Fünfzehnter Auftritt.

Die Vorigen ohne Stefan.

Nikolai (zum Priester). Also, welchen Eindruck hat das Buch auf Sie gemacht?

Priester (erregt). Wie soll ich sagen: die historische Seite ist genügend berücksichtigt, aber ganz zuverlässig, völlig überzeugend wirkt das Ganze nicht, weil das Material nicht genügt. Die Göttlichkeit oder Nichtgöttlichkeit Christi kann man historisch nicht beweisen; es gibt nur einen unwiderleglichen Beweis …

(Während der Unterhaltung entfernen sich zunächst die Damen, dann auch Peter Semjonowitsch. Es bleiben nur der Priester und Nikolai Iwanowitsch.)

Nikolai. Sie meinen die Kirche?

Priester. Nun gewiß doch, die Kirche, das Zeugnis zuverlässiger, heiliger Männer.

Nikolai. Allerdings wäre es schön, wenn solch eine sündlose Gemeinschaft existierte, der man glauben könnte. Sogar sehr wünschenswert. Daß etwas wünschenswert ist, beweist aber noch nicht, daß es existiert.

Priester. Ich denke doch, gerade das beweist es. Gott konnte seine Gebote nicht der Möglichkeit aussetzen, daß sie verdreht, entstellt, falsch gedeutet wurden, sondern mußte eine Hüterin seiner Wahrheiten einsetzen, die dafür sorgte, daß sie rein erhalten blieben.

Nikolai. Schön. In diesem Falle müssen Sie aber nicht nur die Wahrheiten selbst, sondern auch die Daseinsberechtigung ihrer Hüterin beweisen.

Priester. Daran muß man eben glauben.

Nikolai. Gewiß muß man glauben; ohne Glauben kommt man nicht aus. Aber nicht an das muß man glauben, was andere einem sagen, sondern an das, was die eigenen Gedanken, die eigene Vernunft einem zeigen … Dahin gehört der Glaube an Gott, an ein wahres, ewiges Leben.

Priester. Die Vernunft kann trügerisch sein; jeder hat seine eigene Vernunft.

Nikolai (leidenschaftlich). Das ist eine schreckliche Gotteslästerung! Nur dieses eine heilige Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit, das einzige, das uns alle vereinigen kann, hat Gott uns gegeben. Und dabei glauben wir nicht daran!

Priester. Wie kann man auch, wo so viele Meinungsverschiedenheiten existieren.

Nikolai. Wo sind die! Daß zweimal zwei vier ist; daß man einem anderen nicht zufügen darf, was man sich selbst nicht wünscht; daß alles in der Welt eine Ursache hat und ähnliche Wahrheiten anerkennen wir alle, weil sie mit unserer Vernunft übereinstimmen. Daß aber Gott sich auf dem Berge Sinai Moses geoffenbart, daß Buddha auf einem Sonnenstrahl davongeflogen, oder Mohammed gen Himmel gefahren und Christus ebenfalls – in diesen und ähnlichen Dingen sind wir alle verschiedener Meinung.

Priester. Nein, die in der Wahrheit sind, sind nicht verschiedener Meinung. Wir sind alle eins in dem einen Glauben an Gott, Christus.

Nikolai. Nicht einmal darin sind wir einig. Und dann: warum soll ich Euch mehr glauben als einem buddhistischen Lama? Nur, weil ich in Eurem Glauben geboren bin?

(Streit zwischen den Tennisspielern. Eine Stimme ruft: »Out!« – »Nein, nicht outWanja: »Ich hab’ es gesehen!« – Während der Unterhaltung räumt ein Diener den Tisch auf und bringt wieder Tee und Kaffee.)

Nikolai. Sie sagen: die Kirche führt die Einigung herbei. Im Gegenteil: die schrecklichste Zwietracht ist stets von der Kirche ausgegangen. »Wie oft wollte ich euch sammeln, wie eine Henne die Küchlein …«

Priester. Das war vor Christus; Christus aber hat alle versammelt.

