Der Holzschlag - Erzählung eines Junkers
I
Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war, auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.
Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.
Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen, zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander.
Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die bespannten Protzwagen und Pulverkästen, und an den leuchtenden Punkten der Lunten, wo die Geschütze standen. Mit den Worten: »Mit Gott!« erklirrte das erste Geschütz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mützen ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der Befehlshaber gekommen war.
Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den Zugfeuerwerker Maksimow erkannte.
Wer?
Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, – ich habe ihn gesehen –, jetzt fehlt er.
Da nicht anzunehmen war, daß die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen würde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit zwei Reiter vorüber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in diesem Augenblick rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwärts gekommen, als beide Soldaten uns einholten.
Wo war er? fragte ich Antonow.
Er hat im Park geschlafen!
Wie, hat er denn einen Rausch?
Ei, Gott bewahre.
Warum ist er denn aber eingeschlafen?
Das weiß ich nicht.
Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den Nebel über unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gesträuch dahin, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, als wir den flachen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertönten abgerissene Büchsenschüsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen ertönte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine mit dem Kameraden, der eine hüpfte von einem Bein auf das andere, ein dritter kaute Zwieback oder übte zum Zeitvertreib: Präsentiert das Gewehr, oder: Gewehr bei Fuß. Dabei begann der Nebel im Osten sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fühlbarer, und die Gegenstände rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte schon die grünen Lafetten und Pulverkästen unterscheiden, das von der Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschütze, die bekannten, ohne meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotsäcken, Kugelausziehern und Kesseln auf dem Rücken.
Bald wurde uns befohlen, vorwärts zu gehen, und nachdem wir einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des schlangenartigen Flüßchens und die hohen hölzernen Säulen eines tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie, die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon Soldaten ging mit Gewehren und Äxten in den Wald.
Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als von allen Seiten die Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Händen und Füßen an, schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhörlich schallte durch den Wald der Klang von hundert Äxten und gefällten Bäumen.
Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezündet, und obgleich es schon in solcher Glut loderte, daß man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehängten Zweige emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten, und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen und absterbendes weißes Gras rings um das Feuer bildete, schien doch alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stämme heran, legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an.
Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuzünden, holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem Schuldbewußtsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte, in einem Anfall von Übereifer ganz aus der Mitte mit bloßer Hand eine Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und dann auf die Erde warf.
Zünde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer.
Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Händen eine Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die verbrannten Finger an den hinteren Schößen seines Schafpelzes und hob, wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen großen Cedernklotz auf und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich glaubte, ausruhen zu dürfen, ging er ganz nahe an die Glut heran, faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug, aneinander, spreizte die Beine, streckte seine großen schwarzen Hände vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen.
Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden.
II
In Rußland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie, der Artillerie u. s. w.
Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel Gemeinschaftliches haben, sind:
1. die Gehorsamen,
2. die Befehlerischen und
3. die Tollkühnen.
Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltblütig Gehorsame und b) in die eifrig Gehorsame.
Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b) Höflichbefehlerische.
Die Tollkühnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkühnen und b) in die ausschweifenden Tollkühnen.
Der Typus, der am häufigsten vorkommt – der liebenswürdigste, sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes verbundene Typus – ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der hervorstechende Zug des kaltblütig Gehorsamen ist die durch nichts zu erschütternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschläge, die ihn treffen können. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit; das hervorstechende Merkmal der Eifrigen – die Beschränktheit der Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Fleiß und Geschäftigkeit.
Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in den höheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren, Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschließt. (Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die höflich Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen beginnen. Der höflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen und schreiben, trägt ein rosa Hemd, ißt nicht aus dem gemeinsamen Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hält sich für etwas unvergleichlich Höheres als den gewöhnlichen Soldaten und pflegt selbst selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten Klasse.
Der Typus der Tollkühnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen Tollkühnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschütternde Heiterkeit, außerordentliche Fähigkeit zu allem, reiche Naturanlagen und Kühnheit sind – und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten Abteilung: der der ausschweifenden Tollkühnen, die indessen, wie zur Ehre des russischen Heeres gesagt werden muß, höchst selten vorkommen, und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Kühnheit im Laster sind die Hauptcharakterzüge dieser Abteilung.
