Ein Ueberfall - Erzählung eines Freiwilligen
I
Es war am 12. Juli, Kapitän Chlopow trat in Epauletten und Säbel – einer Uniform, in der ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nie gesehen hatte – durch die niedrige Thür meiner Erdhütte ein.
Ich komme direkt vom Obersten, antwortete er auf den fragenden Blick, mit dem ich ihm entgegenkam. Morgen rückt unser Bataillon aus.
Wohin? fragte ich.
Nach N. N., dort sollen sich die Truppen sammeln.
Und von da wird es gewiß einen Marsch geben.
Wahrscheinlich.
Wohin aber, was glauben Sie?
Was ich glaube? Ich sage Ihnen, was ich weiß. Gestern Nacht kam ein Tatar vom General hergesprengt und brachte den Befehl, das Bataillon solle ausrücken und für zwei Tage Zwieback mitnehmen; wohin es geht, weshalb und wie lange, danach, Freundchen, fragt man nicht; der Befehl ist da, und das genügt.
Wenn aber nur für zwei Tage Zwieback mitgenommen werden soll, so werden wohl auch die Mannschaften nicht länger unterwegs bleiben?
Nun, das will noch gar nichts sagen ...
Wie denn aber? fragte ich verwundert.
Das ist einmal so! Wir marschierten nach Dargi, für acht Tage nahmen wir Zwieback mit und blieben fast einen Monat dort.
Werde ich mit Ihnen mitgehen dürfen? fragte ich nach einer kurzen Pause.
Dürfen werden Sie schon, aber ich rate Ihnen, gehen Sie lieber nicht mit. Warum sollen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen? ...
Nein, Sie müssen mir schon gestatten, Ihrem Rate nicht zu folgen. Ich habe hier einen ganzen Monat ausgehalten, um endlich die Gelegenheit abzuwarten, ein Gefecht mit anzusehen, und nun wollen Sie, daß ich sie vorübergehen lasse.
Bitte, kommen Sie mit; aber, wahrhaftig, ist es nicht gescheiter, Sie bleiben hier? Sie könnten hier abwarten, bis wir wiederkommen, Sie könnten jagen, und wir werden mit Gott ausrücken. Das wäre prächtig! – sagte er in so überzeugendem Tone, daß es mir im ersten Augenblick wirklich so vorkam, als wäre das herrlich; dann sagte ich entschlossen, daß ich um keinen Preis zurückbleibe.
Und was wollen Sie denn dort sehen? fuhr der Kapitän fort mir zuzureden. Sie möchten gern wissen, wie es in einer Schlacht zugeht? Lesen Sie Michajlowskij-Danilewskijs »Beschreibung des Kriegs«, ein wundervolles Buch! Da ist alles ausführlich beschrieben: wo die einzelnen Korps gestanden haben, wie die Schlachten vor sich gehen.
O nein, das interessiert mich nicht, antwortete ich.
Nun was denn: Sie wollen also, wie es scheint, einfach mit ansehen, wie man Menschen totschlägt? ... Da war hier im Jahre 32 auch so ein Civilist, ein Spanier war es, glaube ich. Zwei Feldzüge hat er mit uns mitgemacht, in seinem blauen Mäntelchen – schließlich haben sie den Burschen abgemurkst. Hier, Väterchen, wird kein Mensch dich viel bewundern ...
So peinlich es mir auch war, daß der Kapitän meine Absicht in so häßlichem Sinne auslegte, gab ich mir doch keine Mühe, ihm eine andere Überzeugung beizubringen.
War er tapfer? fragte ich ihn.
Das weiß Gott: er war immer in den ersten Reihen; wo man Gewehrknattern hörte, sah man ihn.
Er muß also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich.
Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer überall herumrennt, wo man ihn nicht braucht ...
Was nennen Sie also tapfer?
Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitän, mit der Miene eines Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: Tapfer ist, wer sich so benimmt, wie sich's gehört, sagte er nach einigem Nachdenken.
