SAINT-GERMAIN IN ANSBACH (1774–1776)
„Aufschlüsse über den Wundermann, Marquis Saint-Germain, und sein Aufenthalt in Ansbach, von einem Augenzeugen“[404]
Dieser sonderbare Mann, der zu seiner Zeit manches unverdiente Aufsehen erregte, lebte verschiedene Jahre in dem Fürstentume Ansbach, ohne daß man nur von weitem ahnen konnte, er sei der rätselhafte Abenteurer, von dem man so manche wunderbare Sagen verbreitete.
Alexander, Markgraf von Ansbach und Bayreuth
Stich von Daniel Berger
Es war im Jahre 1774, als dem nun verstorbenen Herrn Markgrafen von Brandenburg Karl Alexander[405] angezeigt wurde, daß sich zu Schwabach ein Fremder aufhalte, der sich für einen russischen Offizier ausgebe, sehr eingezogen lebe, zugleich aber manche Handlungen der Wohltätigkeit ausübe. Der damals noch zwischen Rußland und der Pforte obwaltende Krieg[406] und die Anwesenheit der russischen Flotte in dem Archipelago erregten die Vermutung, daß das russische Gouvernement vielleicht einen vertrauten Menschen nach Franken geschickt habe, um ohne Aufsehen die über Italien gehende Korrespondenz zu besorgen. Und der ebenso gütige als menschenfreundliche Fürst gab den Befehl, diesem Fremden insolange den ruhigen Aufenthalt zu gestatten, als er der Polizei keine Veranlassung geben würde, ihn näher zu beobachten.
Einige Zeit nachher meldete der reformierte Geistliche zu Schwabach, Herr Dejan, daß der Fremde, der seit seiner Anwesenheit daselbst bloß mit ihm und dem damaligen Stadtvogt Greiner Umgang gepflogen habe, sehr wünsche, dem Herrn Markgrafen, wenn es ohne Aufsehen geschehen könne, vor seiner Abreise aus der Gegend aufzuwarten und ihm für den so liberal gewährten Schutz zu danken. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt, und der Markgraf sah ihn zum erstenmal im Winter abends bei der berühmten Schauspielerin Clairon[407], die zu eben dieser Zeit sich zu Ansbach befand.
Der Fremde schien damals ein Mann zwischen 60 und 70 Jahren zu sein, von mittlerer Größe, mehr hager als stark, der seine grauen Haare unter einer Perücke verbarg und vollkommen einem gewöhnlichen alten Italiener gleich sah. Sein Anzug war so einfach als möglich; sein Ansehen verkündigte nichts Außerordentliches.
Nachdem er dem Markgrafen in französischer Sprache (der Akzent verriet einen Italiener) für die Erlaubnis gedankt hatte, sich in seinen Landen ungestört aufhalten zu dürfen, sagte er ihm viel Schönes über seine Regierung, sprach über große Reisen, die er gemacht hatte, und endigte damit, zu versichern, daß er zu Bezeugung seiner Dankbarkeit dem Markgrafen Geheimnisse anvertrauen wolle, welche geeignet seien, das Glück und den Wohlstand seines Landes zu befördern. Natürlich mußten Äußerungen dieser Art Aufmerksamkeit erregen, die bald aufs höchste gespannt wurde, als er eine Menge sehr schöne Steine vorzeigte, die man für Diamanten ansehen konnte, und die, wenn sie echt waren, von ungeheurem Wert sein mußten.
Der Markgraf lud ihn nun ein, auf das Frühjahr nach Triesdorf, dem Sommeraufenthalt des Fürsten, zu kommen, und Graf Tzarogy[408] — denn unter diesem Namen hatte er sich vorstellen lassen — nahm diese Einladung unter der Bedingung an, wenn man ihm gestatten wolle, dort nach seiner eigenen Weise, ganz unbemerkt und in der Stille leben zu dürfen.
