15. Natalie Sawischna.

Mitte des vorigen Jahrhunderts lief im Dorfe Chabarowka in einem dunklen Kleidchen vom Kaufmann Satrapesnikow ein barfüßiges, lustiges, dickes, rotbäckiges Mädchen umher – das war Natascha. Wegen der Verdienste und auf Bitten ihres Vaters, des Klarinettenbläsers Sawwa, nahm mein Großvater sie unter die weiblichen Dienstboten Großmamas auf. Als Stubenmädchen zeichnete Natascha sich durch Bescheidenheit und Pflichteifer aus. Als Mama geboren wurde und eine Wärterin nötig war, fiel dieses Amt Natalie zu. Auch in dieser neuen Tätigkeit erntete sie Lob und Belohnungen wegen ihrer Treue und Anhänglichkeit an die junge Herrin. Aber die zärtlichen blauen Augen, der gepuderte Kopf und die wohlgeformten Beine in Schnallenschuhen, im Verein mit den Liebkosungen und heimlichen Anträgen des Dieners Foka raubten dem jungen unerfahrenen Ding die Herzensruhe und veranlaßten sie zu einem Schritt, der ihre Zukunft für immer verderben konnte: sie bat um Erlaubnis, Foka heiraten zu dürfen. Großvater wurde zornig auf Natalie und verbannte sie ins Dorf Beresowka auf den Viehhof. Nach dreijähriger Verbannung wurde Natalie, da niemand sie bei der Mutter ersetzen konnte, zurückgerufen. Mit schuldiger Miene erschien sie vor Großpapa, erklärte, sie wüßte selbst nicht, wie sie zu einer solchen Dummheit gekommen sei und bat um Verzeihung.

Von da ab wurde aus Natascha eine Natalie Sawischna, und außerdem trug sie ein Häubchen. Fokas Blicke beunruhigten ihr Herz nicht mehr – den ganzen Vorrat von Liebe, den sie besaß, übertrug sie auf ihre Herrschaft, besonders auf Mama.

Als Großmutter dann eine Gouvernante engagierte, erhielt sie die Schlüssel zur Vorratskammer und ihr wurden die Wäsche und alle Haushaltungsgegenstände anvertraut. Überall sah sie Verschwendung, Verlust und Mißbrauch des Herrschaftsgutes und suchte mit allen Mitteln dagegenzuwirken. Von dem früheren Verhältnis zu Foka war nicht mehr die Rede; im Gegenteil, als Büfettier war er ihrem Zorn mehr als andere ausgesetzt.

Als Mama heiratete, wollte sie Natalie Sawischna für ihre zwanzigjährigen Dienste und ihre Anhänglichkeit danken, rief sie zu sich, drückte ihr in schmeichelhaften Worten ihre Erkenntlichkeit und Liebe aus und händigte ihr einen Stempelbogen ein, laut welchem Natalie Sawischna die Freiheit erhielt. Gleichzeitig teilte sie ihr mit, sie würde, einerlei ob sie in unserem Hause weiterdiente oder nicht, eine jährliche Pension von dreihundert Rubeln erhalten.

Natalie Sawischna hörte alles schweigend mit an, dann nahm sie den Freibrief, starrte ihn ärgerlich an, murmelte etwas vor sich hin und lief, die Tür hinter sich zuschlagend, aus dem Zimmer. Da Mama den Grund dieses Benehmens nicht begriff, ging sie etwas später in Natalies Zimmer. Diese saß mit verweinten Augen auf ihrem Koffer, drehte das Schnupftuch zwischen den Fingern und blickte unverwandt auf die Fetzen des zerrissenen Freibriefes vor ihr auf dem Fußboden.

»Was ist mit dir, liebe Natalie?« fragte Mama fassungslos und ergriff ihre Hand.

»Nichts, Mütterchen,« erwiderte sie, kaum die Tränen zurückhaltend, »ich bin Ihnen wohl zuwider geworden, daß Sie mich aus dem Hause jagen. Gut, ich gehe schon.«

Sie riß ihre Hand los und wollte das Zimmer verlassen. Aber Mama hielt sie zurück, umarmte sie und beide brachen in Tränen aus.

