SAINT-GERMAIN IN DEN ÖSTERREICHISCHEN NIEDERLANDEN (1763)
I
Aus dem Schriftwechsel des Grafen Karl Cobenzl[337]
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 8. April 1763.
Vor etwa drei Monaten ist der unter dem Namen Saint-Germain bekannte Mann hier durchgekommen und hat mich aufgesucht. Ich fand in ihm den seltsamsten Menschen, der mir im Leben begegnet ist. Seine Herkunft kenne ich noch nicht genau; ich glaube jedoch, daß er einer heimlichen Verbindung aus einem mächtigen und berühmten Hause entsprossen ist. Er ist im Besitz großer Mittel, lebt aber äußerst einfach. Er weiß alles und zeigt eine bewundernswerte Rechtschaffenheit und Seelengüte.
In einem zahlreichen Bekanntenkreise hat er vor meinen Augen einige Versuche gemacht, von denen ich Eurer Exzellenz einige Proben senden werde. Die wesentlichsten bestehen in der Verwandlung von Eisen in ein Metall, das ebenso schön ist wie Gold und sich wenigstens ebenso zu allen Goldschmiedearbeiten eignet, ferner in der Färbung und Bearbeitung von Leder in einer solchen Vollkommenheit, daß es alle Maroquins der Welt und die vollkommensten Gerbverfahren übertrifft. Auch die Seiden- und Wollfärberei hat er zu einer bisher unbekannten Vollendung gebracht. Hölzer färbt er in den lebhaftesten Farben, und zwar durch und durch, ohne Indigo oder Cochenille, mit den einfachsten Zutaten und somit sehr billig. Er stellt auch Malfarben her, das Ultramarin so tadellos wie das aus Lapislazuli gewonnene. Schließlich nimmt er den zum Malen verwendeten Ölen den Geruch und stellt aus Rüböl und anderen noch schlechteren Stoffen das beste Provencer Öl her.
Alle diese Erzeugnisse sind vor meinen Augen hergestellt und befinden sich in meinen Händen. Ich habe sie aufs schärfste prüfen lassen, und da ich einen Millionengewinn darin erblicke, habe ich die Freundschaft, die er mir erweist, dazu benutzt, ihm alle seine Geheimnisse zu entlocken. Er überläßt sie mir und verlangt nur einen angemessenen Gewinnanteil, wohlverstanden, erst wenn ein Gewinn da ist.
Da alles Wunderbare notwendig zweifelhaft erscheinen muß, habe ich die zwei Klippen vermieden, mich täuschen zu lassen und mich auf übermäßige Ausgaben einzulassen. Zur Vermeidung der ersten Klippe habe ich einen Vertrauensmann herangezogen, in dessen Gegenwart ich die Versuche vornehmen ließ. Dabei habe ich mich voll überzeugt, daß es mit diesen Erzeugnissen seine Richtigkeit hat und daß sie billig sind. Betreffs des zweiten Punktes habe ich Herrn von Surmont — so nennt sich Saint-Germain jetzt — einen guten, zuverlässigen Kaufmann aus Tournai[338] beigegeben, bei dem er jetzt arbeitet. Die sehr geringen Vorschüsse habe ich durch Frau Nettine[339] zahlen lassen, deren Sohn und Schwiegersohn, Herr Walckiers[340], diese Manufaktur leiten sollen, sobald die Einnahmen aus den ersten Versuchen uns in den Stand setzen, sie ohne Risiko anzulegen. Der Augenblick des Gewinnes steht schon bevor, denn zwei unserer besten Kaufleute, Barbieri und Francolet, sind über die Schönheit der Seidenfarben so entzückt, daß sie mir zur Zeit alle Seiden zum Färben geben, die sie in den hiesigen Provinzen wie in ganz Niederdeutschland vertreiben.
Diese Einzelheiten sind noch sehr unvollkommen, aber ich bitte E. E., sie nur als vorläufigen Bericht über eine Sache zu betrachten, die für die Staatsfinanzen und die Wohlfahrt der Völker Ihrer Majestät von größter Bedeutung werden kann und muß. Zugleich versichere ich E. E., daß ich keine beträchtliche Summe aufs Spiel setzen werde. Bald werde ich ausführlicher berichten und eine genaue Berechnung des Gewinns, die ich schon in Arbeit habe, einsenden. Inzwischen bitte ich um Gutheißung des Geschehenen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich versichere, daß die Sache für das Wohl der Monarchie von größter Wichtigkeit ist.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 19. April 1763.
Ich will heute nur auf die Wunder eingehen, die der berüchtigte Graf Saint-Germain aus Freundschaft für E. E. vollbringen will. Ich sehe die Dinge aus der Entfernung und somit ohne den Zauber der Aufmachung. Aber Sie schreiben mir von Tatsachen, von unter Ihren Augen gemachten Versuchen, die die strengsten Prüfungen und Untersuchungen siegreich bestanden haben. Was soll man dazu sagen? Nur das eine, daß der Zweifel, ob das alles richtig gesehen wurde, hier um so begründeter ist, weil einerseits auch die gescheitesten Leute auf chemische Versuche hereingefallen sind, und weil andrerseits zwischen Versuchen im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter Unterschied ist. Ein Modell ist noch keine Maschine, und ein Versuch beweist noch nichts zu Gunsten einer Fabrik, deren Anlage kostspielige Vorbereitungen, unsichere Vorschüsse und sehr teure Betriebseinrichtungen kostet. Ich weiß nicht, was E. E. bereits für den Betrieb im Großen beschlossen haben. Frau Nettine scheint die gleichen Erwartungen wie E. E. an den Erfolg dieser Unternehmung zu knüpfen. Herr Walckiers leitet den wirtschaftlichen Teil, d. h. die Verwaltung. Das kann auch den ängstlichsten Finanzmann beruhigen.
Aber der Charakter des sonderbaren Mannes, der mehr geeignet ist, die Menschen zu betören als sie zu überzeugen, flößt mir kein Vertrauen und keine Sicherheit ein. Beiliegend ein paar Anekdoten über sein Leben. Ich stehe zwar nicht für ihre Richtigkeit ein, doch war ihr Verfasser an den Szenen beteiligt, die sich in Frankreich abgespielt haben. Der Rest ist allgemein bekannt. Das Stück ist in der Tat eine Komödie. Nur fürchte ich ein wenig, wir werden den Stoff für ihren letzten Akt liefern, und darum halte ich es für unklug, für die Inszenierung eine beträchtliche Summe aufs Spiel zu setzen.
Zudem sprechen E. E. sehr zuversichtlich von den Reichtümern des Herrn von Surmont. Welche Gewißheit haben Sie darüber? Welcher Art sind diese Reichtümer? Bestehen sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz, Handelseffekten? Hier sind viele Nebel zu verscheuchen, bevor wir klar sehen. Ich möchte, daß E. E. sowohl über die Grundlage des Unternehmens wie über die Verhältnisse des Erfinders Auskünfte einziehen, um meine Zweifel zu beheben, und daß Sie die mir in Aussicht gestellte Denkschrift durch einen Sachverständigen ausarbeiten lassen, der die Einzelheiten klar und deutlich anordnet und in seinem Gutachten soviel Licht verbreitet, daß wir die Dinge zu beurteilen vermögen.
Alles, was ich Ihnen schreibe, steht noch unter dem ersten Eindruck Ihrer Mitteilung von den Wundern, die Sie uns verheißen. Ohne die von Ihnen angeführten Tatsachen hätte die Sache mich eher belustigt als mir Eindruck gemacht. Aber es kommt gegenwärtig vor allem darauf an, die Interessen Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen. Das muß ich Ihnen besonders anempfehlen. Ich erwarte mit Spannung positivere Auskünfte.
Anekdoten über die wunderbare Persönlichkeit, die sich gegenwärtig in Brüssel aufhält[341]
Vor vier Jahren lebte dieser eigenartige Mann in Frankreich unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain.
Er besaß angeborene Beredtsamkeit, sprach mehrere Sprachen fließend, war fein gebildet, verstand den Geschmack, die Neigungen und Schwächen derer zu erfassen, deren Vertrauen er gewinnen will, kannte alle Kniffe und Pfiffe der Adepten gründlich und wußte sich von den Großen am Versailler Hofe bewundern und umwerben zu lassen, ja sogar mehrere geheime Unterredungen mit dem König und der Marquise (von Pompadour) zu erlangen. Er fand solchen Anklang, daß man nicht nur von seiner erlauchten Herkunft überzeugt war, sondern auch glaubte, er werde die Finanzen durch sein tiefes Wissen und seine wunderbaren Geheimmittel wiederherstellen, und Wohlstand werde unter seiner wohltätigen Schöpferhand erblühen. Diese Bezauberung währte eine Weile. Er hielt alle, die sich einen Anteil an seiner Freigebigkeit und an den von ihm versprochenen Wundern versprachen, in einer Art von Ehrfurcht, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Sie wagten ihm nicht die geringste Frage über die Möglichkeit seiner wunderbaren Geheimmittel zu stellen, um dies schöpferische Wesen nicht zu kränken.
Trotz seiner einstudierten Miene und seines wohl überlegten Benehmens, seiner zurechtgelegten Reden und seines stets auf die Umwelt berechneten Auftretens entschlüpften ihm Unvorsichtigkeiten und Prahlereien, die die Illusion hätten zerstören müssen. Eines Tages vergaß er sich so weit, an einer Tafel, an der die erlauchtesten Personen des Hofes saßen, zu sagen, nur das Haus Bourbon sei ihm auf Erden ebenbürtig.
Ein Mann, der einem seiner größten und erlauchtesten Bewunderer nahestand, sah mit Kummer, wie dieser Herr sich blindlings in die Hirngespinnste des Grafen Saint-Germain verrannte, und wagte ihm gegenüber einige Zweifel zu äußern. Er fand zunächst schroffe Zurückweisung, ließ aber nicht locker und setzte es durch, den Grafen Saint-Germain in seiner Wohnung in Paris überraschen zu dürfen. Er ging tatsächlich hin und fand ihn in einer ziemlich unsauberen Wohnung. Er fragte ihn über seine Geheimmittel aus, bekam von ihm aber nur ein paar Farbproben zu sehen, sowie eine Art von Zauberbuch, eine alte Scharteke mit Angaben über chemische Prozeduren, deren Wertlosigkeit schon bei flüchtiger Durchsicht sofort erhellte.
Diese Feststellungen, die er dem genannten Herrn mitteilte, erschütterten Saint-Germains Kredit. Obwohl er immer nur von seinen Reichtümern, von seinen Geldmitteln an allen Plätzen Europas, von den Schiffen, die er auf dem Meere hatte, und von seiner Beteiligung an allen bekannten Banken erzählte, beging er die Unklugheit, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut für 1800000 Franken zu kaufen und einen förmlichen Kaufvertrag aufzusetzen. An den Tagen, wo die Raten fällig waren, trafen keine Zahlungen noch Wechselbriefe ein, und der Käufer verließ Frankreich.
In Holland angelangt, sprengte er aus, er hätte vom Allerchristlichsten König Vollmacht zu Friedensverhandlungen mit England[342]. Herr d’Affry schöpfte Verdacht, meldete Saint-Germains Äußerungen an seinen Hof und erhielt vom Minister des Auswärtigen Befehl, ihn verhaften zu lassen. Saint-Germain bekam Wind davon und entfloh nach England. Dort hielt er sich nur sehr kurz auf, vermutlich, weil das englische Ministerium, das damals mit dem Versailler Hof unterhandelte, eine Frankreich verdächtige Person nicht aufnehmen wollte. Man riet ihm, das Land zu verlassen.
Seitdem hat die Öffentlichkeit den eigenartigen Mann aus den Augen verloren. Man glaubte, er hätte sich nach Berlin begeben, aber wahrscheinlicher ist es, daß er sich in Holland verborgen hielt.
Kaunitz an Maria Theresia
Wien, 22. April 1763.
In der Generalverwaltung der Niederlande bereitet sich eine Szene vor, deren Ausgang mir so zweideutig erscheint, daß ich mich verpflichtet fühle, Eure Kaiserliche und Apostolische Majestät schon jetzt darauf vorzubereiten, wie ich diese Komödie ansehe.
Aus dem beiliegenden Auszug eines Berichtes des Grafen Cobenzl[343] ersehen E. M., welche Wunder ein seltsamer Mann, der vor vier Jahren unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain in Frankreich auftrat, zur Bereicherung Ihrer Finanzen und Untertanen vollbringen will. Graf Cobenzl spricht mit solcher Zuversicht von dem völligen Gelingen mehrerer unter seinen Augen gemachter Versuche. Mehr noch: Frau Nettine geht so hitzig darauf ein, daß ich die Möglichkeit der Sache nicht abzustreiten wagte, obgleich ich versucht bin, das Ganze als bloße Vision und Betrügerei anzusehen. Ich habe den Grafen Cobenzl also aufgefordert, äußerst vorsichtig zu sein, keine Staatsgelder aufs Spiel zu setzen und Nachforschungen über die Reichtümer seines angeblichen Orakels anzustellen, von denen er und Frau Nettine mit solcher Begeisterung, indessen ohne nähere Angaben, sprechen. Zu dem Zweck habe ich dem Grafen Cobenzl die gleichfalls beiliegende Antwort erteilt und die Anekdoten über das Leben des angeblichen Grafen Saint-Germain beigefügt[344], die zu meiner Kenntnis gelangt sind.
Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt. Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln, deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht brauchbare. Möglicherweise aber löst sich auch alles in Dunst auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn E. M. den Inhalt meines Berichts geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen ließ, mit einem Schleier zudecken.
