2.
Sabine war ein Kind von unvergleichlicher Anmut gewesen, und da war es denn nur zu begreiflich, daß sie in Aller Mienen der Wirkung ihrer eigenen Zauberhaftigkeit nachspürte und es zur Aufgabe ihres kleinen Lebens machte, diese Wirkung nach Möglichkeit zu verstärken. Dabei experimentierte sie förmlich mit der Tragfähigkeit dieses Magnets: denn sie trug Farben und Gewandformen, die an anderen Mädchen gewagt erschienen wären, und triumphierte innerlich, wenn ihre Schönheit das Unmöglichste und Heterogenste zu einem gefälligen Eindrucke verband. Auch gelang es ihr öfters, selbst die Mode zu beeinflussen, indem sie durch die Macht ihrer Erscheinung die Augen ihrer Geschlechtsgenossinnen blendete, so daß jene das Kleid von der Trägerin nicht mehr zu unterscheiden vermochten und sich für schön hielten, wenn sie trugen, was an Sabine Ricchiari schön erschien So sicher aber diese ihrer äußeren Vorzüge war und so viel sie darauf wagen konnte, so genügte ihr dies doch keineswegs; sie hätte nun auch gerne durch Gaben des Geistes und der Seele allen anderen Frauen den Rang abgelaufen und empfand es höchst schmerzlich, daß ihr hervorragende Talente versagt waren, die ihren Namen durch die Lande trügen. Deshalb aber nicht eingeschüchtert, warf sich Sabine auf das »Fach«, in welchem Lukretia und andere hohe Frauen der Geschichte sich mit Glück betätigt hatten: auf die Tugend. Und sie faßte diesen Begriff in seinem weitesten Sinne.
Als Kind hatte Sabine Ricchiari nicht gerne gelernt. Da sie heranwuchs, beobachtete sie, daß jedermann einen gewissen Grad von Albernheit und Denkfaulheit als Vorrecht ausnehmend schöner Personen für zulässig zu halten schien Das erbitterte sie sofort aufs höchste als eine Beleidigung, die ihr mehr galt als tausend anderen, minder reizenden Frauen. Und hier sprang nun der gefährliche Zug ihres Wesens mit einer ganz wohltuenden Wirkung ein: denn, beharrlich und energisch, wo es ihrer Eitelkeit galt, zwang Sabine ihren flattersüchtigen jungen Geist in eine Zucht, die alle Welt in Erstaunen setzte. Bald erlebte sie die Freude, daß man laut und leise ihren Fleiß und ihr ernsthaftes Streben noch höher als ihre Anmut pries, und ehe sie achtzehn Jahre alt war, konnte sie schon mit vollem Rechte das kühne Wort sprechen: »Müssen denn alle tüchtigen Frauen häßlich sein und nur häßliche tüchtig? Ich denke zu beweisen, daß man körperliche und geistige Bildung vereinigen kann!« Dabei fiel ihr das Studium vieler Wissenszweige durchaus nicht leicht, und nur der maßlose Ehrgeiz, ein Frauenbild von nie dagewesener Vollkommenheit darzustellen, hielt sie in Stunden tiefer geistiger Erschöpfung aufrecht. Bei solchen Beschäftigungen mußte sich ihr notgedrungen die Zeit kürzen, die andre junge Mädchen ihres Kreises auf Tanz und Flirt verwendeten; jedoch empfand Sabine dies durchaus nicht als Verlust, da ihr Siege auf diesem Felde allzu sicher waren, und wenn sie sich unter die Spiele der Geselligen mischte, so war's nur, um durch verspätetes Erscheinen und frühen Abgang die Leute zu erinnern, daß sie Besseres zu tun hatte. So albern nun dies Tun an sich erscheinen mag, so trug es doch für Sabine bessere Früchte, als sie eigentlich verdient hätte. Denn darin ist die Wissenschaft, die Göttin, dem sterblichen Weibe gleich, daß sie ihre Bewerber nicht leicht auf die Redlichkeit ihrer Gesinnung prüft und auch den mit Segenshänden beschenkt, der nur mit ihr tändelt. Was Sabine Gutes, Klares, Großzügiges in ihrem Charakter hatte, war ihr als unverdiente und ungewollte Beute aus der Zeit dieser Raubzüge in das reine Land des Gedankens geblieben.