Solange ich etwas von mir weiß, erinnere ich mich auch an Natalie Sawischna und ihre Liebe und Zärtlichkeit; aber erst jetzt weiß ich sie zu schätzen – damals kam mir nie in den Sinn, welch seltenes, wunderbares Geschöpf diese Alte war. Sie sprach nicht nur niemals von sich, sondern dachte auch niemals an sich: ihr ganzes Leben war Liebe und Aufopferung; deswegen legte ich mir auch niemals die Frage vor, ob sie glücklich und zufrieden sei. Ich war an ihre uneigennützige, zärtliche Liebe zu uns so gewöhnt, daß ich nie auf den Gedanken kam, es könne anders sein und ihr innerlich nie dankte.

Bisweilen lief man unter dem Vorwande eines Bedürfnisses aus der Schulstunde in ihr Zimmer, ließ sich da nieder und träumte und sprach mit sich selbst, ohne sich durch ihre Anwesenheit geniert zu fühlen. Stets war sie beschäftigt. Sie zählte Wäsche oder kramte in den Kisten und Kasten, die ihr Zimmer füllten oder strickte Strümpfe und erwiderte auf den Unsinn, den ich schwatzte: »Ja, mein Liebling, ja.« Gewöhnlich wenn ich aufstand und fortgehen wollte, öffnete sie den blauen Kasten, auf dessen Deckel innen, wie ich noch weiß, das bunte Bild eines Husaren, ein Bogen mit Pomadenbüchsen und Wolodjas Bleistiftzeichnung geklebt waren. Dann nahm sie eine Räucherkerze aus dem Kasten, zündete sie an, schwenkte sie hin und her und sagte: »Das ist noch Räucherwerk aus Otschakow, mein Liebling. Als dein verstorbener Großvater – Gott hab ihn selig – gegen die Türken zog, brachte er das mit. Das ist schon das letzte Stück,« schloß sie mit einem Seufzer.

In den Kisten in ihrem Zimmer war einfach alles. Wenn jemand irgend etwas brauchte, hieß es gewöhnlich »frag Natalie«. Und wirklich, nach kurzem Stöbern fand sie den gewünschten Gegenstand und sagte: »Da hab' ich's gerade noch aufbewahrt.«

In diesen Kisten waren tausend Dinge, von denen niemand wußte als sie.

Nur ein einziges Mal war ich ihr böse. Das kam so. Als ich mir zum Mittagessen Kwas einschänkte, warf ich die Karaffe um und begoß das Tischtuch.

»Ruf mal Natalie Sawischna, damit sie sich über ihren Liebling freut,« sagte Mama.

Sie kam, sah die Überschwemmung, die ich angerichtet hatte und schüttelte den Kopf. Dann sagte Mama ihr etwas ins Ohr, und sie ging, mir mit dem Finger drohend, hinaus. Als ich nach Tisch in den Saal ging, sprang plötzlich Natalie Sawischna mit dem Tischtuch in der Hand hinter der Tür hervor, packte mich und fuhr mit den Worten: »Mach das Tischtuch nicht schmutzig, mach das Tischtuch nicht schmutzig!« über mein Gesicht. Das brachte mich so in Wut, daß ich laut brüllte.

Wie! sagte ich mir unter Tränen, Natalie Sawischna, einfach Natascha, unsere Leibeigene, sagt »du« zu mir und fährt mir mit dem nassen Tischtuch ins Gesicht wie einem Hofjungen! Nein, das ist schrecklich!

Als Natalie Sawischna sah, daß ich Speichel ließ, lief sie fort. Ich aber wanderte im Saal auf und ab und brütete, wie ich mich wegen dieser Beleidigung an der frechen Natalie rächen könnte.

Nach einigen Minuten kehrte sie zurück, trat schüchtern an mich heran und begann mich zu trösten.

»Nun hören Sie doch auf, Liebling, weinen Sie nicht mehr … ist gut; verzeihen Sie mir Närrin. Ich habe unrecht. Verzeihen Sie mir … da ist etwas.«

Sie wickelte aus ihrem Tuch eine Schachtel aus rotem Papier mit zwei Brustbonbons und einer Weinbeere und reichte sie mir mit zitternder Hand. Ich hatte nicht die Kraft, der braven Alten ins Gesicht zu sehen; nahm abgewandt das Geschenk entgegen, und die Tränen flossen noch reichlicher, aber nicht mehr aus Ärger, sondern aus Liebe und Scham.