13. Grischa.
Wenn es auch niemand zugab, so gruselte uns allen doch in der Dunkelheit, und wir rückten dicht nebeneinander. Nicht lange hatten wir gewartet, da trat Grischa mit seinem Stab in der einen und einem Talglicht im Messingleuchter in der anderen Hand leise ins Zimmer. Wir wagten kaum zu atmen.
Unaufhörlich betete Grischa: »Erbarme dich unser, Herr Jesus Christ, heil'ge Mutter Gottes« mit verschiedenen Betonungen und Abkürzungen, wie sie nur diejenigen gebrauchen, die die Worte häufig aussprechen. Unter Beten stellte er seinen Stab in die Ecke, besah das Bett und begann sich auszukleiden. Zunächst wickelte er seinen alten schwarzen Gürtel los und zog dann den zerrissenen langen Nangkingrock aus, faltete ihn zusammen und legte ihn über die Stuhllehne – alles das geschah mit Sorgfalt, langsam. Sein Gesicht sah jetzt nicht wie gewöhnlich zerfahren, unruhig und stumpfsinnig aus, sondern war im Gegenteil ruhig, achtunggebietend und nachdenklich.
Nur noch mit dem Hemd bekleidet, ließ er sich langsam auf das Bett nieder und zog, wie man sehen konnte, mit Anstrengung – denn er verzog das Gesicht dabei – die Ketten unter dem Hemde hoch. Nachdem er einen Augenblick gesessen hatte, stand er auf, hob unter Gebet das Licht bis zur Höhe des Heiligenschreins, in dem ein paar Bilder standen, bekreuzigte sich und kehrte das Licht mit der Flamme nach unten. Es verlosch knisternd.
In die nach dem Walde zu gelegenen Fenster schien der Vollmond. Auf der einen Seite sah man die vom Mondlicht beschienene Gestalt des Pilgers, auf der anderen Seite einen langen Schatten, der mit dem des Heiligenschreins auf den Fußboden und die Wand fiel und bis zur Decke reichte. Draußen klopfte der Wächter gegen die Eisenplatte.
Grischa kreuzte die Arme über der Brust, senkte den Kopf und seufzte unaufhörlich; endlich sank er mühsam auf die Knie und begann zu beten; anfangs leise, nur einige Worte hervorhebend, dann mit stets zunehmender Erregung. Er sprach keine bekannten Gebete mehr, – die hatte er bereits hergesagt – sondern gebrauchte seine eigenen, einfachen, kunstlosen Worte mit slawischen Endungen. Er betete für sich, bat, Gott möge ihm verzeihen, betete für Mama, für uns und schloß: »Gott, vergib meinen Feinden.« Dann erhob er sich ächzend, wiederholte immer dieselben Worte, fiel auf den Fußboden nieder, schlug mit der Stirn auf die Dielen und richtete sich mit den schweren Ketten, die beim Berühren des Bodens laut klirrten, wieder auf.
Wolodja kniff mich ins Bein und zwar sehr heftig; ich sah mich aber nicht um, sondern rieb mir mit der Hand das Bein und verfolgte mit einem Gefühl kindlichen Erstaunens, Mitleids und frommer Rührung alles, was da nebenan geschah.
Statt der lustigen Scherze und des Lachens, auf die ich in dem Versteck gerechnet hatte, fühlte ich Zittern und Herzklopfen.
Lange, lange blieb Grischa in diesem Zustand religiöser Verzückung und sprach seine selbsterfundenen Gebete. Die Worte waren einfach, aber rührend. Bald wiederholte er mehrmals hintereinander: »Herr, erbarme dich unser! Herr, erbarme dich unser!« aber jedesmal mit neuer Inbrunst und anderem Ausdruck – bald betete er: »Verzeih mir, Gott! Zeig mir, was ich tun soll; zeig mir, was ich tun soll! mein Gott!« mit einem Ausdruck, als wenn er mit jemandem spräche und sofort eine Antwort erwartete. Dann wieder ertönte klägliches Schluchzen. Endlich erhob er sich auf die Knie, kreuzte die Arme auf der Brust, richtete die Augen gen Himmel und verstummte.
Ich schob langsam den Kopf durch die Tür und blickte mit verhaltenem Atem auf Grischa. Er rührte sich nicht; aus seiner Brust drang schweres Stöhnen; sein blindes Auge wurde vom Mond beschienen, der trübe, weißfarbene Augapfel war feucht und an den Wimpern hing eine Träne.
»Dein Wille geschehe!« rief er plötzlich mit nicht wiederzugebendem Ausdruck, fiel mit der Stirn auf den Boden und schluchzte wie ein Kind.
Viel Wasser ist seitdem zu Tal geflossen; viele Erinnerungen haben ihre Bedeutung verloren und sind leere Träume geworden; sogar der Pilger Grischa hat längst seine letzte Pilgerfahrt beendet – der Eindruck aber, den er auf mich machte, und das Gefühl, das er in mir hervorrief, werden niemals aus meinem Gedächtnis schwinden.
O, du großer Christ Grischa! Wie stark war dein Glaube! Du wußtest, daß Gott dich hört; deine Liebe war so groß, daß die Worte von selbst über deine Lippen strömten – du hast sie nicht mit dem Verstand abgewogen. Und welch hohes Lob warst du für Seine Größe, als du ohne Wort dich in Tränen auf den Boden warfst! …