Zu Triesdorf wurde er in die unteren Zimmer des Schlosses logiert, dessen oberen Teil Mademoiselle Clairon bewohnte. Der Markgraf und dessen Gemahlin wohnten im Falkenhause. Er hatte keinen Bedienten, speisete nur auf seinem Zimmer, das er selten verließ, und dies so einfach als möglich. Seine Bedürfnisse waren mehr als eingeschränkt. Er vermied allen Umgang, und nur die Abendstunden brachte er in der Gesellschaft der Mademoiselle Clairon, des Markgrafen und derjenigen Personen, die dieser Herr gern um sich haben mochte, zu. Man konnte ihn nicht bewegen, an der fürstlichen Tafel zu speisen, und nur einige Male sah er die Frau Markgräfin, die auch begierig war, den sonderbaren Menschen kennen zu lernen.
In Gesprächen war er äußerst unterhaltend, verriet viele Welt- und Menschenkenntnis und ließ hier und da einige mysteriöse Reden fallen, von denen er ebenso geschickt abzuspringen und den Discours auf andere Gegenstände zu lenken wußte, wenn man etwas Näheres zu wissen verlangte. Vorzüglich sprach er gerne von den Jahren seiner Kindheit und von seiner Mutter, die er nie ohne scheinbare Rührung und bisweilen mit Tränen in den Augen nannte. Ihm zu glauben, hatte er fürstliche Erziehung genossen.
Er war absprechend, aber nie unhöflich. Daß er, wie der sonst so wahrheitsliebende Baron Gleichen sagte, „zu Triesdorf nach Belieben gehauset, daß er den Markgrafen wie einen Schulknaben behandelt[409]“, ist weder wahr noch wahrscheinlich. So leutselig der Markgraf in dem gesellschaftlichen Umgange war, so gut wußte dieser Fürst die Achtung zu behaupten, die man seiner Geburt, seinem Range und seinen guten moralischen Eigenschaften schuldig war. Er würde es nicht gelitten haben, daß man ihm beföhle; viel weniger würde er dies einem Unbekannten übersehen haben.
Womit sich dieser Sonderling den ganzen Tag über beschäftiget, war schwer zu bestimmen. Er hatte keine Bücher bei sich als eine verschmutzte Ausgabe von dem „Pastor fido“[410]. Man wurde selten bei ihm vorgelassen, und dann fand man ihn meistenteils den Kopf in ein schwarzes Tuch gehüllt. Seine vorzüglichste Beschäftigung mag wohl in Bereitung allerlei Farben bestanden haben; denn die Fenster seines in den Garten hinausgehenden Zimmers waren so mit Farben allerlei Art überschmiert, daß man nicht durchsehen konnte. Bald nach seiner Ankunft zu Triesdorf fing er an, dem Markgrafen Anweisung zu verschiedenen Zubereitungen zu geben, die den Grund zu einträglichen Fabriken legen sollten. Unter diesen zeichneten sich vorzüglich allerlei Arten von Saffian, Korduan und Juchten aus, die aus dem schlechtesten Schafleder hervorgebracht werden sollten, die Zubereitung des schönsten türkischen Garns usw.
Der Markgraf ließ die Rezepte durch den Verfasser dieser Beiträge aufnehmen, und nun ging man an die Versuche selbst, die nach seinem Verlangen mit dem größten Geheimnis angestellt werden sollten. In einem besonders dazu bereiteten Laboratorio wurde die Arbeit angefangen, und die Versuche wurden bei verschlossenen Türen angestellt.