Aber nun kam Sabine in das Alter, wo die höchsten Lebensfragen an ein Weib herantreten, und leider machte sich auch hier wieder die Sucht, das Ungewöhnlichste, das völlig Unerwartete zu tun, zu ihrem Schaden geltend. Sie war – schön, gebildet und überaus sittsam, wie sie sich stets gezeigt hatte – von zahlreichen Bewerbern umschwärmt und hätte unter den Männern ihres Kreises den Besten und Begehrtesten zu ihren Füßen sehen können. Aber Sabine bildete ihr Urteil über Männer nach eigener Art. Die naive Siegessicherheit, mit welcher heutzutage ein Mann, der seinen Wert kennt, ein Weib zu nehmen pflegt, erbitterte und beleidigte sie, die sich selbst als etwas Einziges und Unvergleichliches geschätzt zu sehen wünschte, nicht wenig. Sabine wollte Werber im Minnesängerstil. Dafür war sie auf der anderen Seite höchst anspruchslos, denn kein äußerer Vorzug des Mannes sollte ihre Wahl bestimmen; freie, reine Neigung beider Herzen allein sollte den Ausschlag geben und – Bedingung sine qua non! – das Publikum vor allem sollte von dieser reinen Neigung überzeugt sein. So, damit auch ja nicht der leiseste Vorwurf einer Bestechlichkeit erhoben werden konnte, wandte das törichte Fräulein sich sofort und demonstrativ von allen glänzenden, angesehenen und vielbegehrten Männern hinweg und solchen zu, die von Frauen übel behandelt, von Kritikern verkannt, von Vorgesetzten übersehen und von rassestolzen Aristokraten geächtet wurden. Und man konnte hinfort auf allen Festen das sonderbare Schauspiel genießen, das schönste Mädchen der Stadt mit einem Gefolge zweifelhafter Gestalten einherwandeln zu sehen, an denen sie eifrig und ernsthaft ein Werk der Veredlung zu betreiben suchte, das indes sehr selten mit einem Gelingen lohnte. Denn Männer pflegen es sehr übel aufzunehmen, wenn ein Weib sie »zu sich emporziehen« will – und ich weiß nicht, ob ich ihnen darin nicht recht geben muß.
Es konnte nicht fehlen, daß Sabine in diesem Umgange ein paar schlimme Erfahrungen machte, die ihr indes glücklicherweise nicht so zum Verderben ausfielen, wie es wohl hätte sein können. So befand sich unter den Unbegehrten, die sie zu beschenken glaubte, ein junger Naturforscher von beträchtlicher Häßlichkeit, deren Wirkung noch verstärkt wurde durch den Hochmut, mit welchem der Mann alle gefälligen Formen in Rede, Kleidung und Auftreten verschmähte. Er war aus Arbeiterkreisen hervorgegangen, recht im vollsten Sinne des Wortes ein geistiger Selfmademan, und allerdings sehr bedeutend in seinem Fache. Aber er setzte einen törichten Stolz darein, das Plebejertum, dem er angehört hatte, auf drastische Weise darzulegen, und scheuchte feinfühlige Frauen von sich durch die Derbheit seiner Ausdrucksweise sowohl wie durch die Gehässigkeit, die er denen gegenüber zur Schau trug, die sich feinerer Sitten befleißigten. Auf ihn konnte mit Recht das drollige Wort angewendet werden, er habe »zwei Rücken«; denn bei Gastmählern, zu denen er freilich selten genug gebeten wurde, brachte er es fertig, seinen beiden Nachbarinnen zugleich den Rücken zu kehren – und das schlimmste war: sie zogen sein unartiges Schweigen seiner Konversation vor. Das war ein Objekt für Sabine! Mit dem raschen Schlußvermögen, das sie auszeichnete, stellte sie fest, daß eben diese Gehässigkeit gegen alles Glatte und Vornehme einem tiefen Bewußtsein eigener gesellschaftlicher Unzulänglichkeit entsprungen sei, und daß der rauhe Mann nur deshalb nicht manierlich sein wollte, weil er klar empfand, daß er es nicht sein konnte. Sie sagte sich, daß er wußte – und wahrlich nicht zu seinem Behagen wußte –, an ihm müsse Kultur zur Karikatur werden. Deshalb hegte sie Mitleid für ihn und beschloß, die erste zu sein, die seinem hervorragenden Verstande und seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit volle Ehre antat, ohne sich durch seine ungeschlachte Art und böse Sitten beirren zu lassen. Und sie erwählte ihn förmlich und feierlich zu ihrem Höflinge und war holdseliger zu ihm, als ihr dabei eigentlich ums Herz war; denn sie mußte sich alle mögliche Gewalt antun, um den Widerwillen zu überwinden, den seine physische Erscheinung, seine zynische Rede und häufige lästerliche Flüche ihr einflößten.