Mir fiel ein, daß Plato die Tapferkeit definiert als »die Kenntnis dessen, was man zu fürchten hat und was man nicht zu fürchten hat«, und trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition des Kapitäns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitäns sei sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn hätte er sich so auszudrücken verstanden, wie Plato, so würde er sicher gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das fürchtet, was man fürchten muß, und nicht das, was man nicht zu fürchten braucht.
Ich hatte Lust, dem Kapitän meinen Gedanken klarzumachen.
Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und eine Wahl, die z. B. unter dem Einfluß des Pflichtgefühls getroffen ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einfluß eines niedrigen Gefühls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen, der unter dem Einfluß des ehrenwerten Gefühls von Familienpflicht oder einfach der Überzeugung – einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen Feigling nennen.
Der Kapitän sah mich, während ich sprach, mit einem sonderbaren Blick an.
Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch gern. Mit dem müssen Sie sprechen. Er macht auch Verse.
Ich hatte den Kapitän erst im Kaukasus kennen gelernt, aber gekannt hatte ich ihn schon in Rußland. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopowa, war Besitzerin eines kleinen Gütchens, zwei Werst von meiner Besitzung. Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus war ich bei ihr gewesen; die Alte war sehr erfreut, daß ich ihren Paschenka (wie sie den alten, grauen Kapitän nannte) aufsuchen wollte und – ein lebendiger Brief – ihm von ihrem Leben und Treiben erzählen und ein Päckchen überbringen konnte. Sie hatte mir einen vorzüglichen Pirogg und Spickgans vorgesetzt, dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam von da mit einem schwarzen, ziemlich großen Heiligenbilde zurück, an dem ein Seidenbändchen befestigt war.
Das ist das Bild unserer Mutter Gottes, der Fürsprecherin, vom brennenden Dornbusch, sagte sie, bekreuzte sich, küßte das Bild der Gottesmutter und überreichte es mir: überbringen Sie ihm das, Väterchen. Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus ging, habe ich eine Messe lesen lassen und ein Gelübde gethan, wenn er gesund und unversehrt bleibt, dieses Mutter-Gottesbild zu bestellen. Nun sind es schon achtzehn Jahre, daß die barmherzige Fürsprecherin und die Heiligen ihn schützen; nicht ein einziges Mal war er verwundet, und in wieviel Schlachten ist er schon gewesen! ... Wie mir Michajlo, der mit ihm war, zu erzählen anfing, glauben Sie mir, die Haare stehen einem zu Berge; sehen Sie, was ich von ihm weiß, weiß ich alles nur von fremden Leuten, er selbst, mein Täubchen, schreibt nichts von seinen Kriegszügen – er fürchtet mich zu ängstigen.
(Schon im Kaukasus hatte ich erfahren, und zwar nicht von dem Kapitän selbst, daß er viermal schwer verwundet gewesen, und es versteht sich von selbst, daß er über die Verwundungen wie über die Feldzüge nie seiner Mutter ein Wort geschrieben hatte.)
Dieses Heiligenbild soll er nun auf seiner Brust tragen, fuhr sie fort, ich segne ihn damit.
Die heilige Fürsprecherin wird ihn beschützen! Besonders in der Schlacht soll er es immer tragen. Sag's ihm, Väterchen, das läßt dir deine Mutter sagen.
Ich versprach ihren Auftrag pünktlich auszuführen.
Ich weiß, Sie werden ihn liebgewinnen, meinen Paschenka, fuhr die Alte fort, er ist ein so prächtiger Mensch! Wollen Sie glauben, kein Jahr geht vorüber, in dem er mir nicht Geld schickt, und meine Tochter, die Annuschka, unterstützt er auch sehr; und alles nur von seinem Gehalt! Mein ganzes Leben werde ich Gott danken, schloß sie mit Thränen in den Augen, daß er mir ein solches Kind geschenkt hat.
Schreibt er Ihnen oft? fragte ich.
