III.
»Wir gaben Sie bereits verloren,« rief der eintretende Rittmeister dem Kaufmann zu. »Es ist hier arg gewirthschaftet worden, und meine Erkundigung nach Ihnen war ohne Erfolg; ein Glück war es, daß Ihr Brief mich in dem Gewirr auffand.«
»Wir haben unsern Willen durchgesetzt,« sagte der Kaufmann, »wie Sie sehen, nicht ohne Hindernisse —« er zeigte lächelnd auf seinen verbundenen Arm.
»Vor Allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben,« sagte der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; »Sie haben mehr Spuren des Kampfes aufzuweisen als wir.« Der Kaufmann erzählte. Er verweilte mit Wärme bei Antons Heldenthat, dem er seine Rettung zuschrieb, und schloß mit den Worten: »Meine Wunde verhindert mich nicht, zu reisen, und meine Rückkehr ist dringend nothwendig. Die Wagen will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.«
»Morgen früh geht ein Zug unsers Trains nach der Grenze zurück, diesem können Sie Ihre Wagen anschließen. Uebrigens ist die große Straße jetzt sicher. Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.«
»Unterdeß erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch Estaffette Briefe nach Haus senden.«
»Ich will sorgen,« versprach der Rittmeister, »daß Ihre Rückkehr morgen keine Verzögerung erleidet.«
Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu Anton: »Ihnen, lieber Wohlfart, muß ich jetzt eine Ueberraschung bereiten, die Ihnen, wie ich fürchte, wenig willkommen sein wird. Ich wünsche Sie an meiner Stelle hier zu lassen.« Erstaunt trat Anton an das Lager des Prinzipals. »Auf unsern Agenten ist in dieser Zeit nicht zu bauen,« fuhr der Kaufmann fort; »ich habe in diesen Tagen mit Freuden erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was Sie noch nebenbei gethan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen unvergessen, so lange ich lebe. — Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer Schreibtafel zu mir, wir überlegen noch einmal, was wir zu thun haben.«
Am nächsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann wurde von Anton hineingehoben und ließ an der Seite der Straße halten, bis die Frachtwagen einer nach dem andern zum Thore hinausgefahren waren. Dann drückte er noch einmal Antons Hand und sagte: »Ihr Aufenthalt wird Wochen, ja er kann Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr unangenehm und zuweilen ohne Resultate sein. Und ich wiederhole Ihnen, seien Sie nicht zu ängstlich, ich vertraue auf Ihr Urtheil, wie auf mein eigenes. Fürchten Sie nicht, uns einen Verlust zu bereiten, wenn Sie unsichere Schuldner zur Zahlung bringen können. Dieser Ort ist verwüstet und fortan für uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes Wiedersehn zu Hause.«
So blieb Anton allein in der fremden Stadt, in einer Stellung, in welcher großes Vertrauen ihm große Verantwortlichkeit auflegte. Er ging in das Zimmer zurück, rief den Wirth und schloß mit ihm auf der Stelle einen Vertrag über seinen ferneren Aufenthalt. Die Stadt war so angefüllt mit Militär, daß er es vorzog, in der kleinen Wohnung, welche er bereits in Besitz hatte, zu bleiben und die Unbequemlichkeiten des dürftigen Quartiers zu ertragen. Er durfte nicht erwarten, es irgendwo wohnlicher zu finden.
Wohl war es eine verwüstete Stadt, welche Antons Fuß durchschritt. Vor wenig Tagen füllte das Gewühl leidenschaftlicher Menschen die Straßen, jede Art von Unternehmungslust war auf den wilden Gesichtern zu lesen. Wo war jetzt der Trotz, die Kampflust, die Begeisterung der vielen Tausende? — Die Haufen der Landleute, Schwärme des Pöbels, Krieger des Patriotenheeres waren zerstoben wie Geister, welche der Sturmschlag fremder Trommeln verscheucht hat. Was von Menschen auf den Straßen daherschritt, das waren fremde Soldaten. Aber die bunten Uniformen der Fremden gaben der Stadt kein besseres Ansehen. Zwar das Feuer war gelöscht, dessen Qualm in den letzten Tagen den Himmel verdunkelt hatte. Aber in dem bleichen Herbstlicht standen die Häuser da, wie ausgebrannt. Die Thüren blieben verschlossen, viele Scheiben zerschlagen, auf den Steinen lag der Unrath, faules Stroh, Trümmer von Hausgeräth, hier mit zerbrochenen Rädern ein Karren, dort eine Montur, Waffen, die Leiche eines Pferdes. An einer Straßenecke standen Schränke und Tonnen, die man aus Häusern zusammengeworfen hatte als einen letzten Wall gegen die eindringenden Truppen, und dahinter lagen mit einem Strohbund nachlässig zugedeckt die Leichen getödteter Menschen. Anton wandte sich mit Grausen ab, als er die blutlosen Köpfe unter den Halmen erblickte. Auf den Plätzen bivouakirten neu eingezogene Truppen, ihre Pferde standen in Haufen zusammengekoppelt, daneben aufgefahrene Geschütze; in allen Straßen dröhnte der Tritt starker Patrouillen, nur selten eilte eine Gestalt in Civilkleidern über das Pflaster, den Hut tief in die Augen gedrückt, mit furchtsamem Blick von der Seite auf die fremden Krieger sehend, zuweilen wurde ein bleicher Mann von Bewaffneten vorübergeführt, und wenn er zu langsam ging, mit dem Kolben vorwärts gestoßen. Die Stadt hatte häßlich ausgesehen während der Aufregung, sie erschien noch häßlicher in der Todtenruhe, welche jetzt auf ihr lag.
Als Anton mit solchen Eindrücken von seinem ersten Gange zurückkehrte, fand er vor seiner Zimmerthür einen Husaren, der wie auf Posten mit dröhnendem Tritt auf und ab ging.
»Herr Wohlfart!« schrie der Husar und stürzte dem Ankommenden entgegen.
»Mein lieber Karl,« rief Anton, »das ist die erste Freude, die ich in dieser traurigen Stadt habe. Aber wie kommen Sie hierher?«
»Sie wissen ja, daß ich jetzt meine Zeit abdiene. Wir stießen zu unsern Kameraden an der Grenze, wenige Stunden, nachdem Sie abgereist waren. Vom Wirth, der mich noch aus dem Geschäft kannte, erfuhr ich Ihre Abreise. Sie können denken, in welcher Angst ich war. Erst heut erhielt ich Urlaub, und es war mein Glück, daß ich einen der Fuhrleute in der Hausthür frug, sonst hätte ich Sie noch nicht gefunden. Und jetzt vor Allem, Herr Wohlfart, was macht unser Prinzipal, wie steht's mit unsern Waaren?«
»Kommen Sie nur erst in's Zimmer,« erwiederte Anton. »Sie sollen Alles hören.«
»Halt,« rief Karl, »noch nicht; erst muß noch etwas in Ordnung gebracht werden. Sie sprechen Sie zu mir, das leide ich nicht. Thun Sie mir den Gefallen und reden Sie zu mir, als wäre ich noch der Karl im Geschäft.«
»Aber Sie sind's ja nicht mehr,« sagte Anton lachend.
