3.

Sabine war damals vierundzwanzig Jahre alt, und ihre Schönheit hatte den Gipfelpunkt der Entfaltung erreicht. Sie war eine so hervorragende Erscheinung, daß die Schar ihrer Bewerber und Bewunderer sich trotz all ihrer Torheiten nicht wesentlich vermindert hatte, und sie hätte immer noch eine Ehe eingehen können, wie sie ihrer höchst verfeinerten und verwöhnten Natur angemessen war. Aber einer war abgefallen, von dem sie wußte, daß er sie früher gern gesehen hatte, und dieser eine beschäftigte nun die widerspruchsvolle Dame mehr als der ganze übrige Hofstaat. Auch Ricchiari war kein glänzender Mann. Er war, wie bereits erwähnt, von unansehnlicher, wiewohl durchaus nicht unangenehmer Erscheinung, dabei trocken und knapp in seiner Rede, schlicht in seinem Auftreten und nicht immer liebenswürdig in Frauengesellschaft. Als Arzt war er mäßig beliebt und gerade genug beschäftigt, um eine kleine Familie ohne Sorgen ernähren zu können, aber was man so eine Zukunft nennt, das traute ihm niemand zu. Auch war es diesem Manne, der die Welt kannte und wußte, nach welchen Werten ein Mensch geschätzt wird, nie zu Sinn gekommen, um die vielbegehrte Schöne zu werben; doch war auch er am Ende ein Wesen von Fleisch und Blut, und kein solches konnte Sabinens unvergleichliche Anmut sehen, ohne sich an ihr zu entflammen. So ging es auch dem armen Doktor, obgleich er sich redlich Mühe gab, seine Gefühle zu verbergen. Sabine, deren Augen auf dergleichen Vorgänge geübt waren, bemerkte nun wohl seine Leidenschaft; aber sie bemerkte auch seine Zurückhaltung, und sie schätzte ihn darob; möglicherweise würde sie ihn auch ermutigt haben, wenn der Beginn ihrer Bekanntschaft nicht gerade in eine Zeit gefallen wäre, wo eines der früher erwähnten Opfer Sabinens ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Nun war aber auch der Doktor ein Mann von äußerst scharfen Blicken, und er beobachtete mit innerlicher Empörung Sabinens Verhalten. Das komplizierte und etwas krankhafte Spiel ihrer Seelenregungen lag ihm längst offen, und was von guten Gefühlen in diesem wunderlichen Gemüte vorhanden war, unterschätzte er keineswegs. Daß Sabine im Verhältnis zum Manne die Gebende sein wollte, lieber als die Empfangende, das gefiel ihm sogar; und die Beharrlichkeit, mit welcher sie alle Folgen dieses Anspruchs auf sich nahm und ertrug, setzte ihn in Bewunderung. Aber daß sie im allerletzten Grunde dabei um den Beifall der Menge buhlte, daß sie etwas sein wollte, nur um es auch zu scheinen, das verdroß den Doktor, der in allen Dingen gerade nach der entgegengesetzten Seite hinstrebte und sich unbeachtet am wohlsten fühlte. Schmerzlich geteilt zwischen stiller, heißer Leidenschaft und einer gewissen Verachtung lebte der Mann kein vergnügtes Leben unter den Sonnenaugen der begehrten Frau, und kein Wunder, daß er die Verachtung etwas schroffer zur Schau trug, als er eigentlich wollte, da er sie wie einen schützenden Mantel um sein Herz und seine Liebe ziehen mußte.

