörung der alten Bauten vollendeten. Ehe sie kamen, standen viele Baudenkmäler, so z. B. mehrere christliche Kirchen, noch vollständig gut erhalten, wie die Araber erzählen. Unser Heimweg führte uns längs des Eisenbahndammes hin, und die Unterhaltung drehte sich um die möglichen Vorteile, die dem Lande aus eben dieser Bahnlinie erwachsen konnten. Namrūd hegte Zweifel in dieser Hinsicht. Er sah scheel auf alle Beamten und Soldaten; hatte er doch wirklich mehr Grund, diese offiziellen Räuber zu fürchten, deren Habgier nicht durch Gastfreundschaft entwaffnet werden konnte, als die Araber, die ihm zu sehr verpflichtet waren, um ihm großen Schaden zuzufügen. Er hatte im vergangenen Jahre einige Wagenladungen Korn nach Damaskus geschickt; ja, es war ein billigeres und schnelleres Transportmittel als die Kamele, solange die Waren überhaupt ankamen, aber gewöhnlich waren die Kornsäcke bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt soviel leichter geworden, daß der Vorteil dadurch wieder aufgehoben wurde. Das würde später vielleicht besser werden, später, wenn man auch Lampen, Kissen und die übrigen Ausstattungsstücke der Wüstenbahn an dem Platz belassen würde, für den sie gekauft und bestimmt waren. Wir sprachen auch von Aberglauben und von Furcht, die das Herz bei Nacht befallen. Es gibt gewisse Orte, erzählte Namrūd, an die kein Araber im Dunkel zu gehen wagt — unheimliche Brunnen, denen sich der Durstige nicht nähert, Ruinen, wo der Müde nicht Obdach sucht, Höhlen, die dem Einsamen verhängnisvolle Ruhestatt bieten würden. Was fürchten sie? Ja, wer weiß, wovor die Menschen sich fürchten? Er selbst hatte einst einen Araber um den Verstand gebracht, als er im Zwielicht nackt vor ihm aus einem einsamen Wassertümpel hervorsprang. Der Mann rannte entsetzt nach seinen Zelten, versicherte, einen Djenn gesehen zu haben und beschwor seine Leute, die Herden nicht zur Tränke an das Wasser zu führen, in dem der Djenn wohnte, bis endlich Namrūd kam, ihn auslachte und die Sache aufklärte.

Wir kehrten nicht unmittelbar zu den Zelten zurück. Ich war diesen Abend zu Scheich Nahār von den Beni Sachr geladen, demselben, der die Nacht vorher in Namrūds Höhle verbracht hatte, und nach einer Beratung hatten wir uns dahin entschieden, daß selbst eine Person von meiner hohen Würde eine solche Einladung recht wohl annehmen könnte, ohne sich dadurch etwas zu vergeben.

Christliches Zeltlager.

»Im allgemeinen,« fügte Namrūd hinzu, »sollten Sie nur die Zelte großer Scheichs besuchen, sonst könnten Sie Leuten in die Hände fallen, die Sie nur um des Geschenkes willen einladen, das Sie spenden. Nahār gut; er ist ein ehrlicher Mann, obgleich Meskin,« — eine Bezeichnung, die alle Formen leiser Verachtung in sich schließt, mag diese sich nun erstrecken auf unverschuldete Armut, Dummheit oder die ersten Stufen des Lasters.

Der Meskin empfing mich mit der Würde eines Fürsten und geleitete mich an den Ehrenplatz auf dem zerlumpten Teppich zwischen dem viereckigen als Feuerstelle dienenden Loch im Fußboden und der Scheidewand, die das Frauengelaß von dem der Männer trennt. Wir hatten unsre Pferde an die langen Zelttaue gebunden, die dem schwachen Gebäude eine so wunderbare Festigkeit verleihen, und unsre Augen schweiften von unserm Sitzplatz aus nach Osten hin über die Landschaft — Wellenberg und Wellental — sie hob und senkte sich, als atme die Wüste leise und ruhig in der hereinbrechenden Nacht. Die dem Winde abgekehrte Seite eines Araberzeltes ist stets offen; dreht sich der Wind, so nehmen die Weiber die Zeltwand ab und drehen es nach einer anderen Himmelsrichtung; in einem Augenblick ist die Lage verändert, und die Wohnung blickt nach der günstigsten Seite hin. Das Häuschen der Araber ist so klein und leicht, und doch so fest verankert, daß der Sturm ihm wenig anhaben kann. Das grobe Gewebe aus Ziegenhaar quillt in der Feuchtigkeit auf und filzt so zusammen, daß nur fortgesetzter, vom Sturm heftig gepeitschter Regen in die Wohnstätte eindringen kann.