»Dies hier ist nur Maskerade,« sagte Karl auf seine Uniform weisend, »in meinem Herzen bin ich immer noch freiwilliger Auflader bei T. O. Schröter. Wenn mir bei Ihnen wohl sein soll, so führen Sie das alte Du wieder ein.«
»Wie du willst, Karl,« erwiederte Anton, »komm herein und laß dir erzählen.«
Karl gerieth in den heftigsten Zorn gegen den schlechten Wirth. »Dieser diebische Hundsfott! An unserer Firma, an unserm obersten Chef hat er sich vergriffen. Aber morgen führe ich einen ganzen Beritt unserer Jungen in seine Herberge. Ich lasse ihn in seinen eigenen Hof treiben, er wird als hölzernes Pferd aufgestellt und wir springen eine Stunde lang über ihn weg, einer nach dem andern, und bei jedem Sprunge geben wir ihm einen Puff auf seinen boshaften Kopf.«
»Herr Schröter hat ihm die Strafe erlassen,« sagte Anton begütigend, »sei du nicht grausamer. Höre, du bist ein hübscher Junge geworden.«
»Es geht an,« erwiederte Karl geschmeichelt. »Mit der Landwirthschaft habe ich mich ausgesöhnt. Mein Onkel ist ein guter Mann. Wenn Sie sich meinen Alten halb so groß denken, als er ist, und dünn statt dick, und mit einer kleinen Stumpfnase statt einer großen Nase, und mit einem länglichen Gesicht statt einem runden, und mit einem eselsfarbenen Rock und ohne Lederschürze, dafür mit zwei hohen Kniestiefeln, so haben Sie ganz meinen Onkel. Ein prachtvolles kleines Kerlchen. Er meint's gut mit mir. Im Anfange freilich war mir's zu still auf dem Lande, dagegen viel wasserpolackisches Volk in der Nähe; aber es ging mit der Zeit. Man sieht bei der Wirthschaft immer, was man schafft, das ist die größte Freude. Daß ich Soldat werden mußte, war meinem grauköpfigen Onkel ein Strich durch die Rechnung, mir war's recht, daß ich einmal im Ernste auf ein Pferd kam und etwas von der Katzbalgerei mit ansehen konnte. Elende Wirthschaften hier auf dem Lande, Herr Wohlfart. Und dieser Platz, es ist eine gräuliche Verwüstung!« So schwatzte Karl vergnügt fort. Endlich ergriff er seine Mütze: »Wenn Sie jetzt hier bleiben, so erlauben Sie mir, Sie manchmal auf eine Viertelstunde zu besuchen.«
»Du sollst thun, wie zu Hause,« sagte Anton. »Wenn du mich einmal nicht triffst, der Wirth hat den Schlüssel, hier stehen die Cigarren.«
So hatte Anton einen alten Freund wieder gefunden. Aber Karl blieb nicht seine einzige Bekanntschaft in Dolman und Schleppsäbel. Der Rittmeister freute sich über den Landsmann, der sich so wacker gegen die Insurgenten gehalten hatte. Er stellte ihn dem Obersten vor, welcher die Truppenabtheilung befehligte. Anton mußte diesem seine Abenteuer erzählen und wurde in einem großen Kreise von Epauletten höchlich gelobt, darauf lud ihn der Rittmeister an einem der nächsten Tage zu Tische und stellte ihn den Offizieren seiner Escadron vor. Antons bescheidene Ruhe machte einen günstigen Eindruck auf die bunten Herren. In der Garnison wären sie wahrscheinlich durch gewisse Ansichten über Menschengröße verhindert worden, mit einem jungen Kaufmann ungezwungen zu verkehren, hier im Felde waren sie selbst tüchtigere Männer, als in der geschäftigen Langeweile des Friedens, ihre Vorurtheile waren geringer und ihre Anerkennung eines muthigen Mannes unbefangener. So betrachteten sie den Herrn aus dem Comtoir bald als einen verdammt guten Jungen, sie gewöhnten sich, ihn im Scherz bei seinem Vornamen zu nennen, und wenn sie im Kaffehaus ihre Tasse tranken und eine Partie Domino spielten, so riefen sie Anton unfehlbar in ihren Kreis. Eine dunkle Sage von großem Vermögen und von ungewöhnlichen Verbindungen des Civilisten tauchte aus dem Dunkel der Jahre jetzt wieder auf, aber um der Escadron nicht Unrecht zu thun, sie war nicht mehr der Hauptgrund für die rücksichtsvolle Behandlung, die sie ihrem Landsmann gönnte. Anton fühlte sich durch die leichte Verbindung mit den ritterlichen Knaben mehr gehoben, als er sich selbst oder Herrn Pix gestanden hätte. Er genoß jetzt den freien Verkehr mit anspruchsvollen Menschen und erschien sich Manchem ebenbürtig, den er bis dahin von seinem Comtoir aus mit stillem Respect betrachtet hatte. Alte Erinnerungen wurden in ihm mächtig, er fühlte sich auf's Neue hereingezogen in den Zauber eines Kreises, welcher ihm für frei, glänzend und schön galt. Auch der Lieutnant von Rothsattel gehörte bald zu den guten Bekannten Antons. Anton behandelte ihn mit der zartesten Aufmerksamkeit, und der Lieutnant, im Grunde ein verzogener, leichtsinniger, gutmüthiger Mensch, ließ sich die herzliche Neigung Antons gern gefallen und lohnte ihm durch besondere Vertraulichkeit.
Die Geschäfte Antons sorgten dafür, daß er unter den neuen Bekannten seine Selbständigkeit nicht verlor. Wohl war die Stadt ein verwüsteter Ort, der wilde Rausch war verflogen, jetzt lag die Abspannung auf aller friedlichen Thätigkeit. Die täglichen Lebensbedürfnisse waren theuer, und lohnende Arbeit war nur für Wenige vorhanden. Mancher, der sonst Stiefeln getragen hatte, ging barfuß, wer in anderer Zeit einen neuen Rock gekauft hätte, ließ jetzt einen Lappen auf den alten setzen, der Schuster und der Schneider verzehrten zum Frühstück Wassersuppe statt Kaffe und Zucker, der Krämer bezahlte seine Schuld beim Kaufmann nicht, und der Kaufmann vermochte nicht seine Verpflichtung gegen andere Handlungshäuser zu erfüllen. Wer in solcher Zeit sein Geld zurückfordert von Solchen, welche schwere Verluste muthlos beklagen, der hat eine harte Arbeit. Anton empfand das. Ueberall hörte er Klagen, die nur zu sehr begründet waren, an vielen Orten versuchte man seinem Drängen durch allerlei Kunstgriffe zu entgehen. Täglich erlebte er peinliche Scenen, oft mußten beim Advocaten endlose Verhandlungen in polnischer Sprache aufgenommen werden, bei denen er sich wie verkauft vorkam, obgleich der Agent den Dolmetscher machte. Es war ein bunt zusammengewürfelter Handelsstand, in welchem Anton zu verkehren hatte, Männer aus allen Theilen Europa's. Der Verkehr hatte Vieles, was in deutschen Augen als wild und unregelmäßig galt. Und doch übte die Gewohnheit, Verpflichtungen zu erfüllen, einen so großen Einfluß auch auf muthlose Naturen, daß Antons Beharrlichkeit mehr als einmal den Sieg errang.
Die größte Forderung hatte sein Haus an einen Herrn Wendel, einen kleinen trockenen Mann, der stille Geschäfte nach allen Seiten gemacht hatte. Man sagte, er sei reich geworden durch Schmuggel und sei jetzt in großer Gefahr, zu fallen. Er hatte den Prinzipal selbst mit Trotz empfangen und geberdete sich gegen Anton lange wie ein Verzweifelter. Anton hatte wieder einmal wohl eine Stunde lang in den mürrischen Alten hineingesprochen, und wie sehr der Mann sich drehte und wand, er war fest geblieben. Da brach Wendel endlich in die Worte aus: »Es ist genug, ich bin ein ruinirter Mann, aber Sie verdienen, zu Ihrem Gelde zu kommen. Ihr Haus ist gegen mich immer großartig gewesen. Sie sollen Deckung erhalten. Schicken Sie mir noch heut Ihren Agenten, holen Sie mich morgen früh ab.«
Als am nächsten Morgen Anton in Begleitung des Agenten bei dem Schuldner eintrat, ergriff Wendel nach finsterm Gruß einen großen rostigen Schlüssel, zog langsam einen verschossenen Mantel an, auf welchem zahlreiche Kragen übereinander lagen, wie die Schindelreihen auf einem Dach, und brachte die Gläubiger in einen entlegenen Stadttheil vor ein verfallenes Kloster. Sie schritten durch einen langen Kreuzgang. Anton sah bewundernd zu dem kunstvollen Bau der Wölbung auf; die Zeit hatte viele Gurte gesprengt und einige Gewölbkappen ausgebröckelt, die Trümmer lagen auf den großen Steinen des Fußbodens. An der Wand waren die Leichensteine der alten Bewohner eingemauert, verwitterte Inschriften meldeten dem unaufmerksamen Geschlecht der Lebenden, daß einst fromme Slavenmönche in diesen Räumen den Frieden gesucht hatten. In diesem Kreuzgange waren sie täglich, das Brevier in der Hand, auf und ab gegangen, hier hatten sie gebetet und geträumt, bis sie ihre arme Seele der Fürbitte ihres Heiligen übergeben mußten. Im Innern des Gebäudes öffnete Wendel eine verborgene Thür und führte seine Begleiter auf gewundener Steintreppe hinab in ein großes Gewölbe. Einst hatte der Wein des reichen Klosters darin gelegen, und der Bruder Kellermeister war, ach wie oft, dieselben Stufen hinabgegangen; er war zwischen den Reihen der Fässer umhergewandelt, hatte hier und da eine Probe ausgehoben, und wenn das Glöckchen über ihm läutete, hatte er schnell sein Haupt gesenkt und ein kleines Gebet gesprochen und war darauf wieder an das Kosten gegangen, oder in behaglicher Stimmung auf und ab spaziert. Die Betglocken des Klosters waren längst eingeschmolzen, die leeren Zellen der Brüder hatten Risse, und Getreide wurde jetzt aufbewahrt, wo ehemals der Prior an der Spitze der Brüder beim ehrbaren Mahle saß. Alles war verschwunden, nur der Keller hatte sich erhalten, und wie vor vierhundert Jahren, lagen noch jetzt die Kufen des feurigen Ungarweins auf ihren schmalen Kentnern. Noch immer schossen die Strahlen der schönen Wölbung zu großen Sternen zusammen, noch immer war der Raum mit reinem Weiß getüncht, der Boden mit hellem Sand tief bestreut, noch immer war es Brauch, daß der Kellermeister nur mit einem Wachslicht dem edlen Wein nahen durfte. Es waren nicht dieselben Fässer, aus denen die alten Mönche ihren Trunk zogen, aber es war dasselbe Gewächs von den Rebenhügeln der Hegyalla, der rosige Wein von Menes, der Stolz Oedenburgs und der milde Trank der sorgfältigen Lese von Rust.