Eigenhändiges Marginal Maria Theresias
Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr zutrifft als das Cobenzl’sche und daß diese Torheit geheim gehalten werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 28. April 1763.
Auf den Erlaß vom 19. d. M. versichere ich zunächst, daß die Wunder, die ich täglich sehe, so groß und zugleich so einfach und so leicht sind, daß es mich gar nicht wundern würde, wenn E. E. nicht daran glauben wollten. Auch mir fiel es schwer, das zu glauben, was ich selbst gesehen habe und dann andere sehen ließ, die bessere Augen haben als ich. Jedes chemische Verfahren muß selbst denen verdächtig sein, die in dieser Wissenschaft besser Bescheid wissen als ich. Aber wie soll man den Glauben an etwas verweigern, das sich vor den eigenen Augen abspielt, das man selbst macht und das im großen wie im kleinen das gleiche sein muß? Denn es ist doch ausgeschlossen, daß mit einem Mittel, womit ein Stück gefärbt wird, nicht auch hundert Stück zu färben sind. Dazu kommt die völlige Klarheit der physikalischen Gründe, so daß man erkennt, daß Ursache und Wirkung gleich unfehlbar sind.
Wie ich E. E. schon berichtete, sind die Kosten nicht übermäßig, und die weiteren Ausgaben sollen aus dem Gewinn bestritten werden. Zur Verwandlung des Eisens, zum Färben von Holz, Wolle, Seide, Stoffen und Leder sind bereits folgende Einrichtungen getroffen. Wir haben einen guten, zuverlässigen Fabrikanten in Tournai[345] angenommen und lassen dort die nötigen Vorbereitungen treffen. Wir haben ihm den jungen Lannoy beigegeben, den E. E. in Wien oft gesehen haben. Alles wird so weit vorbereitet, daß Frau Nettines Sohn am 15. oder 16. Mai, nach der Rückkehr seiner Mutter von ihrer Reise nach Paris, die sie am 1. antritt, nach Tournai fahren kann, um dort das Verfahren zu sehen, das Geheimnis zu erfahren und die Herstellung zu lernen.
Bevor ich Punkt für Punkt auf die Mitteilungen über unseren Mann antworte, bitte ich E. E. zu bedenken, daß er nichts von uns verlangt und mir sein Geheimnis überlassen will. Seine persönlichen Eigenschaften sind uns ziemlich gleichgültig, wofern er uns sein Geheimnis preisgibt, das ich zum Teil schon besitze und das ich auf die obengenannte Weise ganz erfahren werde. Nur darauf kommt es an.
Ich sprach zuversichtlich von den Reichtümern dieses Mannes. Folgendes weiß ich darüber. Er besitzt ein Landgut in Holland, das zu zwei Dritteln bezahlt ist, und Wertsachen, die der Kaufmann, der sie in Seeland verpfändet hat, auf über eine Million schätzt. Diese Wertsachen läßt er herkommen, um sie bei Frau Nettine zu hinterlegen. Alles soll in einer Denkschrift von berufener Feder ausführlicher dargelegt werden. Bis dahin bitte ich E. E. versichert zu sein, daß ich sparsam und nur im Einvernehmen mit Frau Nettine vorgehen werde.
Ich komme zu den Anekdoten, die E. E. mir gütigst mitteilten. Die großen Fähigkeiten, die man unserem Manne zuschreibt, sind Tatsache, aber, wie ich hinzufügen muß, verachtet er die Adepten, und abgesehen von den Unterredungen, die er mit dem Allerchristlichsten König, der Marquise und den Ministern hatte, besitzt er viele Briefe von der Marquise und den Ministern, von denen er Gebrauch machen könnte, wenn er sich für die Härte rächen wollte, mit der Frankreich ihn behandelt hat.
Er stammt bestimmt aus einem erlauchten Hause, aber das tut nichts zur Sache, und so muß ich ihm gegenüber das Geheimnis wahren, das er mir darüber anvertraut hat. Er prahlt allerdings gelegentlich damit, aber unmöglich kann man an seinen Wundern zweifeln. Ich habe ihm tausend Einwände gemacht, aber er hat sie alle widerlegt: Ursache und Wirkung haben mich völlig überzeugt.
Die unbesonnene Bemerkung, die ihm entfahren sein soll, kann zutreffen. Wie gesagt, ist er in dieser Hinsicht ruhmredig. Ein Mensch, der seine Herkunft verbergen will, macht bisweilen ungewöhnliche Äußerungen, um die, welche ihn ausforschen wollen, irrezuführen. Aber nochmals: das tut nichts zur Sache.
Die Person, die ihn durch Überraschung entlarven wollte, hat ihn nicht gekannt. Er hat tausend Chemikalien in seinem Zimmer, mit denen er gar nichts macht. Er streut sie umher, damit man nicht auf die kommt, die er wirklich benutzt. Bei seinem Charakter wird man ihm sein Geheimnis durch Überrumplung nicht entreißen. Er überläßt es mir aus Freundschaft, und sicher wird er es nicht anders überlassen.
Er spricht von seinen Reichtümern und muß große besitzen; denn überall, wo er war, hat er prachtvolle Geschenke gemacht, viel ausgegeben und nie jemand um etwas gebeten, auch nirgends Schulden hinterlassen. Der Umstand mit dem Landgut des Herrn von Saint-Florentin ist mir nicht bekannt. Aber ich habe Einsicht in Schriftstücke gehabt, aus denen ich den Grund seiner Reise nach Holland ersah. Es handelte sich um folgendes.
Der Marschall Belle-Isle, dem er besonders nahestand, schickte ihn insgeheim nach Holland, um mit dem General Yorke über einen Sonderfrieden zu verhandeln. Das hat er getan; d’Affry wurde eifersüchtig und beschwerte sich lebhaft. Der Herzog von Choiseul war über die Sache wie über die Form aufgebracht und verfuhr gegen Saint-Germain in der allgemein bekannten Weise[346].
Ich habe die Schriftstücke gesehen und finde auf Saint-Germains Seite kein Verschulden. Aber selbst wenn ein solches vorläge, täte es nichts zur Sache; denn hier handelt es sich nur um Erlangung seiner Geheimmittel. Ich habe anfangs gefürchtet, daß Frankreich, nachdem es ihn aus Holland und England vertrieben hat, ihn auch hier verfolgen möchte. Aber er ist schon seit vier Monaten hier, und Frankreich hat bisher nichts unternommen. Daß dies noch geschehen könnte, fürchte ich um so weniger, als Frau Nettine den Grafen Starhemberg[347] und Herrn de Laborde[348] aufklären wird, und diese werden sicher verhindern, daß Frankreich bei uns seinethalben vorstellig wird.
Nach seiner Abreise aus England hat er sich in Holland aufgehalten. Er hatte dort besonders enge Beziehungen zum Grafen Bentinck[349], Herrn van Gronsfeld-Diepenbroek[350] und dem Bürgermeister Hasselaar[351] in Amsterdam. Er hat das Gut Ubbergen gekauft[352], nach dem er sich Surmont nennt. Dort wollte er eine Manufaktur einrichten. Der Zufall führte ihn hierher, und er besuchte mich auf der Durchreise. Seine Kenntnisse in der Malerei und Zeichenkunst bildeten den Anknüpfungspunkt; allmählich kam er auf seine Entdeckungen zu sprechen. Infolge meiner Ungläubigkeit ging er auf Einzelheiten ein. Da ich für Freundschaft empfänglich bin, bezeigte ich ihm die meine und machte ihn mit Frau Nettine bekannt. Die ausgezeichnete Erziehung, die sie ihren Kindern gibt, machte ihm Eindruck, und er schloß sich derart an sie und an mich an, daß ich glaube, wir könnten ihn zu allem bringen.
Das ist seine ganze Geschichte. E. E. werden sobald wie möglich genaue und ausführliche Einzelheiten über alle unsere Versuche nebst den Proben unserer Erzeugnisse erhalten und daraus erkennen, daß die Sache ihre Richtigkeit hat. Inzwischen wollen E. E. überzeugt sein, daß wir uns auf übermäßige Ausgaben nicht einlassen werden, und daß ein glücklicher Zufall uns durch diesen Mann, mag er sein, wer er will, ein Mittel geschenkt hat, um unsere Provinzen zu bereichern und den Staatsfinanzen einen vielleicht über Erwarten großen Gewinn zu verschaffen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 10. Mai 1763.
Die Auskünfte Eurer Exzellenz zur Behebung meiner Zweifel an all den Wundern, die Herr von Surmont zugunsten unserer Finanzen wirken soll, vermehren nur meine Überraschung. Noch einmal: ich habe gegen Tatsachen nichts einzuwenden und glaube, wie E. E. schreiben, daß man mit einer Chemikalie, mit der man ein Stück Stoff färbt, auch mehrere färben kann. Weniger leicht ist der Nachweis, daß, wenn das Färben eines Stückes nur einen Gulden kostet, das Färben von tausend Stück sich nur auf tausend Gulden beläuft. Zur Herstellung im Großen bedarf es der Vorbereitungen, besonders bei chemischen Verfahren. Dazu kommt die Verwaltung, die Notwendigkeit, seine Geheimverfahren einer großen Zahl von Menschen mitzuteilen, tausend Zufälle, die durch Nachlässigkeit, Untreue oder Faulheit der Arbeiter entstehen, die Preissteigerung der Herstellungsmittel infolge starken Bedarfes. Alle diese Unkosten müssen berechnet und von dem Gewinn abgezogen werden, der aus einem Versuch im Kleinen errechnet ist. Hier gilt nicht die gewöhnliche Rechnung, daß zwei mal zwei vier ist. Deshalb gab ich E. E. zu bedenken, daß zwischen einem Versuch im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter Unterschied ist, und daß man bei dergleichen Untersuchungen nicht auf einfachen Versuchen fußen kann. Bliebe mir somit auch nicht der geringste Zweifel mehr über das Vorhandensein der wunderbaren Geheimverfahren des Herrn von Surmont, so kann ich mich doch nicht überzeugen, daß sie im Großbetrieb einen so sicheren und gewaltigen Gewinn abwerfen, wie er ihn in Aussicht stellt.
Auch die Geschichte von seinen Wertsachen, die auf eine Million geschätzt und doch in Seeland verpfändet sind, erscheint mir höchst verdächtig. Ein so schwer reicher Mann, der ein ganzes Peru in seiner Brieftasche trägt, verpfändet seine Wertsachen und besitzt ein Landgut, das er noch nicht bezahlt hat! Wie Sie mir zugeben werden, lieber Graf, sind das auffällige Widersprüche.
Aber schließlich halten die von Ihnen gesehenen und von Sachverständigen geprüften Tatsachen mich ab, diesen Zweifeln und Schwierigkeiten ganz nachzugeben. Ich bin nicht überzeugt, aber ich möchte es werden, und deshalb mache ich mir Sorge darüber, daß Sie sich für die Anlage von so kostbaren Manufakturen eine Stadt an der Grenze ausgesucht haben. Sie müssen dort notgedrungen die ganze Aufmerksamkeit und Eifersucht unserer Nachbarn erregen. Auch Herr von Surmont selbst ist dort nicht völlig sicher. Ich bin wirklich überrascht, Herr Graf, daß Sie, der Sie sich als Augenzeuge gewiß mehr von seinen Geheimmitteln versprechen, als ich bisher zu hoffen vermag, nicht gefürchtet haben, den ganzen Kram so aufs Spiel zu setzen, indem Sie ihn in Tournai anlegen. Doch auch das wird seine Gründe haben. Somit erwarte ich mit Spannung Ihre Denkschrift und Ihre Proben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 19. Mai 1763.
Ich will E. E. heute nicht mit langen Einzelheiten über Herrn von Surmont belästigen; denn ich hoffe, bald einen eingehenden Bericht übersenden zu können. Alles Wunderbare oder Unbegreifliche überrascht, selbst wenn man es greifbar vorgeführt sieht. Die vorzügliche Qualität und die Billigkeit muß uns den Vorrang in der Färberei und Gerberei geben. Ich hoffe, die Proben zu erhalten, und werde sie E. E. sofort übersenden. Inzwischen darf ich versichern, daß ich keinen Schritt ohne Frau Nettine tue, und daß wir uns in den Ausgaben beschränken. Als Ort habe ich Tournai bestimmt, weil die Anlage dort billiger ist und ich dort einen Vertrauensmann und Sachverständigen für die Manufakturen (Rasse) habe, schließlich auch, weil ich dort am wenigsten Schwierigkeiten mit den abscheulichen Zünften befürchte. Mein Mann kommt heute aus Tournai zurück und wird in zwei bis drei Tagen mit Herrn von Nettine wieder hinfahren. Dieser letztere allein soll in das Geheimverfahren eingeweiht werden, und dies ist derart, daß weder die Arbeiter noch die Werkmeister es je erraten können. Frau Nettine hat bei ihrer Reise nach Paris nichts Ungünstiges über unseren Mann gehört und sich durch ihre Schwiegersöhne die Sicherheit verschafft, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten haben. Sobald Herr Nettine das Geheimverfahren kennt, werden wir einen richtigen Vertrag aufsetzen, den ich E. E. zur Genehmigung unterbreiten werde. Damit werden unsere großen Hoffnungen, die ich auf das Unternehmen setze, zur Gewißheit werden.
Brüssel, 27. Mai 1763.