Selten, Väterchen, so einmal im Jahre, wenn er Geld schickt, schreibt er wohl ein Wörtchen, sonst nicht. Wenn ich dir nicht schreibe Mütterchen, sagt er, dann bin ich gesund und munter, und wenn, was Gott verhüte, etwas passiert, so wirst du es auch so erfahren.
Als ich dem Kapitän das Geschenk der Mutter überreichte (es war in meinem Zimmer), bat er mich um Umschlagpapier, hüllte es sorgfältig ein und steckte es in die Tasche. Ich erzählte ihm viel und ausführlich über das Leben seiner Mutter – der Kapitän schwieg. Als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, ging er in die Ecke und stopfte auffallend lange sein Pfeifchen.
Ja, eine prächtige Frau! sagte er von dort her mit etwas dumpfer Stimme. Ob's mir Gott noch vergönnt, sie wiederzusehen? In diesen einfachen Worten lag sehr viel Liebe und Sehnsucht.
Warum dienen Sie hier? sagte ich.
Man muß doch dienen, antwortete er mit Überzeugung, für einen armen Teufel wie unsereins will das doppelte Gehalt viel sagen.
Der Kapitän lebte sparsam: Karten spielte er nicht, Wein trank er selten und rauchte einen einfachen Tabak, den er, ich weiß nicht warum, nicht Rauchtabak, sondern sambrotalischen Tabak nannte. Der Kapitän hatte mir schon früher gefallen: er hatte eine von den schlichten, ruhigen, russischen Physiognomien, denen man mit Vergnügen und leicht gerade in die Augen sieht; nach dieser Unterhaltung aber empfand ich vor ihm wahre Hochachtung.
II
Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten, breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter.
Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich. Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich Achtung einflößte.
Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd, und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.
Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur daran konnte man erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer, bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden unsern Blicken.
Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns, der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast schwarz, dunkelgrün und weiß.
Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir außerordentlich angenehm vor.
Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.
Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte. Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen können, daß er noch sehr jung war.
Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.
Wer ist das? fragte ich.
Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.
Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.
Darum ist er auch so glücklich ... – antwortete der Kapitän, tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!
Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß.
Der Kapitän schwieg einige Minuten.
Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir, übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude?
III
Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergoß ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken zerstreuten sich, und es wurde heiß. Die Soldaten marschierten mit ihren Gewehren und Säbeln auf dem Rücken langsam die staubige Straße dahin, in den Reihen hörte man von Zeit zu Zeit ein Gespräch in kleinrussischer Mundart und Gelächter. Einige alte Soldaten in weißen Kitteln, – meist Unteroffiziere –, gingen neben dem Wege, mit dem Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispännige Fuhren bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts und wirbelten den dichten, schwerfälligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das Pferd mit der Peitsche und ließen es vier, fünf Sprünge machen, dann parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rückwärts. Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz Glut und Stickluft unermüdlich ein Lied nach dem andern spielten.
Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem großen Schimmel neben den berittenen Tataren ein schlanker und schöner Offizier in asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkühnen Tapferkeit bekannt und als ein Mann, »der jedem die Wahrheit in die Augen wirft«. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte, ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Füßen anliegende Stiefel mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe nach hinten eingedrückte Fellmütze. Über Brust und Rücken liefen silberne Borten, daran hingen auf dem Rücken Pulverhorn und Pistole; eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen am Gürtel. Über der Kleidung war sein Säbel in schöner Saffianscheide mit Silberbesatz umgürtet, über die Schultern hing die Windbüchse in schwarzem Überzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem ganzen Gebahren, überhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich, daß er sich Mühe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber an den verwunderten, spöttischen Blicken, die diese letzteren einander zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, daß sie ihn nicht verstanden. Es war einer von unseren jungen Offizieren, einer der kühnen Ritter und Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen. Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer Zeit, eines Mulla Nur und ähnlicher und lassen sich in allen ihren Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem Beispiel dieser Vorbilder.
Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anständiger Frauen und ernster Männer: Generale, Obersten, Adjutanten – ja, ich bin überzeugt, daß er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er war im höchsten Grade eitel; aber er hielt es für seine unbedingte Pflicht, allen ernsten Männern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er auch in seiner Derbheit sehr maßvoll war; und ließ sich eine Dame in der Festung sehen, so hielt er es für seine Pflicht, mit seinen Kameraden bloß in einem roten Hemd und mit Fußlappen an den nackten Beinen an ihrem Fenster vorüberzugehen und so laut als möglich zu schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu kränken, als in der Absicht, zu zeigen, was er für schöne weiße Füße habe, und wie man sich in ihn verlieben könnte, wenn er das nur wollte. Oder er zog häufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nächte in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die vorüberkamen, aufzulauern und sie zu töten; und obgleich ihm sein Herz oft genug sagte, daß darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich für verpflichtet, den Menschen Leid zuzufügen, die ihm, wie er meinte, Enttäuschungen bereitet, und die er verachtete und haßte. Zwei Dinge legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug, und das Dolchmesser, das über dem Hemd hing, und mit dem er sich auch zu Bette legte. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß er Feinde habe. Sich selbst zu überzeugen, daß er an jemandem Rache zu nehmen und mit Blut eine Beleidigung zu sühnen habe, war für ihn der höchste Genuß. Er war überzeugt, daß die Gefühle des Hasses, der Rache und der Verachtung des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefühle seien. Seine Geliebte aber, – natürlich eine Tscherkessin – mit der ich später zufällig zusammentraf, erzählte, er sei der beste und sanfteste Mensch, und er schreibe jeden Abend seine düsteren Aufzeichnungen nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nächtlichen Straßenstreifzüge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel einen feindlichen Tschetschenzen am Fuß und nahm ihn gefangen. Dieser Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war, entließ er ihn mit Geschenken. Später einmal, während eines Kriegszugs, als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurückwich und sich gegen den Feind durch Schießen verteidigte, hörte er aus den Reihen der Feinde seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drückte ihm die Hand. Die Bergbewohner standen in der Nähe und schossen nicht; als aber der Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine Kugel streifte ihn unterhalb des Rückens. Ein andermal habe ich selbst gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien Soldaten waren mit dem Löschen beschäftigt, plötzlich erschien mitten in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drängte die Menge auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und stürzte in das Haus, das von einer Seite lichterloh brannte. Fünf Minuten später kam der Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurück und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet hatte.
Er hieß Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete sie von den Warägern ab und suchte klar zu beweisen, daß er und seine Vorfahren echte Russen waren.
IV
Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute, die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:
Schamyl wollte revoltiren
In vergangnen Jahren,
Traj–raj, ra–ta–taj ...
In vergangenen Jahren.
Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. – Er wußte auch nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes, dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war.
Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren Reisekästchen Karten.
Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin. Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen.
V
Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite, befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken, die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten. Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.
Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt, wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten, verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard.
Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen, die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.
Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen.
Wer ist denn angekommen? fragte ich.
Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf.
Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl bewußt ist.
Bon soir, madame la comtesse, sagte er und reichte ihr durch das Wagenfenster die Hand.
Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien an dem Fenster des Wagens.
Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte:
Vous savez, que je fait vœu de combattre les infidèles, prenez donc garde de le devenir.
Im Wagen erklang ein Lachen.
Adieu donc, cher général.
Non, au revoir, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe hinausging, n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain.
Der Wagen rollte weiter.
»Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen; und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle zusammengetroffen wäre.«
Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen, der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und Schüchternheit anzeichnete.
Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte, ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte, daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das alles gänzlich unverständlich.
VI
Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.
Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.
Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber: bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.
[G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche.
Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte: erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.
Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen, Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren, die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr Leutnant wünscht Feuer.«
Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen – und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel, einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen. Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases, das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.
Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes Plaudern und das Schnauben der Pferde.
Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft.
Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt, unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit, der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte, meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur – diesem unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten.