»Hundert und fünfzig Kufen, die Kufe zu achtzehn, vierundzwanzig, dreißig Ducaten,« sagte der Agent, und die Inventur der Fässer begann. Mit gesenktem Haupt ging Wendel von einem Faß zum andern, die Kerze in der Hand. Vor jedem blieb er stehen und wischte mit einem reinen Leinwandlappen sorgfältig die kleinste Spur des Schimmels ab, die sich an einzelnen Fässern zeigte. »Es war mein liebster Weg hierher,« sagte er zu Anton. »Seit zwanzig Jahren bin ich zu jeder Weinlese hinausgefahren und habe eingekauft. Es waren fröhliche Tage, Herr Wohlfart, das ist jetzt vorbei für immer. Oft bin ich hier auf und ab gegangen und habe mir das Sonnenlicht angesehen, das von oben auf die Fässer fiel, und habe an die gedacht, die vor mir hier gegangen sind. Heut bin ich zum letzten Mal in diesem Keller. Was wird jetzt aus dem Wein werden? Sie werden ihn fortschaffen, man wird ihn in der Fremde ohne Verstand austrinken; in den Keller wird ein Branntweinbrenner seinen Spiritus thun, oder ein neuer Brauer sein bairisches Bier. Die alte Zeit geht zu Ende auch für mich! — Dies hier ist das edelste Gewächs,« sagte er, zu einem Faß tretend. »Ich hätte es ausnehmen können bei unserer Abmachung. Was soll mir das Faß allein? Austrinken? Ich trinke keinen Wein mehr. Es soll fortgehen mit dem Uebrigen. Nur Abschied will ich noch von ihm nehmen.« Er füllte sein Glas. »Haben Sie je so etwas getrunken?« frug er und hielt Anton betrübt das Glas hin. Anton verneinte gern.
Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab eine lange Weile. Dann drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellerthür zu, zog den Schlüssel ab und legte ihn feierlich in Antons Hand. »Hier ist der Schlüssel zu Ihrem Eigenthum, unsere Rechnung ist abgemacht. Leben Sie wohl, meine Herren.« Langsam und mit gesenktem Haupt ging er den verfallenen Kreuzgang hinab; in dem Dämmerlicht des trüben Tages glich er einem der alten Kellermeister des Klosters, der noch als Geist durch die Trümmer der vergangenen Herrlichkeit gleitet. Der Agent rief ihm nach: »Aber das Frühstück, Herr Wendel!« Der Alte schüttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.
Ja, das Frühstück! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein überschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der traurigen Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren für Anton kein geringes Leiden. Er sah, daß man in dem Land viel weniger arbeite und viel mehr schwatze und trinke, als bei ihm daheim. So oft es ihm gelungen war, etwas in's Reine zu bringen, konnte auch er sich dem Frühstück nicht entziehen. Dann setzten sich Käufer, Verkäufer, die Helfer, und wer sonst zu den Bekannten gehörte, in einer Weinhandlung am runden Tisch zusammen, man fing mit Porter an, aß Caviar nach Pfunden und zechte dann den rothen Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten eingeschenkt; wer ein bekanntes Gesicht hatte, mußte am Gelage Theil nehmen, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft, oft kam der Abend heran. Unterdeß ließen die Hausfrauen der Männer, an solche Ereignisse gewöhnt, das Mittagessen wohl drei Mal wieder abtragen und hoben es zuletzt gleichmüthig bis zum andern Tage auf. Oft dachte Anton in solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine mäßige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschäfte mit Anstand durchzumachen.
An einem Nachmittag saß Anton beim Domino. Da rief ein älterer Lieutnant von seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: »Gestern Abend sind einem unserer Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden. Der Esel, welcher mit ihm einquartiert war, hat mit seinem Karabiner gespielt, in dem er den Schuß nicht herausgezogen hatte. Der Doctor hält eine Amputation für unvermeidlich. — Schade um den tüchtigen Mann, er war einer der brauchbarsten Leute in der Escadron. Solch Malheur trifft immer die Besten.«
»Wie heißt der Mann?« frug Herr von Bolling, seinen Stein setzend.
»Es ist der Gefreite Sturm.«
Anton sprang auf, daß die Steine auf dem Tische tanzten. »Wo liegt der Verwundete?«
Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazareths.
In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. »Es ist vorüber,« sagte er, »es hat höllisch weh gethan, aber ich werde die Hand doch wieder gebrauchen. Die Feder kann ich noch führen, und auch das Uebrige will ich versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's mit der Linken. Nur in goldenen Ringen werde ich keinen Staat mehr machen.«
»Mein armer, armer Karl,« rief Anton, »mit deinem Dienst ist's vorbei.«
»Wissen Sie was,« sagte Karl, »das Unglück will ich ertragen, ein ordentlicher Krieg wird doch nicht; wenn's auf das Frühjahr zum Einsäen kommt, bin ich wieder im Stande. Ich könnte schon jetzt aufstehen, wenn nicht der Doctor so streng wäre. Hier ist es nicht schön,« setzte er entschuldigend hinzu, »es sind viele unserer Leute erkrankt, da muß man sich in der fremden Stadt behelfen.«
»Du sollst nicht in dieser Stube bleiben,« sagte Anton, »wenn ich's ändern kann. Es riecht hier so nach Krankheit, daß ein Gesunder schwach wird; ich werde bitten, daß dein Chef dir erlaubt, in meine Wohnung zu ziehen.«
»Lieber Herr Anton,« rief Karl erfreut. »Still,« sagte dieser, »noch weiß ich nicht, ob wir die Erlaubniß erhalten.«
»Noch eine Bitte habe ich an Sie,« sagte beim Abschiede der Kranke, »daß Sie die Geschichte dem Goliath so mittheilen, daß er nicht zu ängstlich wird. Wenn er's durch Zufall von Fremden erfährt, so stellt er sich wie ein Menschenfresser.«
Das versprach Anton und eilte darauf zu dem Escadronarzt und zu seinem Gönner, dem Rittmeister.
»Ich will mich dafür verwenden, daß er jetzt Urlaub erhält,« versprach dieser. »Da mir bei der Beschaffenheit seiner Wunde seine Verabschiedung zweifellos scheint, so kann er ja bei Ihnen abwarten, bis diese erfolgt.«
Drei Tage darauf trat Karl mit seiner verbundenen Hand in Antons Zimmer. »Da bin ich,« sagte er. »Adieu Dolman, adieu Selim, mein Brauner! Eine Woche müssen Sie noch mit mir Geduld haben, Herr Anton, dann hebe ich Ihnen wieder Tisch und Stuhl mit steifem Arm.«
»Hier ist eine Antwort deines Vaters,« sagte Anton, »sie ist an mich gerichtet.«
»An Sie?« frug Karl verwundert, »warum an Sie? warum hat er denn nicht an mich geschrieben?«
»Höre selbst.« Anton ergriff einen großen Bogen, der von oben an mit halbzölligen Buchstaben bemalt war, und las: »Geehrter Herr Wohlfart, das ist ein großes Unglück für meinen armen Sohn! Zwei Finger von zehn bleiben nur acht. Wenn es auch kleine Finger sind, es thut eben so weh. Es ist ein sehr großes Unglück für uns beide, daß wir einander nicht mehr schreiben können. Deßwegen bitte ich, daß Sie die Güte haben, ihm Alles zu sagen, was folgt. Er soll sich nicht sehr grämen. Bohren kann vielleicht noch gehn, auch Manches mit dem Hammer. Und wenn der Himmel wollte, daß dieses nicht möglich wäre, so soll er sich doch nicht sehr grämen. Es ist für ihn gesorgt, durch einen eisernen Kasten. Wenn ich gestorben bin, findet er den Schlüssel in meiner Westentasche. So lasse ich ihn von ganzem Herzen grüßen. Sobald er wieder fahren kann, soll er zu mir kommen, um so mehr, da ich ihm schriftlich nicht mehr sagen kann, daß ich bin ewig sein getreuer Vater Johann Sturm.« — Anton reichte den Brief dem Invaliden.