Aber Sabine kam übel an mit ihren Beglückungsversuchen. Denn sie mußte einsehen, daß der erwählte Mann selbst nicht nur keine sonderliche Dankbarkeit gegen sie empfand, sondern daß er die Bevorzugung, die ihm widerfuhr, auf eine sehr kränkende Weise deutete. Daß seine Häßlichkeit, über welche er sich keiner Täuschung hingab, ein so holdes und vielbegehrtes Wesen wie Sabine anzog, erschien ihm durchaus nicht als ein Wunder der Liebe, die ihren Gegenstand nach seinem seelischen Gehalte schätzt – denn so hätte Sabine es gerne gedeutet wissen wollen; vielmehr erklärte er sich in seiner materialistischen Weltanschauung dies Wunder einfach aus einem perversen Reiz, den Scheusale von Männern auf Frauen auszuüben verstehen, und er schämte sich nicht, dies in wenig verschleierten Worten anzudeuten, wobei er mit Vorliebe das Beispiel des großen Sinnenbetörers Mirabeau zitierte. Daß Sabine seine durchaus nicht gewählte Unterhaltung ertrug, schrieb er demselben krankhaften Gefallen am Allzunatürlichen zu, denn er gab sich nie Mühe, in den Mienen anderer zu lesen, und übersah deshalb den Kampf, mit welchem das wunderliche Fräulein diese härteste Probe ihrer Gesinnungstreue zu bestehen suchte. Daß sie endlich vor aller Welt seine Partei hielt, schien ihm selbstverständlich, denn er wußte, daß er für eine wissenschaftliche Größe galt und daß eine Frau an seiner Seite einer großen Zukunft entgegenging. Und er sprach auch dies aus und verfehlte nicht, Sabine aufmerksam zu machen, daß sie trotz ihrer Schönheit und höheren Geburt bei einer Verbindung mit ihm der gewinnende Teil wäre. Es dauerte eine ganze Weile, bis Sabine diese seine Auffassung von der Sache ganz begriffen hatte, denn sie hatte sich in der Rolle der Gebenden und Herablassenden zu wohl gefallen, um leicht einer so demütigenden Erkenntnis zugänglich zu sein. Aber der merkwürdige Galan, der seinerseits durchaus nicht geneigt war, den Empfangenden, den Beschenkten zu spielen, versuchte endlich, ihre Liebe, die er für höchst leidenschaftlich hielt, durch bewußte Bosheiten auf die Probe zu stellen, bald ohne Anlaß fernbleibend, bald auch vor Zeugen ein hämisches und tyrannisches Wesen gegen sie zur Schau tragend. Ihre Ratlosigkeit und Verblüfftheit solchen Roheiten gegenüber hielt er für Schmerz, und die wirklich bewunderungswürdige Geduld, mit welcher sie verzieh, was sie einem Mangel an Besserwissen zuschrieb, deutete er als Verliebtheit, die, selbst getreten, nicht von ihm lassen konnte. Endlich kam aber doch der Tag der Abrechnung, und es erfolgte nun die allerwunderlichste Auseinandersetzung, die je zwischen Liebesleuten stattgefunden. Jeder der beiden Toren war sehr verdutzt, sich von dem anderen nicht heißer geliebt zu sehen, jeder rechnete dem anderen sein Gewinnen oder Verlieren mit allerliebster Offenheit vor. Bei dieser Abschiedsszene zeigte sich schließlich der Mann noch als der Charaktervollere von beiden, denn er war der erste, welcher der Frau mit ihrem unerbetenen Mitleiden den Laufpaß gab, indem er erklärte, daß ihm ein Schankmädchen, das zu ihm aufsähe, liebenswerter erscheine als eine Königin, die sich »herablasse«. Sabine zog sich gekränkt zurück und gewann aus der bösen Erfahrung wenigstens die Lehre, daß Mitleid vom Weibe zum Manne vorsichtig in leisen Schuhen wandeln muß, soll nicht sein Tritt die jungen Liebespflänzlein zermalmen. Eine Weile war sie traurig und enttäuscht. Bald aber löste eine neue, noch sonderbarere Wahl die Mißstimmung jenes ersten Erlebnisses. Auch