Die Kaffeebohnen waren geröstet und gestoßen, und die Kaffeetöpfe summten am Feuer, als von Osten her drei Reiter kamen und vor dem offnen Zelt hielten. Es waren untersetzte, breitschulterige Männer mit auffallend unregelmäßigen Gesichtern und vorstehenden Zähnen. Während Platz im Kreis um das Feuer gemacht wurde, und die frierenden, durchweichten Männer ihre Hände über die Glut streckten, ging die Unterhaltung ununterbrochen weiter, denn es waren ja nur Scherarātmänner, die herab nach Moab gekommen waren, um Korn zu kaufen, und die Scherarāt sind zwar einer der größten und mächtigsten Stämme und die berühmtesten Kamelzüchter, sind aber von unreinem Blut, und kein Belkaaraber würde in ihren Stamm hineinheiraten. Sie haben keine bestimmten Weideplätze; selbst zur Zeit der großen Sommerdürre durchstreifen sie nur die innere Wüste, unbesorgt darum, daß sie oft tagelang kein Wasser finden. Die Unterhaltung an Nahārs Feuer drehte sich um meine Reise. Ein Suchūrneger, ein kräftiger Mann mit klugem Gesicht, wollte mich sehr gern als Führer in das drusische Gebirge begleiten, gestand aber, daß er sicherlich würde umkehren und fliehen müssen, sobald er das Gebiet jener tapferen Bergbewohner erreichte, denn es besteht unaufhörlich Fehde zwischen den Drusen und den Beni Sachr. Die Negersklaven der Suchūr werden von ihren Herren, die ihren Wert kennen, gut behandelt und genießen, da ein Abglanz von dem Ruhme des großen Stammes, dem sie dienen, auch auf sie fällt, einen gewissen Ruf in der Wüste. Schon war ich halb geneigt, trotz der Aussicht, meinen Neger im ersten Drusendorf möglicherweise als Leiche vor mir zu sehen, sein Anerbieten anzunehmen, als meine Gedanken durch die Ankunft eines neuen Gastes in eine neue Bahn gelenkt wurden. Es war ein großer, junger Mann mit feinem, hübschem Gesicht, ziemlich heller Gesichtsfarbe und langen, fast braunen Locken. Schon bei seiner Annäherung erhoben sich Nahār und die anderen Suchūrscheiche und küßten ihn, noch ehe er das Zelt betrat, jeder auf beide Wangen. Namrūd stand ebenfalls auf und rief ihm entgegen:

»Alles gut? Geb's Gott! Wer ist bei dir?«

Der junge Mann erhob die Hand und erwiderte:

»Gott.«

Er war allein.

Herden der Suchūr.

Ohne die übrige Gesellschaft anscheinend der Beachtung zu würdigen, haftete sein Auge auf den drei Scherarātscheichs, die am Eingang sitzend, Hammelfleisch und Quark aßen, und auf die fremde Frau am Feuer. Mit einem gemurmelten Gruß schritt er in den Hintergrund des Zeltes und schlug die ihm von Nahār dargebotene Speise aus. Es war Gablān, aus der Herrscherfamilie der Da'dja, und zwar ein Vetter des regierenden Scheichs. Wie ich in der Folge herausfand, hatte er erfahren — Neuigkeiten reisen schnell in der Wüste — daß Namrūd einen Führer für einen Fremdling brauchte, und war gekommen, um mich nach seines Onkels Zelten zu geleiten. Es waren nicht mehr als fünf Minuten seit seiner Ankunft vergangen, als Nahār Namrūd etwas ins Ohr flüsterte, worauf der letztere, sich mir zuwendend, vorschlug, daß wir nun, da das Essen vorüber, aufbrechen und Gablān mit uns nehmen wollten. Es überraschte mich, die Abendunterhaltung so kurzerhand abgebrochen zu sehen, aber ich hütete mich, Einwendungen zu machen, und als wir dann über Namrūds Ackerland und den Tneib hinaufsprengten, hörte ich den Grund. Es war Blutfehde zwischen den Da'dja und den Scherarāt. Auf den ersten Blick hatte Gablān die Abkunft der drei Männer erkannt und sich deshalb schweigend in die Tiefe des Zeltes begeben. Er wollte seine Hand nicht mit ihnen in dieselbe Hammelschüssel tauchen. Nahār kannte — wer wollte auch nicht? — die Schwierigkeit der Sachlage, und da er nicht wußte, wie die Scherarāt sich verhalten würden, hatte er uns, aus Furcht vor irgendwelchem Unfall, eilends weggeschickt. Aber am andern Morgen hatte sich die Luft geklärt (bildlich gesprochen, nicht in Wirklichkeit), und der lange Regentag sah die Todfeinde freundschaftlich um Namrūds Kaffeetöpfe in der Höhle sitzen.