»Es ist richtig,« sagte Karl zwischen Lächeln und Wehmuth, »er hat sich in der ersten Angst eingebildet, daß auch er mir nicht mehr schreiben kann, weil ich an der Hand blessirt bin. Der wird Augen machen, wenn er meinen nächsten Brief erhält.«
So wohnte Karl mehrere Wochen in dem Zimmer neben Anton. Sobald er seine Hand wieder bewegen konnte, bemächtigte er sich der Garderobe des Freundes, und begann einige der kleinen Dienste, welche er vor Jahren im Hause des Prinzipals übernommen hatte. Anton hatte zu wehren, daß er nicht die unnöthige Rolle eines Bedienten übernahm. »Hast du schon wieder meinen Rock unter der Bürste?« sagte er in Karls Stube tretend, »du weißt, daß ich das nicht leiden will.« — »Es war nur zur Gesellschaft von meinem,« entschuldigte sich Karl, »zwei neben einander halten sich immer besser als einer. Ihr Kaffe ist fertig, aber die Maschine taugt nichts, er schmeckt immer nach Spiritus.« Da er sich für Anton nicht nützlich machen konnte, wie er sagte, so fing er an, für sich selbst zu arbeiten. Bei seiner alten Vorliebe für Handwerkszeug hatte er bald eine Menge verschiedenartiger Instrumente um sich versammelt, und so oft Anton das Haus verließ, begann ein Sägen, Bohren, Hobeln und Raspeln, daß sogar der taube Artilleriecapitän, welcher im Nebenhause einquartiert war, zu der Ansicht kam, ein Tischler sei eingezogen, und seine eingefallene Bettstelle zum Ausbessern herüberschickte. Da Karl die rechte Hand noch schonen mußte, übte er die linke Hand mit allen Werkzeugen nach der Reihe und freute sich wie ein Kind über die Fortschritte, die er machte. Und als ihm der Arzt für die nächsten Wochen auch diese Thätigkeit abrieth, fing er an mit der linken Hand zu schreiben und zeigte Anton täglich Proben seiner Handschrift. »Es ist nur der Uebung wegen,« sagte er, »der Mensch muß wissen, was er vermag. Uebrigens ist es nur eine Angewohnheit, mit den Händen zu schreiben; wer keine hat, thut's auch mit den Beinen; ich glaube, daß auch die nicht einmal nöthig sind, es müßte auch mit dem Kopfe gehen.«
»Du bist ein Narr,« sagte Anton lachend.
»Ich versichere Sie,« fuhr Karl fort, »ein langes Rohr in den Mund gesteckt, mit zwei Drähten, die hinter die Ohren gedrückt werden, um die Schwankung zu verringern, es müßte ganz erträglich gehen. — Da ist die beinerne Einfassung von Ihrem Schlüsselloche abgesprungen, die wollen wir sogleich leimen.«
»Ich wundere mich, daß sie nicht von selbst wieder fest wird,« spottete Anton, »denn aus deiner Stube kommt ein schrecklicher Leimgeruch hereingezogen. Die ganze Luft ist in Leim verwandelt.«
»Gott bewahre,« sagte Karl, »es ist ja geruchloser Leim, den ich habe, eine neue Erfindung.«
Als der treue Mann mit dem Abschied in der Tasche nach der Heimath zurückfuhr, fühlte sich Anton so vereinsamt, als wäre er erst jetzt aus dem Zauberkreise der großen Waage in die Fremde gezogen.
Einst ging Anton an der verhängnisvollen Herberge vorüber, in welcher sein Prinzipal verwundet worden war. Er stand einen Augenblick still und sah mit Neugier auf das alte Haus und den Hofraum, in welchem jetzt weißröckige Soldaten beschäftigt waren, ihr Lederzeug zu färben und zu glätten. Da erblickte er ein Wesen im schwarzen Kaftan, welches wie ein Schatten aus der Schenkstube quer über die Einfahrt hinglitt. Es waren die schwarzen Ohrlocken, es war das kleine Käppchen, es war Figur und Haltung des alten Bekannten Schmeie Tinkeles. Ach, aber es war nicht sein Gesicht. Der frühere Tinkeles war in seiner Art ein hübscher Bursch gewesen. Er hatte seine beiden Locken stets so glänzend und kokett getragen, wie einem Geschäftsmann nur möglich ist, er hatte hübsche rothe Lippen gehabt und einen leichten Rosaschimmer auf seinen gelben Wangen. Der gegenwärtige Schmeie war nur ein Schatten des frühern. Er sah gespenstig bleich aus, seine Nase war spitz und groß geworden, und sein Kopf hing ihm nach vorn, wie der Kelch einer welkenden Blume am Bach Kidron.
Anton rief erstaunt: »Tinkeles, seid Ihr's wirklich?« und trat auf ihn zu. Tinkeles schrak zusammen, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und starrte mit aufgerissenen Augen Anton an, ein Bild des Schreckens und der Furcht. »Gott gerechter!« waren die einzigen Worte, welche über seine blutlosen Lippen kamen.
»Was habt Ihr, Tinkeles? Ihr seht ja aus wie ein armer Sünder! Was treibt Ihr hier am Platz? und wie zum Teufel kommt Ihr grade in dieses Haus?«
»Ich kann doch nichts dafür, daß ich hier bin,« antwortete der Geschäftsmann noch immer in halber Bewußtlosigkeit; »ich kann doch nichts dafür, daß der Prinzipal hat solches Unglück gehabt mit dem Menschen. Sein Blut ist ja geflossen wegen der Waaren, welche der Mausche Fischel hatte abgeschickt und hatte das Geld bereits gezogen. Ich bin unschuldig, Herr Wohlfart, auf meine ewige Seligkeit, ich habe nicht gewußt, daß der Wirth ist ein so schlechter Mensch, und wird die Hand aufheben gegen den Herrn, welcher vor ihm steht ohne Hut, ohne Mütze. — Ohne Mütze,« jammerte er lauter, »in bloßem Kopf, Sie können glauben, es ist mir gewesen, als wenn ein Schwert fiele in meinen Leib, als ich habe gesehen, wie der Wirth sich benommen hat so gewaltthätig gegen einen Mann, der vor ihm stand mit aufgerichtetem Haupt als ein Ehrenmann, was er ist gewesen sein Lebelang.«
»Hört, Schmeie,« sagte Anton, erstaunt auf den Galizier blickend, der immer noch darnach rang, durch Worte seine Fassung wieder zu gewinnen, »hört, mein Bursch, Ihr seid hier in dieser Herberge gewesen, als die Wagen geplündert wurden, Ihr habt aus einem Versteck unsern Streit mit dem Wirth angesehen. Ihr kennt den Wirth und wohnt noch hier, ich will Euch gerade heraus sagen, was Ihr mir zur Hälfte eingestanden habt. Ihr habt von dem Abladen der Wagen gewußt; und ich will Euch noch etwas anvertrauen, Ihr habt ein Interesse daran gehabt, daß die Fuhrleute hier zurückblieben, und Ihr habt mit dem Wirth unter einer Decke gesteckt. Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, lasse ich Euch nicht los, bevor ich Alles weiß. Ihr werdet entweder jetzt auf mein Zimmer kommen und mir freiwillig gestehen, was Ihr wißt, oder ich führe Euch zum Militär und lasse Euch von den Soldaten verhören.«
Tinkeles war vernichtet. »Gott meiner Väter, es ist schrecklich, es ist schrecklich!« wimmerte er leise und klapperte mit den Zähnen.
Anton fühlte Mitleid mit der großen Angst des Mannes und sagte: »Kommt mit mir, Tinkeles; ich verspreche Euch, wenn Ihr ehrlich gesteht, soll Euch nichts geschehen.«
»Was soll ich gestehn dem Herrn,« ächzte Schmeie, »wo ich doch nichts habe zu gestehn?«
»Wenn Ihr nicht gutwillig kommt, so rufe ich die Soldaten,« sagte Anton barsch.
»Nichts von Soldaten,« bat Tinkeles wieder schauernd, »ich will kommen mit Ihnen und will sagen, was ich weiß, wenn Sie mir wollen versprechen, daß Sie mich verrathen gegen Niemanden, nicht an Ihren Prinzipal und nicht an Mausche Fischel, auch nicht an den schlechten Menschen diesen Wirth, und an keinen Soldaten.«
»Kommt,« sagte Anton und wies mit der Hand die Straße hinab. So führte er den Willenlosen wie einen Gefangenen mit sich fort und verwandte kein Auge von ihm, weil er befürchtete, daß Schmeie den Rathschlägen seines bösen Gewissens folgen und in eine Seitengasse entlaufen könnte.