Sabine bemerkte alsobald die Veränderung in Ricchiaris Betragen, und da sie nicht ahnen konnte, wie klar der Mann sie durchschaute, und daß er mehr von den Vorgängen in ihrer Seele wußte, als sie selbst, so störte seine plötzliche Kälte sie und gab ihr zu denken. Sie nahm sich vor, ihn zu erobern; und da er auch sonst ihren – negativen Anforderungen genügte und sie die Illusion, zu ihm herabgestiegen zu sein, vor sich und anderen aufrechterhalten konnte, so gab sie ihm Zeichen ihrer Huld, die er verstehen mußte, und bot alles auf, um ihn in ihren Bannkreis zu ziehen. Aber mit dem Doktor ging das nicht so leicht, wie es mit den anderen gegangen war. Je liebenswürdiger Sabine ihm entgegenkam, desto unnahbarer zeigte er sich und ließ sie endlich in unzweideutiger und fast unartiger Weise fühlen, daß er nichts von ihr wollte. Hätte Sabine in sein Herz blicken können, so hätte sie erkennen müssen, daß er unter dem Zustand der Dinge fast schwerer litt als sie, denn er konnte dem schönen Frauenbild lange nicht so ernstlich gram sein, wie er es zu sein wünschte. Da sie das nicht wußte, so war sie von seinem Verhalten nur aufs tiefste gekränkt und so unglücklich, wie ein Weltkind überhaupt sein kann. So heftig war sie von Zorn und verletzter Eitelkeit beherrscht, daß sie aller Weiblichkeit vergaß und den Doktor bei erster Gelegenheit zur Rede stellte. Es geschah dies auf einem einsamen Wege vor der Stadt, der durch Gärten und Gemüsepflanzungen weiter hinaus nach einer kleinen Privatheilanstalt führte, die Ricchiari regelmäßig besuchte. Sabine hatte ihm aufgelauert wie ein Schulmädchen, und sein spöttisches und abweisendes Gesicht, als er sie erblickte, brachte schnell genug zur Entladung, was sich an Lava, Schwefel und Pech in ihrem Gemüte gesammelt hatte. Es knallte ganz artig, als die erbitterte Heldin den Mund auftat. In dieser Stunde redete Sabine nicht eben klug und auch nicht ganz sittsam; aber sie redete zum ersten Male, seit er sie kannte, nicht mit der Absicht, ihrem Publikum zu imponieren. Deshalb empfand er ihren Ärger fast als etwas Wohltuendes und vernahm ihre wirren Vorwürfe lieber, als er je zuvor ihre wohlberechneten Sentenzen gehört hatte. Endlich versagte ihr die Stimme, und sie lehnte sich halb weinend, ratlos und atemlos vor Erregung an den Gartenzaun, an welchem sie gerade entlang wandelten. Ricchiari blieb vor ihr stehen und betrachtete sie nachdenklich. Sie stand, schön wie immer, vor der hohen grünen Sträucherhecke, in deren Zweige sie, mit rückwärts emporgreifenden Armen, die Hände verschlungen hatte, als wolle sie sich daran aufrechterhalten. Sonnenlicht und Schatten der windbewegten Blätter spielten rieselnd auf ihrem Antlitz und auf ihrem weißen Kleide, so daß ein Schleier goldener Wellchen die Erregung ihrer Mienen und das Zittern ihrer Glieder verhüllte und ihre ganze Gestalt so in wogendes Funkeln auflöste, daß sie, aus geringer Entfernung gesehen, fast wie etwas Überirdisches erscheinen mußte, etwa wie eine Dryade, die sich schemenhaft leuchtend aus dem frühlingshellen Geäste erhob. Solch ein Naturwesen, mehr oder weniger als Mensch, tückisch, süß und verführerisch zugleich, mußte der geblendete Doktor in diesem Augenblicke doch zu sehen glauben, denn er erlag dem Zauber, und seine Wehrhaftigkeit splitterte um ihn wie ein Panzer von Glas. Mag nun sein, daß die Stimmung des blütenübersponnenen Sträßleins, das weit hinaus in freundliches grünes Land zu führen schien, der weiche Maiduft des Himmels und Frühlingsstimmen junger Vögel nah und fern die Wirkung des holden Bildes verstärken halfen – kurz, der Mann fühlte sich innig gerührt und zu jedem Verzeihen geneigt, so daß er nähertrat und bereitwillig Rede stand. Dabei konnte er es sich dennoch nicht versagen, ihr seine Meinung ordentlich klarzulegen, und so kam ein gar wunderlicher Sermon zustande, den ich aus mancher Andeutung Sabinens und aus später selbst miterlebten Wiederholungen ähnlicher Szenen wohl zu rekonstruieren vermag.