Nikolai. Wohl hat Christus alle versammelt, wir aber haben sie wieder zerstreut, weil wir ihn verkehrt verstanden haben. Er hat alle Kirchen zerstört.

Priester. Wie stimmt dazu das: »Sag es der Kirche.«

Nikolai. Es kommt nicht auf Worte an. Diese Worte sagen übrigens gar nichts über die Kirche. Ausschlaggebend ist der Geist einer Lehre. Die Lehre Christi ist für die ganze Welt bestimmt, schließt alle Bekenntnisse in sich und läßt keine Sonderheiten, nichts Ausschließliches zu; keine Auferstehung, keine Gottheit Christi, keine Sakramente – nichts, was die Menschen voneinander trennt.

Priester. Das ist denn doch wohl nur Ihre Auslegung der christlichen Lehre. Diese Lehre selbst aber fußt durchaus auf der Gottheit und Auferstehung.

Nikolai. Das ist ja gerade das Schreckliche an den Kirchen. Eben dadurch säen sie Zwietracht, daß sie im Besitz der vollen, unzweifelhaften, unfehlbaren Wahrheit zu sein behaupten. »Uns und dem Heiligen Geist hat es gefallen« … Das begann schon bei der ersten Versammlung der Apostel. Seit der Zeit trat man mit der Behauptung auf, im Besitz der völligen, ausschließlichen Wahrheit zu sein. Wenn ich nämlich sage, es gibt einen Gott, einen Ursprung der Welt, werden alle mir beipflichten. Dieses Bekenntnis vereint uns. Wenn ich aber sage, es gibt einen Gott Brahma, oder einen Gott der Juden, oder eine Dreieinigkeit – so bewirkt eine solche Gottheit Zwietracht. Die Menschen trachten nach Vereinigung und gebrauchen, um sie herbeizuführen, alle möglichen Mittel. Vergessen aber das eine, Unzweifelhafte: Streben nach Wahrheit. In der Art, wie wenn Menschen, die in einem ungeheuren Gebäude, in das das Licht von oben in die Mitte fällt, sich vereinigen wollen, und nun in den Ecken sich versammeln, anstatt alle zusammen zum Licht zu wandeln, wo sie ohne viel Nachdenken vereint werden.

Priester. Wie kann man aber das Volk ohne ganz bestimmte – nun sagen wir: Wahrheiten leiten?

Nikolai. Das ist wieder das Schreckliche. Wir, jeder von uns muß selbst seine Seele retten, selbst Gottes Werk tun; statt dessen bemühen wir uns, andere zu retten und zu unterweisen. Und was bringen wir ihnen bei? Es ist fürchterlich, daran zu denken. Jetzt, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, lehren wir, Gott hätte die Welt in sechs Tagen geschaffen, dann die Sintflut geschickt, alle Tiere in die Arche gesperrt, und alle Dummheiten und Garstigkeiten des Alten Testamentes. Dann, Christus habe geboten, alle mit Wasser zu taufen oder an den Unsinn und das Abscheuliche einer Erlösung zu glauben, ohne die niemand selig werden könne, und sei dann in den Himmel geflogen und säße dort, im Himmel, der nicht existiert, zur Rechten des Vaters. Wir haben uns an all diese Dinge gewöhnt, sie sind aber schrecklich. Ein frisches, für alles Gute und die Wahrheit empfängliches Kind fragt uns, was die Welt sei und welche Gesetze sie regierten? und anstatt ihm die überlieferte Lehre der Liebe und Wahrheit mitzuteilen, geben wir uns alle erdenkliche Mühe, den schrecklichsten Unsinn einzutrichtern. Das ist fürchterlich. Das ist das schlimmste Verbrechen, das es gibt. Und wir und Sie, samt Ihrer Kirche, begehen ununterbrochen dieses Verbrechen. Verzeihen Sie.

Priester. Ja, wenn man die christliche Lehre so, sagen wir: rationalistisch auffaßt, mag das der Fall sein.

Nikolai. Wie man sie auch auffaßt, es ist und bleibt so.

(Schweigen.)

Alexandra (tritt ein).