Der Galizier hatte nicht den Muth dazu, er schlich mit gesenktem Haupt neben Anton her, sah ihn zuweilen seufzend an und gurgelte unverständliche Worte vor sich hin. Auf Antons Zimmer fing er aus freien Stücken an: »Es ist mir gewesen eine Last auf meinem Herzen, ich habe nicht können schlafen, ich habe nicht können essen und trinken, und wenn ich gelaufen bin, um zu machen ein Geschäft, so hat es mir in der Seele gelegen, wie ein Stein in einem Glase: wenn man trinken will, fällt der Stein auf die Zähne, und man beschüttet sich mit Wasser. Weh! was habe ich mich beschüttet!«
»So redet,« sagte Anton, wieder erweicht durch die aufrichtige Klage.
»Ich bin hergekommen wegen der Wagen,« fuhr Tinkeles hastig fort und sah Anton furchtsam an. »Der Mausche hatte doch mit Ihnen gehandelt seit zehn Jahren, und immer ehrlich, und Sie haben verdient ein gutes Stück Geld an ihm; und da hat er gemeint, daß jetzt gekommen wäre die Zeit, wo er anfangen könnte ein großes Geschäft und mit Ihnen seine Abrechnung machen.« Und wie losgegangen ist das Geschrei und das Geschmuse, da ist er zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: »Schmeie,« sagt' er, »du hast keine Furcht,« sagt' er. »Laß sie schießen und gehe unter sie und sieh, daß du anhältst die Wagen für mich. Vielleicht kannst du sie verkaufen unterwegs, vielleicht bringst du mir sie zurück, es ist immer besser, wir haben sie, als es hat sie ein Anderer.« »So bin ich hergekommen und habe gewartet, bis die Wagen angekommen sind, und habe gesprochen mit dem Wirth, weil die Waaren doch nicht würden kommen in Ihre Hände, wäre es am besten, sie kämen wieder in unsere. Aber daß der Wirth soll sein ein solcher Blutmensch, das habe ich nicht gewollt und habe ich nicht gewußt, und seit ich habe gesehen, wie er Ihrem Herrn hat aufgeschnitten den Rock, habe ich keine Ruhe gehabt, und ich habe immer gesehn vor mir das blutige Hemd und das feine Tuch von seinem grünen Rock, welches entzwei geschnitten war.«
Anton hörte die Geständnisse des Tinkeles mit einem Interesse an, welches den Widerwillen überwog, den er gegen das — nicht seltene — Manöver der galizischen Händler empfand. Er begnügte sich, dem Sünder zu sagen: »Eurer Schurkerei verdankt Herr Schröter seinen wunden Arm, und wären wir Euch nicht in die Quere gekommen, so hättet Ihr uns zwanzigtausend Thaler gestohlen.«
»Es sind nicht zwanzigtausend,« rief Schmeie sich windend, »die Wolle steht schlecht, und mit Talg ist nichts zu machen. Es sind weniger als zwanzig.«
»So,« sagte Anton verächtlich, »und was werde ich jetzt mit Euch thun?«
»Thun Sie nichts mit mir,« bat Schmeie beweglich und legte seine Hand bittend auf Antons Rock. »Lassen Sie schlafen die ganze Geschichte. Sie haben die Waaren, seien Sie damit zufrieden. Es ist ein schönes Geschäft, das der Mausche Fischel nicht hat machen können, weil Sie ihn haben daran gehindert.«
»Es thut Euch noch leid?« erwiederte Anton erzürnt.
»Es ist mir recht so, daß Sie die Waaren haben,« sagte der Jude, »denn Sie haben vergossen Ihr Blut darüber. Und deßhalb thun Sie nichts mit mir; ich will sehen, daß ich Ihnen kann in andern Sachen zu Gefallen sein. Wenn Sie etwas zu thun haben hier am Ort für mich, es wird mir sein eine Beruhigung, daß ich Ihnen kann zu etwas verhelfen.«
Anton antwortete kalt: »Wenn ich Euch auch versprochen habe, Eure Spitzbüberei dem Gericht nicht anzuzeigen, so können wir doch mit Euch kein Geschäft mehr machen. Ihr seid ein schlechter Mensch, Tinkeles, und habt Euch gegen unser Haus unredlich bewiesen. Wir sind von jetzt ab geschiedene Leute.«
»Warum sagen Sie mir, daß ich ein schlechter Mensch bin?« klagte Tinkeles; »Sie haben mich gekannt als ehrlichen Mann seit Jahren, wie können Sie sagen, daß ich schlecht bin, weil ich habe einmal machen wollen ein Geschäft, und habe dabei Unglück gehabt und hab's nicht gemacht? Ist das schlecht?« —
»Es ist genug,« sagte Anton, »Ihr könnt jetzt gehen.« Tinkeles blieb stehen und frug: »Können Sie vielleicht brauchen neue kaiserliche Ducaten? Ich kann sie Ihnen besorgen mit fünf und ein Viertel« — »Ich will nichts von Euch,« sagte Anton, »geht.«
Der Jude ging zögernd bis zur Thür und drehte wieder um. »Es ist zu machen ein schönes Geschäft mit Hafer, wenn Sie wollen mit übernehmen die Lieferung, ich will Ihnen einen Theil verschaffen: es ist dabei zu verdienen ein rares Geld.«
»Ich mache keine Geschäfte mit Euch, Tinkeles; geht in Gottes Namen.«
Der Jude schlich hinaus: noch einmal kratzte es an der Thür, aber das Gewissen war in dem Schelm so mächtig geworden, daß er sich nicht mehr in das Zimmer traute. Nach einigen Minuten sah Anton, wie er schwermüthig quer über die Straße ging.
Seit diesem Tage wurde Anton durch den reuigen Tinkeles in Belagerungszustand gesetzt. Kein Tag verlief, wo der Galizier sich nicht an Anton herandrängte und in seiner Weise Versöhnung mit ihm suchte. Bald überfiel er ihn auf der Straße, bald störte sein unsicheres Klopfen den Beschäftigten am Schreibtisch, immer aber hatte er etwas anzubieten, oder Neues mitzutheilen, wodurch er Gnade zu erwerben hoffte. Rührend war seine Erfindungskraft, er erbot sich, alles Mögliche für Anton zu kaufen, oder zu verkaufen, jede Art von Geschäftsgängen zu machen, zu spioniren und zuzutragen. Und als er entdeckte, daß Anton auch mit Offizieren verkehrte, und daß besonders ein junger Lieutnant mit zartem Gesicht und einem kleinen Bart zuweilen mit Anton aus der Restauration ging und die Wohnung desselben besuchte, da fing Tinkeles an, auch solche Gegenstände anzubieten, die nach seiner Meinung für einen Offizier angenehm sein mußten. Anton blieb zwar dabei, jedes Geschäft mit dem Sünder zu vermeiden, konnte aber zuletzt nicht mehr über's Herz bringen, den armen Teufel rauh zu behandeln, und Tinkeles erkannte aus manchem unterdrückten Lächeln oder aus kurzen Fragen Antons, daß seine Fürsprache beim Chef des Hauses nicht unmöglich sei. Und er warb darum mit der Ausdauer seines Ahnherrn Jakob.
An einem Morgen klirrte der junge Rothsattel in Antons Zimmer. »Ich werde krank gemeldet, habe starken Katarrh und muß in meinem trostlosen Quartier bleiben,« sagte er, sich auf dem Sopha niederlassend. »Sie können mir heut Abend helfen die Zeit vertreiben. Wir spielen eine Partie Whist. Ich habe noch unsern Doctor und einen und den andern Kameraden dazu aufgefordert. Werden Sie kommen?« — Erfreut und ein wenig geschmeichelt sagte Anton zu. »Gut,« fuhr der junge Herr fort, »dann müssen Sie mir auch die Möglichkeit geben, mein Geld an Sie zu verlieren; das elende Vingt-un hat mir die Taschen rein ausgefegt. Leihen Sie mir auf acht Tage zwanzig Ducaten.« »Mit Vergnügen,« sagte Anton und suchte eilig seine Börse hervor.
Als der Lieutnant das Geld nachlässig in seine Tasche steckte, klang auf der Straße der Hufschlag eines Pferdes; schnell trat er an das Fenster. »Wetter, das ist eine hübsche Katze, polnisches Blut, der Roßkamm hat sie einem der Rebellen gestohlen und will jetzt einen ehrlichen Soldaten damit anführen.«
»Woher wissen Sie, daß das Pferd zu verkaufen ist?« frug Anton, der unterdeß am Schreibtisch einen Brief siegelte.
»Sehen Sie nicht, daß ein Gauner das Thier im Parademarsch vorbeiführt?«
In dem Augenblick klopfte es leise an der Thür, und Schmeie Tinkeles schob zuerst sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die Stube und gurgelte unterwürfig: »Ich wollte die gnädigen Herren fragen, ob sie vielleicht wollen ansehen ein Pferd, welches so viel Louisd'or werth ist, als es Thalerstücke kostet. — Wenn Sie doch nur gehen wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen es ja nur ansehen; sehen ist nicht kaufen.«
»Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschäftsfreunden, Wohlfart?« frug der Lieutnant lachend.
