16. Die Trennung.

Einen Tag nach den beschriebenen Ereignissen hielten um zwölf Uhr mittags ein Reisewagen und ein offener Wagen vor der Anfahrt. Nikolas war reisemäßig gekleidet, das heißt er hatte die Hosen in die Stiefel gesteckt und seinen alten Rock mit einem Gürtel festgeschnürt. Er stand in dem offenen Wagen und legte Mäntel und Kissen unter den Sitz; als dieser ihm hoch genug schien, setzte er sich auf die Kissen und drückte sie, auf und nieder springend, zusammen.

Mit den Worten: »Seien Sie so liebenswürdig, Nikolai Dmitritsch – kann man bei Ihnen nicht die Schatulle des gnädigen Herrn unterbringen?« kam Papas Diener aus dem Reisewagen hervorgekrochen. »Sie ist nur klein.«

»Das hätten Sie auch früher sagen können, Michail Iwanitsch,« erwiderte Nikolas hastig und schleuderte dabei ärgerlich ein Bündel auf den Boden des Wagens. »Mir dreht sich, weiß Gott, schon alles im Kreise;« er lüftete die Mütze und wischte sich dicke Schweißtropfen von der verbrannten Stirn. »Jetzt machen Sie was Sie wollen – ich kann Ihre Schatullen nicht mehr unterbringen.«

Bauern in Röcken, Kaftanen, Hemden, ohne Mützen, Weiber in Baumwollenkleidern und gestreiften Kopftüchern, sowie barfüßige Kinder standen an der Treppe, starrten auf die Wagen und unterhielten sich. Ein vom Alter gebeugter Fuhrmann in Wintermütze und langem dicken Rock hielt die Wagendeichsel in der Hand, bewegte sie tiefsinnig hin und her und achtete auf den Hauseingang; ein anderer junger stattlicher Bursche in weißem Hemd mit roten Achselzwickeln und schwarzem kuchenförmigen Filzhut, den er, sein Blondhaar krauend, von einem Ohr auf das andere schob, legte seinen Rock auf den Bock, warf die Zügel hin, klatschte dann mit der Peitsche ins Gras und schaute den Kutschern zu, die den zweiten Wagen schmierten. Parthenius hielt den Hebebaum, Iwan schmierte, über das Rad gebeugt, sorgfältig die Achse und Nabe, und damit keine Schmiere verloren ging, schmierte er sie von unten her rund um. Die zerzausten, abgetriebenen Postpferde am Gitter wedelten mit den Schwänzen die Fliegen ab, scharrten mit den zottigen, warzenbedeckten Beinen und zupften harte dunkelgrüne Farnkrautblätter ab, die an der Treppe wuchsen. Einige Barsois (Windhunde) lagen schweratmend in der Sonne, andere schlichen um die Wagen herum und leckten das von der Achse triefende Fett auf. Keine Wolke stand am Himmel, dabei bog ein starker Westwind die hohen Linden- und Birkenwipfel und trug fallende gelbe Blätter weithin. Ich saß am Fenster, sah das alles mit an und erwartete mit Ungeduld das Ende all der Vorbereitungen. Endlich war es so weit; ich wurde ins Gastzimmer gerufen.

Als hier alle um den runden Tisch versammelt waren, um zum letztenmal ein paar Minuten zusammen zu verbringen, kam mir nicht in den Sinn, welch trauriger Moment uns bevorstand. Die müßigsten Gedanken zogen mir durch den Kopf; ich fragte mich, welcher Kutscher den Reisewagen und welcher die Kalesche führe. Wer neben Papa und wer neben Karl Iwanowitsch säße, und warum man mich in einen Schal und langen Schlafrock wickeln wollte. Ich war doch kein Weichling und würde schon nicht erfrieren.

Wenn das alles nur bald ein Ende hätte, wenn man einsteigen und losfahren könnte!

Das Fahren mit Postpferden war nämlich einer unserer stolzesten sehnlichsten Wünsche, dessen Erfüllung mich fast davon überzeugte, daß wir erwachsen wären.