VII
Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis sah ich dieselben dunklen Gegenstände unklar vor mir: in geringer Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte und die Hinterfüße breit auseinander setzte, einen Rücken in weißer Tscherkeska, über dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war und der weiße Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart, einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete. Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schloß die Augen und versank einige Augenblicke in Träume; da plötzlich traf bekannter Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich stünde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag, komme auf mich zu, oder diese Wand stünde fest, und ich ritt gerade auf sie zu. In einem dieser Augenblicke überraschte mich das herannahende, dumpfe Getöse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch stärker – es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe Schlucht und näherten uns einem Bergfluß, dessen Überschwemmungszeit gerade den Höhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getöse wuchs, das feuchte Gras wurde dichter und höher, die Sträucher wurden seltener, der Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer auf und erloschen sofort wieder.
[H] Die Ueberschwemmungszeit der Flüsse im Kaukasus ist der Juli.
Sagen Sie mir, bitte, was sind das für Feuer? fragte ich flüsternd den Tataren, der neben mir ritt.
Ei, weißt du das nicht? antwortete er.
Nein.
Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den Feuerbrand werfen.
Warum denn?
Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fügte er lachend hinzu, herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er in die Schlucht schleppen.
[I] Tomascha bedeutet Unfrieden in der eigentümlichen Mundart, die die Russen und Tataren in ihrem gegenseitigen Verkehr erfunden haben. Diese Mundart kennt viele Worte, deren Wurzel weder aus dem Russischen, noch aus den tatarischen Sprachen zu erklären sind.
[J] Churda-Murda bedeutet in demselben Mundart Hab und Gut.
Wissen sie denn in den Bergen schon, daß eine Abteilung herankommt? fragte ich.
Ja, wie soll er das nicht wissen, er weiß es immer, die Unseren sind solch ein Volk!
So rüstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich.
Jok,[K] antwortete er und schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die Naïbs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg herunter.
[K] Jok ist das tatarische »Nein«.
[L] Naïbs sind Leute, welchen Schamyl irgend einen Teil der Verwaltung anvertraut hat.
Wohnt er weit von hier?
Weit nicht, hier links, zehn Werst können's sein.
Woher weißt du? ... fragte ich, warst du denn dort?
O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen.
Und hast du Schamyl gesehen?
Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert, tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit dem Ausdruck unterwürfigster Hochachtung.
[M] Das Wort Muriden hat viele Bedeutungen, aber in dem Sinne, in dem es hier gebraucht ist, bezeichnet es ein Mittelding zwischen einem Adjutanten und einem Mitglied der Leibwache.
Wenn man emporsah, konnte man bemerken, daß der lichter werdende Himmel im Osten zu leuchten begann und der kleine Bär sich zum Horizont herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht und dunkel.
Plötzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither Schüsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei, schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander.
Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar in weißer Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm flüsternd mit lebhafter Gebärde eine lange Zeit.
Oberst Chassanow, lassen Sie die Schützenkette ausschwärmen! sagte der General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme.
Die Abteilung näherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge, die Schluchten blieben im Rücken; es begann Tag zu werden. Der Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren, erschien höher; die Morgenröte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel stieg wie Dampf über dem rauschenden Flusse auf.
VIII
Der Führer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr nach auch der General mit seinem Gefolge, überschritt den Fluß. Das Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit außerordentlicher Kraft stürzte es zwischen den weißen Steinen dahin, die hie und da aus der Wasserfläche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde schäumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen des Wassers, richteten die Köpfe empor, spitzten die Ohren, gingen aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strömung über den unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Höhe, die Fußsoldaten, die buchstäblich nur mit einem Hemd bekleidet waren, hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbündel befestigt hatten, über dem Wasser, faßten sich je zwanzig Hand an Hand und kämpften mit einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprägt war, gegen die Strömung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre Pferde im Trab mit großem Geschrei in das Wasser. Die Geschütze und die Pulverkasten, über die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte, klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen wacker die Stränge, teilten die schäumende Flut und erklommen mit feuchtem Schweif und feuchter Mähne das andere Ufer.