Ich beehre mich, E. E. die Proben von Metall, gefärbter Seide, Wolle, Leder und Holz zu übersenden. Ich habe die Päckchen mit den vom Erfinder versehenen Aufschriften und den von ihm gegebenen Erläuterungen gelassen. Ich hoffe, E. E. werden alles vortrefflich finden. Ich wiederhole nur, daß all diese schönen Färbungen mit den einfachsten Mitteln hergestellt sind, und daß keine Cochenille verwandt ist; somit ist alles sehr billig. Alle anderen Farben sind in gleicher Weise zu erzielen. Grün gefärbte Seide, Wolle oder Holz habe ich nicht gesehen, aber wie mein Mann sagt, kann er auch das machen.
Sehr wichtig ist, wie ich selbst nachgeprüft habe, daß man nach erfolgter Färbung aus dem Farbwasser die schönsten Malfarben, selbst Ultramarin, gewinnt; bisher aber brauchte man zum Blau Cochenille. Der Erfinder glaubt jedoch, ein Verfahren zu finden, wo dies sich erübrigt. Doch ich kann nur für das einstehen, was ich selbst sah.
Nächsten Sonntag[353] fährt er mit Nettine nach Tournai und wird uns alle seine Geheimverfahren angeben. Nettine wird sie selbst ausprobieren, bis er sicher ist, sie nachahmen zu können. Danach werden wir unseren Vertrag entwerfen, und ich werde ihn E. E. zur Genehmigung vorlegen.
Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß diese Farben nicht die einzigen sind, mit denen wir färben können. Befehlen E. E. noch andere zu haben, so bedarf es nur der Zusendung einer Probe.
Brüssel, 28. Mai 1763.
Nach Abgang der Proben, die ich E. E. übersandte, übergab mir Herr von Surmont die beiliegende Denkschrift, die zur weiteren Erläuterung dient[354]. Ich hoffe, in einigen Tagen melden zu können, daß er uns seine Geheimverfahren angegeben hat; denn er wird morgen bestimmt mit dem jungen Nettine abreisen.
Dorn[355] an Cobenzl
Wien, 8. Juni 1763.
Der Herr Kanzler wollte heute die drei Briefe E. E. vom 27. und 28. Mai d. J. beantworten, wurde aber durch eine starke Kolik daran verhindert. Ich beehre mich also, E. E. in seinem Auftrage mitzuteilen, daß die Proben von gefärbter Seide und Wolle hier nicht die gleiche Bewunderung erregt haben wie in Brüssel. Das Färben von Holz ist keine Seltenheit und eignet sich nicht zu einem Handelsartikel, der in Wettbewerb mit über fünfzig indischen Holzarten treten muß. Diese sind eine schöner als die andere und sämtlich von einer Überlegenheit in den Farben und auch sonst für die Kunstschreinerei so viel besser geeignet, daß man sie stets Ihren billigen gefärbten Hölzern vorziehen wird. Die Metalle sind das verdächtigste und zugleich das belangloseste von all diesen Wundern. Nur das Leder scheint einige Beachtung zu verdienen. Es werden Musterkarten von gefärbter Seide und Wolle, die wir hier haben, aufgestellt werden. Neben jeder Gattung wird der Preis für ein Pfund vermerkt. Eine andere Musterkarte wird über gefärbtes Leder aufgestellt werden. Die Metalle werden chemisch geprüft und analysiert werden. E. E. sollen alle Auskünfte erhalten, die wir uns über diese Dinge beschaffen können.
Inzwischen aber sind wir weit entfernt, sie für so äußerst gewinnbringend zu halten, wie man es in den Niederlanden hofft. Der Herr Kanzler kann also nicht umhin, E. E. mitzuteilen, daß alle Vorarbeiten, die etwa zur Herstellung im Großen im Gange sein sollten, einzustellen sind, und daß mit Herrn von Surmont nichts abzuschließen ist, bis wir in der Lage sind, Ihnen den ausdrücklichen Befehl Ihrer Majestät hierüber kundzugeben.
Damit soll aber nicht alles verworfen werden. Unter diesen Geheimverfahren befinden sich einige, die, im Kleinen angewandt, wohl etwas Gewinn abwerfen könnten. Aber nach den Proben zu urteilen, befindet sich darunter nichts, dessentwegen man so große Ausgaben aufs Spiel setzen dürfte, wie sie schon die Vorbereitungen zur Anlage eines Großbetriebes vielleicht erfordern.
Herr von Surmont verspricht uns in seiner Denkschrift zwar Fortschritte in der Feinheit und Leuchtkraft der Farben; er müßte aber doch wissen, daß wir uns ein Urteil darüber nur aus den Proben bilden können, und die sprechen so wenig zu seinen Gunsten, daß unsere hiesigen Farben für Seide weit besser sind als die seinen. Es überrascht uns hier etwas, daß man seine Erzeugnisse nicht mit anderen verglichen hat, oder, wenn dies geschehen ist, daß man sich hat täuschen können. Man hat in Brüssel — oder sollte sie doch haben — die prachtvollen englischen und die glänzenden, schönen französischen Farben, mit denen die des Herrn von Surmont keinen Vergleich aushalten. Werden diese doch selbst von unseren Wiener Farben übertroffen. Die Billigkeit kann diesen Mangel nicht aufwiegen; denn entweder will man nur für den Absatz in den Niederlanden arbeiten, und dann ist die Sache gewiß nicht der Mühe wert, oder man will auch ans Ausland verkaufen und dessen Seiden zum Färben ins Land ziehen. Im letzteren Falle würden aber die Frachtkosten und Kommissionsgebühren, der Zeitverlust und zu alledem die Minderwertigkeit der Farben den Gewinn, der aus der Billigkeit entspringen könnte, auf ein Nichts herabdrücken. Das Färben ohne Cochenille und Indigo ist kein Kunststück. Kunckel, Lémery[356] und viele andere sehr verbreitete Bücher geben das Geheimnis und das Verfahren der Herstellung an. Nur wenn man ohne diese Farbstoffe so lebhafte, schöne, leuchtende und haltbare Farben herstellen könnte wie diejenigen, die auf Cochenille, Indigo und anderen teuren Farbstoffen beruhen, so wäre das ebenso ertragreich wie selten. Aber gerade das vermißt man bei den Surmont’schen Proben.
Was ich E. E. mitzuteilen habe, schließt nicht aus, daß Sie Herrn von Surmont in der bisherigen Weise weiter empfangen. Im Gegenteil, man darf ihm kein Mißtrauen zeigen. E. E. wollen nur darauf bedacht sein, nichts zu unternehmen, nichts abzuschließen und keine erhebliche Ausgabe zu machen, bis der Herr Kanzler Ihnen die Absichten Ihrer Majestät über die Gesamtheit Ihrer Unternehmungen mitteilen kann. Hiervon wollen E. E. auch Frau Nettine in Kenntnis setzen.
Dorn an den Kommerzienrat Thys in Klagenfurt
(Wien, 9. Juni 1763.)
Im Vertrauen auf Ihre Einsicht und Rechtschaffenheit möchte der Herr Kanzler Sie über eine Angelegenheit um Rat fragen, die für Ihre Heimat, die Niederlande, ebenso belangreich ist wie für den Dienst Ihrer Majestät. Somit möchten Sie nach Empfang dieses Schreibens oder wenigstens baldmöglichst mit der Post hierher kommen. Die Reisekosten werden Ihnen erstattet.
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Über das Ergebnis der Untersuchungen von Thys berichtet Kaunitz am 21. Juli 1763 an Maria Theresia:
„Da es sich um eine Unternehmung handelte, die nach Cobenzls ständig wiederholter Versicherung von größtem Nutzen für den Staat sein sollte, und ich in meinem Eifer dies Ziel sehnlichst herbeiwünschte, ließ ich aus Klagenfurt den Kommerzienrat Thys kommen, um ihn insgeheim zu Rate zu ziehen. Er hatte der hiesigen Beurteilung der Proben von Surmonts Geheimverfahren und der Unzuträglichkeit ihres Staatsbetriebes nichts hinzuzufügen und hielt es gleichfalls für unmöglich, diesen Erzeugnissen einen Absatz zu verschaffen, der den in den Niederlanden gehegten überspannten Erwartungen entsprach. Durch einen praktischen Versuch in Gegenwart des Departements-Referenten[357] stellte er fest, daß die meisten Surmont’schen Farben nicht mal die erforderliche Qualität besaßen. Auch war er überzeugt, daß das Gelb, wenn es auch leuchtender war als das hiesige, gegen das französische und englische Gelb nicht aufkommen kann. Schließlich hatte Surmont in seiner Denkschrift[358] erklärt, daß in den Niederlanden niemals Stoffe aus Ziegenhaar gefärbt worden seien, wie er sie zu färben sich anheischig machte, aber Thys versicherte, er selbst hätte Brüsseler Kamelott in dem gleichen Kübel mit Tuch zusammen scharlachrot gefärbt, und beides sei gleich gut ausgefallen.“
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 19. Juni 1763.
E. E. erhalten demnächst einen ausführlichen Plan der Manufaktur in Tournai. Wenn die Sache auch nicht so großartig ist, wie ich geglaubt habe, werden hoffentlich E. E. die Überzeugung gewinnen, daß der Versuch sich lohnt.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 21. Juni 1763.
Die Vorstellung, die Sie immer noch von den angeblichen Geheimnissen Ihres Adepten haben, steigert sich nachgerade zur Begeisterung. Das geht über meine Begriffe. Da Sie an Ort und Stelle die gefärbten Stoffe mit den englischen, französischen und holländischen vergleichen und durch sachkundige Kaufleute den Umsatz der Färberei in Europa abschätzen lassen können — wie ist es da denkbar, daß Sie sich einbilden, Ihre Farben, die, bis auf das Gelb, tatsächlich ganz gewöhnlich sind, würden Nachfrage finden oder es ergäbe sich die Möglichkeit zu einem anständigen Gewinn? Dabei spreche ich gar nicht einmal von dem Riesengewinn, den man Ihnen eingeredet hat. Da Sie absolut nichts Neues zu bieten haben, kommt auch ein Monopol gar nicht in Frage, der einzige Weg, auf dem sich Neuheiten wenigstens für eine Zeitlang ausbeuten lassen.
Ihre Hölzer und Metalle sind nur Armseligkeiten — verzeihen Sie mir den Ausdruck, mein lieber Graf! Von dem Holze zu reden, lohnt nicht einmal die Mühe. Was haben Sie mit dem Metall vor? Gesetzt, es eignete sich zur Herstellung von Leuchtern, Lichtputzern, Feuerzeugen usw., wollen Sie für das alles Werkstätten anlegen oder das Metall in Barren oder Blöcken verkaufen? In diesem Falle wird es entweder nachgeahmt, und Sie haben nur die Unkosten davon, oder es kommt in Mißkredit durch die Mängel, die so viele verschiedene minderwertige Verbindungen von Kupfer und Zink in Verruf gebracht haben, wie Tombak, Similor u. a. m., die eines guten Goldüberzuges bedürfen, um erträglich zu sein. Im ersten Falle aber frage ich: Wo ist die Aussicht auf Riesengewinne? Wo ist auch nur die Möglichkeit, die Konkurrenz so vieler, schon bestehender derartiger Fabriken aus dem Felde zu schlagen? Welche Sicherheit haben Sie, auch nur die Anlage-, Verwaltungs- und Betriebskosten zu decken?
Von Ihren Ölen will ich schweigen. Wie ich mir Ihren Abenteurer vorstelle, muß ich glauben, daß es ihm gelingen wird, Ihnen auch hierbei wie bei allem übrigen etwas vorzumachen. Wie, Herr Graf? Jemand, der anderthalb Millionen Vermögen und so wunderbare Geheimmittel besitzt, sollte nicht selbst Gebrauch davon machen, sondern Ihnen aus purer Freundschaft seine Reichtümer ausliefern? Wahrhaftig, ein derartiges Benehmen spricht aller Wahrscheinlichkeit zu sehr Hohn, als daß es auf irgendwen Eindruck machen könnte. Wäre der Mann seiner Sache gewiß, er brauchte Sie nur um Genehmigung zu bitten und dann auf eigene Rechnung zu arbeiten. Aber seine Geheimmittel werden teuer zu stehen kommen, so sagen E. E. jetzt selbst, und doch soll ihre Ausbeutung spottbillig sein. Mich deucht, wir stehen damit vor der Lösung des Knotens, und so erklärt sich auch die Freundschaft, die ihn zu seinen vertraulichen Eröffnungen gedrängt hat.
Wie dem aber auch sei, ich habe Sie rechtzeitig gewarnt, kein Geld auf Kosten Ihrer Majestät aufs Spiel zu setzen. Ich nehme daher an, daß Sie nicht zu weit gegangen sind, und warne Sie nochmals, etwas aufs Spiel zu setzen, bis wir auf Grund Ihrer Denkschrift klar, ganz klar sehen. Erst dann können wir Sie zu beträchtlichen Ausgaben oder kostspieligen Verpflichtungen ermächtigen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 25. Juni 1763.
Ich berichte E. E. ganz gehorsamst über alles, was ich mit meinem eigenartigen Manne abgeschlossen habe. Der Ordnung halber muß ich einen Teil von dem wiederholen, was ich in meinen früheren Berichten gesagt habe.
Der Mann suchte mich hier gleichsam nur auf der Durchreise auf. Trotzdem seine Lebensgeschichte und selbst seine Person in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, fand ich bei ihm hervorragende Begabung für alle Künste und Wissenschaften. Er ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand, und er spricht alle Sprachen fast gleich gut, am besten Italienisch, Französisch und Englisch. Er hat fast die ganze Welt bereist, und da er bei all seinen Kenntnissen sehr unterhaltsam war, verbrachte ich meine Mußestunden sehr angenehm mit ihm. Ich kann ihm nur häufige Prahlereien über seine Talente und seine Herkunft zum Vorwurf machen.