»Wem soll ich das Verzeichnis der Kinderwäsche geben?« fragte Natalie mit verweinten Augen, indem sie auf Mama zutrat.

»Geben Sie es Nikolas,« sagte Mama, »und kommen Sie nachher, um von den Kindern Abschied zu nehmen.«

Die Alte wollte etwas erwidern, stockte aber plötzlich, bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch und verließ mit einer abwehrenden Handbewegung das Zimmer. In meinem Herzen rührte sich etwas, als ich diese Bewegung sah, aber meine Ungeduld war stärker als dieses Gefühl des Mitleids, und so hörte ich weiter gleichgültig die Unterhaltung zwischen Papa und Mama an. Sie sprachen von Dingen, die offenbar beide nicht besonders interessierten: was für den Haushalt einzukaufen wäre, was man der Fürstin Sophie und Madame Julie sagen sollte und ob der Weg gut wäre. Über die Trennung fiel kein Wort.

Foka erschien, blieb in der Tür stehen und sagte im selben Tonfall, in dem er zu melden pflegte: »Das Essen ist angerichtet« – »Die Wagen sind vorgefahren.« Ich bemerkte, daß Mama bei dieser Meldung zusammenfuhr als käme sie ihr unerwartet, und blaß wurde.

Jetzt mußte Foka alle ins Zimmer führen und dann die Türen schließen, was mich sehr amüsierte und wunderte. Es war, als ob alle sich vor jemandem versteckten.

Jetzt ließ Foka sich auf eine Stuhlecke fallen. Aber kaum war das geschehen, da knarrte die Tür, alle setzten sich nun, und, mit dem Schnupftuch in der Hand, trat Natalie Sawischna hastig ins Zimmer und ließ sich auf demselben Stuhl mit Foka dicht an der Tür nieder. Noch jetzt sehe ich den Glatzkopf und das unbewegliche Runzelgesicht Fokas neben der gebeugten braven Alten im Häubchen, unter dem sich graues Haar hervorstahl. Sie drückten sich auf demselben Stuhl herum, und es war beiden ungemütlich.

Ich blieb nach wie vor unbekümmert und ungeduldig; die zehn Sekunden, die wir bei geschlossenen Türen saßen, kamen mir wie eine Stunde vor. Endlich erhob sich alles, bekreuzigte sich und fing an, Abschied zu nehmen. Papa umarmte Mama und küßte sie mehrmals auf die Lippen. Das wiederholten beide so oft, daß es mir komisch vorkam, und ich dachte, wann das alles wohl ein Ende nehmen würde.

»Genug, mein Liebling,« sagte Papa, »wir trennen uns ja nicht auf immer.«

»Es ist aber doch schwer,« erwiderte Mama, wobei ihre Stimme vor Tränen zitterte.

Als ich diese Stimme hörte und Mamas Augen voll Tränen sah, vergaß ich alles, und die liebe Mutter tat mir so leid, und die Trennung wurde mir so schwer, daß ich bange den Augenblick erwartete, wo die Reihe des Abschiednehmens an mich kommen würde. Ich fühlte und begriff in dieser Minute, daß Mama, als sie Papa umarmte, sich schon von uns verabschiedet hatte.

Dann küßte und segnete sie Wolodja so häufig, daß ich im Glauben, jetzt ebenfalls an die Reihe zu kommen, mich schon mehrmals vordrängte. Aber Mama segnete ihn immer wieder und drückte ihn ans Herz.

Endlich umarmte auch ich Mama, schmiegte mich fest an sie und weinte helle Tränen, nur an meinen Kummer denkend.

Als wir zum Wagen gingen, drängte das lästige Gesinde zum Abschiednehmen ins Zimmer. Ihr »Bitte das Händchen«, die schallenden Küsse auf die Schulter und der Fettgeruch von den Köpfen ärgerten mich fast bis zur Erbitterung, wie das bei sensitiven Naturen vorkommt. Unter dem Einfluß dieses Gefühls küßte ich Natalie Sawischna, als sie ganz in Tränen von mir Abschied nahm, sehr kühl auf die Haube.