Dieser dritte Regentag war mehr, als menschliche Geduld zu ertragen vermochte. Ich hatte mittlerweile ganz vergessen, was es heißt, nicht regenfeucht zu sein, warme Füße und trockne Betten zu haben. Gablān weilte am Morgen eine Stunde bei mir, um zu hören, was ich von ihm wollte. Ich erklärte ihm, daß ich vollständig befriedigt sein würde, wenn er mich so durch die Wüste und bis an den Fuß des Gebirges bringen könnte, daß ich keinen Militärposten zu Gesicht bekäme. Gablān dachte einen Augenblick nach.

»O meine Dame,« sagte er, »glauben Sie, daß Sie mit den Polizeisoldaten in Konflikt kommen könnten? Da will ich meine Flinte mitnehmen.«

Ich erwiderte, daß ich nicht beabsichtigte, der ganzen Soldateska des Sultans den Krieg zu erklären, und daß ich hoffte, mit etwas Vorsicht einen Zusammenstoß vermeiden zu können. Gablān aber meinte, Kriegslist wäre mit einer Kugel beflügelt wirksamer, und beschloß, seine Flinte doch lieber mitzunehmen.

Da ich am Nachmittag nichts Besseres zu tun hatte, sah ich zu, wie die Scherarāt Korn von Namrūd einhandelten. Einen Zeitraum von einigen Tausend Jahren und meine anachronistische Persönlichkeit abgerechnet, hätten es Jakobs Söhne sein können, die nach Ägypten hinabkamen, mit ihrem Bruder Joseph um das Gewicht der Säcke zu feilschen.

Das Korn wurde in einem tiefen, trocknen Felsenloch aufbewahrt und, goldenem Wasser gleich, eimerweise heraufgezogen. Es war zur besseren Konservierung in Spreu aufbewahrt worden und mußte nun zuvörderst am Brunnenrande gesiebt werden, eine Arbeit, die nicht ohne viel und ärgerliches Geschrei vor sich ging. Nicht einmal die Kamele waren ruhig, sondern mischten sich mit Grunzen und Blöken in den Streit, als die Araber sie mit den vollen Säcken beluden. Die Scheichs der Suchūr und der Scherarāt saßen in dem feinen Sprühregen ringsum auf Steinen und murmelten bisweilen: »Gott! Gott!« Dann riefen sie wieder: »Er ist gnädig und barmherzig!« Nicht selten wurde auch das reine Korn wieder unter das ungesiebte geschüttet; dann pflegte sich ungefähr folgende Szene zu entspinnen:

Namrūd: »O du! o du! Knabe! Möge deine Wohnstatt zerstört werden! Mögen deine Tage dir Unheil bringen!«

Römischer Meilenstein.

Beni Sachr: »Bei dem Angesicht des Propheten Gottes! Er sei gebenedeit!«

Die Scherarāt im Chor murmelnd: »Gott! Und Mohammed, der Prophet Gottes! Friede sei mit ihm!«

Eine Person im Schafsfell und in bloßen Füßen: »Kalt, kalt! Wāllah! Regen und Kälte!«

Namrūd: »Still, o Bruder! Steige hinab und ziehe Korn herauf! Es ist warm unten!«

Beni Sachr: »Lob sei Gott, dem Allmächtigen!«

Chor der Kamele: »B-b-b-b-b-dd! G-r-r-o-o-a-a-!«

Kameltreiber: »Still, ihr Verdammten! Möget ihr in den Schmutz gleiten! Gottes Zorn komme über euch!«

Chor der Suchūr: »Gott! Gott! Beim Lichte seines Angesichtes!«

In der Dämmerung ging ich in das Dienerschaftszelt und fand Namrūd, der bei dem Feuer, an dem mein Essen kochte, mit leiser Stimme Geschichten von Mord und Raub erzählte.