Bis dahin drehten sich unsere Gespräche nur um Gegenstände der Bildung und Unterhaltung. Als er aber von seinen Geheimmitteln anfing, mir davon Erzeugnisse zeigte und Hoffnung machte, sie mir mitzuteilen, wollte ich mich nicht länger auf mich allein verlassen und machte ihn mit Frau Nettine bekannt. Sie war von den Talenten des Herrn von Surmont nicht weniger begeistert als ich. Er bezeugte die größte Freundschaft für sie, ihre Familie und für mich selbst, und wir ersahen daraus, daß es nur von uns abhing, in Besitz aller seiner Geheimmittel zu kommen. Also prüften wir eifrig ihre Brauchbarkeit und ersahen aus manchen Proben und den Gutachten aller Sachverständigen, daß sein Metall vielleicht gut ist, daß seine Färbstoffe hervorragend sind, daß seine Hölzer weit besser ausfallen als die in Frankreich gefärbten, daß seine Lederarten von größter Bedeutung sind, und daß seine Hüte einen sehr erheblichen Handelsartikel bilden können.
Je weiter wir mit ihm kamen, desto mehr erkannten wir, daß seine seltenen Gaben Hand in Hand mit äußerstem Eigensinn gingen, daß er unseren Wünschen nur entgegen kam, damit wir uns den seinen anbequemten, und daß es kein anderes Mittel gäbe, seine Geheimmittel zu erlangen, als in die Anlage einer Fabrik zu willigen. Hierzu wählte ich die Stadt Tournai aus den früher genannten Gründen[359]. Doch dazu waren Ausgaben nötig. Um mich darauf einzulassen, hätte es der vorgängigen Erlaubnis bedurft, die ich aber von E. E. nicht erlangen konnte. So sprang denn Frau Nettine mit ihrem gewohnten Eifer ein und erklärte sich, wie sie selbst an den Herrn Referendar schrieb[360], gern bereit, das Unternehmen auf eigene Rechnung zu führen, falls Ihre Majestät es nicht übernehmen wolle.
Die Anlage 1 enthält die Aufstellung der von ihr bereits aufgewandten sowie der noch weiter erforderlichen Summen.
Wir haben also unsere Manufaktur begründet. Der Graf ist mehrfach nach Tournai gereist, und der Kaufmann Rasse, bei dem ich ihn untergebracht hatte, hat ihn mit größtem Eifer unterstützt.
Unterdessen erzählte der Graf uns von seinen Reichtümern, insbesondere von den Wertsachen, die er in Holland hätte. Wir wollten Erkundigungen darüber einziehen, und der Kaufmann aus Nimwegen, sein Geschäftsfreund, veranschlagte sie auf mindestens eine Million. Da der Graf kein Geld hatte und seine Wertsachen herkommen lassen wollte, machte Frau Nettine ihm die in Anlage 2 aufgeführten Vorschüsse. Wir merkten indes, daß der Nimweger Geschäftsfreund mit ihm unter einer Decke stecken mußte; die hier eingetroffenen Wertsachen waren ganz unbedeutend, und was in Holland verblieben ist, besteht nur aus Gemälden, die er sehr hoch bewertet, die aber wenig Wert zu haben scheinen. Außerdem merkten wir, daß der Graf verschuldet war und von seinen Gläubigern in Holland gedrängt wurde. Dazu herrscht in seinen Privatverhältnissen so wenig Ordnung und Sparsamkeit, daß wir angesichts seiner Kenntnisse darüber staunen.
Wir konnten also nur wünschen, ihn loszuwerden, seine Geheimmittel möglichst billig zu erfahren, jede weitere Ausgabe zu vermeiden und die Leitung des Unternehmens einem Manne fortzunehmen, der bei seinem Mangel an Ordnung die Einkünfte in unmäßigen Ausgaben vergeudete. Zu dem Zweck schickte ich den Vicomte von Nettine nach Tournai, damit er sich dort alle Geheimmittel angeben ließ und sie selbst ausprobierte. Sobald ich sicher war, daß wir sie besaßen, schickte ich meinen Neffen[361] mit Herrn Walckiers nach Tournai, um den Handel mit dem Grafen abzuschließen. Das haben sie unter den in Anlage 3 angegebenen Bedingungen getan.
Wir sind jetzt also im Besitz folgender Geheimverfahren: Wir können Eisen in Metall verwandeln. Ist dies Metall gut, so ist es ein Vorteil mehr. Taugt es nichts, so ist die Ausgabe verschwindend, und wir gebrauchen auch nur wenig, da für das zum Färben der Häute erforderliche Wasser nicht viel nötig ist. Aber diese Färberei ist von höchster Bedeutung, und das Metallwasser besorgt nicht bloß das Färben, sondern zieht auch die Häute zusammen, wodurch sie stärker werden und auch kernig bleiben. Wir haben also eine Gerberei eingerichtet, von der in Anlage 4 die Rede ist. Anlage 5 enthält die Gegenüberstellung der bisher landesüblichen Preise für die Häute und der Preise, wie sie sich nach unserem Verfahren stellen.
Wir besitzen das Verfahren zum Färben von Wolle, Seide, Garn, Ziegenhaar und Baumwolle. Die Wichtigkeit dieser Sache ergibt sich aus dem in Anlage 6 dargelegten Preisunterschied zwischen unserem Färbverfahren und dem bisher angewandten. Der Absatz ist sichergestellt; denn unsere größten Kaufleute haben uns bereits schleunigst ihre Tuche, Kamelotte, Seiden und Wollstoffe zum Färben gegeben. Schon dieser Gewerbszweig allein kann Ihrer Majestät beträchtlichen Gewinn und den hiesigen Provinzen unendlichen Segen verschaffen.
Der Rückstand wird danach zum Färben des Holzes benutzt, was ein kostenloser Gewinn ist. Wäre er auch unbedeutend, so verdient er als Reingewinn doch Beachtung.
Die Malfarben, die, wie wir wissen, von französischen Malern ausprobiert sind, bilden ebenfalls einen Reingewinn ohne jede Kosten, denn sie werden nur aus dem Bodensatz der obigen, bereits benutzten Färbstoffe gewonnen.
Die Hutfabrikation schließlich ist auch ein sehr beträchtlicher Posten, wie sich aus Anlage 7 ergibt.
Aus allen diesen Einzelheiten ersehen E. E., welche Verfahren wir erworben haben, welchen Gewinn wir uns davon versprechen können und welche Auslagen wir bereits gemacht haben. Ich brauche nur noch über die weiter erforderlichen Ausgaben zu berichten, was in Anlage 8 ausgeführt ist.
Nun kommt es auf die Allerhöchste Entscheidung an, ob Ihre Majestät das Unternehmen der Frau Nettine überlassen oder es auf eigene Rechnung übernehmen will. Das letztere scheint mir in jeder Hinsicht empfehlenswert. In diesem Falle müßte man Frau Nettine ihre Vorschüsse auf das Unternehmen mit vier Prozent verzinsen und das Kapital nach und nach aus dem Gewinn zurückzahlen. Auch wäre es recht und billig, ihren Sohn zum Generaldirektor des Unternehmens zu ernennen. Er eignet sich dazu besonders durch seinen Eifer und seine Einsicht und als Alleinbesitzer des Geheimverfahrens. Er brauchte nur Seiner Königlichen Hoheit[362] und der Überwachung des Ministers unterstellt zu werden. Der Staatsrat und Lotteriedirektor Walckiers[363] könnte zum Königlichen Kommissar für das Unternehmen ernannt und dies der Lotterieverwaltung angegliedert werden. In Anbetracht des zu erzielenden Gewinns könnte Nettine entweder ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil bekommen.
Ich bitte E. E., mir über dies alles die Befehle Ihrer Majestät zukommen zu lassen, und bemerke nur noch, daß ich in alledem mit höchster Billigung Seiner Königlichen Hoheit verfahren bin und diesen Bericht, den ich ihm vorgelesen habe, nur auf seinen Befehl absende.
BEILAGEN
1. Aufstellung der für die Manufaktur in Tournai ausgegebenen Gelder
Färberei und Lager
Zwei große Häuser, das eine zum Abschweifen der Seide und zum Färben überhaupt, das andere als allgemeines Lager, nebst zwei kleinen anstoßenden Häusern. Kaufsumme in Gulden Kurant
31.035 Gulden.
5 Sols, 4 Pfennig[364]
(NB. Von diesen 31.035—5—4 Gulden sind nur 12.400 bezahlt. Der Rest ist auf die Häuser in Hypotheken zu 4 Prozent aufgenommen.)
| Gulden | |
| Ein Haus, das mit dem ersten in Verbindung steht, | 3000— |
| Zum Ankauf eines Geländes zwecks Erweiterung der Wasserleitung, die durch den Garten der Färberei läuft, | 630— |
| Anlagen zur Benutzung der Wasserleitung | 1000— |
| Reparaturen an den vorgenannten Häusern | 7500— |
| Noch im Gange befindliche Reparaturen höchstens | 3000— |
| Ein großer Zinnkübel und Kessel aus Gelbkupfer für die Färberei | 5300— |
| Kleine Kübel aus Zinn u. Steingut, Pressen und anderes notwendiges Färbereigerät | 3000— |
| Drei Zylinder | 2000— |
| Gesamtausgabe für die Färberei | 56135—5—4 |
Gerberei
| Gulden | |
| Ankauf eines Hauses für die Gerberei | 7800— |
| Für notwendige Umbauten | 9000— |
| Für die notwendigen Geräte | 2500— |
| Gesamtausgabe für die Gerberei | 19300— |
Hutfabrik
| Gulden | |
| Ankauf eines Hauses für die Hutfabrik | 1500— |
| Vorgenommene und noch vorzunehmende Reparaturen | 2760— |
| Gerät für 6 Walken | 1440— |
| Gesamtausgabe für die Hutfabrik | 5700— |
| Gulden | |
| Ankauf eines Hauses für den Grafen Surmont | 13500— |
Verschiedene andere Ausgaben
| Gulden | |
| Kosten und Gebühren für den Ankauf der obigen Häuser | 800— |
| Verschiedene Ausgaben des Herrn Rasse für die Manufaktur | 4500— |
| Zusammen | 5300— |
Gesamtaufstellung
| Gulden | |
| Ausgaben für die Färberei und das Lager | 56135—5—4 |
| „ „ „ Gerberei | 19300— |
| „ „ „ Hutfabrik | 5700— |
| Das Haus für den Grafen | 13500— |
| Verschiedene Ausgaben | 5300— |
| Gesamtsumme Gulden Kurant | 99935—5—4 |
2. Aufstellung der Vorschüsse und Auslagen für den Grafen Surmont
| Gulden | |
| Verschiedene Vorschüsse der Frau Nettine | 81720— |
| Auslagen des Herrn Rasse und der Frau Nettine für den Unterhalt des Grafen sowie für seine Reisen nach Tournai usw. | 12280— |
| Gulden Kurant | 94000— |
3. Vorläufige Bedingungen, die zwischen Graf Cobenzl und dem Grafen Surmont vereinbart sind
Der Graf von Surmont wird lebenslänglich[365] an den jetzt in Tournai errichteten Manufakturen zur Hälfte beteiligt.
Von dem ihm zufallenden Gewinn sind die ihm vorgeschossenen Summen und die für ihn zu machenden Auslagen abzuziehen. Nach erfolgtem Abzug soll er über seinen Gewinn frei verfügen.
Der Graf verpflichtet sich dem Grafen Cobenzl gegenüber noch zur Angabe der Herstellung von Blau und Grün, der Verfeinerung von Ölen, des Krempelns von Leder zur Herstellung von Hüten oder zu jedem anderen, ihm bekannten Gebrauch, sowie zur Bekanntgabe jedes anderen Geheimverfahrens oder jedes geeigneten Mittels, um die Manufakturen zur größten Vollendung zu bringen.
Graf Surmont hat diese Bedingungen unterzeichnet.
4. und 5. Gerberei usw.
Eine Ochsenhaut im Gewicht von 70 Pfund kostet, gegerbt und zugerichtet, einschl. des Arbeitslohns und der Unkosten 14 Gulden 15 Sols. Die Haut verliert gewöhnlich die Hälfte ihres Gewichts und wird mit 9 Sols das Pfund verkauft, somit 35 Pfund = 15 Gulden 15 Sols. Der Gewinn auf jede Haut beträgt 1 Gulden 10 Sols oder 11 Prozent.
Eine Kuhhaut im Gewicht von 45 Pfund, gegerbt und zugerichtet, kostet 7 Gulden 15 Sols. Völlig appretiert wiegt sie nur 15 Pfund und wird das Pfund zu 14 Sols verkauft, also für 10 Gulden 10 Sols. Der Gewinn für jede Haut beträgt 2 Gulden 15 Sols oder etwa 29 Prozent.
Eine Kälberhaut im Gewicht von 12 Pfund, gegerbt und zugerichtet, kostet 3 Gulden. Appretiert wiegt sie nur 4 Pfund und wird das Pfund zu 17,5 Sols verkauft, also für 3 Gulden 10 Sols. Gewinn 10 Sols pro Haut oder 16 Prozent.
1 Dutzend Ziegenfelle im Gewicht von 20 Pfund kommt auf 23 Gulden. Appretiert wiegen diese Häute nur 18 Pfund und werden das Pfund zu 2 Gulden, also zu 36 Gulden verkauft. Gewinn für 1 Dutzend also 13 Gulden oder etwa 55 Prozent.