Welentschuk gehörte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, außerordentlich eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und außerordentlich ehrenhaft. Ich sage: außerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, höchst augenscheinlich diese charakteristische Eigenschaft hervortreten ließ. Ich muß bemerken, daß fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt, daß Michail Dorofeïtsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht. Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel für Michail Dorofeïtsch zu machen übernommen; aber in der Nacht, in der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglück. Das Tuch, das sieben Rubel kostete, war in der Nacht verloren gegangen! Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thränen in den Augen, mit zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail Dorofeïtsch wurde wütend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte er dem Schneider, dann ließ er die Sache, als ein Mann von Wohlstand und Güte, sein und forderte von Welentschuk nicht, daß er ihm den Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war, soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglück vorerzählte, der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen ausschweifenden, tollkühnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der höflichbefehlerische Michail Dorofeïtsch hatte, als ein Mann von Wohlhabenheit, der mit dem Kapitän d'armes und dem Leiter der Artel, den Aristokraten der Batterie, Geschäfte hatte, bald den Verlust seines Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglück nicht vergessen. Die Soldaten sagten, sie hätten damals für ihn gefürchtet, ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, – so stark hatte dies Unglück auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er aß nicht, selbst zur Arbeit war er unfähig und weinte beständig. Nach drei Tagen kam er zu Michail Dorofeïtsch, ganz bleich, zog mit zitternder Hand einen Gulden aus dem Ärmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofeïtsch, und auch das habe ich von Shdanow borgen müssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer »er« war, wußte Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu einem Schurken gemacht. Er – die giftige, gemeine Seele! – hat seinem Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fünfzehn Jahre diene ich und ...« Zu Michail Dorofeïtschs Ehre muß ich sagen, daß er von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm Welentschuk zwei Monate später brachte.
III
Außer Welentschuk wärmten sich am Wachtfeuer noch fünf Mann meines Zuges.
An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschützt war, saß auf einem Holzfäßchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewußtsein des eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfäßchen, auf dem er saß, das in der Raststätte das Abzeichen der Macht bildete, und den Nanking-überzogenen Pelzrock.
Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel später wandte sich sein Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein Einhöfer. Er besaß Vermögen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich, wie er einmal bei einer Übung im Scheibenschießen mit dem Quadranten den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklärte, daß die Wasserwage »nichts anderes sei, als das atmosphärische Quecksilber seine Bewegung hat«. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglückselige Eigentümlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, daß man ihn unmöglich verstehen konnte, und daß er selbst, wie ich überzeugt bin, seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die Worte: »hervorgehen« und »fortfahren« und wenn er anfing: daraus geht hervor oder fortfahrend, dann wußte ich schon vorher, daß ich von allem, was dann kam, nichts verstehen würde. Die Soldaten aber hörten, wie ich bemerken konnte, sein »fortfahrend« mit Vergnügen und vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich, kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verständnisse setzten sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor Maksimytsch war nur um so größer. Mit einem Worte, Maksimow war einer von den Höflichbefehlerischen.
Der zweite Soldat, der in der Nähe des Feuers die Stiefel auf seine sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschütz ohne Deckung zurückgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit zwei Kugeln im Schenkel das Geschütz weiter bedient und geladen hatte. »Er hätte längst Feuerwerker sein müssen, wenn er einen anderen Charakter hätte,« sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der That einen sonderbaren Charakter. War er nüchtern, so gab es keinen ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche tüchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er ans Geschütz gebunden wurde, hörte er nicht auf zu saufen und Unfug zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber nährte er sich, trotz des Befehls, daß die ganze Mannschaft keine Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. Übrigens mußte man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswärts gebogenen Beinen und der glänzenden, bärtigen Fratze sehen, wenn er im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschätzig nach allen Seiten umhersah und die »Herrin« zu spielen begann, oder wenn er den Mantel, an dem die Orden baumelten, kühn umwarf und, die Hände in die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, über die Straße ging – man mußte den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschätzung alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Züge spielte, um zu begreifen, daß es für ihn ganz unmöglich war, in einem solchen Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufällig in den Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht so sehr zum eigenen Vergnügen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fühlte.
Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer saß, war der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges Schnurrbärtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten zu nennen pflegten, war ein Spaßmacher. Im furchtbarsten Frost, im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der Musterung, bei der Übung, immer und überall schnitt der gute, liebe Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Späße und trieb solche Scherze, daß der ganze Zug sich vor Lachen schüttelte. Auf der Raststätte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzählte Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord, oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch einfach seine Bemerkungen, über die sich alle zu Tode lachen konnten. Allerdings war sein Ruf als eines Spaßmachers in der Batterie schon so gefestigt, daß er nur den Mund zu öffnen und mit den Augen zu blinzeln brauchte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen, aber er hatte wirklich viel echt Komisches und Überraschendes an sich. Er verstand in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fähigkeit, in allem etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung.
Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut der vorjährigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, daß man glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock müsse jeden Augenblick Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurückgeschlagenen Schößen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den hervortretenden Waden erkennen, daß er ein großes Behagen empfand.
Der fünfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer saß und ein Stäbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an Dienstjahren der älteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte nie, er spielte nie Karten (nicht einmal »Nase«), er brauchte nie ein häßliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschäftigte er sich mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es möglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte. Mit den Soldaten ließ er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang höher standen, wenn sie auch jünger an Jahren waren, war er von kühler Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las ihnen die Instruktionen vor und half ihnen häufig. Alle Leute in der Batterie hielten ihn für einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besaß, die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow, derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, als er einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten, trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe Shdanow, der seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen, ihm einen strengen Verweis wegen seiner Aufführung erteilt, ihn sogar geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu führen habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. »Er hat einen Menschen aus mir gemacht,« pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem Unglück wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen anderen während seiner 25jährigen Dienstzeit.
Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt zu werden, obwohl er schon fünfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von Sängern unter den jüngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen, obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hände in den Taschen des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drückte durch Bewegungen des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich weiß nicht, warum ich in dieser gleichmäßigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die ich nur bei ihm beobachtet habe, außerordentlich viel Ausdruck fand. Der schneeweiße Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das gebräunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine großen runden Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so wurde man plötzlich durch etwas außerordentlich Mildes, fast Kindliches überrascht.
IV
Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden! sagte Welentschuk immer wieder.
Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen – ich rauche zu Hause auch immer Cigarren, die schmecken süßer.
Selbstverständlich schüttelten sich alle vor Lachen.
Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine Gelächter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten stolz seine Pfeife auf der Fläche der linken Hand aus. Wo bist du denn eigentlich gewesen, Welentschuk, he?
Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mütze, ließ sie aber bald wieder sinken.
Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, daß du im Stehen einnickst. Dafür wird man euresgleichen keinen Dank sagen.
Zerreißt mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur ein Tröpfchen im Munde gehabt habe; ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben, daß ich mich hätte betrinken sollen? brummte er vor sich hin.
Das ist's ja eben, da ist man für euresgleichen seinem Vorgesetzten verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art! schloß der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone.
Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's! Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Als es hieß zum Appell antreten, da war ich zur Stelle, wie sich's gehört – ganz in der Ordnung – da plötzlich beim Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig. Und wie ich eingeschlafen bin, weiß ich nicht, Kameraden! Es muß die Schlafsucht selbst gewesen sein, schloß er.
Ich habe dich ja kaum wach kriegen können, sagte Antonow, während er sich den Stiefel aufzog. Ich rüttelte und rüttelte dich ... wie ein Stück Holz.
Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich muß tüchtig betrunken gewesen sein ...
So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie – sie schläft, denken die Leute – und sie liegt euch tot da; sie bekam auch immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.
Aber erzähl' doch, Tschikin, wie du während des Urlaubs den Ton angegeben hast, sagte Maksimow lächelnd und sah mich an, als wollte er sagen: »Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhören?«
Was für einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir schielend einen Blick zu. Das weiß ja jeder. Ich habe erzählt, wie es im Kaukasus aussieht.
Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzähle, wie du sie »angeführt« hast.