»Haben Sie denn«, so etwa mochte der Doktor schmälen, »je ein edles Gefühl um seiner selbst willen gehegt? Haben Sie nicht alles, was Sie taten, um der Leute willen getan? Haben Sie nicht früh schon durch Kleidung und Auftreten bewiesen, daß Sie Aufmerksamkeit zu erregen wünschten? Haben Sie nicht ein braves und anerkennenswertes Streben der modernen Frau, das Streben nach Bildung und Wissen, dadurch erniedrigt, daß Sie lauen Herzens und nur deshalb an den Altar der Athene getreten sind, weil es heute noch für ungewöhnlich gilt? Dies alles wäre noch zu verzeihen. Auch daß Sie Almosen geben, weil es zum guten Ton gehört, will ich Ihnen nicht zu hoch anrechnen, denn ihr kurzdenkenden Frauen könnt das Unheil nicht übersehen, das eure Wohltätigkeit en décolleté anrichtet. Aber Sie haben mit dem Dinge gespielt, das jede echte Frau als eine Offenbarung von oben in demütigen Händen empfängt. Sie haben mit Ihrer Liebe Parade geritten vor klatschlustigen Basen, Sie haben Männer angezogen und abgestoßen, um von sich reden zu machen, und Sie haben den, der mit gläubigem Herzen Ihnen entgegenkam, nicht minder geäfft als die Menge Ihrer Zuschauer, um deren Beifall es Ihnen so sehr zu tun scheint. Denn Sie gaben ihm ein Recht, an Liebe zu glauben, und Liebe haben Sie nie gefühlt, nur eitle Selbstüberhebung und Hochmut, die beide Tugenden galten, von denen Sie nur den Schein besitzen. Wie dürfen Sie nun noch Anspruch erheben auf eines ehrlichen Mannes Gefühl? Ich für mein Teil mag keine Schauspielerin zur Frau, und so innig lieb ich Ihr schönes Bild leider im Herzen halten muß, so wenig werde ich mich dazu hergeben, Ihren Partner zu spielen. Denn die Rolle, die Sie mir in Ihrer Komödie eines romantischen Ehestandes zudenken, gefällt mir nicht – und übrigens ist die Sache bei mir, Gott sei's geklagt! etwas mehr als Komödie!«

So gestand der Doktor seine Liebe und verschwor sie im selben Atem, und Sabine hing wie ein windbewegtes Blatt zwischen Himmel und Erde, zwischen Freude und Scham, zwischen höchstem Triumphgefühl und tiefster Erniedrigung. Tränen, halb des Zornes und halb der Rührung, traten ihr in die Augen, und sie empfand in dieser Stunde, was auch die seichteste Frau nicht ohne Seligkeit empfinden kann, die Herrschaft und Überlegenheit eines starken und geradsinnigen Mannes. Wie nun auf jedes Weib diese Erkenntnis des Untergeordnetseins viel eher beglückend als verletzend wirkt, so ward auch für Sabine die Beschämung selbst zu einer Quelle der Lust, und sie wünschte nichts sehnlicher, als daß der Doktor bis in alle Ewigkeit fortfahren möchte, sie zu schelten. Er fügte auch noch ein gut Teil bei; und sooft er aufhören wollte, sah Sabine ihn mit zwar feuchten, aber so strahlend glücklichen Blicken an, daß er schnell wieder einsetzte, weil ihm schien, sie sei noch lange nicht so zerknirscht und schuldbewußt, wie sie von Rechtes wegen hätte sein müssen. Bald wurde er dann wieder härter, als er beabsichtigt hatte, und nun faßte er ihre Hand, um durch einen sanften Druck und etwa ein Streicheln da versöhnend entgegenzuwirken, wo seine bitter wahren Worte zu tief verwunden mußten. Und so zwischen Grausamkeit und Liebe schwankend, nahm er Sabinen endlich an sein Herz und bedeckte sie mit Küssen, dazwischen hoch und teuer schwörend, daß er sie nun und nimmer zur Frau haben wolle. Sie aber, von einem neuen Gefühle ganz verwirrt und betäubt, ließ alles über sich ergehen und fragte in diesem Augenblicke sogar nicht einmal, was die Leute dazu sagen würden, die ab und zu durch das grüne Sträßlein spazierten und mit Lachen dem wunderlichen Paare nachblickten.