Mit Sumach in Fett gegerbtes Maroquinleder, gleichfalls im Gewicht von 20 Pfund, kommt pro Dutzend auf 18 Gulden 15 Sols. Appretiert wiegt es nur 16 bis 17 Pfund und wird das Pfund zu 2 Gulden 16 Sols verkauft, also etwa 44 Gulden 5 Sols. Der Gewinn für 1 Dutzend beträgt also 25 Gulden 10 Sols oder etwa 135 Prozent.
Rotes Maroquinleder, mit Galläpfeln gegerbt, kostet im Dutzend bei gleichem Gewicht 32 Gulden 10 Sols. Appretiert wiegt es 12 Pfund und wird das Pfund für mindestens 4 Gulden 15 Sols verkauft, somit 57 Gulden. Gewinn 25 Gulden 10 Sols pro Dutzend oder 68 Prozent.
Ebenso weißes Maroquinleder.
Das alles wird ohne die Geheimverfahren des Grafen Surmont hergestellt, und zwar durch Mittel, mit denen sich noch weit schönere Farben noch billiger herstellen lassen.
6. Färberei
Abschweifen der Seide
Durch das Geheimverfahren des Grafen Surmont sind bereits 50 Prozent Gewinn erzielt; denn die Seide verliert nur ⅛ ihres Gewichts, beim gewöhnlichen Verfahren das doppelte. Außerdem ist es weit billiger, denn das Abschweifen der Seide kostet gewöhnlich 10 Sols pro Pfund, hier aber höchstens 6.
Außer diesen Vorteilen ist die Seide weit schöner, stärker, voller und nimmt die Farbe weit besser an als bisher.
Färben der Seide
Rot. Ein Pfund Seide karmoisinrot zu färben kostet nur 21 Sols, in Antwerpen 42 Sols. Der Unterschied beträgt also 100 Prozent. Die gleiche Menge in Ponceaurot kostet nur 4 Gulden, in Antwerpen 24. Das macht einen Unterschied von 500 Prozent. In Hochrot kostet die gleiche Menge nur 40 Sols, in Antwerpen 12 Gulden; Unterschied 600 Prozent. Feines Kirschrot kostet nur 20 Sols, in Antwerpen 4 Gulden; Unterschied 400 Prozent. Rosa 20 Sols, in Antwerpen 3 Gulden; Unterschied 300 Prozent.
Violett. Ein Pfund Seide in feinem Purpurviolett und anderen Violettarten kostet nur 18 Sols, in Antwerpen 36 Sols; Unterschied 200 Prozent.
Gelb. Ein Pfund Seide in kräftigstem Gelb, z. B. für Litzen, kostet nur 2 Gulden, in Antwerpen 10 Gulden; Unterschied 500 Prozent.
Die anderen Schattierungen entsprechend.
Färben von Tuch, Wolle, Kamelott, Ziegenhaar usw.
Rot. Das Färben von Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar in Karmoisinrot, Hochrot, Scharlachrot und allen feinen roten Farben kostet nur 7 Sols. Hier kosten diese Farben 28 Sols. Der Unterschied beträgt 400 Prozent. Rosa unter 5 Sols, sonst 10 Sols; Unterschied 200 Prozent.
Violett. Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar kosten das Pfund nur 6 Sols, sonst 24; Unterschied 400 Prozent.
Gelb. Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar kosten pro Elle und Pfund nur 2 Sols, sonst 4 Sols; Unterschied 200 Prozent.
Holzfärben
Nach Färben der Seide oder Wolle eignet sich das in den Kübeln zurückbleibende Färbwasser nicht mehr zum Färben von Stoffen, wohl aber zum Holzfärben ohne irgendwelche Unkosten. So wenig Gewinn diese verschieden gefärbten Hölzer also abwerfen mögen, es ist Reingewinn.
Malfarben
Nach dem Holzfärben wird der Färbstoff niedergeschlagen. Auf dem Grunde bleibt eine sehr schöne Malfarbe zurück, die gleichfalls nichts kostet.
7. Hutfabrikation
Graf Surmont besitzt ein Geheimverfahren zur Hutfabrikation, das sehr großen Gewinn bringen kann. Er hat versprochen, es zu zeigen. Aber auch ohne dies Verfahren wird die Hutfabrikation einen sehr anständigen Gewinn abwerfen.
Gattung | Bisherige | Künftig, | Gewinn | |
in | in | |||
Hochfeiner Biber | 9—7—8 | 7—14— | 1—13—8 | 18 |
Gewöhnlicher Biber | 7—9—8 | 6—10—8 | —19— | 13 |
Halbbiber | 5—2—8 | 4—11— | —11—8 | 11 |
Gewöhnl. Halbbiber | 4—13—8 | 4—4—8 | —9— | 10 |
In Betrieb sind 6 Walken. Jede stellt pro Tag 16 Hüte her, somit tägliche Gesamtproduktion 96, in 250 Arbeitstagen jährlich 24000 Hüte mit einem Gewinn von mindestens 20000 Gulden Kurant.
8. Aufstellung des Personals zur Leitung der Manufakturen
| Gulden | |
| Herr Rasse, Direktor | 3000 |
| „ de Lannoy, Subdirektor | 2500 |
| „ de Lannoy junior für die Korrespondenz | 500 |
| 1 Buchhalter für die Färberei | 500 |
| „ „ „ Gerberei | 500 |
| 1 Lagerverwalter | 1000 |
| Gulden | 8000 |
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. Juli 1763.
E. E. haben jetzt alles Material über unser Geheimverfahren in Händen. Ich erwarte Ihre Entscheidung und möchte zu Ihrem Schreiben (vom 21. Juni) nur noch ein paar Bemerkungen hinzufügen.
In solchen Dingen, glaube ich, täuscht man sich aus der Nähe wohl leichter als aus der Entfernung. Die Gegenwart und Beredsamkeit des Mannes kann blenden. Aus der Entfernung aber sieht man nur die Tatsachen und prüft sie unbefangen. Um aber auch hier unbefangen zu sein, habe ich Sachverständige zu Rate gezogen, und ein jeder hat alle gefärbten Stoffe durchweg für wunderbar erklärt. Die geringen Herstellungskosten geben ihnen gewiß hohen Wert. Unser Tressenfabrikant und Seidenhändler Barbieri, unser Kamelottfabrikant Francolet und unser Tuchfabrikant t’Kint bitten mich kniefällig um Beschleunigung dieser Färberei, die sie für äußerst wertvoll für den Staat halten.
Die Holzfärberei ist ein Nebenprodukt, das keinerlei Ausgaben verursacht. Wollen unsere und die Pariser Kunstschreiner das Holz kaufen, so ist das ein Gewinn mehr; wo nicht, läßt man die Sache fallen.
Ist das Metall gut, wie ein von mir befragter Chemiker glaubt, so kann es einträglich sein; wo nicht, so stellt man nur soviel her, als man zur Herstellung des Wassers braucht, das sich zum Schwarzfärben des Leders vorzüglich eignet. Die Herstellung von hundert Pfund Metall genügt zum Färben von mehreren tausend Häuten. Ich nenne dies Wasser wunderbar; denn ich habe selbst die Probe gemacht und es mit frischem Wasser, im Verhältnis von 1 zu 60, gemischt. Es färbt das Leder augenblicklich durch und durch, und zwar im schönsten Schwarz. Läßt man das Leder ein paar Stunden darin, so zieht es sich derart zusammen, daß eine sehr starke Kuhhaut so dünn wird wie ein Doppelbogen Papier, ohne daß sie die Form verliert. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß dies äußerst belangreich ist. Die Hutfabrikation ist ebenfalls wichtig, und das gleiche gilt erwiesenermaßen für die Öle.
Wenn ich von all diesen Tatsachen überzeugt bin, so doch nicht vom Reichtum meines Mannes. Ich sehe ein, daß er mir sein Geheimverfahren überlassen hat, weil er in größter Not war und es selbst nicht verwerten konnte.
Der Eventualvertrag, den ich mit ihm abgeschlossen habe[366], beweist, daß die Geheimverfahren zwar durch die an ihn gezahlten Vorschüsse und die Anlagekosten teuer zu stehen kommen, in der Folge aber tatsächlich nichts kosten; denn diese Summen kommen in Anrechnung auf den dem Grafen Surmont zugesagten Gewinnanteil. Auch habe ich für Ihre Majestät nichts aufs Spiel gesetzt; denn Frau Nettine übernimmt das Ganze sehr gern auf eigene Rechnung. Wenn aber Ihre Majestät, wie ich wünsche, das Unternehmen für sich behält, so ist Frau Nettine bereit, den Vorschuß zum üblichen Zinsfuß von 4 Prozent zu geben.
Würde dies Unternehmen mit dem Lotto und der Lotterie verbunden, so wird sich hoffentlich bald zeigen, daß diese drei Unternehmungen eine beträchtliche Einnahmequelle für die Staatsfinanzen bilden.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 5. Juli 1763.
Auf Ihren Bericht (vom 25. Juni) mit den ärgerlichen Einzelheiten Ihrer Unternehmung in Tournai könnte ich sofort mitteilen, daß Ihre Majestät sich nicht mit einem Pfennig beteiligt[367]. Doch ich will der formellen Entschließung, die Ihnen zugehen wird, nicht vorgreifen.
Ich will auch nicht auf den Wechsel Ihrer Ansichten über die Person und die Geheimmittel dieses Schwindlers hinweisen. Es genügt mir, ihn Ihnen als solchen gekennzeichnet zu haben, trotz dem zuversichtlichen Ton, mit dem Sie von seinen Reichtümern, seinem erhabenen Wissen und von den Millionen reden, die er uns aus Freundschaft[367] für Sie und die Familie Nettine verschaffen will.
Wenn ich auch in meiner Antwort auf Ihren ersten Bericht[368] über Ihre Unternehmungen, der, wie ich jetzt sehe, etwas spät[367] kam, Ihnen nicht unumwunden sagen wollte noch konnte, daß Ihre Begeisterung Ihnen den klaren Blick für die Dinge trüben könne, so gab ich es Ihnen doch — Sie werden sich dessen entsinnen — ziemlich deutlich zu verstehen durch meine Abneigung, den von Ihnen berichteten Tatsachen Glauben zu schenken. Ich gebrauchte den Ausdruck: Gegen Tatsachen lasse sich nichts einwenden als das eine, ob man sie richtig gesehen habe. Zu diesen Zweifeln fügte ich vorsichtshalber die Warnung, die Interessen Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen[369].
Diese Vorsicht war durchaus nötig. Sie schrieben mir damals: „Ich habe Vorschüsse in sehr geringem Betrage[369] durch Frau Nettine geben lassen.“ Heute übersteigt dieser sehr geringe Betrag[369] bereits 190000 Gulden[370]!
Das Bild, das ich Ihnen zugleich von diesem berühmten Abenteurer oder Gauner gab — denn schließlich ist ein Betrüger nichts anderes — blieb offenbar eindruckslos; denn Sie mögen geglaubt haben, das Rätsel zu lösen, wie man seine Talente nutzbar machte, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen. War doch Ihre stete Antwort auf meine Warnungen: „Was kümmern uns seine Fehler, wenn wir nur seine Geheimmittel haben!“
Indessen war Ihre Majestät bei meinem Bericht über Ihren Brief und über meine Antwort anderer Meinung. Der Schluß meines Berichtes lautete:
„Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt. Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln, deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht brauchbare. Möglicherweise löst sich aber auch alles in Dunst auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn Eure Majestät den Inhalt meines Berichtes geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten Falle müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen ließ, mit einem Schleier zudecken[371].“
Das war mein Standpunkt im ganzen Verlauf unseres Schriftwechsels. Obwohl er auf Sie scheinbar keinen Eindruck gemacht hat, habe ich Ihnen lediglich aus Rücksicht und Freundschaft nicht mitgeteilt, welches die Worte Ihrer Majestät über meinen Bericht waren. Ich teile sie Ihnen hierdurch im größten Vertrauen mit:
„Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr zutrifft als das Cobenzl’sche, und daß diese Torheit geheim gehalten werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt[372].“
Die Torheit ist also begangen, und die arme Frau Nettine, die ich von Herzen bedauere, schwebt in großer Gefahr, die ganze Zeche zu bezahlen. Wie ist es möglich, daß sie diesem Elenden auf seine schönen Augen hin 81720 Gulden vorschießen konnte? Wie konnten Sie Ihrerseits zusehen, daß er 12280 Gulden bloß für Reisen und Verpflegung vertan hat[373]? Wie konnte man sich abgesehen von alledem auf eine Ausgabe von 99935 Gulden[374] einlassen, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe für Ihre Fabriken angeschafft sind, ja ohne von dem Betrüger die Geheimnisse erfahren zu haben, die scheinbar noch am meisten versprechen? Sie sind seiner sicher, sagen Sie. Jawohl, so sicher, daß ich mich nicht wundern würde, wenn er mit allem, um was er Sie geprellt hat, eines schönen Morgens das Weite suchte und Sie mit all Ihren Reichtümern und Ihren vier- bis fünfhundertprozentigen Gewinnen sitzen ließe!