Wunderbar, daß ich alle Gesichter des Gesindes noch jetzt so deutlich vor mir sehe, daß ich sie mit den kleinsten Einzelheiten zeichnen könnte; Mamas Gesicht und Stellung dagegen ist mir vollständig entschwunden. Wahrscheinlich rührt das daher, daß ich mir während der ganzen Zeit nicht einmal das Herz faßte, sie anzusehen. Mir schien, daß, wenn ich das täte, ihr und mein Schmerz unerträglich werden würde.

Ich stürmte zuerst in den großen Wagen, um niemanden mehr zu sehen, und setzte mich auf den Rücksitz. Obgleich ich wegen des Verdecks des Wagens nichts sehen konnte, sagte mir mein Gefühl, daß Mama noch hier sei.

Soll ich sie noch einmal küssen oder nicht? Na, zum letztenmal, sagte ich zu mir selbst und beugte mich aus dem Wagen zur Treppe. Im selben Augenblick trat Mama mit dem gleichen Gedanken an die andere Wagenseite und rief mich beim Namen. Beim Hören ihrer Stimme wandte ich mich um, aber so schnell, daß wir mit den Köpfen zusammenstießen; sie lächelte schmerzlich und küßte mich fest, zum letztenmal.

Ich wagte sie erst anzusehen, als wir schon einige Schritte gefahren waren. Der Wind lüftete ihr blaues Tuch, das sie beim Hinaustreten um den Kopf geschlungen hatte. Jetzt senkte sie den Kopf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam hinein. Foka stützte sie.

Papa saß neben mir, Wolodja – gegenüber. In seinen Augen war keine Spur einer Träne, aber er war blaß wie ein Taschentuch und schnitt bisweilen mit dem Munde schreckliche Grimassen. Ich wimmerte und schluchzte vor Tränen und dabei schnürte mir etwas die Kehle zusammen, daß ich zu ersticken fürchtete.

Papa sagte kein Wort und sah uns bisweilen teilnahmsvoll an; diese Teilnahme gefiel mir, und der Gedanke, daß meine Tränen Herz verrieten, machte mir Vergnügen und tröstete mich.

Ich setzte mich bequemer hin und betrachtete aufmerksam die nächsten Gegenstände vor meinen Augen – das Hinterteil des Beipferdes auf meiner Seite. Ich sah, wie es mit dem Schweif wedelte, wie ein Bein das andere streifte, wie die Peitsche des Kutschers es berührte und wie es aus dem Trab in Galopp verfiel; sah, wie der Längsriemen und an diesem Längsriemen die Schnallen hin- und herrutschten – sah so lange hin, bis sich das Geschirr an einigen Stellen mit Schaum bedeckte. Dann schaute ich in die Runde, auf die wogenden reifen Kornfelder, die dunkle Brache, auf der am Horizont ein Bauer mit Pflug und ein Pferd mit Füllen sichtbar wurden, und auf die Werstpfähle; blickte sogar auf den Kutschbock, um zu sehen, welcher Kutscher uns führe, und die Tränen in meinem Gesicht waren noch nicht getrocknet, als meine Gedanken schon weit von der Mutter schweiften, von der ich mich vielleicht für immer getrennt hatte.

Dennoch lenkte jede Erinnerung meine Gedanken zu ihr. Als wir zwanzig Werst gefahren waren, fiel mir ein, daß ich vor zwei Tagen im Garten einen kleinen Birkenpilz gefunden hatte. Ich hatte ihn nicht abgebrochen, sondern mit trockenen Blättern bedeckt, da ich warten wollte, bis er gewachsen wäre.

Jetzt fuhr ich fort und hatte ihn vergessen. Wer würde ihn pflücken? Vielleicht zertrat ihn der Gärtner, vielleicht fanden ihn Ljubotschka und Katja.

Dabei fiel mir ein, wie die beiden, besonders Ljubotschka, beim Abschied von uns geweint hatten.

Sie taten mir leid, und Natalie Sawischna ebenfalls, und die Birkenallee, und sogar die böse Mimi – alle, alle! Und die arme Mama. Tränen traten wieder in meine Augen, aber nicht für lange.