dieser zweite Mann war das Gegenteil von einem Adonis und nichts weniger als ein Gesellschaftslöwe. Wäre er beides gewesen, so hätte er ja für Sabine keinen Reiz gehabt, denn dann wäre es keine Kunst gewesen, ihn zu lieben; und Sabine wollte, wie gesagt, auch hierin etwas völlig Neues leisten. Was ihre Neigung in diesem besonderen Falle bestimmte, war hauptsächlich die bittere Armut, in welcher der Betreffende lebte, der seines Zeichens ein unbedeutender Musikus am Theaterorchester der Stadt war, in welcher das seltsam wählerische Fräulein damals lebte. Sabine hatte durch Hausgenossen des Fiedlers von seinem Elende vernommen, hatte ihn unterstützen lassen und suchte nun seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Sie verhalf ihm zu Unterrichtsstunden in besseren Häusern und eröffnete damit zugleich ihm und sich selbst einen Weg, auf welchem sie sich häufig genug ohne Anstände begegnen konnten. Dabei geschah nun, was geschehen mußte. Hatte der Mann schon vorher gewußt, daß er ihrem Mitleid viel verdankte, so warfen ihre strahlende Erscheinung, ihr berückendes Lächeln und die freundlichen Worte, die sie an ihn richtete, ihn nun ohne weiteres in eine maßlose Leidenschaft, die er auch durchaus nicht zu verbergen strebte. Dabei war er klug genug, weder seinen persönlichen Vorzügen noch seiner musikalischen Begabung das Verdienst dieser Eroberung beizulegen, denn er wußte genau, daß er von letzterer nicht viel mehr besaß als von ersteren. Aber er empfand doch künstlerisch-naiv gerade soviel als es brauchte, um an eine ideale Liebe zu glauben, die wahllos trifft und sich mit gleich selbstloser Erwiderung reichlich gelohnt fühlt. Eine solche Liebe legte er in Sabine hinein; und er selbst stattete seinen Dank für das unverdiente Gnadengeschenk in einer Anbetung ab, an der sich Diana hätte genügen lassen können, und die unsere kühle Heldin selbst höchlichst befriedigte, weil sie endlich zur Erfüllung brachte, was lang geträumt und gewünscht war. Denn nun genoß Sabine die Genugtuung, daß die Romantik dieses Verhältnisses von alt und jung gebührend geschätzt wurde, und wandelte einher, von Mondschein und blauen Blumen gleichsam auf Schritt und Tritt umsponnen, wie ein mittelalterliches Burgfräulein, das sich einem fahrenden Sänger neigt. Sie redete viel, um zu beweisen, daß echtes Gefühl auch in unseren nüchternen und bösen Zeiten noch nicht ganz vom Erdenrund geflohen sei, und glaubte ganz ernsthaft, die schöne Neigung, die sie darstellte, wirklich selbst zu empfinden. Allerdings glaubte das auch jedermann sonst; und selbst die losesten Zungen fanden keinen schlimmeren Anlaß zu sticheln als den, daß man Sabine hinfort auch im Getöse einer Wagneroper in der ersten Reihe des Parkettes sitzen sah, wo sie dem Bombardement wahnsinniger Pauken- und Trompetenstöße heldenhaft standhielt, nur um Aug' in Auge mit ihrem Geigerlein und in seiner möglichsten Nähe den Abend zu verbringen. Dem Widerstand ihrer Verwandten gegen diese sehr unerwünschte Verbindung setzte sie eine siegreiche Beredsamkeit entgegen, die alle Bedenken entwaffnete und die Zweifler beschämte. Die Entdeckung, daß ihr neuer Liebhaber einige Male ziemlich betrunken im Orchester erschien und daß er Ring und Kette, die sie ihm gegeben, gelegentlich versetzte, ernüchterte sie zwar ein wenig, entmutigte sie aber keineswegs. Sie löste geduldig ihre Liebespfänder selbst wieder aus und gab sie ihm ohne ein Wort des Vorwurfes zurück. Die Beschämung und Reue, die der arme Kerl bei solchen