Das ist bekannt, wie ich sie angeführt habe ... Sie fragten, wie wir leben – begann Tschikin in überstürzter Rede mit der Miene eines Menschen, der schon oft dasselbe erzählt hat. – Wir leben gut, lieber Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins bekommt jeder ein Gläschen Modera – Modera Divirje, der ohne Flasche zweiundvierzig Kopeken kostet.
Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schüttelte sich mehr als die anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!
Na und was hast du von den Asiaten erzählt? fuhr Maksimow fort zu fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.
Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stäbchen eine kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hörern erregt hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mütze noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem leichten Lächeln fort:
Sie fragen mich auch, was das da für ein kleiner Tscherkeß ist, oder, sagt er, schlägt man bei euch im Kaukasus den Türken? Bei uns, sag' ich, lieber Freund, giebt's nicht einen Tscherkessen, sondern viele. Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt Brot essen. Die sind so groß, sag' ich, wie ein tüchtiger Klotz, haben ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mützen, die brennen nur so, ganz wie deine, lieber Freund! fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten gewandt, der wirklich eine hochkomische Mütze mit rotem Deckel trug.
Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache plötzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches Lachen und Husten aus, daß er nur mit tonloser Stimme hervorbringen konnte: »Das sind die Tawlinzen!«
Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren – fuhr Tschikin fort und rückte mit einer Kopfbewegung seine Mütze in die Stirn, – das sind wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten sie sich bei den Händen und rennen, sag' ich, so wie der Wind, daß man sie zu Pferde nicht einholen kann. – Wie, sagt er, wie ist das bei den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte er mit kehlartiger Baßstimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen. Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die Hände auseinanderzureißen, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen, nimm ihm die Mütze ab, gleich kommt Blut. – Aber sag' uns, Kleiner, wie schlagen sie sich, sagt er. – Ei so, sag' ich: Sie packen dich, schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedärme um den Arm und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die Seele aus dem Leibe ...
Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit leichtem Lächeln, während die anderen sich halb tot lachten.
Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch – bei Gott, sie glauben alles! ... Dann erzählte ich ihnen vom Berge Kasbek, daß da den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt, da lachten sie mich tüchtig aus, guter Freund! – Was faselst du, Kleiner? Hat man so etwas gesehen, ein großer Berg und darauf soll der Schnee nicht schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hügel – und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch liegen. – Da hast du's! – schloß Tschikin und blinzelte mit den Augen.
V
Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweißen Nebel hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue Horizont erweiterte sich allmählich und war, wenn auch bedeutend weiter, aber doch ebenso scharf von der täuschenden weißen Nebelwand begrenzt.
Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich weites Feld auf. Über das Feld breitete sich von allen Seiten her ein schwarzer, dort ein milchweißer oder violetter Rauch von Wachtfeuern, und die weißen Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten. Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hörte man in Zwischenräumen die Schüsse aus unsern Stutzen, aus ihren Büchsen und Geschützen.
»Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz,« wie der gute Kapitän Chlopow sagt.
Der Kommandeur der neunten Jägerkompagnie, der sich bei uns in der Deckung befand, trat zu seinen Geschützen heran, zeigte auf drei berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorüberkamen, mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe für Artilleriefeuer, eine Kugel oder Granate auf sie zu schleudern.
Sehen Sie, sagte er mit einem guten und überzeugenden Lächeln und streckte die Hand über meine Schulter, dort, wo die zwei großen Bäume stehen, vorn ... Einer auf einem weißen Pferd und im schwarzen Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, könnte man nicht, bitte ...
Und da reiten noch drei am Waldessaum, fügte Antonow, der sich durch ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. Der Vordere nimmt eben seine Büchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz deutlich, Euer Wohl'boren!
Ei sieh, er hat losgedrückt, Kameraden! da steigt ein weißes Rauchwölkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die ein wenig hinter uns standen.
Gewiß auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.
Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen gewiß den Ort – wollen ein Geschütz aufstellen, fügte ein dritter hinzu. – Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen hinüberschickte, die würden euch spucken ...
Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.
Fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte Maksimow kaltblütig, als ob er mit sich selbst spräche, obgleich man ihm anmerkte, daß er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die anderen, wenn man fünfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so muß man ganz genau treffen, d. h. ganz vollständig.
Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Häufchen zielt, so muß man unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als möglich zu schießen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhörlich.