»Er ist es nicht mehr, Herr von Rothsattel,« antwortete Anton in demselben Ton, »er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch Ihnen. Nehmen Sie sich in Acht, er wird Sie verführen, das Pferd zu kaufen.«
Der Händler hörte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick neugierig auf den Lieutnant. »Wenn der gnädige Herr Baron will kaufen das Pferd,« sagte er zudringlich zu dem Lieutnant tretend und denselben unverrückt anstarrend, »so wird es ein schönes Reitpferd sein auch auf dem Gut in Ihrer Wirthschaft.«
»Was zum Henker weißt du von meinem Gut?« sagte der Lieutnant; »ich habe kein Gut!«
»Kennt Ihr diesen Herrn?« frug Anton.
»Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn er es ist, welcher das große Gut hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine Fabrik, worin er macht Zucker aus Viehfutter.«
»Er meint Ihren Herrn Vater,« sagte Anton zum Lieutnant; »Tinkeles hat seine Verbindung auch in unserer Provinz und hält sich oft Monate bei uns auf.«
»Was ich höre!« rief der Galizier nachdenkend, »es ist der Vater von dem Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit dem Herrn Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn!« — Um den Schnurrbart des Lieutnant zuckte ein Lächeln.
»Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen,« antwortete Anton, unwillig über die zudringliche Frage des Händlers und darüber, daß er das Erröthen seiner Wangen fühlte.
»Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier genau, wie man kennt einen jungen Freund —«
»Was geht Euch das an, Tinkeles?« frug Anton barsch und erröthete noch tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wußte.
»Ja, er ist mein guter Freund, Jude,« sagte der Lieutnant, auf Antons Schulter schlagend. »Er ist mein Cassirer, er hat mir heute erst zwanzig Ducaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen. Also geh zum Teufel.«
Der Händler lauschte mit vorgebogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers und sah die jungen Männer mit einer Neugierde, und wie Anton zu bemerken glaubte, mit einer Theilnahme an, welche von seinem gewöhnlichen lauernden Wesen verschieden war. »Also zwanzig Ducaten hat er Ihnen geborgt,« wiederholte er mechanisch, »er wird Ihnen auch mehr borgen, wenn Sie mehr von ihm verlangen. Ich weiß,« murmelte er, »ich weiß.«
»Was wißt Ihr?« frug Anton.
»Ich weiß doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund mit einander sind,« sagte der Händler mit einer nachdrücklichen Bewegung des Kopfes. »Also Sie können das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart? So empfehle ich mich Ihnen, Herr Wohlfart.« Bei diesen Worten kehrte er kurz um und verschwand. Gleich darauf hörte man das Pferd im Trabe fortreiten.
»Ist das ein verrückter Kerl!« rief der Lieutnant, dem Davoneilenden nachsehend.
»Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen,« erwiederte Anton, verwundert über das räthselhafte Benehmen des Geschäftsmannes. »Wahrscheinlich hat Ihre Uniform seinen Abgang beschleunigt.«
»Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen gethan. Also heut Abend,« sagte der Lieutnant grüßend und verließ das Zimmer.
Am Nachmittag tönte wieder das leise Klopfen an Antons Thür, Tinkeles erschien auf's Neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat, ohne auf Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. »Erlauben Sie mir zu fragen,« sprach er mit vertraulichem Kopfschütteln, »ist es in der Wahrheit, daß Sie ihm geborgt haben zwanzig Ducaten, und daß Sie ihm geben würden noch mehr, wenn er mehr haben wollte?«
Anton sah den Händler erstaunt an und sagte aufstehend: »Ich habe ihm das Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir gerade heraus, was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir etwas mitzutheilen.«
Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit den Augen. »Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch in Acht, daß Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm keinen Gulden mehr,« wiederholte er nachdrücklich.
»Und weßhalb nicht?« frug Anton. »Euer guter Rath ist mir nichts werth, wenn ich nicht weiß, aus welchen Gründen Ihr mich warnt.«
»Und wenn ich Ihnen sage, was ich weiß, wollen Sie dann sprechen für mich bei Herrn Schröter, daß er nicht mehr denkt an die Frachtwagen, wenn er mich sieht in Ihrem Comtoir?« frug der Jude schnell.
»Ich will ihm sagen, daß Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich gedient habt. Was er dann thun wird, steht bei ihm,« erwiederte Anton eben so schnell.
»Sie werden sprechen für mich,« sagte der Händler, »das ist mir genug. Und Sie sollen hören, was Ihnen erhalten kann Ihr gutes Geld. — Es steht faul mit dem Rothsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr faul; das Unglück hält über ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorner Mensch. Es ist ihm nicht zu helfen.«
»Woher habt Ihr diese Nachricht?« rief Anton erschrocken. »Es ist unmöglich,« setzte er ruhiger hinzu, »es ist eine Unwahrheit, Geschwätz von Winkelagenten und ähnlichem Volk.«
»Glauben Sie meiner Rede,« sprach der Jude mit einem eindringlichen Ernst, welcher seine Figur größer machte und sogar seine Sprache weniger mißtönend. »Sein Vater ist unter den Händen von Einem, der heimlich wandelt wie ein Engel des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um den Hals der Menschen, die er bezeichnet hat, ohne daß ihn Einer sieht. Er zieht den Strick zu, und sie fallen um, wie die hölzernen Kegel. Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche Leute, die schon tragen die Schlinge am Halse?«
»Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in Händen?« rief Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen ließ.
»Was nützt der Name,« erwiederte der Galizier kalt. »Wenn ich auch wüßte den Namen, so würde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es kann Ihnen nichts helfen und dem Rothsattel auch nicht, denn Sie kennen den Mann nicht, und Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.«
»Ist dieser Mann Ehrenthal?« frug Anton.
»Ich kann den Namen nicht sagen,« wiederholte der Händler mit einem Achselzucken, »aber der Hirsch Ehrenthal ist es nicht.«
»Wenn ich Euren Worten glauben soll, und wenn Ihr mir damit einen Dienst leisten wollt,« fuhr Anton ruhiger fort, »so müßt Ihr mir Genaues mittheilen. Ich muß den Namen dieses Mannes wissen, und ich muß Alles wissen, was Ihr über ihn und den Freiherrn gehört habt.«
»Nichts habe ich gehört,« antwortete der Händler verstockt, »wenn Sie mich fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen, verfliegt in der Luft, wie ein Geruch, der Eine fängt das auf, der Andere jenes. Ich kann Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehört habe, und ich will sie nicht sagen um vieles Geld. Ich will nicht die Hand legen an meine Gebetschnüre und vor Gericht zeugen. Was ich spreche, ist gut für Ihr Ohr und für kein anderes. Ihnen aber sage ich, daß Zwei haben zusammen gesessen nicht einen Abend, viele Abende, und nicht in einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise mit einander gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Geländer, wo unten das Wasser läuft. Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben gemurmelt oben über dem Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem Strohsack, daß sie glaubten, ich schliefe. Und oft habe ich gehört aus dem Munde von Beiden den Namen Rothsattel und den Namen von seinem Gute. Und ich weiß, daß ein Unglück über ihm steht, aber weiter weiß ich nichts. Und jetzt ist es gesagt und ich werde gehen. Der gute Rath, den ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung für den Tag, wo Sie gefochten haben mit einer Pistole für die Wolle und für die Häute. Und Sie werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.«
Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wußte er, daß der Freiherr mit Ehrenthal in vielfacher Verbindung stand, und dieser Verkehr des Gutsbesitzers mit dem übelberüchtigten Speculanten war ihm schon oft auffallend erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu unglaublich, er selbst hatte nie etwas Ungünstiges über die Verhältnisse des Freiherrn gehört. »Bei dem, was Ihr mir heut erzählt habt,« sprach er nach einer Weile, »kann ich mich nicht beruhigen. Ihr werdet Euch besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen und einzelnen Worte, die Ihr gehört habt.«
»Vielleicht werde ich mich erinnern,« erwiederte der Galizier mit einem eigenthümlichen Ausdruck, der dem bekümmerten Anton entging. »Und so haben wir geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und Gefahr, dafür habe ich Ihnen jetzt gethan einen Gefallen. Einen großen Gefallen,« setzte er selbstgefällig in das betroffene Gesicht Antons blickend hinzu. — »Können Sie gebrauchen Louisd'or gegen Banknoten?« frug er plötzlich im Geschäftston; »ich kann Ihnen lassen Louisd'or, wenn Sie mir dafür geben Ducaten oder Banknoten.«
»Ihr wißt, ich mache keine Geldgeschäfte,« antwortete Anton zerstreut. — »Vielleicht können Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Häuser?« — »Ich habe keine Wechsel abzugeben,« sagte Anton ärgerlich.