Lebhaft erinnert sich noch nach so manchen Jahren der Verfasser der lustigen Auftritte dieser Versuche, und wie oft und herzlich er mit dem Markgrafen darüber gelacht, den Fürsten und seinen Vertrauten in einer Werkstatt zum Gerber und Färber umgeformt zu sehen. Man wollte alles versuchen und das Gute behalten. Allein die Hoffnung sank bald unter näherer Prüfung. Schon hatte man mit leichter Mühe und geringen Kosten den schönsten Korduan hervorgebracht, und in der Freude seines Herzens ließ sich der Verfasser Schuhe daraus verfertigen, die sehr gut ausfielen, aber in den ersten 24 Stunden in Stücken zersprangen. So unhaltbar war das türkische Garn, und so war es mit mehreren Artikeln. Tzarogy schob, wenn man ihn zu Rate zog, die Schuld auf fehlerhafte Manipulation, die doch sicher in den Ingredienzien lag, deren man sich bediente. Er versprach von Zeit zu Zeit, selbst die Hand anzulegen, um die wahren Vorteile zu zeigen, und so vergingen einige Wochen, während welcher der Unbekannte abwechselnd sich zu Triesdorf und Schwabach aufhielt. War er zu Schwabach, so schrieb er oft an den Markgrafen und an den Verfasser, schickte immer neue Proben von zubereitetem Leder, von gefärbter Seide und Tüchern ein, wovon der Verfasser noch eine ganze Schachtel voll besitzt. Die Proben waren meistenteils mit Tzarogys eigener Hand überschrieben, z. B. auf Lederproben:
„Völlig unbekannte Lederarten; man zerschneide sie und wird die Haltbarkeit merken.“
„Sehr billige Lederarten, die ganz allein ohne den geringsten Kunstgriff aus Abfällen hergestellt werden, die zur Bereitung von Häuten nicht mehr verwendbar sind.“
Auf gefärbte Tuchmuster: „Bei allen diesen Farbproben läßt sich immer größere Schönheit, Feinheit und Haltbarkeit erzielen, ich glaube bis ins Grenzenlose. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur das Schwarz dieser Musterkarte mit den am letzten Dienstag eingesandten zu vergleichen. Dann wird man den Unterschied sehen; man kann noch viel weiter gehen.“
Auf einem anderen Muster: „Dies kostbare Schwarz ist ohne Vitriol, ohne Galläpfel und ohne Sieden erzielt. Es verschießt nie und wird aus feinem Russisch Blau hergestellt. Dies unvergleichliche Gelb wird in lauterem, kristallklarem, kristallreinem Wasser eingefärbt.“ Und dergleichen mehr.
So erhielt er die Aufmerksamkeit und die Hoffnung, daß doch vielleicht unter so vielen vorgelegten Proben sich einige nützliche, bisher unbekannte Gegenstände finden dürften.
Einstmals zeigte Tzarogy dem Markgrafen an, daß er einen Kurier von dem eben aus Italien zurückkehrenden Grafen Alexis Orlow[411] mit der dringenden Einladung erhalten habe, ihn zu Nürnberg auf seiner Durchreise zu besuchen. Er schlug zugleich dem Markgrafen vor, diese Gelegenheit zu benutzen, um den Helden von Tschesme kennen zu lernen. Der Vorschlag wurde angenommen, und der Verfasser begleitete den Markgrafen nach Nürnberg, wo der Graf Alexis Orlow bereits angekommen war.
Orlow kam dem Grafen Tzarogy, der nun zum ersten Mal in russischer Generalsuniform einher trat, mit offenen Armen entgegen, hieß ihn mehrere Male „caro padre“, „caro amico“ usw. Er empfing den Markgrafen mit ausgezeichneter Höflichkeit und dankte ihm vielmals für den Schutz, den er seinem würdigen Freunde gegönnt habe. Und bei dieser Gelegenheit fiel diejenige Äußerung vor, die der Baron Gleichen dem Fürsten Grégoire Orlow (den der Markgraf nie gesehen) zuschreibt[412], eine Äußerung, aus der man schließen mußte, daß Tzarogy eine große Rolle bei der Revolution von Anno 1762 in Rußland gespielt habe.