Es versteht sich von selbst, daß Ricchiari trotz all seiner grimmen Vorsätze um Sabinens Hand warb und daß er sie erhielt. Der brave Mann stellte sich entschieden und tapfer auf die Seite der Liebe, besiegte das Widerstreitende in seiner Brust und verzieh dem holden Frauenbilde nicht nur alle früheren Torheiten, er bemühte sich sogar, in noch bestehende und fortwirkende sich zu finden oder sie wenigstens mit Anstand zu ertragen. Ricchiari sah seine Frau hundertmal des Tages an und fühlte, daß er sie bei jedem Blicke heißer liebte als zuvor. Er führte sie bald darauf hinweg nach der kleineren Stadt und hoffte sie dort in der Stille und Zurückgezogenheit in kurzer Zeit zu größerer Sinnesschlichtheit umzubilden und das Lautere ihres Wesens, woran er nun einmal glaubte, von anhaftendem Flitter zu reinigen.

Leider mußte er nur zu bald erkennen, daß er sich hierin vergriffen hatte. Die in der großen Stadt eine Rolle gespielt hatte, glaubte sich in der kleinen noch viel mehr berechtigt, alle Augen auf sich zu ziehen. Die Feindseligkeit und das Mißtrauen, die ihr allenthalben entgegentraten, reizten sie nur zu neuen Künsten. Und da sie bald herausgefunden hatte, daß dem beschränkten Geiste ihrer Mitbürger nur durch eine einzige Eigenschaft zu imponieren war, nämlich durch Tugendhaftigkeit, so warf sie sich mit ihrem ganzen virtuosen Anpassungsvermögen nach jener Seite hin und stellte alle Penelopen und Kornelien der Welt durch ihre Leistungen in Schatten. Zugleich aber begann jetzt für Sabine wie für ihren Gatten ein Martyrium schlimmster Art; es fing damit an, daß Sabinens Gefühl für den Doktor mit seiner Neuheit dahinging. Wohl hatte die Macht von Ricchiaris ehrlicher Gesinnung, seine Offenheit, sein Zorn, kurz, die Äußerung seiner Männlichkeit so überwältigend auf das Wesen mit den verschrobenen Neigungen gewirkt, wie eben das Wahre und Gewaltige dem Gekünstelten gegenüber wirken muß. Einer wirklichen Liebe war Sabine Ricchiari nicht fähig, und von der angenehmen Verwirrung ihrer Sinne war nichts geblieben als eine Empfindung höchsten Unbehagens dem Manne gegenüber, der so scharf in jeden Winkel ihrer Seele zu leuchten wußte; denn Sabine ahnte wohl, daß es keine wertvollen Funde in diesem Inneren aufzudecken gab. Das Unbehagen steigerte sich nicht selten zur Angst. Und diese Angst war es, die sie verhinderte, ihre Schauspielkunst, die sie gegen Fernerstehende so glänzend behauptete, auch da zu versuchen, wo es am meisten gelohnt hätte: Sabine konnte ihren Gatten nicht glauben machen, daß sie ihn liebte.