Anlässen an den Tag legte, war echt; aber die sittliche Festigkeit, die er neuen Versuchungen gegenüber bewies, war die eines Kindes; und Sabine machte hier die schmerzliche Schule durch, die Künstlerliebchen und -frauen selten erspart bleibt: sie mußte sehen, daß ein Mann alles Göttliche und Hohe in seinem Busen bewegen und doch vor einem Glase Wein zum Tiere werden kann. Aber Sabine hatte ihre Rolle zu hoch gegriffen, um ihr selbst vor derlei Schrecknissen untreu zu werden. Auch als ihr Bräutigam wegen der eingetretenen Unordentlichkeit seines Lebenswandels aus dem Orchester entlassen wurde, hielt sie noch fest zu ihm. Bereits aber war sie so weit zur Vernunft gekommen, daß sie den Argumenten ihrer Verwandten ein willigeres Ohr lieh als zuvor; und als man ihr geschickt vorstellte, wie gerade die Gunst, die sie dem Musikus erwies, die unerwartete Veränderung seiner Lage verderbenbringend geworden sei für den Mann, der bisher in seinen dürftigen Verhältnissen arbeitsam und brav gewesen war – da entsagte sie, obgleich schweren Herzens und nach langem Kampfe, auch diesem Traume. Von ihrem Anbeter kaufte sie sich los, indem sie mit Einwilligung ihrer Angehörigen ein bescheidenes Kapitälchen für ihn anlegte, das ihn vor äußerster Not bewahren, ihm aber keinerlei Ausschreitungen ermöglichen sollte. Es muß zur Ehre des Mannes gesagt werden, daß er diese Abfindung erst nach langer und rasender Gegenwehr hinnahm; denn er liebte das schöne Mädchen, wie nur ein Musikerherz lieben kann, und drohte sie und sich selbst zu ermorden, ehe er sie aufgäbe. Erst die Vorstellungen desselben klugen Verwandten, der Sabine herumgebracht, vermochten ihn zu erschüttern; denn sie brachten ihn zur Einsicht, daß er die Heißgeliebte in ein trauriges Los herunterzöge, wenn er sie an sich fesselte, ohne durch seinen Charakter eine Gewähr für seines Zukunft zu geben. Er trat zurück und zeigte sich beim Abschiede so ehrenhaft und stolz, daß Sabine fast wieder ihren Sinn zu seinen Gunsten geändert hätte; denn es war ihr bitter, daß er sie an Entsagungsmut übertraf, und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ungleich mehr opferte als sie, weil er ungleich leidenschaftlicher geliebt hatte. Seine Pension griff er erst viele Jahre später an, als er, wieder zur Ordnung zurückgekehrt, eine passende Lebensgefährtin gefunden hatte, mit welcher er dann auch leidlich glücklich wurde. –
Sabinens dritte Wahl fiel gleichfalls auf einen Musiker, aber weit höheren Ranges. Dieser Mann war städtischer Domorganist, war ein wirklicher Künstler, war weder häßlich noch arm, dafür aber blind. Sabine hätschelte ihr eigenes törichtes Heldentum mehr denn je, als sie diesem Manne nahetrat, mit welchem sie aber glücklicherweise kein Verlöbnis einging. Denn – um es kurz zu machen – sie mußte bereits nach einiger Zeit zur Überzeugung kommen, daß andere Frauen an derselben Wut der Selbstaufopferung krankten wie sie, und daß der blinde Mann die Äußerungen dieser edlen Regungen, denen er sich übrigens kaum hätte entziehen können, rückhaltlos und recht dankbar annahm. Es gab keinen tolleren Don Juan im Lande als ihn, und er prahlte, sein eigener Leporello, vergnügt mit seinem Sündenregister. Das widerte die im Grunde keusche Sabine an, und sie zog sich zurück, ehe ein bindendes Wort gesprochen war. So war sie noch einmal mit heiler Haut davongekommen, als sie dem Mann begegnete, der ihr Verhängnis werden sollte, ihre Strafe und – nach schweren Irrungen – ihre Rettung. Dieser Mann war Ricchiari.