»Gut,« sagte der Jude, »eine Anfrage beißt Niemanden,« und wandte sich zum Gehen. An der Thür hielt er noch einen Augenblick an. »Dem Seligmann, der das Pferd hat vorgeführt für die Herren und hat auf die Herren gewartet einen ganzen halben Tag, habe ich geben müssen zwei Gulden Münz. Es ist eine baare Auslage, die ich gehabt habe für Sie, wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei Gulden?«
»Gott sei Dank!« rief Anton wider Willen lächelnd, »jetzt seid Ihr wieder der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr nicht.«
»Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisd'or gegen Papier auf Wien?«
»Auch nicht,« erwiderte Anton.
»Adjes,« sagte Tinkeles. »Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund mit einander.« Er ergriff die Klinke. »Und wenn Sie wissen wollen den Namen von diesem Mann, der den Rothsattel so herunterbringen kann, daß er klein wird, wie das Gras auf der Landstraße, wo Jedermann tritt darauf, so fragen Sie nach dem Buchhalter von Hirsch Ehrenthal, mit Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der Name.« Bei diesen Worten eilte Tinkeles zur Thür hinaus. Anton sprang ihm nach, aber der Händler hörte nicht auf sein Rufen und war aus der Hausthür geschlüpft, bevor Anton ihn einholen konnte. Da gegründete Aussicht war, ihn in Kurzem wieder zu sehen, so ging Anton, sehr beschäftigt durch die Geständnisse des wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurück.
Was er gehört hatte, mußte er sogleich dem Sohne des Freiherrn mittheilen. Er sagte sich, daß bei dem großen Zartgefühl seines militärischen Freundes diese Mittheilung schwierig sei. »Aber es muß geschehen, noch heut Abend ziehe ich ihn bei Seite, ich gehe zeitig zu ihm, oder bleibe beim Aufbruch zurück.«
Diesem guten Vorsatz gönnte das Schicksal eine bequeme Ausführung nicht. So früh Anton auch in das Quartier des jungen Rothsattel eilte, er fand doch die Stube bereits durch fünf bis sechs Husarenlieutnants besetzt. Eugen lag in seinem Schlafrock auf dem Sopha, die Escadron lagerte um ihn herum. Gleich nach Anton trat der Doctor ein. »Wie geht's?« frug dieser zum Kranken tretend.
»Gut genug,« erwiederte Eugen; »ich brauche Ihre Giftpulver nicht.«
»Etwas Fieber,« fuhr der Doctor fort, »eingenommener Kopf und so weiter. Es ist zu heiß hier, ich schlage vor, das Fenster zu öffnen.«
»Beim Teufel, das werden Sie nicht, Doctor,« rief ein junger Herr, der sich aus zwei Stühlen eine Art Bank zusammengerückt hatte. »Sie wissen, daß ich außer dem Dienst keinen Zug vertragen kann.« — »Lassen Sie zu,« rief Eugen, »wir sind Homöopathen, die Wärme vertreiben wir durch Wärme. Was trinken wir?«
»Irgend ein Punsch wird für den Patienten immer noch am gesündesten sein,« sagte der Doctor.
»Holen Sie die Ananas, bester Anton, sie liegt mit dem ganzen Apparat hier nebenan,« bat Eugen.
»Ei,« rief der Doctor, als Anton die Frucht und der Bursch einen Korb Wein hereinbrachten, »ein süßer Coloß, ein ausgezeichnetes Exemplar. Mit Verlaub, ich mache den Punsch, die Mischung muß nach dem Zustand des Patienten eingerichtet werden.« Er griff nach seiner Tasche, brachte ein schwarzes Besteck hervor und suchte ein Messer zum Zerschneiden der Früchte.
»Alle Wetter! plagt Sie der Teufel! Zum Henker mit Ihrem Besteck!« riefen sämmtliche Husarenoffiziere aufspringend. Wie Heckenfeuer fuhren die Verwünschungen um das Haupt des Doctors.
»Meine Herren,« rief der Doctor, nur wenig eingeschüchtert durch den Sturm des Unwillens, »hat Einer von Ihnen ein Messer? Sehen Sie nicht erst nach, ich weiß, Keiner hat eins. Spiegel und Bürste, weiter darf man in Ihren Taschen doch nichts suchen. Und versteht Einer von Ihnen eine Bowle zu machen, die ein Mann von Herz und Welt trinken kann? Austrinken, ja, aber machen können Sie nichts.«
»Ich will's versuchen, Doctor,« sagte Bolling aus einer Ecke.
»Ah, Herr von Bolling, Sie auch hier?« erwiederte der Doctor mit einer Verbeugung.
Bolling nahm ihm die Ananas aus der Hand und hielt sie sorgfältig aus dem Bereich des medicinischen Armes. »Kommen Sie, Anton,« rief er, »und verhüten Sie, daß dieses Ungeheuer von Doctor mit seinem Tranchirmesser dem Getränk zu nahe kommt.«
Während Anton mit dem älteren Lieutnant in eifriger Thätigkeit war, zog der Doctor zwei Spiele Karten aus der Tasche und legte sie feierlich auf den Tisch.
»Fort mit Ihren Karten,« rief Eugen, »heut wenigstens wollen wir ohne Sünde beisammen bleiben.«
»Sie können's ja nicht,« spottete der Doctor, »Sie selbst sind der Erste, der darnach greifen wird. Ich beabsichtigte nichts, als ein ruhiges Whist mit stabilem Paré nach rechts und links, ein Spiel für fromme Einsiedler. Was Sie aber mit diesen Karten anfangen, das wird die Zeit lehren. Hier liegen sie beim Leuchter.«
»Hört nicht auf den Versucher,« rief einer der Lieutnants lachend.
»Wer die Karte zuerst anfaßt, zahlt ein Frühstück zur Strafe,« ein anderer.
»Hier ist der Trank,« sagte Bolling und trug die Bowle auf den Tisch. Er goß ein. »Kosten Sie, Blutmensch,« sagte er zu dem Doctor.
»Roh,« entschied dieser, »morgen Abend wird sie trinkbar sein.«
Während die Herren sich über das Getränk stritten, griff Eugen nach einem Spiel Karten und zog es mechanisch in zwei Häufchen ab, die er neben einander legte. Der Doctor rief: »Halt, gefangen! Er selbst zahlt die Strafe.« Alles lachte und drängte an den Tisch. »Die Bank, Doctor,« riefen die Offiziere, sie warfen ihm die Karten zu, schnell kamen einige andere Spiele aus den Taschen der Herren ans Licht, der Doctor legte ein Häufchen Papier und Silber auf den Tisch, das Spiel begann. Man pointirte nicht gerade hoch, kurze Scherze begleiteten den Gewinn und Verlust der Spieler. Auch Anton ergriff eine Karte und setzte ohne Aufmerksamkeit. Er vermochte heut nur mit Mühe an der Unterhaltung Theil zu nehmen und sah mit inniger Theilnahme auf den jungen Rothsattel, der sich ahnungslos über die Karten beugte. Anton gewann einige Thaler, aber mit Mißbehagen bemerkte er, daß Eugen endloses Unglück hatte. Ein Ducaten nach dem andern flog in die Casse des Bankhalters. Da Anton bei dem Verlust seines Wirthes nicht ganz unbetheiligt war, so machte er keine Bemerkung darüber, aber der Doctor selbst sagte zu seinem Patienten, nachdem er wieder einige Ducaten eingestrichen hatte: »Sie sind heiß geworden, Sie haben Fieber, es wäre am klügsten, wenn Sie nicht mehr spielten, ich habe noch nie einen Fieberkranken gehabt, der nicht im Pharao verloren hätte.«
»Das geht Sie nichts an, Doctor,« erwiederte Eugen heftig und setzte wieder.
»Du hast Unglück, Eugen,« rief der gutmüthige Bolling, »du gehst wieder zu sehr ins Geschirr.«
Als der Abzug beendet war, nahm der Doctor die Karten und steckte sie gemüthlich in die Tasche. »Die Bank hat stark gewonnen,« sagte er, »aber ich höre doch auf, es ist genug des Guten.«
Wieder erhob sich ein Sturm unter den Offizieren. »Ich will Bank legen,« rief Eugen, »geben Sie mir Ihre Casse, Wohlfart.«
Der Doctor protestirte, endlich beruhigte er sich mit der Ansicht, »vielleicht hat er Glück als Bankier, man muß dem Menschen nicht die Gelegenheit entziehen, eine Scharte auszuwetzen.«
Anton holte einige Cassenbillets aus der Tasche und legte sie schweigend vor Eugen hin, aber er selbst spielte nicht mehr. Traurig saß er da und sah auf seinen guten Freund, der mit einem Gesicht, das von Wein und Fieber glühte, auf die Karten der Spieler hinstarrte. Wieder flog ein Abzug auf den andern und wieder verlor Eugen, was er vor sich hatte. Die Cassenscheine flogen von ihm weg, kaum einmal fiel ein Blatt zu seinen Gunsten. Verwundert sahen die Offiziere einander an. »Auch ich schlage vor, daß wir aufhören,« rief Bolling, »ein ander Mal geben wir dir Revanche.«
»Ich will sie heut haben,« rief Eugen, sprang auf und verschloß die Thür, »Keiner kommt heraus. Setzt ordentlich und wagt, hier ist Geld.« Er warf einen Haufen Streichhölzer auf den Tisch. »Das Holz einen Champagnerthaler, morgen zahle ich; ich gebe zu, daß das Holz einmal gebrochen wird, unter einem Thaler kein Point.« Wieder fuhren die Karten auf den Tisch und wieder ging das Spiel fort. Anton bemächtigte sich unterdeß des Punschlöffels und beschloß, nichts mehr in die Gläser zu gießen. Eugen verlor immerfort; die Streichhölzer wurden wie durch eine geheime Kraft nach allen Richtungen fortgerissen. Eugen holte neue Bündel und rief: »Beim Abschied machen wir Rechnung.« Da erhob sich Bolling und stampfte mit dem Stuhle auf den Boden.