Den ganzen Tag wandelte sie in stumpfer Gleichgültigkeit umher. Daß sie die Großstadt und ihren Vasallenkreis vermißte, daß Haushalt und Kinderstube sie langweilten, daß sie hungerte nach rauschenden Festen, wo ihre Schönheit Siege gefeiert hätte, daß der schlichte, stäte und zuverlässige Gatte ihrem phantasievollen Köpfchen nichts zu denken gab – Ricchiari mußte es täglich aus kalten Mienen und lässigem Gebaren erkennen. Da er die Frau liebte, tat das ihm weh. Aber man vergegenwärtige sich das Leiden, das für ihn anhub, sobald ein fremder Fuß das Gemach betrat: wie durch Zauberschlag verwandelt, huschte die plötzlich erblühende Frau als rühriges Hausmütterchen durch alle Räume; Heiterkeit strahlte ihr von rosigen Wangen, Liebe aus leuchtenden Augen; sie herzte ihre Kinder, sie nickte dem Gatten zu; sie redete wirtschaftlich, prahlte mit kleinen häuslichen Kenntnissen, pries die pastoralen Freuden ihres bescheidenen Lebens, scherzte anmutig und überlegen über leicht verschmerzte Entbehrungen – kurz: zeigte sich so ganz als das, was sie nicht war und doch hätte sein sollen, daß die Klügsten betrogen hinweggingen. Laut und leise pries alle Welt Ricchiari als den glücklichsten Gatten; und der Doktor hörte es mit finsterem Gesichte und verbiß seine Martern: wußte er doch aus wiederholter Erfahrung, daß Licht und Lächeln in den Augen seiner Frau erlöschen würden mit den letzten Lampen des Mahles, bei dem sie durch horazische Tugenden eine Anzahl leichtgläubiger Gäste berückt hatte.

Diese sichere und stets eintreffende Voraussicht machte, daß Ricchiari in Gesellschaft nicht eben leidenschaftlich auf die Liebenswürdigkeiten seiner Frau einging; dazu war er eine zu gerade Natur. Ja, er begegnete in der Regel ihren holden Koketterien mit abweisenden Blicken und erreichte dadurch, was er eben hatte vermeiden wollen, daß alle Leute die herrliche Frau, die an solch einen Bären gebunden war, erst recht bewunderten und bedauerten. Dieses Bedauern, das der unglückliche Mann in allen Mienen lesen mußte, war seine schärfste Qual. Es war ihm unmöglich, auf die unedle Pose einzugehen, die Sabine vor der Welt aufrechterhielt und mit welcher sie ihm seine tiefe und wahrhafte Liebe so übel vergalt. Jeder Versuch aber, die Komödie zu durchbrechen, prallte an Sabinens unerschöpflicher Sanftmut und Holdheit ab, und immer blieb das gewandte Weib im Vorteil, immer mehr vergab sich der von Leidenschaft gepeinigte Mann in den Augen der Kurzsichtigen, die nach dem Schein urteilten. Bald war Sabine nah und fern als eine neue Griseldis gerühmt, der Doktor als ein Tyrann verschrien; und das ruchlose Geschöpf war wirklich erbärmlich genug, sich an dieser Rolle zu ergötzen. Die Art und Weise, wie sie Mitleid von sich wies und ihren Gatten zu entschuldigen suchte, war mit Feinheit so berechnet, daß auch wieder niemand als sie selbst dabei gewann: denn nun prunkte sie noch mit einem Edelmute, der ihr sehr ferne lag, da sie genau wußte, daß in Wirklichkeit ihr Gatte der still Duldende und Vergebende war. Daß ich selbst von diesem Spiele fast gefangen worden wäre, habe ich wohl schon angedeutet. Sabinens Geständnisse am Bette des Selbstmörders ließen mich klar in dies fürchterliche Verhältnis blicken. Die Unselige erzählte mir selbst, daß ihr Mann sie einmal mit Tränen in den Augen gebeten habe, ihm in Gegenwart von Leuten nicht mehr so zärtlich zuzunicken, da sie es doch in Stunden des Alleinseins mit ihm nicht wolle oder nicht könne. Dies habe ihr ins Herz geschnitten, und sie habe eine Zeitlang wieder ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden geglaubt, ein solches auch mit ängstlicher Deutlichkeit an den Tag gelegt. Ricchiaris trauriges Lächeln habe sie wohl belehrt, daß sie ihn nicht täuschen könne, und diese Erkenntnis habe sie selbst mit Bitterkeit erfüllt. Nach kaum einer Woche sei ihr machtloser Wille wieder erlahmt, Leben und Umgebung hätte sie gelangweilt, das tägliche Einerlei von Kleinem und Kleinstem die alte Verstimmung wieder wachgerufen. Vor Zeugen aber habe sie nach wie vor ihr äußeres Scheinleben weiterführen müssen und sich dabei selbst wie behext gefühlt; denn sie sei sich ihrer Falschheit wohl bewußt gewesen, ohne sich ihrer jedoch erwehren zu können.