Man speiste bei dem Grafen Orlow zu Mittag. Die Unterhaltung war äußerst interessant. Man sprach viel von dem Feldzuge im Archipelago, noch mehr aber von nützlichen Erfindungen. Unter andern zeigte Orlow dem Markgrafen ein Stück unverbrennbares Holz, das nach angestellter Probe, als es angezündet wurde, weder Flammen noch Kohlen gab, sondern bloß, nachdem es wie ein Schwamm aufgeschwollen war, in eine leichte Asche zerfiel.
Nach der Tafel führte Orlow den Grafen Tzarogy in ein Nebenzimmer, in welchem sie eine geraume Zeit beisammen blieben. Der Verfasser, der an dem Fenster sich befand, unter welchem die Wagen des Grafen Orlow standen, bemerkte, daß einer von den Leuten des Grafen einen Wagen aufschloß und aus dem Sitzkästchen einen großen Beutel von rotem Leder herausnahm und in das Zimmer hinauftrug.
Man beurlaubte sich in einiger Zeit, und auf der Rückreise hatte Tzarogy alle Taschen voll venetianische Zechinen, mit denen er auf eine nachlässige Art zu spielen schien. Daß dieser Mann zuvor kein Geld hatte, wußte man ganz sicher, weil man auf alles, was ihn betraf, aufmerksam war.
Der Frau Markgräfin brachte er im Namen des Grafen Orlow eine schöne, silberne, auf den Sieg von Tschesme geschlagene Medaille. Nach der Zurückkunft zeigte er zum erstenmal sein unter kaiserlich großem Siegel ausgefertigtes Patent als russischer General, und in der Folge vertraute er dem Markgrafen, daß der Name Tzarogy ein zersetzter, angenommener Name sei, daß er eigentlich Rakoczy heiße und als letzter Sprosse von dem unter Kaiser Leopold geächteten Siebenbürgischen Fürsten Rakoczy[413] abstamme.
Alle diese Umstände zusammen genommen vermehrten die Neugierde, welche aber bald nachher auf eine, diesem sonderbaren Manne nicht sehr günstige Art gestillt wurde.
Der Markgraf reiste im Jahre 1775, begleitet von dem Verfasser dieser Bemerkungen, nach Italien. Zu Neapel erfuhr man, daß der letzte Abkömmling des Rakoczyschen Hauses, das sich dort ansässig gemacht hatte, schon längstens verstorben und von diesem Namen nichts mehr übrig sei[414]. Zu Livorno hörte man bei dem englischen Konsul Sir John Dick, daß der Unbekannte kein anderer als der berüchtigte Graf Saint-Germain sei, daß er in Italien die Bekanntschaft des Fürsten Grégoire Orlow und seines Bruders Alexis gemacht und das Vertrauen dieser Herren sich in einem hohen Grade zu erwerben gewußt habe.
Aus einer anderen, nicht minder glaubhaften Quelle brachte man in Erfahrung, daß er aus Sankt Germano, einer kleinen Stadt in Savoyen, gebürtig sei, woselbst sein Vater, der sich Rotondo genannt, Gefälleinnehmer gewesen und bei einem beträchtlichen Vermögen in ziemlichem Ansehen gestanden habe. Dieser habe seinem Sohn eine sehr gute Erziehung gegeben, sei aber nachher in Verfall geraten und wegen übler Verwaltung seines Dienstes entsetzt worden. Um den Unannehmlichkeiten zu entgehen, welche das Schicksal des Vaters dem Sohne hätte zuziehen können, habe dieser seinen Namen mit dem Namen seiner Vaterstadt vertauscht und sich Saint-Germain geschrieben. Von dieser Zeit an sei er als Abenteurer in der Welt herumgezogen, habe sich zu Paris und London Saint-Germain, zu Venedig Conte de Belle mare[415], zu Pisa Chevalier Schöning, zu Mailand Chevalier Welldone und zu Genua Soltikow genannt und könne damals ungefähr 75 Jahre alt gewesen sein.
