12. Ljubotschka.

Mama hörte auf zu spielen. Ich erwachte, schob den Kopf hinter der Sessellehne hervor und sah, daß Mama auf derselben Stelle saß, aber nicht mehr spielte, sondern horchte. Aus dem Saal drang lautes Weinen.

»Ach Gott!« rief Mama, »sicher ist eins von den Kindern zu Schaden gekommen!« Damit stand sie vom Klavierbock auf und lief fast in den Saal.

Ljubotschka saß zwischen zwei Stühlen auf dem Fußboden; über ihr Gesicht flossen Blut und Tränen. Wolodja und Katja standen mit erschreckten Gesichtern neben ihr.

»Was ist? Wo tut es dir weh? Sag, was ist mit dir! Liebling, Ljubotschka, Herzblatt, mein Engel!« rief Mama besorgt und selbst dicht vor dem Weinen. Als sie die Hand fortnahm, mit der Ljubotschka ihre Nase hielt, sah man, wie Mama sich freute, als sie wahrnahm, daß das Blut aus der Nase kam und daß nichts Ernstliches passiert war. Sofort änderte sich ihre Miene und sie fragte Wolodja strenge: »Wie ist das gekommen?«

Wolodja erklärte, Ljubotschka hätte einen Hasen gemacht und sei schon ganz weit fort gewesen, da wäre sie plötzlich gestolpert und mit der Nase gegen einen Stuhl gefallen.

»So, so,« sagte Mama und hob Ljubotschka auf. »Das wird dir eine Lehre sein, daß du nicht mehr so läufst wie eine Wahnsinnige. Geh ins Gastzimmer, Liebling, hast genug getollt.«

Ljubotschka ging vorauf; hinter ihr Mama; dann folgten wir drei.

Ljubotschka schluchzte noch immer, und dieses Schluchzen glich sehr einem Rülpsen. Aus den Augen flossen Tränen, aus der Nase Blut, aus dem Munde Speichel; beim Abwischen mit dem Taschentuch schmierte sie das alles über das ganze Gesicht. Die Füße setzte sie stets wie eine Gans; jetzt war ihr breitbeiniger Gang noch komischer – ich habe eine so klägliche und gleichzeitig lächerliche Gestalt nie wieder gesehen. Sogar Mama deutete beim Umblicken nach uns lächelnd auf Ljubotschka.

»Ihr könnt weiter spielen,« sagte sie zu uns.

Wolodja aber erwiderte, ohne Ljubotschka könnten wir unmöglich Hasen spielen, und so gingen wir alle ins Gastzimmer.

»Setz dich und ruh dich aus,« sagte Mama zu Ljubotschka und wischte ihr die Nase mit Essig und Wasser ab. »Weil du Dummheiten gemacht hast, stehst du nicht eher wieder auf, bis du die Lektion kannst, die Mimi dir aufgeben wird.«

Mimi gab der immer noch weinenden Ljubotschka eine Häkelnadel und eine fünf Ellen lange Aufgabe.

Gewöhnlich, wenn jemand von uns etwas ausgefressen hatte, wurden wir alle bestraft, indem man uns anempfahl, uns hinzusetzen und auszuruhen. Heute dagegen erlaubte Mama uns zu spielen, woraus ich schloß, daß heute der letzte Abend sei, wo wir zusammen wären, und Mama uns keinen Kummer machen wollte – als wenn sie uns Kummer machen könnte.

Jetzt kam Papa mit Karl Iwanowitsch aus dem Arbeitszimmer.

Karl Iwanowitsch ging nach oben, Papa aber kam mit heiterer Miene ins Gastzimmer, ging auf Mama zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: »Weißt du, was ich soeben beschlossen habe?«

»Nun?«

»Ich behalte Karl Iwanowitsch bei den Kindern. Im Wagen ist noch Platz; sie haben sich an ihn und er an sie gewöhnt; siebenhundert Rubel jährlich spielen schließlich keine Rolle. Est puis, au fond, c'est un bon diable,« fügte er hinzu.

»Das freut mich sehr, der Kinder wie seinetwegen. Er ist ein prächtiger Alter,« sagte Mama.

»Wenn du gesehen hättest, wie gerührt er war, als ich ihm sagte, er möchte die fünfhundert Rubel als Geschenk betrachten. Das Komischste ist aber die Rechnung, die er mir brachte; die mußt du sehen!« Damit gab Papa ihr ein Schriftstück von Karl Iwanowitschs Hand. Reizend!

