17. Die Kindheit.
Glückliche, selige, unwiederbringliche Tage der Kindheit! Wie soll man die Erinnerung an euch nicht hegen und pflegen! Sie erhebt und erquickt meine Seele und bildet für mich die Quelle der besten Genüsse.
Man hat sich müde gelaufen und sitzt matt auf seinem hohen Kinderstuhl am Teetisch; es ist schon spät, die Tasse Milch mit Zucker ist längst geleert, Schlaf fällt auf die Augen, aber man rührt sich nicht von der Stelle – sitzt da und hört und sieht.
Wie soll man nicht hören! Mama spricht mit jemandem, ihre Stimme klingt so lieb, so unbeschreiblich freundlich. Der bloße Klang sagt meinem Herzen so unendlich viel!
Mit schlafbeschwerten Augen blicke ich unverwandt in ihr Gesicht, und plötzlich kommt es mir vor, als würde sie ganz, ganz klein, ihr Gesicht nicht größer als ein Knopf, aber dabei sehe ich alles ganz deutlich, wie sie mich ansieht und lächelt. Ich habe es gern, daß sie so klein ist. Ich schließe die Augen noch mehr, und nun wird sie so klein, wie Jungen im Augapfel; aber dann bewege ich mich und das Zauberbild verschwindet. Ich mache die Augen kleiner, drehe mich hin und her, bemühe mich, das Bild wieder hervorzuzaubern, aber es ist umsonst. Ich stehe auf, schlage die Beine unter und lege mich bequem in den großen Lehnstuhl.
»Du schläfst wieder ein, Nikolas; solltest nach oben gehen,« sagt Mama.
»Ich will nicht schlafen,« erwidere ich, und undeutliche aber süße Träume erfüllen die Phantasie. Ein gesunder Kinderschlaf schließt die Augen, und eine Minute später ist man bewußtlos und schläft, bis man aufgeweckt wird.
Bisweilen fühlt man im Halbschlaf die Berührung einer zarten Hand; an der Berührung schon erkennt man sie und ergreift sie noch im Schlaf dicht vor dem Gesicht und preßt sie fest, fest gegen die Lippen.
Alle sind bereits fortgegangen; im Gastzimmer brennt nur noch ein Licht. Mama hat gesagt, sie würde mich wecken. Dann kommt sie, setzt sich auf den Lehnstuhl, auf dem ich schlafe, fährt mit ihrer wunderbar zarten Hand über mein Haar und flüstert mit der lieben bekannten Stimme dicht an meinem Ohr: »Steh auf, mein Liebling, es ist Zeit zu Bett zu gehen.« Kein gleichgültiger Blick stört sie, ungescheut gießt sie all ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich aus.
Ich rühre mich nicht, presse aber ihre Hand noch stärker an meine Lippen.
»Steh doch auf, mein Engel!«
Mit der anderen Hand umfaßt sie meinen Hals, und ihre kleinen Finger bewegen sich und kitzeln mich.
Im Zimmer ist es still, halbdunkel; durch das Kitzeln und Erwachen sind meine Nerven erregt; Mama sitzt dicht neben mir, berührt mich, ich spüre ihren Duft und ihre Stimme. Das alles veranlaßt mich, aufzuspringen, meine Arme um ihren Hals zu schlingen, den Kopf gegen ihre Brust zu legen und atemlos zu rufen: »Ach liebe, liebe Mutter, wie habe ich dich lieb!«
Sie lächelt auf ihre traurige bezaubernde Art, nimmt meinen Kopf, küßt mich auf die Stirn, die Nase und die Augen und setzt mich auf ihren Schoß.
»Also du hast mich sehr lieb?« Sie schweigt einen Augenblick und sagt dann: »Hörst du, hab mich stets lieb und vergiß mich nicht. Wenn deine Mutter nicht mehr da ist, mußt du sie nie vergessen! Hörst du: nie, Nikolas.«
Und sie küßt mich noch zärtlicher.
»Hör auf, sag das nicht, liebste beste Mutter!« rufe ich, ihre Knie küssend, und dabei stürzen Tränen aus meinen Augen, Tränen der Liebe und des Entzückens.
Kommt man dann nach oben und steht in seinem wattierten Schlafrock vor dem Heiligenbild, welch wunderbares Gefühl empfindet man dann bei den Worten: »Lieber Gott, beschütze meine Eltern, Papa, Mama und Großmama, den Lehrer Karl Iwanowitsch, meinen Bruder Wolodja und meine Schwester Ljubotschka.«
Wenn ich diese Worte sprach, die meine Lippen zuerst der lieben Mutter nachstammelten, floß die Liebe zu Gott und den Eltern sonderbar in ein Gefühl zusammen. Ich wußte und fühlte, daß Gott groß, gerecht und gut sei; ich war überzeugt, daß all meine Bitten erfüllt, alle Vergehen bestraft würden, daß ich ihm für alles, alles dankbar sein müsse und daß er mich nie verlassen würde.
Kein Zweifel störte damals meine Ruhe.
Nach dem Gebet wickelte ich mich, leicht und fröhlich ums Herz, in meine Decke ein. Ein schöner Traum folgte dem anderen; aber was hatten sie zum Gegenstande? Flüchtige Dinge, dabei war ich erfüllt von Hoffnung auf helles Glück und reine Liebe. Dann fiel mir wohl Karl Iwanowitsch mit seinem traurigen Schicksal ein, der einzige Mensch, den ich für unglücklich hielt. Er tat mir so leid und ich empfand so viel Liebe für ihn, daß mir Tränen in die Augen traten und ich wünschte, Gott möge ihn glücklich machen und es mir ermöglichen, ihm meine Liebe zu zeigen – ich wollte gern alles für ihn opfern. Dann stopfte ich mein liebstes Spielzeug, ein Häschen oder Hündchen aus Porzellan, in eine Ecke des Federkissens und freute mich, wie gut, warm und behaglich es dort liegen könne. Dann bat ich noch den lieben Gott, allen Glück und Zufriedenheit zu geben und morgen zum Spazierengehen schönes Wetter zu machen, legte mich auf die andere Seite, Gedanken und Träume vermischten sich, und ich schlief leise und sanft mit tränenfeuchtem Gesicht ein.
Werden sie je wiederkehren, die Frische, Sorglosigkeit und Glaubensstärke, die ich unbewußt in der Kindheit besaß? Welch schönere Zeit kann es geben, als die, in der die zwei höchsten Tugenden: unschuldige Heiterkeit und ein unendliches Bedürfnis zu lieben, die Haupttriebfedern im Leben waren. Wo sind die gläubigen Gebete geblieben? wo die schönste Gabe: reine Tränen der Rührung? Kam ein tröstender Engel geflogen, trocknete lächelnd diese Tränen und hauchte der reinen Phantasie des Kindes süße Träume ein? Hat das Leben wirklich so schwere Spuren in meinem Herzen hinterlassen, daß dieses Entzücken und diese Tränen auf ewig verschwunden und nur Erinnerungen geblieben sind?