Natürlich mußten Entdeckungen dieser Art den Markgrafen gegen einen Mann aufbringen, der auch ihn mystifizieren wollte, und der ihn über seine Herkunft und mehrere andere Dinge auf eine so unverschämte Art belogen hatte. Er gab also nach seiner im Jahr 1776 erfolgten Zurückkunft dem Verfasser dieses den Auftrag, sich nach Schwabach zu begeben, den Abenteurer über alle diese von ihm erfahrenen Nachrichten zur Rede zu setzen und ihm das Mißfallen des Fürsten über den Mißbrauch, den er von seiner Güte gemacht, zu erkennen zu geben, zugleich ihm zu bedeuten, daß er sich nicht mehr vor ihm sehen zu lassen und die Briefe zurückzugeben habe, die ihm der Markgraf von Zeit zu Zeit geschrieben. Im Fall er diese Briefe unverweigerlich zurückgeben würde, sollte ihm erlaubt sein, solange er wolle und solange er sich ruhig verhalte, zu Schwabach zu bleiben; im entgegengesetzten Fall aber sollte er arretiert, seine Papiere ihm abgenommen und er über die Grenze gebracht werden.
Bei seiner Ankunft zu Schwabach traf der Verfasser dieses den Grafen Saint-Germain zu Bette liegend an; denn trotz seines Pochens auf seine Gesundheit und sein hohes Alter hatte er oft Anfälle von Gicht.
Er gestand auf den ihm gemachten Vorhalt, den er sehr gelassen anzuhören schien, daß er alle oben bemerkten Namen, bis auf den von Soltikow, von Zeit zu Zeit angenommen habe; daß er aber allenthalben unter diesen Namen als ein Mann von Ehre bekannt sei, und daß, wenn ein Verleumder sich etwa erlauben sollte, ihm schlechte Handlungen aufzubürden, er bereit sei, sich auf eine genügende Art auszuweisen, sobald er wisse, wessen man ihn beschuldige und wer der Ankläger sei, der gegen ihn aufzutreten gedenke. Er fürchte keine Verfolgungen als diejenigen, welchen ihn sein Name aussetzen könne. Er behauptete standhaft, dem Markgrafen keine Unwahrheit in Ansehung seines Namens und seiner Familie gesagt zu haben. Die Beweise seiner Herkunft befänden sich aber in den Händen einer Person, von der er abhängig sei; eine Abhängigkeit, die ihm in dem Laufe seines Lebens die größeste Verfolgung zugezogen. Eben diese Verfolgungen und Attentate, wie er sich ausdrückte, hätten ihn verhindert, die großen Kenntnisse, die er besitze, werktätig zu benutzen. Er habe sich dieserhalben an einen Ort zurückgezogen, in dem er unbekannt und unbemerkt leben zu können geglaubt. Jetzt sei der Augenblick gekommen, in welchem er das, was er versprochen, in das Werk setzen könne und werde, wenn man ihn nicht selbst daran hindere.
Auf die Frage: warum er den Markgrafen nicht von den verschiedenen Namen praeveniert habe, unter denen er in so manchen Staaten und Städten aufgetreten, erwiderte er, daß er dieses nicht für nötig gefunden habe, weil er geglaubt, daß man ihn, da er nie etwas von dem Markgrafen verlangt, da er niemand beleidigt oder in Schaden gesetzt habe, nicht hiernach, sondern nach seinen Handlungen beurteilen würde. Niemals sei es ihm beigegangen, das Vertrauen des Markgrafen zu mißbrauchen; er habe seinen wahren Namen angegeben; in kurzer Zeit würden seine Handlungen keinen Zweifel über seine Denkungsart hinterlassen, und dann würde er Proben seiner Herkunft vorlegen können. Die ungünstige Meinung, die man dem Markgrafen gegen ihn beigebracht habe, falle ihm sehr empfindlich. Er werde aber, falls man das, was jetzt vorgehe, heimlich halten wolle, fortfahren, seine Versprechungen zu erfüllen und den Markgrafen dadurch zwingen, ihm seine Achtung wieder zu schenken; im Gegenteil werde er sich genötigt sehen, das Land zu verlassen.