Doch nach allem, was ich Ihnen darüber schon geschrieben habe, ist jede weitere Aussprache zwecklos. Ihre Berechnungen kommen mir vor wie die eines Handwerkers, der sich sagt: „Ein Gehilfe bringt mir täglich ¼ Gulden ein; ich will also 400 annehmen; das macht 100 Gulden pro Tag“. Aber wird man ihm auch soviel Arbeit liefern, daß er vierhundert Gehilfen beschäftigen kann? Werden Sie soviel Absatz für Ihre ganz gewöhnlichen gefärbten Stoffe finden, daß Sie dabei oft Ihre 4-500 Prozent verdienen, daß Sie auch nur die bisherigen Unkosten decken? Hat man den Bedarf an gefärbten Stoffen im Inland berechnet? Denn an das Ausland ist nicht zu denken, weder an England noch an Frankreich, Holland, Italien, Deutschland usw.
Aber sei dem, wie ihm wolle, ich werde Ihrer Majestät über alles genauen Bericht erstatten und dabei zu folgenden Schlußfolgerungen kommen:
1. Die Fabriken eignen sich nicht zu Staatsbetrieben, weder der Sache nach noch im Hinblick auf das Einzelne und die Verwaltungskosten.
2. Sollte trotz allem, was ich dagegen angeführt habe, die Herstellung oder Ausbeutung von Surmonts Geheimverfahren einen Ertrag abwerfen, so hat Frau Nettine den allerersten Anspruch darauf.
3. Somit kann man ihr nicht den Schutz und die Erleichterungen abschlagen, die sie bei der Regierung beantragen wird, zumal es Regierungsgrundsatz ist, den Manufakturen jede Förderung zu gewähren, die mit der Verfassung des Landes vereinbar ist.
Ich hoffe, daß Ihre Majestät diese Schlußfolgerungen gutheißen wird, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Inzwischen geben bereits meine früheren Briefe E. E. die erforderlichen Richtlinien.
Kaunitz an Maria Theresia
Wien, 21. Juli 1763.
Eure Kaiserliche Majestät werden sich erinnern, daß ich am 22. April d. J.[375] einen Bericht des Grafen Cobenzl über die Riesengewinne vorgelegt habe, die er sich von den Geheimverfahren in der Färberei und mehreren anderen Handelsartikeln verspricht, die eine eigenartige Persönlichkeit, früher als Graf Saint-Germain bekannt, zu besitzen vorgibt.
Kaunitz wiederholt den Inhalt des Berichts von Cobenzl vom 8. und seiner Antwort vom 19. April[376].
Staatskanzler Graf Kaunitz
Stich von Pazzi
E. M. haben meine Auffassung der Sache und meine Weisungen an den Grafen Cobenzl gebilligt. Die großen Projekte dieses Ministers sind Ihnen selbst als eine Torheit erschienen, die geheim gehalten werden müsse, und von der E. M. ihn geheilt zu sehen wünschten.
Was mir Graf Cobenzl seither über seinen Wundermann wie über dessen Projekte berichtete, hat meine anfängliche Auffassung nur zu sehr bestätigt. Je verdächtiger also die Sache wurde, desto mehr war ich darauf bedacht, die Interessen E. M. sicherzustellen, und das ist mir, glaube ich, auch gelungen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß Frau Nettine bereits fast 200000 Gulden Vorschüsse für die Fabriken in Tournai gezahlt hat[377], die von Graf Cobenzl auf Drängen Surmonts angelegt worden sind.
Ehe ich jedoch auf diese Anlagen und ihre Bestimmung näher eingehe, muß ich E. M. über die schwankenden Angaben des Grafen Cobenzl, über die Persönlichkeit und die Reichtümer ihres Begründers berichten.
Zuerst sprach der Minister von diesen Reichtümern in einem Tone, der jeden Zweifel ausschließen mußte. Trotzdem zweifelte ich und ersuchte den Grafen Cobenzl um Angabe, welche Gewißheit er über diese angeblichen Reichtümer hätte und welcher Art sie wären, ob sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz oder Handelseffekten beständen. Auch teilte ich ihm Anekdoten mit, aus denen hervorging, daß dieser Mann in Frankreich gleichfalls mit seinen Reichtümern geprahlt hatte und in seiner Dreistigkeit so weit gegangen war, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut im Werte von 1800000 Livres in aller Form zu kaufen, daß aber an den Zahltagen die versprochenen Rückstände und Wechselbriefe nicht eintrafen und daß der Käufer Frankreich verlassen mußte[378].
Auf das alles antwortete mir der Minister am 28. April[379], Surmont hätte das Gut Ubbergen in Holland gekauft, es zu zwei Dritteln bezahlt und den Namen dieses Gutes angenommen. Außerdem besäße er Wertsachen, die er bei Frau Nettine hinterlegen werde, und der Mann, der sie in Seeland verpfändet hätte, schätze ihren Wert auf über eine Million. Wie Graf Cobenzl zugab, spräche Surmont viel von seinen Reichtümern. Doch wiederholte er, er müsse sehr reich sein; denn überall, wo er sich aufgehalten, hätte er fabelhafte Geschenke gemacht und viel ausgegeben, ohne irgendwo Schulden zu hinterlassen[380].
Von dem Gutskaufe vom Grafen Saint-Florentin wußte der Minister nichts. Im übrigen suchte er meine anderen Einwände über Surmonts Charakter und Leben mit dem Hinweis zu entkräften, daß dieser Mann nichts von uns verlangte, und daß er ihm seine Geheimmittel aus Freundschaft überlassen wollte; somit müßten uns seine persönlichen Eigenschaften einerlei sein, wenn man nur in den Besitz seiner Geheimmittel käme.
Diese Aufklärungen vermochten die Eindrücke nicht zu verwischen, die ich aus den sonstigen Nachrichten von diesem Manne gewonnen hatte. Welche Vorstellung könnte man sich auch von den Reichtümern eines Unbekannten machen, dessen Wertsachen verpfändet sind und dessen Grundbesitz nicht bezahlt ist? Ich machte den Grafen Cobenzl am 10. Mai[381] auf diese Widersprüche aufmerksam und verhehlte ihm angesichts der Abenteuer Surmonts in Frankreich meine Befürchtung nicht, er möchte in einer Grenzstadt wie Tournai, wo Graf Cobenzl die Fabrik anlegen wollte, nicht allzu sicher sein.
Der Minister antwortete mir auf alle diese Bedenken nur mit der Versicherung, Frau Nettine hätte bei einer Reise nach Paris nichts Nachteiliges über Surmont erfahren und sich durch ihre Schwiegersöhne vergewissert, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten hätten[382].
Das fortdauernde Vertrauen, das Frau Nettine auf diesen Mann nach Befragung ihrer Schwiegersöhne in Paris setzte, begann meine Zweifel zu zerstreuen. Ich verhehlte dies dem Grafen Cobenzl in meinem Briefe vom 31. Mai nicht. Als aber ein paar Tage darauf die Proben von Surmonts Kunst eintrafen, sah ich deutlich, daß er es verstanden hatte, über die Tatsächlichkeit seiner Geheimmittel ebenso zu täuschen wie über seine persönlichen Verhältnisse. Auch rühmte sich Graf Cobenzl in seinem Briefe vom 9. Juni nicht mehr, diese Geheimmittel aus Freundschaft zu erhalten. Er meldete schon damals, sie würden teuer sein, und am 25. Juni änderte er seine Sprache über Surmonts Reichtümer und Charakter völlig. Ich lege diesen Bericht nebst allen Anlagen[383] bei. Wie er gestand, hatte er sich durch einen Nimweger Kaufmann und Geschäftsfreund Surmonts nach dessen Reichtümern und besonders nach den Wertsachen erkundigt und erfahren, daß diese mindestens eine Million wert seien. Da er trotzdem ohne Geld war und seine Wertsachen nach Tournai kommen lassen wollte, hatte Frau Nettine ihm 81720 Gulden vorgeschossen. Weiterhin aber hätte man gesehen, daß der Nimweger Kaufmann im Einverständnis mit ihm war, daß nur sehr geringe Wertsachen nach Brüssel gekommen waren, und daß die in Holland zurückgebliebenen nur aus Gemälden bestanden, die zwar Surmont sehr hoch schätzte, die aber sehr wenig wert zu sein schienen. Zudem hatte sich herausgestellt, daß er verschuldet war, von seinen holländischen Gläubigern gedrängt wurde und in seinen Privatverhältnissen keine Ordnung und Sparsamkeit walten ließ. Trotzdem erschien er dem Grafen Cobenzl noch immer als Besitzer wunderbarer Geheimnisse. Zugleich klagte dieser über seine Launen und sein wunderliches Wesen.
Das alles steht in schroffem Gegensatz zu den ersten Berichten des Ministers über seine Redlichkeit, seine schlichten Sitten und seine Reichtümer. Ich begreife nicht, wie man sich so lange hat täuschen lassen können, während ich bei den ersten Nachrichten aus Brüssel alles aufgeboten habe, um den Grafen Cobenzl vor der Redegabe und der eigentümlichen Begabung dieses Schwindlers zu warnen, das Vertrauen auch der Ungläubigsten zu gewinnen. Ich wies ihn namentlich auf Surmonts Abenteuer in Frankreich hin und sagte ihm wörtlich, dieser hätte es dort verstanden, alle, die an seiner Freigebigkeit und an den von ihm verheißenen Wundern teil zu haben hofften, in einer Art von Ehrfurcht zu halten, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Trotz meiner Warnung ist es ihm nur zu gut gelungen, den Grafen Cobenzl und die Familie Nettine ebenso zu beeinflussen, wie es bei einem Teil des französischen Ministeriums eine Zeitlang der Fall war.
Nach den Vorschüssen und den großen Ausgaben zu urteilen, die lediglich für seine Person erfolgt sind und die sich bereits auf 94000 Gulden belaufen[384], muß die Begeisterung in Brüssel sogar noch weiter gegangen sein als in Paris. Offenbar hat Graf Cobenzl, als er hinter Surmonts Fehler kam, sich für befähigt gehalten, seine Talente nutzbar zu machen, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen; denn auf meine Verdachtsgründe entgegnete er immer wieder: Was liegt uns an seinen Fehlern, wenn wir nur seine Geheimmittel besitzen?
Diese Denkweise hätte berechtigt erscheinen können, hätte man die Tatsächlichkeit seiner angeblichen Geheimmittel und die Riesengewinne aus ihnen vorher genau festgestellt. Aber zu einer Zeit, wo es noch fraglich ist, ob man den von einem Abenteurer versprochenen Wundern Glauben schenken soll, gebietet die Vorsicht, seine Sitten, seinen Charakter, seine Privatverhältnisse, seine früheren Abenteuer usw. stark in Betracht zu ziehen. Das alles aber spricht durchaus gegen den angeblichen Grafen Surmont und wäre allein genug, um seine Projekte abzulehnen.
Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.
Wenn die neuen Manufakturen in Tournai schon aus sachlichen Gründen nicht für uns in Frage kommen, so erst recht nicht wegen der großen, bereits entstandenen Kosten und der kostspieligen Verwaltung, die sie nach Angabe des Grafen Cobenzl erfordern. Wie schon oben betont, hat Frau Nettine Surmont bereits 94000 Gulden vorgeschossen oder für ihn ausgelegt, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Geheimverfahren aus ihm herauszulocken, die scheinbar noch am meisten versprechen. Die Ausgaben für die Fabrikanlagen belaufen sich bereits auf 99935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe angeschafft wären oder daß man das Geringste für Beschaffung von Arbeitern ausgegeben hätte. Zudem spricht aus allen diesen Ausgaben eine Verschwendung, die keine günstigen Schlüsse auf die künftigen laufenden Ausgaben erlaubt.
Allein für Surmonts Unterhalt und seine Reisen sind 12280 Gulden verausgabt. Ein Wohnhaus für ihn in Tournai ist für 13500 Gulden gekauft worden, und die verschiedenen nicht näher belegten Auslagen des Kaufmanns Rasse, der einer der Direktoren werden soll, belaufen sich auf 5300 Gulden[385]. Der vom Grafen Cobenzl entworfene Verwaltungsplan zeigt keine größere Sparsamkeit. Die Gehälter für die beiden Direktoren und die übrigen Angestellten betragen 8000 Gulden jährlich[386]. Außerdem schlägt der Minister vor, den Sohn der Frau Nettine, dem Surmont allein seine Geheimverfahren anvertraut hat, zum Generaldirektor des ganzen neuen Unternehmens zu ernennen und ihn lediglich Sr. Kgl. Hoheit und der Oberaufsicht des Ministers zu unterstellen. Ferner meint er, daß der Staatsrat Walckiers zum Königlichen Kommissar bei diesem Unternehmen bestellt, dessen Leitung mit der der Lotterie verbunden werden und daß E. M. dem jungen Nettine aus dem Gewinn ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil gewähren könnte.
Zugleich übersendet mir Graf Cobenzl den vorläufig mit Surmont abgeschlossenen Vertrag[387], wonach dieser für Lebenszeit an den in Frage stehenden Unternehmungen zur Hälfte beteiligt wird, die ihm vorgeschossenen Summen von seinem Gewinnanteil abgezogen werden und Surmont sich seinerseits verpflichtet, die Herstellungsart von Blau und Grün, die Verfeinerung der Öle, das Krempeln des Leders für die Hutfabrik oder zu jedem anderen ihm bekannten Gebrauch, sowie jedes andere Geheimmittel oder Verfahren anzugeben, durch das die Manufakturen zur größten Vollendung gebracht werden können.