Befehlen Sie das Geschütz zu richten? fragte plötzlich Antonow mit seiner schwerfälligen Baßstimme und mit einer Miene finsteren Zornes.
Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu, und ich befahl, das zweite Geschütz zu richten.
Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate mit Pulver bestreut und eingeführt, und Antonow kommandierte schon, an die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des Geschützes stützend: Protzstock rechts und links.
Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch, noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene von dem Geschütz zurück.
Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.
Bei Gott, es trägt hinüber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit der Zunge, obgleich er nur über Antonows Schulter hinweggeblickt und daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trägt schnurstracks hinüber, in den Baum dort muß sie einschlagen, Kameraden!
Zweites Geschütz, kommandierte ich.
Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite, um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zündrohr flammte auf, das Erz erdröhnte. In diesem Augenblick hüllte uns Pulverdampf ein, und von den erschütternden, dumpfen Tönen des Schusses löste sich der metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.
Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weißer Rauch sichtbar, die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der krepierten Granate klang zu uns herüber.
Das war schön! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben sie nicht gern! ließen sich Beifall und Scherze in den Reihen der Artilleristen und der Infanteristen hören.
Hätte man's ein bißchen niedriger gerichtet, so hätte sie ganz genau getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum, und so war's auch – nach rechts ist sie gegangen.
VI
Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren, die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung, daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen: weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.
Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge – langweilig!
Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch langweiliger.
Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?
Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.
Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte er.
Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn Ihnen hier so wenig gefällt?
Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen jeder Art.
Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...
Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich, und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen – alles das hat etwas Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges. Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w. ...
Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren? Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht, stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.
Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten Grade, unterbrach er mich.
Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem Sinne.
Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.
Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.
Nun, erstens, weil er mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen, Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine Gefahren ertragen – kurz, ich bin nicht tapfer ...
Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte, sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das immer in solchen Fällen zu sein pflegt.
Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist, fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ... Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.
Das ist er, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des fernen Waldes.
Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel, die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem großen Schnauzbart – all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet sein könnte.
Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig, während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die Kugel vorüberkommt«, – und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die Kugel ein.
Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.
Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir hervorgerufen hatte.
Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.
So werde ich es niederschreiben.
Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik, wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.
Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.
Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach diesem gutherzigen Ausruf.
VII
Der Feind hatte wirklich zwei Geschütze an der Stelle aufgepflanzt, wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten Schüsse auf unsere Holzfäller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hörte einen Schuß, ein Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die feindlichen Geschosse fielen glücklich, und wir hatten keinen Verlust.
Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden rasch, richteten sorgfältig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer Unthätigkeit in unserer Nähe und wartete, bis sie an die Reihe kam.
Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!« – und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer und an die abgehauenen Äste anschlug.
Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze, auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen, glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen deutlich sichtbar.
Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher. Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder, und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ... die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette. Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen. Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im Kaukasus immer zu sein pflegt.
Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit allgemeines Gelächter hervor.
Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher Stimme: »Soll er uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde er schon stumm werden.«
In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.
Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.
In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines Körpers und »oh–oh oh oh–oi!« – das herzzerreißende Stöhnen eines Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.
Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.
Keiner von den Soldaten, die das Geschütz geladen hatten, sprach ein Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: »Sieh mal dieses Blut,« und Antonow ächzte mit düsterer Miene ärgerlich; aber an allem war zu erkennen, daß der Gedanke an den Tod allen durch die Seele zog. Alle gingen mit noch größerer Geschäftigkeit ans Werk. Das Geschütz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenführer, der die Kartätschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an der der Verwundete lag und fort und fort stöhnte.
VIII
Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewiß das seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefühl des Abscheus vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch getötet oder verwundet wurde. Diesem Gefühl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen zu laden, der herangekommen war. Tschikin näherte sich ärgerlich dem Verwundeten, faßte ihn, ohne auf sein stärker werdendes Geschrei zu achten, unter der Achsel und hob ihn auf. – »Was steht ihr da, greift an,« schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann, Helfer, die kaum noch nötig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu schlagen begann.
Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.
Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit: »Ach, das ist mein Tod! Ah – ach Kameraden!«
Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hörte er sogar auf zu ächzen, und ich hörte, daß er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den Kameraden sprach – wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.
Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn so schnell als möglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu den Geschützen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk wünsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.
Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden Händen am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen Sekunden vollständig verändert. Es war, als ob er abgemagert und um einige Jahre älter geworden wäre; seine Lippen waren dünn, blaß und mit sichtbarer Anstrengung zusammengepreßt; an die Stelle des unstäten und stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten, und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Züge des Todes.
Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen verursachte, bat er, man möchte von seinem linken Bein sein Geldtscheres[P] abnehmen.
[P] Tscheres ist ein Beutelchen in der Form eines kleinen Gürtels, den die Soldaten gewöhnlich unterhalb des Knies tragen.
Ein entsetzlich niederdrückendes Gefühl rief der Anblick seines nackten, weißen und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den Stiefel abzog und den Tscheres losband.
Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so gut sein, sie aufzubewahren.
Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er ließ ihn halten.
Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie haben mir zwei Moneten gegeben. Für anderthalb habe ich Knöpfe gekauft, und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knöpfen. Geben Sie sie zurück.
Schön, schön, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.
Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreißender Stimme zu stöhnen und zu ächzen. Als hätte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet waren, keine Ursache mehr, sich zu überwinden, hielt er jetzt diese Erleichterung, die er sich schaffte, für erlaubt.
IX
Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der Verwundete fortgeführt wurde.
Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte tölpelhaft und sah mich an.
Wo hast du hinwollen? fragte ich.
Ins Lager.
Warum das?
Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.
Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.
Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.
Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten, wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche, bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren und dem Holz über den Schultern – alles zog mit Lärmen und Gesang an uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen Gefühle noch bis morgen warten.
X
Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren, während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.
Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte, die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste, unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich meiner Phantasie auf.
Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.
Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.
Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.
Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein Flämmchen schimmerte.
Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in tiefem Baß.
Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein Bajonett mit einem Licht.
Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.
Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.
Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr sonderbar vorgekommen? sagte er.
Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig. Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie sprechen darf.
Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick überlegen.
Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.
Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht. Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen, wie ich es erwartete, als ich herging.
Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst untauglich fühlen?
Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek, Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier, habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt, daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme? Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all meine Zukunft zerstöre.
XI
In diesem Augenblick klang von draußen die Stimme des Bataillonskommandeurs herein:
Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?
Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere in die Hütte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.
Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie. Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glänzende Sternchen, und diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem langgereckten Halse einen höchst sonderbaren Ausdruck von Blödigkeit an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Aufführung und Haltung. Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn, obgleich die allgemeine Meinung über ihn war, er sei nicht weit her. Er verstand seinen Dienst, war pünktlich und eifrig, war immer bei Gelde, besaß eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natürliche Weise den Stolzen zu spielen.
Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.
Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.
Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich – einen Junker – bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fühlen zu lassen, als hätte er Bolchows Antwort nicht gehört, mit einem Blicke auf die Trommel:
Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.
Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:
Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?
Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn häufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen, russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt – ein gutmütiger und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks, der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit, daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. – »Ich strafe selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten, sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis über die Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.
Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines Lebens geworden sind – ein Mensch, für den alles, was nicht der Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber, was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere: die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele, und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die Erde.
Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.
Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das Bedürfnis hatte, das zu thun.
Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...
Selbstverständlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen, und dann geht's nach Haus.
Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?
Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm? fügte er hinzu, obgleich alle schwiegen. – Gestern bekam ich einen Brief aus Rußland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den Gesprächsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so sonderbare Fragen.
Was für Fragen denn? fragte Bolchow.
Er lachte.
Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und ließ seine Blicke über uns hinschweifen.
Ei was, sagte Bolchow lächelnd.
In Rußland, müssen Sie wissen, da ist es schön, fuhr er fort, als ob seine Phrasen ganz natürlich eine aus der anderen folgten. – Als ich im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich überall wie ein Flügeladjutant aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur, wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die Frau Gouverneurin selber, müssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir und fragte mich aus über den Kaukasus und alle ... was ich nicht alles wußte! ... Meinen goldenen Säbel besah man, wie eine Rarität, dann fragte man mich: wofür ich den Säbel bekommen habe, wofür den Annen-, wofür den Wladimirorden, – und ich erzählte ihnen alles Mögliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schöne am Kaukasus, Nikolaj Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, müssen Sie wissen, der Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat – das will viel heißen in Rußland ... Hm?