Dieses der Inhalt des Schriftstückes:

Zwei Ampeln für die Kinder–.70Rubel
Buntes Papier, Goldrand, Kleister und die Holzform für die Schachtel6.55"
Ein Buch und ein Flitzebogen als Geschenk für die Kinder8.16"
Leinkleid für Nikolas4.—"
Die vom gnädigen Herrn in Moskau 18 versprochene goldene Uhr140.—"
Also bleiben für Karl Mauer außer dem GehaltSa. 159.41Rubel

Wer diese Rechnung liest, in der Karl Iwanowitsch alles für Geschenke verausgabte Geld und sogar Zahlung für ein ihm versprochenes Geschenk verlangt, wird sicher glauben, Karl Iwanowitsch sei ein gefühlloser eingefleischter Egoist. Und doch würde man irren.

Als er mit dem Schriftstück in der Hand und der vorbereiteten Rede im Kopf in das Arbeitszimmer trat, war seine Absicht, Papa in schöngesetzten Worten alle Ungerechtigkeiten vorzuhalten, die er in unserem Hause erlitten hatte. Als er dann aber mit der rührenden Stimme und ausdrucksvollen Betonung, mit der er uns diktierte, zu sprechen begann, wirkte seine Beredsamkeit am stärksten auf ihn selbst, und als er an die Stelle kam, wo es hieß: »So schwer es mir auch wird, mich von den Kindern zu trennen,« kam er ganz aus dem Text, seine Stimme schlug über, und er mußte sein gewürfeltes Taschentuch herausnehmen.

»Ja, gnädiger Herr Peter Alexandrowitsch,« sagte er unter Tränen (diese Stelle kam in der vorbereiteten Rede gar nicht vor), »ich habe mich so an die Kinder gewöhnt, daß ich nicht weiß, was ich ohne sie anfangen soll. Lieber werde ich ohne Gehalt bei ihnen bleiben,« schloß er, mit der einen Hand die Tränen abtrocknend und mit der anderen die Rechnung überreichend.

Daß Karl Iwanowitsch in diesem Augenblick aufrichtig sprach, kann ich bestätigen, da ich sein gutes Herz kenne; wie aber die Rechnung zu seinen Worten stimmte, bleibt für mich ein Rätsel.

»Wenn es Ihnen schwer wird, so wird mir die Trennung von Ihnen noch schwerer,« sagte Papa, ihn auf die Schulter klopfend, »ich habe es mir jetzt anders überlegt.«

»Was ist denn das?« meinte Papa, Ljubotschkas blaue Nase und verweinte Augen bemerkend. »Wir haben wohl einen Streich begangen?«

Ljubotschka hatte sich schon fast ganz beruhigt; sobald sie aber bemerkte, daß die allgemeine Aufmerksamkeit sich ihr zuwandte, brach sie wieder in Tränen aus.

»Laß sie, Liebster,« sagte Mama, »sie muß ihre Arbeit fertigmachen.«

Papa nahm die Häkelnadel aus Ljubotschkas Händen und begann selbst zu häkeln.

»Zu zweien werden wir eher fertig; noch besser: wir bitten um Verzeihung,« er faßte sie an der Hand. »Komm!«

Ljubotschka hörte auf zu weinen, ging zu Mama und wiederholte die Worte, die Papa ihr ins Ohr flüsterte.

»Heute ist der letzte Abend, Mama, daß wir … ich und Papa … will … also … verzeih … uns … sonst … will er … mich nicht mehr … liebhaben … wenn ich … weine.«

»Verzeih uns,« sagte auch Papa und natürlich geschah das.

Kurz vor dem Abendessen kam Grischa ins Zimmer. Seitdem er unser Haus betreten, hatte er unaufhörlich geseufzt und geweint, so daß nach Ansicht derer, die an seine Prophetengabe glaubten, unserem Hause sicher ein Unglück bevorstand.

Jetzt nahm er Abschied und sagte, er würde morgen früh weiterwandern. Ich blinzelte Wolodja zu und ging zur Tür.

»Was denn?«

»Wenn ihr Grischas Ketten sehen wollt, so kommt schnell ins Leutezimmer nach oben; Grischa schläft im zweiten Zimmer; wir können nebenan im Verschlag sitzen, da sehen wir alles.«

»Famos! Wart hier, ich will die Mädchen rufen.«

Die Mädchen kamen herausgelaufen und wir begaben uns nach oben. Da wurde zunächst gestritten, wer zuerst in das dunkle Loch gehen sollte; dann setzten wir uns und warteten.