Surmont hat es also nicht nur verstanden, eine Summe von fast 100000 Gulden herauszuschlagen, deren Rückzahlung auf einem zum mindesten sehr zweifelhaften, wo nicht gänzlich hinfälligen Gewinn beruht, sondern er hat sich auch die Möglichkeit weiterer Gewinne aus seinen angeblichen Geheimverfahren gesichert; denn er hat sich die anscheinend wichtigsten vorbehalten und wird sie sich zweifellos teuer bezahlen lassen. Außerdem verspricht er, etwas zu lehren, was er nach eigenem Geständnis selbst noch nicht versteht, nämlich die Herstellung des Blaus. Es kann sich dabei nur um die Herstellung ohne Cochenille handeln; denn von etwas anderem war nie die Rede. Nun schreibt mir Graf Cobenzl am 27. Mai ausdrücklich, Surmont kenne diese Herstellungsart nicht und hoffe nur, ein Verfahren zu finden, das diese teure Zutat unnötig macht. Nicht anders dürfte es mit dem Grün stehen, das er herstellen zu können behauptet, aber von dem der Minister noch nie eine Probe zu sehen bekommen hat[388]. Von diesen zwei Farben ist denn auch, wie oben gesagt, in der Aufstellung der Preise der neuen Farben nirgends die Rede.
Das alles tritt zu den Gründen, die von einem Unternehmen auf Staatskosten abraten. Trotzdem hält Graf Cobenzl dies für das Zweckmäßigste. Er will, falls E. M. darauf eingehen, der Frau Nettine ihre Vorschüsse für die genannten Unternehmungen in Höhe von 193935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig mit 4 Prozent verzinsen und sie aus den Überschüssen allmählich zurückzahlen.
Dabei versichert er mir immer wieder, falls E. M. den Betrieb der Surmont’schen Fabriken nicht auf Staatskosten übernehmen wollten, würde Frau Nettine ihn gern auf eigene Rechnung übernehmen. Außerdem erklärt er mir, in der ganzen Sache mit Zustimmung Sr. Kgl. Hoheit gehandelt zu haben, und bittet mich, ihm die Allerhöchste Entscheidung E. M. darüber kundzugeben.
Aus allem Gesagten geht hervor:
1. Graf Cobenzl, Frau Nettine, ihre Familie sowie alle, die an dem lächerlichen Mysterium der angeblichen Geheimmittel dieses Abenteurers beteiligt sind, haben sich derart hereinlegen lassen, daß sie Vorschüsse und Auslagen in Höhe von fast 100000 Gulden nur für seine Person und auf Rechnung seiner ungeheuren Reichtümer gemacht haben, die sich, wie sie heute zugeben, auf Nichtigkeiten beschränken und sich vielmehr in Schulden verwandelt haben, die sicherlich aus ähnlichen Schwindeleien wie die in Brüssel verübten herrühren.
2. Nachdem sie sich so gröblich über den Charakter dieses Gauners getäuscht haben, trotzdem sie seine Geschichte und seine Abenteuer kannten, geben sie uns das Recht, ihrem Urteil über die Geheimmittel zu mißtrauen, die er ihnen so teuer aufgeschwindelt hat. Dies berechtigte Mißtrauen wird bestärkt durch die Abweisungen, die Surmont in Frankreich, in Holland, in England und überall erfahren hat, wo er seine kümmerlichen Geheimmittel wie bei uns angepriesen haben wird. Ich hätte mir also alle Vergleichungen, Berechnungen, Proben und Prüfungen ersparen können.
Aus ihnen hat sich ergeben:
3. Die gefärbten Seiden- und Wollstoffe bieten dem Publikum durchaus nichts Neues und können daher die Vorteile der Neuheit und des Monopols nicht beanspruchen. Sie bieten selbst in den bekannten Farben nichts Hervorragendes und sind bei weitem nicht in allen Farbgattungen vorhanden. Schon die Wiener gefärbten Stoffe übertreffen in dieser Farbenskala die seinen; um wieviel weniger könnten sie sich also gegenüber den englischen, französischen und holländischen behaupten!
4. Somit beruhen alle ihre Erwartungen nur auf dem Absatz in den Niederlanden. Aber sie haben dessen Umfang nicht berechnen können oder wollen, obgleich dies der einzige feste Anhaltspunkt wäre, um die Höhe der Einnahmen zu berechnen und ihr die Kosten gegenüberzustellen. Denn ohne einen solchen vorherigen Anschlag kann, ja muß es geschehen, daß sie bei dem überstürzt und höchst unbesonnen begonnenen Großbetrieb in einem Monat mehr Stoffe färben, als die einheimischen Fabriken in einem Jahre verbrauchen können.
5. Günstigsten Falls, d. h. wenn man den ganzen inneren Markt versorgen könnte, wäre das Unternehmen moralisch unrecht und politisch verkehrt. Unrecht, denn man brächte alle Privatfärbereien mit Güte oder mit Gewalt an den Bettelstab. Mit Güte, wenn man sie durch den billigen Preis überflügelte; mit Gewalt, wenn man zur Billigkeit noch das Monopol fügte. Politisch wäre das Unternehmen verkehrt; denn selbst bei der Annahme, man könnte alle Privatindustrieen verstaatlichen — was der täglichen Erfahrung völlig widerspricht —, wären diese Industrieen in Privathänden für den Staat weit wertvoller als beim Staatsbetriebe. Denn im ersten Falle begünstigen sie den Bevölkerungszuwachs, spornen den Wetteifer an, vermehren die Umlaufskanäle, setzen den einheimischen Handel in Nahrung, vervielfältigen seine Werte und unterstützen die Landwirtschaft und die Landesverteidigung. Beim Staatsbetriebe dagegen fallen durch die Zusammenfassung alle diese günstigen Faktoren fort; der Unterhalt von tausend Familien wird von hundert Angestellten und Arbeitern verzehrt, und hundert Menschen verarmen, um einen einzigen zu bereichern. Ein derartiges Unternehmen würde den Untertanen E. M. also keineswegs nützlich sein, wie man dreist behauptet hat, sondern sie zugrunde richten. Sie würden sich mit Recht laut beklagen, und wir zögen uns die bittersten Beschwerden und Klagen der Stände auf den Hals. Sind dies aber im günstigsten Falle die notwendigen Folgen eines solchen Unternehmens, dann kann man unmöglich mit dem Grafen Cobenzl in der Billigkeit allein das Mittel sehen, um den ganzen Verbrauch der Niederlande an gefärbten Stoffen an sich zu reißen. Damit sinken alle seine Erwartungen in Nichts zusammen, und es bleibt ihm nichts als die Reue, so große Opfer gebracht zu haben. Und tatsächlich hat Cobenzl unrecht; denn er hat nicht bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie mit allen ihren Hilfsquellen auszuschalten und ihr für alle Zeit die Kenntnis des Geheimverfahrens zu entziehen, das nach Aussage der Frau Nettine ziemlich leicht zu erraten ist. Ebensowenig hat er schließlich bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie durch Schönheit und Güte der Farben und durch Billigkeit des Preises zu übertreffen, wenn sie erst einmal nach seinem Geheimverfahren arbeitet.
Aus meiner Darlegung ergibt sich ferner:
6. Daß die Gewinne aus der Gerberei heute von den einheimischen Gerbern gemacht werden, und daß Graf Cobenzl diese Gewinne durch Surmonts Geheimverfahren nur zu vergrößern hofft. Dabei verdient die Gerberei unter den angeblichen Geheimverfahren noch am meisten Beachtung, und gerade darüber wissen sie noch am wenigsten; denn alle ihre positiven Angaben beschränken sich auf das Gewicht der heute von unseren Gerbern verarbeiteten und verkauften Felle. Ebensogut könnte man sagen: Es gibt in den Niederlanden 10000 Schuhmacher; jeder verdient täglich soundsoviel. Man braucht also nur alle Stiefel und Schuhe, die diese Schuhmacher anfertigen, auf Rechnung des Staates herzustellen und hat allein den ganzen Gewinn davon. Wenn man so weiter fortfährt, alle Gewerbe an sich reißt und sie selbst ausübt, und angenommen, es gelingt, so muß man E. M. neue Untertanen verschaffen, die soviel Geld haben, um alle diese Waren zu kaufen; denn die Ihren wären zugrunde gerichtet und verarmt. Daß bei der Gerberei Geld zu verdienen ist, wußten wir ohnehin. Daß aber der Staat diesen Gewerbszweig auch noch an sich reißen müsse, das sollte man nicht vorschlagen, ohne vorher deutlich nachzuweisen, was für wirkliche und neue Vorteile für die Bevölkerung daraus entspringen.
Für die Hutfabrik gilt genau das gleiche.
7. Surmont hat ihnen ebensowenig das Geheimverfahren angegeben, durch das gewöhnliche Öle geruchlos gemacht und derart verfeinert werden, daß sie einen Ersatz für das feine Provenceröl bilden. Dieser Artikel wäre der einzige, der den Staatsfinanzen ohne Schaden für die einheimische Industrie und den einheimischen Handel die größten Einkünfte verschaffen könnte; denn es gibt noch nirgends eine derartige Fabrik, die Rohstoffe hätten wir in den Niederlanden, und somit würden neue Werte geschaffen. Aber die Ankündigung dieses Geheimverfahrens ähnelt der uns gegebenen über die Verwandlung von Eisen in ein goldartiges Metall. Beides ist gleich unwahrscheinlich; denn schon das Geheimverfahren zur Verfeinerung von Ölen in der angegebenen Weise wäre Surmont in Holland und England zu jedem von ihm geforderten Preise abgekauft worden.
8. Die uns vorgeschlagene Verwaltung ist ebensowenig sparsam, wie das Benehmen gegen Surmont von Anfang an bis auf diesen Tag klug war. Sie würde sieben bis acht Werkstätten zu verwalten haben, deren jede die ganze Tatkraft und Wachsamkeit, den ganzen Fleiß und die ganze Sparsamkeit mehrerer sehr erfahrener Geschäftsleute in Anspruch nähme. Das Verwaltungsbüro allein würde 8000 Gulden jährlich kosten. Fast ebensoviel würden die Zinsen für die bereits so leichtfertig ausgegebenen Summen erfordern. Dabei ist noch kein Pfennig inbegriffen für die Löhne eines Schwarmes von Arbeitern und für die Beschaffung von Rohstoffen.
Aus all diesen Schlußfolgerungen ergibt sich als offenkundig und unbedingt notwendig, daß diese gewagten Unternehmungen weder der Sache nach noch in ihrer Verwaltung und in ihrem Betrieb den Staatsfinanzen entsprechen. Da jedoch Frau Nettine aus eigener Tasche den unsinnigen Vorschuß von fast 200000 Gulden gemacht hat und sie diese Fabriken auch übernehmen will, so ist es recht und billig, daß E. M. sie ihr überlassen und gleichzeitig Ihre Regierung beauftragen, ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt der Staatsfinanzen und der Landesverfassung vereinbaren lassen.
Eigenhändiges Marginal Maria Theresias
Placet. Ich billige alle Vorschläge des Kanzlers.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 22. Juli 1763.
Seit dem Erlaß E. E. vom 5. ist von der Sache in Tournai nicht mehr die Rede. Ich war Zeuge davon, daß Herr Bürgermeister Hasselaar[389] über unseren Mann sehr günstig gesprochen hat, aber von der Anlage einer Manufaktur war zwischen ihnen nie die Rede.
Maria Theresia an Prinz Karl von Lothringen
Wien, 24. Juli 1763.
Mein Hof- und Staatskanzler hat mir über seinen ganzen Schriftwechsel mit dem Grafen Cobenzl betreffs der angeblichen Geheimmittel für Fabriken und Manufakturen berichtet, die ein gewisser Surmont besitzen will, sowie über die Manufaktur, die Graf Cobenzl infolgedessen mit Genehmigung Eurer Hoheit in Tournai bereits eingerichtet hat[390]. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir das Ganze aufs unparteiischste und gewissenhafteste haben prüfen lassen, und daß sich daraus ergeben hat, daß diese Manufaktur weder in der Sache noch ihrer Verwaltung nach meinem königlichen Dienst entspricht und bei einem Staatsbetrieb — falls er überhaupt Erfolg hat — eine große Zahl meiner getreuen Untertanen zugrunde richten würde. Ich trete also dem bei, was mein Hof- und Staatskanzler dem Grafen Cobenzl hierüber schon mitgeteilt hat[391], und lehne den Gedanken völlig ab, das fragliche Unternehmen auf Rechnung des Staates betreiben zu lassen. Auch soll der Staat für die bereits erfolgten Ausgaben in keiner Weise herangezogen werden.
Da jedoch die Witwe Nettine, die für das neue Unternehmen schon beträchtliche Vorschüsse gezahlt hat, es auf eigene Rechnung übernehmen will, so ermächtige ich Eure Hoheit, ihr zu diesem Zweck die nötige Genehmigung zu geben und ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt meiner Finanzen und der Verfassung meiner belgischen Provinzen vereinbaren lassen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. August 1763.
Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont und hoffe, daß Frau Nettine ihre großen Vorschüsse wieder herauswirtschaften wird. Sicherlich steckt in seinem Geheimverfahren etwas Gutes; zum mindesten ist dies bei der Hutfabrikation und Gerberei anerkannt, und alle unsere Seiden- und Tuchhändler finden die gefärbten Stoffe wunderbar. Se. Kgl. Hoheit wird die diesbezüglichen Befehle Ihrer Majestät[392] mit größter Genauigkeit ausführen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 14. August 1763.