»In den Tagen meiner Kindheit,« sagte er (und diese Tage lagen noch nicht weit zurück), »konnte man nicht einmal das Ghor in Ruhe überschreiten. Aber ich hatte ein Pferd, das ging! — Wāllah! wie es ging! Zwischen Sonnenaufgang und -untergang trug es mich von Mezerīb nach Salt, ohne seinen Schritt zu wechseln. Überdies war ich allen Ghawārny (Eingeborenen des Ghor) bekannt. Und eines Nachts mußte ich nach Jerusalem reiten — ich mußte, ob ich wollte oder nicht. Der Jordan hatte wenig Wasser, und ich überschritt ihn an der Furt, denn es gab damals noch keine Brücke. Und als ich an das andere Ufer kam, hörte ich Schreien und das Aufklatschen von Kugeln. Über eine Stunde hielt ich mich in dem Tamariskengebüsch verborgen, bis der Mond unter war; dann ritt ich vorsichtig weiter. Am Anfang der Schlammhänge machte mein Pferd plötzlich einen Seitensprung; ich sah hinunter und erblickte den Körper eines Menschen — nackt und mit Messerstichen bedeckt. Er war ganz tot. Und als ich noch hinabstarrte, sprangen sie hinter den Schlammhängen hervor, zehn Reiter, und ich nur einer. Ich retirierte nach dem Dickicht zu und feuerte meine Pistole zweimal ab, aber sie umringten mich, zogen mich vom Pferde und banden mich. Danach wurde ich wieder hinaufgesetzt und fortgeführt. Und als sie an ihren Rastort kamen, berieten sie, ob sie mich töten sollten, und einer sprach: »Wāllah! macht doch ein Ende!« Er kam heran und sah mir ins Gesicht. Es dämmerte. »Es ist Namrūd,« sprach er, denn er kannte mich, und ich war ihm einmal zu Hilfe gekommen. Da machten sie mich los und ließen mich gehen, und ich ritt nach Jerusalem.«

Die Maultiertreiber und ich lauschten mit atemloser Aufmerksamkeit einer Erzählung nach der anderen.

»Es herrschen gute und schlechte Gebräuche unter den Arabern,« sagte Namrūd, »aber der guten sind viele. Wenn eine Blutfehde zu Ende gebracht werden soll, begeben sich die beiden Feinde zusammen in das Zelt des Klägers. Der Herr des Zeltes entblößt sein Schwert, wendet sich nach Süden zu und zieht, unter Anrufung des Namens Gottes, einen Kreis auf den Fußboden. Dann nimmt er einen Streifen von der Zeltwand sowie eine Hand voll Asche vom Herde, wirft beides in den Kreis und schlägt siebenmal mit dem bloßen Schwerte auf den Strich. Nun springt der Angeklagte in den Kreis, und einer der Anverwandten seines Widersachers ruft mit lauter Stimme: »Ich nehme den Mord, den er verübt, auf mich!« Damit ist der Friede hergestellt. O meine Dame, die Frauen dieses Stammes erfreuen sich großer Macht, und die Mädchen sind sehr angesehen. Denn wenn eines sagt: ‚Ich möchte den und den zum Gatten haben,’ so muß er sie heiraten, will er nicht Schande auf sich laden. Und hat er schon vier Frauen, so soll er sich lieber von einer scheiden lassen und an ihrer Stelle die heiraten, die seiner begehrt. Denn so verlangt es die Sitte bei den Arabern.«

Danach wandte sich Namrūd zu meinem drusischen Maultiertreiber und fuhr fort:

»O Mohammed, hüte dich! Die Zelte der Suchūr sind nahe, und es herrschte nie Friede zwischen den Beni Sachr und den Drusen. Kennten sie dich, sie würden dich sicherlich töten — nein, nicht nur töten, sondern dich lebendig verbrennen, ohne daß die Dame oder auch ich dich schützen könnten.«

Das warf kein günstiges Licht auf den Charakter meines Freundes Nahār, der gegen ein Tuch Gastfreundschaft mit mir ausgetauscht hatte, und die kleine Gruppe am Feuer war denn auch infolge dieser Mitteilung etwas gedrückt. Aber Michaïl war der Situation gewachsen.

»Lassen sich Ew. Exzellenz nicht beunruhigen,« sagte er, sein gedünstetes Gemüse zierlich anrichtend, »bis wir das Drusengebirge erreichen, soll er ein Christ sein und nicht Mohammed, sondern Tarif heißen, welches ein bei den Christen üblicher Name ist.«

So bekehrten und tauften wir den erstaunten Mohammed, noch ehe die Kottelets aus der Pfanne genommen werden konnten.