Und Sie haben auch ein bißchen aufgeschnitten, meine ich, Abram Iljitsch? sagte Bolchow.
Hi–hi–hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das gehört dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und getrunken.
Ei was, schön ist's dort in Rußland? sagte Trossenko; er fragte nach Rußland, wie man nach China oder Japan fragt.
Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken haben, furchtbar!
Was Sie sagen! Sie haben gewiß Limonade getrunken. Ich würde schon loslegen, damit die Leute wüßten, wie die Kaukasier trinken! Ich würde den Ruf schon wahr machen. Ich würde zeigen, wie man trinkt ... Was, Bolchow? fügte er hinzu.
Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow, denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist erst sechs ...
Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.
Laß doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fügte er lächelnd hinzu. Wir trinken, Major!
Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitän sich an ihn wandte, ärgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich böse und suchte in seiner eignen Würde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin und sah wieder nach der Uhr.
Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt, russisch zu gehen und zu sprechen. Was für ein Wundertier ist da gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heißen. Nicht wahr, Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Rußland? Mir ist's gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der achten Kompagnie anfangen, he? fügte er hinzu, immer zu dem Major gewandt.
Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne dem Kapitän zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal überzeugt war, gar nicht nötig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.
Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, daß Sie doppeltes Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu dem Bataillonsadjutanten.
Gewiß, sehr.
Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr groß, Nikolaj Fjodorowitsch, fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anständig leben und sich sogar manchen Luxus gestatten.
Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schüchtern der Adjutant, wenn's auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man muß doch ein Pferd halten ...
Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fähnrich und weiß das. Glauben Sie, wenn man haushälterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen Sie uns rechnen, fügte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken Hand ein.
Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.
Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?
In diesem Augenblick schob sich ein weißer Kopf mit einer plattgedrückten Nase durch die Öffnung der Hütte, und eine scharfe Stimme sagte mit deutscher Betonung:
Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.
Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.
Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thür gekrochen und drückte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.
Ei, lieber Kapitän, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.
Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und küßte ihn, wie mir schien, zu seiner größten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den Mund.
»Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will,« dachte ich.
XII
Meine Vermutung bestätigte sich bald. Kapitän Kraft bat um Schnaps, nannte ihn »Branntwein«, krächzte furchtbar und warf den Kopf zurück, während er das Glas leerte.
Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und ließ den Major erst seine Befehle geben.
Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?
Zu Befehl, Herr Major.
Sind die gedeckten Posten ausgesandt?
Zu Befehl, Herr Major.
So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als möglich zu sein.
Zu Befehl, Herr Major.
Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.
Und sagen Sie den Leuten, daß sie jetzt ihre Grütze kochen können.
Sie kochen sie schon.
Schön, Sie können gehen.
Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lächeln zu uns. Rechnen wir.
Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?
Richtig, nehmen wir an: fünfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also fünfundzwanzig Rubel für die Kleidung; dann kommt Essen, täglich zwei Abas ... richtig?
Richtig, das ist sogar viel.
Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur Remonte 30 Rubel – das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und 30 = 175, bleibt Ihnen immer noch für Luxusausgaben, für Thee und Zucker, für Tabak 20 Rubel. – Sehen Sie nun? ... Habe ich recht, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schüchtern der Adjutant. Nichts bleibt für Thee und Zucker übrig. Sie setzen ein Paar auf zwei Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszügen kann man ja gar nicht genug Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat ein Paar auf. Dann erst Wäsche, Hemden, Handtücher, Fußlappen, das muß man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts übrig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.
Ja, Fußlappen sind ein vorzügliches Tragen, sagte plötzlich Kraft nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort »Fußlappen« mit besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.
Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie wollen, es kommt immer darauf hinaus, daß unsereiner die Zähne in den Kasten legen muß. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so lange wie ich, fuhr er fort, an den Fähnrich gewandt, dann lernt Ihr auch, wie man leben muß. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem Burschen umgeht?
Und Trossenko erzählte uns die ganze Geschichte von dem Fähnrich und seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehört hatten, und lachte sich halb tot dabei.
Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum Fähnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lächelte, daß es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. – Thut nichts, Bruderherz, ich war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich für ein Kerl geworden bin. Laß doch mal so einen Jüngling aus Rußland herkommen – wir haben ja viele gesehen – Krämpfe kriegt er und Reißen; ich aber habe mich hier eingesessen – ich habe hier mein Häuschen, mein Bett, alles. Siehst du ...
Dabei trank er noch ein Gläschen Schnaps.
He? fügte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.
Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier! Geben Sie mir Ihre Hand!
Und Kraft stieß uns alle fort, drängte sich zu Trossenko durch, ergriff seine Hand und schüttelte sie mit besonderer Liebe.
Ja, wir können sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er fort. – Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitän? Denken Sie noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung stürmten? Ich war damals beim Höchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15 Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?
Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.
Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zum Major gewandt und machte mit den Händen ungeschickte Bewegungen ...
Der Major aber, der diese Erzählung wohl schon öfter gehört hatte, sah plötzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, daß Kraft sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er während der ganzen Erzählung nicht mit einem Blicke an.
Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der Höchstkommandierende zu mir: »Kraft, nimm diese Schanze.« Sie wissen, wie's im Dienst ist, da giebt's keine Erörterungen – Hand an die Mütze: »Zu Befehl, Euer Erlaucht!« und marsch! Wie wir zu der ersten Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: »Kinder, ohne Furcht, Augen offen! Wer zurückbleibt, den haue ich mit eigner Hand in Stücke.« Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, muß man geradezu reden. Plötzlich kommt eine Granate ... Ich sehe – ein Mann, ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch, sch! ... »Vorwärts, Kinder, sage ich, mir nach!« Wie wir herangekommen waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ... wissen Sie ... wie heißt das? – und der Erzähler fuchtelte mit den Händen durch die Luft und suchte nach dem Wort.
Ein Graben, sagte Bolchow vor.
Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ... Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra! ta–ra–ta–ta–ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter – zweite Schanze. Das war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe – eine zweite Schanze: weiter geht's nicht. Da – wie nennt man das – nun wie heißt das ... Ach! wie ...
Wieder ein Graben, sagte ich vor.
Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott, wie heißt denn das? – und er machte mit der Hand eine linkische Bewegung. – Ach, du lieber Gott, wie ...
Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch hatte, ihm vorzusagen.
Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.
Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben, geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...
In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow. Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh, diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen. Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.
Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... – Und Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.
XIII
Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow, der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu, noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.
Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der Stadt erzählt.
Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten einen besonderen Takt beobachtet – in der Zeit der Gefahr alles zu unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil. Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte, um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl, die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten, die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen. – Er spie ins Feuer. – Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben unsern Verwundeten gesehen.
Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
Nein, er ist tot.
Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in seinen Mantel.
Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um; alle verstummten.
Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich. Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.
Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der Männerstimmen:
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns von dem Übel.«
So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben wir ihn unter einem Baum niedergelassen.
In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.
Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.
Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte Tschikin.
Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an Antonow.
Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.
Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und hockte neben uns nieder.
Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.
Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.
Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's, wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch ein Jammer. Na, als er uns dann auf den Leib rückte, drei von unserer Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ... 's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es war ein Schmutz.
Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war, bemerkte einer der Soldaten.
Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, – es war ein alter Feuerwerker – Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun, leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott – lassen wir ihn also hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen breiten Ästen. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin – Shdanow hatte welche mit – lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen ihn so liegen.
Und war's ein tüchtiger Soldat?
Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.
Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort sind gar viele von den Kameraden geblieben!
In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und her. Da ging es hoch her!
Damit ging er von uns.
Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen sind? fragte ich.
Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.
Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr sein, daß er fort ist.
Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.
Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.
Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.
Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern. Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und wer weiß, ob sie noch leben?
Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.
Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie nämlich selbst in Armut leben – wie soll ich da hin?
Ist es lange her, daß du geschrieben hast?
Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.
Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt, ein Liedchen vor sich hinsummte.
Antonow stimmte »Die Birke« an.
Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.
Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter dem Wachtfeuer nieder.
War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.
Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte, flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte, antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des leisen Gesprächs.
Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.
Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.
15. Juni 1855.