Ich verstehe nicht recht, was die Wendung in Ihrem Berichte vom 2. bedeutet: „Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont.“ Geht er freiwillig oder jagt man ihn endlich fort? Im ersteren Falle dürfte er wohl nicht nur das Geld der von mir aufrichtig bedauerten Frau Nettine mitnehmen, sondern auch die freie Verfügung über seine schönen Geheimmittel behalten. Im zweiten Fall wird man ihm hoffentlich noch das Geheimnis der Verfeinerung von Ölen entlockt haben. Offen gestanden, Herr Graf, könnte ich mir noch heute kein Bild machen, hätte ich nicht schon in meiner ersten Antwort[393] die Begeisterung unterstrichen, mit der dieser Schwindler Sie alle erfüllt hat, ganz ähnlich, wie es ihm auch in Frankreich geglückt ist. Aber zu etwas sind schlimme Erfahrungen doch gut, und ich hoffe, in Zukunft wird man bei Ihnen auf der Hut sein, und die Abenteurer werden kein gewonnenes Spiel haben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 23. August 1763.
Herr von Surmont ist nicht ausgewiesen worden. Aber in Erwartung der Entscheidung, ob Ihre Majestät die Manufaktur selbst übernehmen oder an Frau Nettine weitergeben will, hatte diese ihren Sohn in Tournai gelassen, um alle Geheimverfahren des Herrn von Surmont kennen zu lernen. Da man nun von ihm alles erfahren hatte, was er wußte, und seine Anwesenheit nicht mehr nötig war, habe ich ihm nach Eintreffen der Allerhöchsten Befehle geschrieben, Ihre Majestät wolle von seinen Geheimverfahren nichts wissen. Zugleich hat Nettine ihm eröffnet, daß seine Mutter sie als Deckung für ihre Vorschüsse behielte, daß sie ihm aber weitere Vorschüsse nicht machen wolle. Darauf hat er sich sofort zur Abreise entschlossen, wobei er erklärte, das Ganze im Laufe weniger Monate zurückzuzahlen. Andernfalls könne man seine Geheimverfahren benutzen, und falls man irgendeiner Aufklärung bedürfe, sei er bereit, sie zu geben, wo immer er sich auch befinde. Er ist nach Lüttich abgereist und wird sich wohl nach Karlsruhe zum Markgrafen von Baden-Durlach[394] wenden. Frau Nettine hofft noch, wenigstens einen Teil ihrer Vorschüsse zurückzubekommen.
Man muß den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu entschuldigen. Auch die vor uns auf ihn Hereingefallenen können uns teilweise entschuldigen, aber sicherlich haben wir die Erfahrung gemacht, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht und mit Händen greift.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 3. September 1763.
Der Fall Surmont ist für mich erledigt. Ich wünschte, daß das, was er in Brüssel getan hat und tun ließ, sich so leicht wieder gutmachen ließe, daß ich es vergessen kann.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. Oktober 1763.
Ich erhalte von nirgendswoher Nachricht, was aus Herrn von Saint-Germain geworden ist. Die in Tournai begründete Manufaktur beginnt sich zu entwickeln; ich glaube bestimmt, Frau Nettine wird dabei auf ihre Rechnung oder wenigstens auf ihre Kosten kommen.
II
Aus den „Erinnerungen“ des Grafen Philipp Cobenzl[395]
Gegen Mitte Juni schickte mein Oheim mich nach Tournai, um für ein paar Tage das Benehmen eines berüchtigten Abenteurers zu überwachen[396], auf den mein Oheim, Frau von Nettine und viele andere gründlich hereingefallen waren. Dieser Mann war in Brüssel unter dem Namen eines Grafen Surmont aufgetreten, nachdem er sich anderswo Graf Saint-Germain genannt hatte. Er führte sich bei meinem Oheim in sehr geheimnisvoller Weise durch ein paar Empfehlungsbriefe, ich weiß nicht von wem, ein. Tagsüber ging er nie aus, und zur Zwiesprache mit meinem Oheim stellte er sich nur in vorgerückter Nachtstunde ein. Er erbot sich, mittels seiner angeblichen Geheimverfahren dem Hof große Dienste zu leisten. U. a. handelte es sich um ein Metall, das zwar kein Gold war, aber Farbe, Gewicht und Hämmerbarkeit des Goldes und somit alle Vorzüge desselben besaß. Er hatte, wie er sagte, hervorragende Kenntnisse in der Färberei und konnte Leder, Wolle und Seide sehr billig die glänzendsten Farben geben. Er wollte die feinsten Hüte zu billigerem Preise herstellen, als sonst die Anfertigung der gröbsten Hüte kostete. Fleckige Diamanten wußte er von ihren auffälligsten Flecken zu befreien. Er stellte Arzeneien gegen alle Krankheiten her und besaß Mittel zur unberechenbaren Verlängerung des Lebens. Alle Wissenschaften, von denen man sprach, beherrschte er im höchsten Maße. War von Musik die Rede, so sprach er als Meister davon, setzte sich ans Klavier und trug eigene Kompositionen vor. Sprach man von Malerei, so behauptete er, im Besitz einer hervorragenden Gemäldesammlung zu sein, sagte aber nicht, wo sie war. Welches seine Heimat sei, sagte er nicht, aber er sprach sehr gut Französisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie alt er war, sagte er nicht; anscheinend zählte er 50 Jahre, aber er sagte, das Menschenleben ließe sich unglaublich verlängern, und er sprach von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurücklagen, und deren Augenzeuge er gewesen war.
Er redete wenig und so, daß man mehr erriet als begriff. Durch diese Art von Marktschreierei hatte der gewandte Mann das Vertrauen meines Oheims zu gewinnen verstanden, der mehr als einen Vorteil für den Staat aus einem Teil seiner Geheimmittel zu ziehen hoffte, indem er in Tournai eine Färberei, eine Papierfabrik und eine Werkstätte zur Herstellung des kostbaren Metalls einrichtete. Bestochen hatten meinen Oheim sehr schöne Proben aller dieser Dinge, die der Abenteurer ihm vorlegte, mit der Behauptung, er wolle ihm alle seine Geheimnisse nur aus reiner Freundschaft abtreten; denn er besäße alles, was er wünschte, und hätte nichts nötig. Um meinen Oheim davon zu überzeugen, sagte Graf Surmont eines Tages, als von Malerei die Rede war und mein Oheim äußerte, nur sehr wenige Privatleute könnten sich rühmen, einen echten Raffael zu besitzen, das träfe zwar zu, aber in seiner Sammlung fehlte es nicht daran, und zum Beweis dafür kam vierzehn Tage bis drei Wochen später ein Gemälde an, das Herr von Surmont meinem Oheim als aus seiner Sammlung stammend schenkte, und ein paar Künstler der Stadt, Kenner oder nicht, denen mein Oheim dies Bild zeigte, erklärten es für ein Original Raffaels. Surmont wollte es jedoch nicht zurücknehmen und bat ihn, es als Zeichen seiner Freundschaft zu behalten.
Ein andermal zeigte er meinem Oheim einen großen Solitär mit einem Flecken und sagte, er werde ihn in wenigen Tagen tadellos machen. Tatsächlich brachte er ihm nach ein paar Tagen einen Solitär vom gleichen Schnitt, der tadellos und ohne Flecken war, mit der Versicherung, es sei der gleiche Stein. Als mein Oheim ihn genau geprüft und bewundert hatte, wollte er ihm den Stein zurückgeben, aber jener nahm ihn nicht an und beteuerte, er hätte Diamanten genug, mit denen er nichts anzufangen wisse, und mein Oheim möchte diesen als Erinnerung an ihn behalten. Mein Oheim, der keine Geschenke annehmen wollte, wehrte sich lange dagegen und gab erst nach, als Surmont ihm drohte, Brüssel sofort mit all seinen Geheimmitteln zu verlassen, wenn mein Oheim durch das Ausschlagen dieser Kleinigkeit bewiese, daß er seinen Worten nicht traute.
Es wurde also beschlossen, alle obengenannten Unternehmungen in Tournai zu begründen, und zwar auf Verlangen des Urhebers sogleich in großem Stil. Zunächst mußten Häuser gekauft und teils neu gebaut, sowie alle möglichen Materialien nach einer Liste Surmonts beschafft werden, der die Ausführung mit Hilfe einer Summe unternahm, die man ihm zu diesem Zweck vorschießen mußte. Frau von Nettine übernahm ein paar Aktien, mein Oheim desgleichen; der Rest wurde auf Staatskosten übernommen. Surmont war hierauf nach Tournai gereist, um Hand ans Werk zu legen; ein paar Monate später wurde ich hingesandt, um zu sehen, wie die Dinge standen. Ich blieb vierzehn Tage dort und ließ meinen Mann tags und nachts nicht aus den Augen. Aus meinem nach meiner Rückkehr erstatteten Bericht ergab sich, daß gar nichts geschehen war, und daß alle diesem Manne vorgeschossenen Summen verschwunden waren. Kurz darauf verschwand er selbst, und man mußte sogar noch zahlreiche Schulden bezahlen, die er unter Mißbrauch der ihm leider erteilten Vollmachten gemacht hatte. Später erfuhr man, daß dieser Mann unter verschiedenen Namen schon ähnliche Streiche in anderen Ländern gespielt hatte. Ich weiß nicht, wohin er sich nach Verlassen der Niederlande begab. Mehrere Jahre später hörte ich, er sei in Hamburg, wo er auch starb[397], ohne daß jemand erfahren hätte, woher er stammte noch wovon er lebte.
III
Aus Casanovas „Memoiren“[398]
Am nächsten Tage kam ich (aus Dünkirchen) in Tournai an. Als ich ein paar Stallknechte auf schönen Pferden reiten sah, fragte ich sie aus Neugier, wem sie gehörten.
„Dem Grafen Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht.“
Diese Antwort bewog mich, ihn zu besuchen. Kaum im Gasthof angelangt, schrieb ich an ihn und fragte ihn, wann ich ihn aufsuchen dürfte. Nachstehend seine Antwort, die ich mir aufgehoben habe:
„Infolge meiner Beschäftigung kann ich niemand empfangen. Doch Sie machen eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen noch Ihren Namen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagessens an, denn meine Nahrung eignet sich für niemand, am wenigsten für Sie, wenn Sie noch Ihren alten Appetit haben.“
Ich ging um neun Uhr hin und fand ihn mit einem zwei Zoll langen Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retorten voller Flüssigkeiten im Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozeß durch; sie lagen auf Sand bei natürlicher Wärme. Wie er mir sagte, arbeitete er zu seiner Kurzweil an der Herstellung von Farben und richtete eine Hutfabrik ein, um dem Grafen Cobenzl, dem Minister Maria Theresias in Brüssel, gefällig zu sein. Der Graf hätte ihm nur 105000 Gulden gegeben, die aber nicht hinreichten, doch er würde das Weitere hinzulegen[399]. Dann sprachen wir von Frau von Urfé.
„Sie hat sich durch eine zu starke Dosis von Universalmedizin vergiftet“[400], sagte er. „Ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich um Rat gefragt hätte. Das Unternehmen ist sehr schwierig, aber ganz sicher, obgleich die Wissenschaft das Geschlecht des Kindes noch nicht zu bestimmen vermag.“
Als er hörte, an welcher Krankheit ich litt[401], beschwor er mich, drei Tage in Tournai zu bleiben. In dieser Zeit wollte er alle meine Drüsenschwellungen beseitigen und mir dann fünfzehn Pillen verschreiben, die ich in fünfzehn Tagen einnehmen sollte und die mich ganz wiederherstellen würden. Er zeigte mir seine „Lebenskraft“, die er „Atoëter“ nannte, eine weiße Flüssigkeit in einem festverschlossenen Fläschchen. Diese Flüssigkeit, sagte er, sei der Universalgeist der Natur; der Beweis dafür sei, daß der Geist sofort das Fläschchen verließe, wenn man das Wachs ganz leicht mit einer Nadel durchbohrte. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir das Fläschchen und eine Nadel. Ich stach leicht in das Wachs, und in der Tat wurde das Fläschchen ganz leer.
„Herrlich!“ sagte ich. „Aber was ist der Zweck davon?“
„Das kann ich Ihnen nicht verraten: es ist mein Geheimnis.“
Wie gewöhnlich hatte er den Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen, und so fragte er mich, ob ich kleines Geld bei mir hätte. Ich zog ein paar Münzen hervor und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen, was er vorhätte, stand er auf, legte eine glühende Kohle auf eine Metallplatte, bat mich um ein Zwölfsousstück, das unter den Münzen lag, legte ein schwarzes Körnchen darauf und das Geldstück auf die Kohle und blies sie mit einem gläsernen Blasrohr an. Binnen zwei Minuten war es glühend.
„Warten Sie, bis es abgekühlt ist“, sagte der Alchimist. Es war in einer Minute geschehen. „Nehmen Sie es mit,“ fügte er hinzu, „denn es gehört Ihnen.“
Ich nahm es: es war Gold. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er die Münze vertauscht und mir eine andere gegeben hatte, die er zweifellos vorher blank geputzt hatte. Ich wollte ihm keine Vorwürfe machen. Damit er aber nicht glaubte, er hätte mich zum besten gehabt, sagte ich: „Das ist wunderbar, Graf. Das nächste Mal aber müssen Sie, um ganz sicher zu sein, daß Sie auch den schärfsten Beobachter verblüffen, ihm vorher sagen, welche Verwandlung Sie vorhaben. Dann kann er sich die Münze ansehen, bevor Sie diese auf die glühende Kohle legen.“
„Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist unwert, mit mir zu sprechen“, entgegnete der Schwindler.
Dies anmaßliche Benehmen kennzeichnete ihn; es war mir indes nichts Neues. Das war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten Betrüger sah; vor sechs bis sieben Jahren ist er in Schleswig gestorben[402]. Sein Geldstück war lauteres Gold. Zwei Monate darauf, in Berlin, überließ ich es Mylord Keith[403], der sich neugierig darauf zeigte.