In dem weiteren Verfolg dieser Unterredung äußerte er, daß er die erste Bekanntschaft des Grafen Orlow zu Venedig gemacht habe. Das Patent, das er von ihm erhalten, und das er bei dieser Gelegenheit nochmals vorzeigte, war von dem Grafen zu Pisa ausgefertigt und auf den Chevalier Welldone verlautend. Auch erwähnte er hierbei des Vertrauens, mit welchem ihn Ludwig XV. beehrt, der ihn in den 1760er Jahren zur Einleitung einer Friedensunterhandlung mit England heimlich gebraucht. Seine genaue Bekanntschaft mit dem Maréchal von Belle-Isle habe ihm aber den Haß des Grafen Choiseul zugezogen, der nach England geschrieben und seine Verhaftung von dem Minister Pitt verlangt. Der König habe ihn hierauf von dem ihm bevorstehenden Schicksal unterrichtet und ihm den Rat gegeben, nicht wieder nach Frankreich zu kommen[416].
Diese Anekdote stimmt also mit demjenigen, was Baron Gleichen in seinen Mémoires erwähnt[417], vollkommen überein, und noch weit stärker wird sie durch dasjenige bestätiget, was Friedrich II. in seinen Oeuvres posthumes, tome IV, page 73 anführt[418]. (Der König bezeichnet ihn hier als einen Menschen, den man nie habe enträtseln können.)
Die Briefe des Markgrafen gab er mit scheinbarer Rührung bis auf einen einzigen zurück, den er, wie er sagte, dem Grafen Orlow mitgeteilt habe.
Nach diesem Vorgang blieb er noch einige Zeit ganz still in Schwabach, von wo aus er über Dresden, Leipzig und Hamburg sich nach Eckernförde im Schleswigschen verfügte und daselbst zu Anfang des Jahres 1780[419] an einem Schlagfluß, der ihm gleich die Zunge lähmte, wahrscheinlich in einem Alter von etlichen 80 Jahren seine abenteuerliche Laufbahn beschloß.
Sonderbar ist sie genug, diese Laufbahn. Es bleibt sonderbar, daß ein Mann, der sich in seinem ganzen Leben unter so verschiedenen Namen in der großen und kleinen Welt herumgetrieben, nie dem Richter oder der Polizei in die Hände gefallen. Unstreitig verstand er die Kunst, die Neigung der Menschen zum Wunderbaren zu benutzen und zu unterhalten, und wie oft mag er Veranlassung gefunden haben, mit Figaro auszurufen: „O, que les gens d’esprit sont bêtes[420]!“
Daß er große chemische Kenntnisse besessen, davon kann sich der Verfasser dieser Beiträge nicht überzeugen. Seine Präparate fielen in die Augen, allein es waren lauter Versuche im Kleinen; zu den Fertigungen und Zubereitungen von Leder kamen ätzende Sachen, als Vitriolspiritus, Vitriolöl u. dgl. Dies beweisen die Muster, die noch übrig sind und wovon, wie es der Augenschein gibt, das Papier, in das sie gewickelt waren, zerfressen worden. Nie hat er, solange er in Schwabach war, irgendeinen Artikel ins Große gefertigt. Die oben bemerkten Steine, deren auch Baron Gleichen gedenkt[421], waren zwar schön und würden vielleicht, unter echten Schmuck gefaßt, selbst das Auge eines Kenners getäuscht haben; aber es waren keine Edelsteine. Sie widerstanden der Feile nicht, und ebensowenig hatten sie das Gewicht echter Steine. Saint-Germain selbst hat sie nie für Brillanten ausgegeben. Der Verfasser besitzt noch einen dieser Steine und ein Stück von der Masse, aus der sie vermutlich gefertigt worden. Das Similor, das Saint-Germain als eine wichtige Erfindung ausgab, verlor in kurzer Zeit seinen Glanz und wurde so schwarz wie das schlechteste Messing. Eine Fabrik von diesem Metall, die zu L. errichtet worden, fiel nach kurzer Zeit.
