Vierzehnter Auftritt.
Die Vorigen ohne Missi.
Alexandra. Nun, sind die Bauern schuldig?
Nikolai (setzt sich an den Tisch, trinkt hastig Tee und ißt etwas dazu).
Alexandra. Sind sie verurteilt?
Nikolai. Gewiß sind sie verurteilt; haben ja alles zugegeben. (Zum Priester.) Ich habe mir gedacht, daß Renan Sie nicht überzeugen würde …
Alexandra. Du bist aber mit dem Urteil nicht einverstanden?
Nikolai (ärgerlich). Natürlich nicht. (Zum Priester.) Für Sie handelt es sich nicht um die Gottheit Christi und nicht um die Geschichte des Christentums, sondern um die Kirche …
Alexandra. Was heißt das: die Bauern geben ihre Schuld zu, und du widerlegst ihre Aussagen? Sie haben das Holz wohl nicht gestohlen, sondern einfach genommen?
Nikolai (beginnt wieder mit dem Geistlichen zu reden, wendet sich dann aber energisch an Alexandra Iwanowna). Liebe Aline, laß mich endlich mit deinen Sticheleien und Anspielungen in Ruhe.
Alexandra. Aber ich habe doch gar nicht …
Nikolai. Wenn du ernstlich wissen willst, weshalb ich wegen des Holzes, das sie nötig hatten, mit den Bauern nicht prozessieren kann …
Alexandra. Vielleicht haben sie diesen Samowar auch nötig …
Nikolai. Also, wenn du wirklich wissen willst, weshalb ich es nicht zulassen kann, daß diese Leute ins Gefängnis wandern, weil sie in dem Walde, der als meiner gilt, zehn Bäume gefällt haben …
Alexandra. Er gilt nicht als deiner, er ist es!
Semjonowitsch. Schon wieder Streit!
Nikolai. Ja, selbst wenn es, was ich nie zugeben kann, mein von allen anerkanntes Eigentum ist, so besitze ich neunhundert Morgen Wald, auf jeden Morgen kommen zirka fünfhundert Bäume, macht vierhundertfünfzigtausend Bäume, nicht wahr? Zehn von diesen, das heißt ein Fünfundvierzigtausendstel, haben sie gefällt. Nun frage ich: lohnt es sich, darf man wegen solcher Lappalie jemanden von seiner Familie losreißen und ins Gefängnis werfen?
Stefan. Ja; wenn sie aber wegen dieses einen Fünfundvierzigtausendstel nicht bestraft werden, hauen sie die übrigen vierundvierzigtausendneunhundertneunundneunzig Fünfundvierzigtausendstel auch bald um!
Nikolai. Ich sage das nur der Tante. Tatsächlich habe ich gar kein Recht auf diesen Wald. Der Grund und Boden gehört allen gemeinsam, kann also nicht Eigentum eines einzelnen sein. Wir haben auf diesen Grund und Boden keine Arbeit verwandt.
Stefan. Du hast ihn doch aber in Stand gehalten, bewachen lassen …
Nikolai. Wie habe ich denn das gemacht? Hab’ doch nicht selbst die Arbeit getan … Aber das läßt sich nicht beweisen. Wenn jemand nicht fühlt, wie schändlich es ist, einen andern zu ruinieren …
Stefan. Das tut ja niemand.
Nikolai. Genau so, wie man jemandem, der sich nicht schämt, ohne eigene Tätigkeit die Arbeit anderer zu benutzen, das nicht beweisen kann. Und die ganze Nationalökonomie, die du auf der Universität studiert hast, ist nur dazu da, um die sozialen Zustände, in denen wir leben, zu rechtfertigen.
Stefan. Im Gegenteil: die Wissenschaft beseitigt alle vorgefaßten Meinungen.
Nikolai. Übrigens lege ich darauf nicht viel Wert. Für mich ist wichtig, zu wissen, daß ich an Stelle der Bauern genau so gehandelt hätte und verzweifeln würde, wenn man mich dafür ins Gefängnis würfe. Da ich nun gegen andere so handeln muß, wie ich selbst behandelt werden möchte, kann ich sie unmöglich schuldig sprechen, sondern muß alles tun, was ich kann, um sie frei zu bekommen.
| Semjonowitsch. Wenn das richtig ist, darf man überhaupt nichts besitzen. Alexandra. Dann ist Stehlen weit vorteilhafter als Arbeiten. Stefan. Du gehst nie auf meine Argumente ein. Ich sage, wer Aufwendungen für einen Gegenstand macht, erwirkt dadurch ein Anrecht auf seine Benutzung. |
(Alle gleichzeitig.) |
Nikolai (lächelnd). Ich weiß nicht, wem ich zuerst antworten soll. (Zu Peter Semjonowitsch.) Man darf auch nichts besitzen.
Alexandra. Wenn man nichts besitzen darf, darf man auch keine Kleidung, kein Brot haben, sondern muß alles hingeben und darf überhaupt nicht leben.
Nikolai. Man darf auch nicht so leben wie wir jetzt.
Stefan. Das heißt, den Tod vorziehen. Folglich taugt diese Lehre nicht für das Leben.
Nikolai. Im Gegenteil: sie gilt nur für das Leben. Ja, man muß alles hingeben. Das heißt, nicht den Wald, den man nicht benutzt und niemals sieht, sondern Kleidung und Nahrung muß man hingeben.
Alexandra. Auch die der Kinder?
Nikolai. Auch die. Und nicht nur Kleidung und Nahrung muß man hingeben, sondern sich selbst. Darin besteht die ganze Lehre Christi. Alle Kraft muß man darauf verwenden, sich völlig hinzugeben.
Stefan. Das heißt mit anderen Worten: sterben.
Nikolai. Wenn du für deine Freunde stirbst, so ist das schön für dich wie für sie. Freilich ist der Mensch nicht nur Geist, sondern Geist im Fleische. Das Fleisch aber, der Körper, trachtet danach, für sich zu leben, während der aufgeklärte Geist für Gott, für andere lebt. Unser aller Leben ist kein tierisches, sondern es liegt auf der Mittellinie, und je näher es dem göttlichen kommt, um so besser ist es. Deswegen müssen wir möglichst nach Gott trachten; der Leib sorgt schon für sich selbst.
Stefan. Wozu denn aber die Mittellinie? Wenn schon solches Leben gut ist, muß man eben alles hingeben und sterben.
Nikolai. Gewiß; das ist sehr schön. Bemüh dich, trachte danach, so wird dir wohl sein und andern.
Alexandra. Nein, das ist unklar, durchaus nicht einfach, sondern an den Haaren herbeigezogen.
Nikolai. Was soll ich dazu sagen. Mit Worten läßt sich das nicht erklären. Übrigens – genug davon.
Stefan. Ja, wirklich genug. Ich verstehe es auch nicht. (Er geht ab.)