Sobald der Übergang vollzogen war, lag plötzlich auf dem Antlitz des Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd und ritt im Trab mit der Reiterei über die von dem Walde umsäumte Wiese dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten schwärmten am Waldesrand entlang.
Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmütze, ein Fußgänger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren sagt: »Das sind die Tataren.« Da wird auch ein leichter Rauch hinter dem Baum sichtbar ... Ein Schuß, ein zweiter ... Unser rasches Schießen übertönt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die mit gedehntem Klang, ähnlich dem Summen der Bienen, vorüberfliegt, daß nicht alle Schüsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist das Fußvolk, im Trab die Geschütze in die Schlachtlinie eingerückt; man hört den dröhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der fliegenden Kartätschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der Gewehre. Die Reiterei, das Fußvolk und die Geschützmannschaft tauchen von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwölkchen der Gewehre, der Raketen und Kanonen fließen mit dem taubedeckten Grün und dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General heran und hält sein Pferd in vollem Ritt plötzlich an.
Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mütze gelegt, befehlen Sie, daß die Kavallerie vorrückt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit roten und blauen Fähnchen an den Lanzen, auf weißen Rossen vorausreiten.
[N] Die Zeichen haben bei den Bergvölkern beinahe die Bedeutung von Fahnen, nur mit dem Unterschied, daß jeder Dshigit sich seine eigenen Zeichen machen und führen kann.
Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.
Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und ruft: »Urrah!«
Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei stürmt ihm nach.
Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die Kugeln kommen dichter geflogen.
Quel charmant coup d'œil! sagt der General, indem er seinen dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt.
Charmant! antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. C'est un vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays, sagt er.
Et surtout en bonne compagnie, fügt der General mit anmutigem Lächeln hinzu.
Der Major verneigte sich.
In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten Lächeln etwas auf französisch.
Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der Befehlshaber der Artillerie.
Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig und raucht eine Cigarette an.
Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.
Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke, die sie selbst aufwirbelt.
Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war, den Eindruck, weil es überflüssig erschien – diese Lebhaftigkeit, diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit einem Beile die Luft zu spalten.
IX
Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.
Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut, zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)
Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.
Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern; ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.
Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines sambrotalischen Tabaks mit so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß, daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als sei ich hier völlig zu Hause.
Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.
Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam; ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten. Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich, daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen. Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das Leben aus.
Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den andern geflohen sei.
Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.
Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.
Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin ein alter Mann.
Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?
Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet hatte.
Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.
Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.
Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.
Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen, wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen waren.
Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns gesammelt hatten.
Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...
Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.
Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.
Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.
Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte, errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.
Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem Lächeln.
X
Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.
Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum andern hinüberrannten.
Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig; einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »Er[O] feuert von da, er hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, Kanonen müßten wir haben ...« u. s. w.
[O] Er ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.
Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.
Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen. Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.
Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.
Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln; immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.
Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig, wir werfen sie zurück.
Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.
Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger, einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten, und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.) Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.
Er war ganz so, wie ich ihn immer sah. Dieselben sicheren Bewegungen, dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt sich leicht: ganz so wie immer; aber wie mannigfache Abstufungen habe ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte, warum man etwas scheinen sollte.
Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »La garde meurt, mais ne se rend pas« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort, gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt hätte, er es – davon bin ich überzeugt – nicht ausgesprochen hätte: erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen, jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen Rittertum gleich zu thun streben? ...
Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.
Alles verschwand im Walde.
Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen, auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war, die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.
Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von diesem traurigen Schauspiel ab.
Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht gescheit und hat es büßen müssen.
Fürchtest du dich denn? fragte ich.
Etwa nicht?
XI
Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu ermuntern, aufzurichten und zu trösten.
Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.
Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete Wirkung nicht.
Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich aufrichtiges Mitleid aus.
Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet hätte. Gott hat es offenbar so gewollt.
Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges Lächeln.
Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.
Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän.
Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran.
Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.
Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht. Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem Stöhnen zurück.
Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz gleich, ich sterbe.
Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir: »Er geht hinüber.«
XII
Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.