Unter den Proben seiner geheimen Künste zeigte er einst ein großes Taschenmesser, wovon die Hälfte wie Blei biegsam, die andere aber unbiegsam und hartes Eisen war. Er wollte dadurch einen Beweis des Geheimnisses geben, das er besitze, das Eisen so biegsam und ductile[422] wie Blei zu machen, ohne daß es dadurch etwas von seinen übrigen Eigenschaften verliere. Diese Erfindung wäre nun freilich von bedeutendem Nutzen gewesen, allein man konnte ihn nie bewegen, den Versuch im Großen zu machen.
Seine chemischen Kenntnisse waren allem Anschein nach empyrisch. Der nun verstorbene Stadtvogt Greiner zu Schwabach, ein Mann von vielen Kenntnissen, besonders im technischen Fache, versicherte mehrmals, bei seinen Unterhaltungen mit Saint-Germain auch nicht die geringsten theoretischen Kenntnisse entdeckt zu haben.
Besonders rühmte der Marquis sich, medizinische Kenntnisse zu besitzen und durch diese zu einem hohen Alter gelangt zu sein. Seine Vorschriften bestanden besonders in einer strengen Diät[423] und dem Gebrauche eines Tees, den er Thée de Russie oder Acqua benedetta[424] nannte. Von dieser Wunderarznei erhielt der Markgraf die Abschrift des Rezepts von dem oben benannten englischen Konsul zu Livorno. Sie wurde auf der russischen Flotte im Archipelago gebraucht, um die Gesundheit der Equipage[425] unter jenem heißen Himmelsstriche zu erhalten.
Was für Ressourcen Saint-Germain gehabt haben möge, um die nötigen Ausgaben seiner Existenz zu bestreiten; dürfte schwer zu erraten sein. Verfasser dieses vermutet, er habe des Geheimnis besessen, Diamanten von Flecken zu reinigen, die man bisweilen in solchen antrifft und wodurch ihr Wert ansehnlich verringert wird. Doch ist dieses eine bloße Vermutung.
Lieblos würde es sein, diesen Mann für einen Betrüger zu erklären. Hierzu gehören Beweise, und diese hat man nicht. Solange er im Verhältnisse mit dem Markgrafen stand, hat er nie etwas begehrt, nie etwas von dem mindesten Wert erhalten, nie sich in etwas gemischt, das ihn nicht anging. Bei seiner äußerst einfachen Lebensart waren seine Bedürfnisse sehr eingeschränkt. Hatte er Geld, so teilte er’s den Armen mit. Daß er irgendwo Schulden hinterlassen, ist nicht bekannt; doch hat der Verfasser lang nachher erfahren, daß er in den letzten Zeiten seines Aufenthalts in Schwabach einen Baron von L. zu Spekulationen verleitet, die ihn um manche tausend Gulden ärmer gemacht haben. Da aber diese Sache nicht zur Klage kam, so scheint kein Betrug dabei untergelaufen zu sein. Unerklärbar bleibt es immer, durch welche Mittel dieser Abenteurer, besonders in großen Städten wie Paris und London, auf eine anständige Art leben und in der großen Welt den Zutritt bei höheren Ständen finden konnte.
Sein in jüngeren Jahren gefertigtes Porträt fand der Markgraf in Paris bei Madame d’Urfé oder Rochefoucauld[426]; er brachte eine Kopie davon zurück, und diese befindet sich noch zu Triesdorf in den Zimmern, die Saint-Germain einst bewohnte.