Ich fragte Sabinen, ob sie sich über die Empfindungen Rechenschaft geben könne, die sie beherrschten, während sie dies verräterische und für ihren Gatten so grausame Spiel trieb. Sie gestand mir nach einigem Sinnen, daß sie sich immer durch das Verhalten der Leute selbst gleichsam dazu gereizt gefühlt habe. Denn wie ein offenes Buch habe jedes Herz vor ihr sich aufgetan, und was sie da zu lesen geglaubt, war eben die Erwartung dessen, was mittlerweile wirklich schon eingetreten war. Jeder Blick schien sie zu fragen: hast du die übereilte Verbindung noch nicht bereut? hält die Romantik dem wirklichen Leben stand? sehnst du dich nicht zurück nach dem Kreise, für den du geboren bist? Bereits glaubte sie zu hören, wie triumphierend Nachbarin zu Nachbarin flüsterte: wir haben es vorausgesagt! Bereits war ihr, als spitze sich jeder Beau, der huldigend ihre Hand küßte, schon im stillen darauf, der Hausfreund der schönen Doktorsfrau zu werden. Daß aller Augen auf ihren Fall warteten, hatte sie richtig erraten, und sie hätte sich, wie sie sagte, lieber in Stücke reißen lassen, als dem Volke die Freude des Rechthabens zu gönnen.

Die Spannung zwischen den Gatten kam endlich so weit, daß Ricchiari die Scheidung vorschlug. Ihm schien es leichter, sich der begehrten Frau ganz und gar zu entwöhnen, als fürder unter ihren Lieblosigkeiten zu schmachten. Dennoch mußte ihn der Vorschlag schwere Überwindung gekostet haben, und Sabine, die es verstand, war von seinem Leiden einigermaßen erschüttert. Aber als sie dies Anerbieten zurückwies, tat sie es dennoch erst in zweiter Linie aus Mitleid mit dem Manne; ihr erster Gedanke war auch hier wieder: »wie würden die Leute sich freuen!« und deshalb willigte sie nicht in die Scheidung.

Ricchiari, der mit weißen Lippen seinen Antrag gestellt hatte, errötete ein wenig, als sie rasch und heftig »Nein!« sprach. »Darf ich hoffen,« fragte er mit unsicherer Stimme, »daß es dir doch ein wenig leid tun würde, mich zu entbehren?« Sie schaute ihn an und hätte Welten darum gegeben, hätte sie jetzt ihr Verstellungstalent zur Hand gehabt, das ihr vor Fremden doch nie versagte. Aber vor den ehrlichen Augen dieses Mannes war sie gelähmt, sie fand das falsche Lächeln nicht, oder vielmehr, sie wußte, daß es ihn nicht würde betrügen können. Sie sah zur Seite, zitterte und stammelte endlich: »Um der Kinder willen laß uns beisammen bleiben!« und das war das einzige, was sie antworten konnte ohne direkte Unwahrheit. Wirklich war das ein Grund, dem Ricchiari sich beugen mußte; und wenn es für ihn irgendeinen Trost gab, so mußte es der Gedanke sein, daß Sabine in diesem einen Punkte wenigstens durch ein braves und natürliches Gefühl geleitet worden sei.

So also standen die Dinge in Ricchiaris anscheinend so tadelloser Häuslichkeit. Eine Frau von unfehlbarer Lebensführung und wertvollen Eigenschaften verstand die bescheidene Kunst nicht, einen schlichten Mann glücklich zu machen; und ein Mann, der jede andere Frau durch die Fülle und Tiefe seines Empfindens hoch beglückt hätte, mußte seine köstliche Flamme vor einem Götzenbilde von Erz verlodern sehen, und kein Zeichen belehrte ihn, ob sein Opfer Gnade gefunden.