»Ein Hundsfott, wer die Stube verläßt,« rief Eugen.
»Du bist ein Narr,« sagte der Andere unwillig, »es ist Unrecht, seinem nächsten Kameraden das Geld abzunehmen, wie wir heut mit dir thun. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Wenn hier der Satan sein Spiel hat, ich will ihm nicht helfen.« Er setzte sich vom Tisch ab, Anton trat zu ihm; Beide sahen schweigend dem Uebermuth zu, mit welchem das Geld aus einer Hand in die andere geworfen wurde.
»Auch ich habe genug,« sagte der Doctor und zeigte ein dickes Bund Hölzer in seiner Hand. »Dies ist ein merkwürdiger Abend; seit ich Karten kenne, ist mir so etwas noch nicht vorgekommen. Er vermag kein Paroli abzuschlagen.«
Von Neuem sprang Eugen zu dem Seitentisch, wo die Hölzer lagen, da ergriff Bolling den Rest des Packets, öffnete das Fenster und warf die Hölzer hinunter auf die Straße. »Besser, die Teufelsbolzen verbrennen da unten einen Stiefel, als hier deine Börse,« rief er. Darauf schleuderte er die Karten auf die Erde. »Das Spiel soll aufhören, du hast uns vorhin aufgetrumpft, wie einer aus der Wachtstube des alten Dessauers, ich thue jetzt dasselbe.«
»Ich verbitte mir solche Befehle,« rief Eugen gereizt.
Bolling schnallte seinen Säbel um und griff mit der Hand an das Gefäß. »Du wirst dich heut fügen,« sagte er ernst, »morgen will ich dir vor dem Corps Rede stehen. Macht Eure Rechnung, Ihr Herren, wir brechen auf.«
Die Marken wurden auf den Tisch geworfen, der Doctor zählte.
Eugen riß finster die Brieftafel aus der Tasche und notirte seine Schuld an die Einzelnen. Ohne Behagen, mit kurzem Gruß entfernte sich die Gesellschaft. »Es sind gegen achthundert Thaler,« sagte der Doctor auf dem Wege. Bolling zuckte die Achseln. »Ich hoffe, er kann das Geld schaffen, aber ich wollte doch, daß Sie heut das Stempelpapier in Ihrer Tasche behalten hätten. Wenn von der Geschichte etwas verlautet, so wird Rothsattel keine Ursache haben, sich zu freuen. Wir Alle werden gut thun, über den Vorfall zu schweigen, auch Sie, Herr Wohlfart, bitte ich darum.«
Anton ging in stürmischer Bewegung nach Hause. Den ganzen Abend hatte er wie auf Kohlen gesessen und dem Verschwender in der Stille die bittersten Vorwürfe gemacht. Er schalt sich, daß er ihm Geld geliehen hatte, und fühlte doch, wie unpassend es gewesen wäre, seinen Wunsch nicht zu gewähren.
Als er am nächsten Morgen Eugen aufsuchen wollte, öffnete sich die Thür, und Eugen selbst trat in das Zimmer, verstimmt, niedergeschlagen, unsicher. »Ein nichtswürdiges Malheur gestern,« rief er, »ich bin in arger Klemme; ich muß heut achthundert Thaler schaffen und habe in diesem Unglücksnest Niemand, an den ich mich wenden kann, als Sie. Seien Sie verständig, Anton, und besorgen Sie mir das Geld.«
»Auch mir ist es nicht leicht, Herr von Rothsattel,« erwiederte Anton ernst; »es ist keine unbedeutende Summe, und die Gelder, über die ich hier disponiren kann, sind nicht mein Eigenthum.«
»Sie werden es schon möglich machen,« fuhr Eugen überredend fort; »wenn Sie mir nicht aus der Verlegenheit helfen, so bin ich ganz rathlos. Der Chef versteht keinen Spaß, ich riskire Alles, wenn die Geschichte nicht schnell abgemacht wird.« Er ergriff in seiner Verlegenheit Antons Hand und drückte sie ängstlich.
Anton sah in das verstörte Gesicht dessen, der Lenorens Bruder war, und erwiederte mit innerer Ueberwindung: »Ich habe eine kleine Summe, welche mir gehört, in der Casse unsers Geschäfts, und habe von hier aus Geld an unser Haus zu senden. Es wird möglich sein, daß ich unsern Cassirer auf mein Geld anweise, und die Summe, welche Sie brauchen, zurückbehalte.«
»Sie sind mein Retter,« rief Eugen erleichtert; »in spätestens vier Wochen schaffe ich Ihnen achthundert Thaler zurück,« fügte er hinzu, bei der Aussicht auf das Geld geneigt, das Beste zu hoffen.
Anton ging zum Schreibtisch und zählte dem Lieutnant das Geld auf. Es war ein großer Theil der Summe, die er von seinem Erbtheil noch übrig hatte.
Als Eugen das Papier unter lebhaftem Danke eingesteckt hatte, begann Anton: »Und jetzt, Herr von Rothsattel, wünsche ich Ihnen noch etwas mitzutheilen, was mir gestern den ganzen Abend auf dem Herzen gelegen hat. Ich bitte Sie, mich nicht für zudringlich zu halten, wenn ich Ihnen nicht verschweige, was Sie wissen müssen, und was doch ein Fremder kaum zu sagen das Recht hat.«
»Wenn Sie mir gute Lehren zutheilen wollen, so ist der Augenblick schlecht gewählt,« antwortete der Lieutnant finster, »ich weiß ohnedies, daß ich einen dummen Streich gemacht habe, und bin auf eine Strafrede meines Papa's gefaßt. Was ich von ihm anhören muß, wünsche ich von keinem Dritten zu vernehmen.«
»Sie trauen mir wenig Zartgefühl zu, Herr von Rothsattel,« rief Anton, aufrichtig bekümmert durch den Aerger des Offiziers. »Ich habe gestern aus einer allerdings wenig lautern Quelle gehört, daß Ihr Herr Vater durch die Intriguen gewissenloser Speculanten in Verwickelungen gekommen ist oder doch kommen soll, welche seinem Vermögen Gefahr drohen. Auch der gefährliche Mensch, welcher die Ränke gegen ihn schmiedet, ist mir genannt worden.«
Der Lieutnant sah verwundert in das ernste Gesicht Antons und sagte endlich: »Teufel, Sie jagen mir einen Schrecken ein. Doch nein, es ist nicht möglich, Papa hat mir nie etwas davon gesagt, daß seine Verhältnisse nicht ganz in Ordnung sind.«
»Vielleicht kennt er selbst nicht die Pläne und die Rücksichtslosigkeit der Menschen, welche die Absicht haben, seinen Credit für ihre Zwecke zu benutzen.«
»Der Freiherr von Rothsattel ist nicht der Mann, sich von irgend Jemand benutzen zu lassen,« entgegnete der Lieutnant mit Stolz.
»Das nehme auch ich an,« räumte Anton bereitwillig ein. »Und doch bitte ich Sie, daran zu denken, daß die letzten großen Unternehmungen des Herrn Barons ihn mehrfach mit schlauen und wenig bedenklichen Händlern in Berührung gebracht haben. Der mir den Rath ertheilte, gab ihn offenbar in guter Meinung. Er sprach eine Ansicht aus, welche, wie ich fürchte, von einer Anzahl untergeordneter Geschäftsleute getheilt wird, daß Ihr Herr Vater in ernster Gefahr sei, große Summen zu verlieren. Und ich fordere Sie auf, mit mir zu dem Mann zu gehen, vielleicht gelingt es uns, mehr von ihm zu erfahren. Es ist derselbe Händler, den Sie gestern bei mir sahen.«
Der Lieutnant sah sehr niedergeschlagen vor sich hin, er faßte, ohne ein Wort zu sagen, seine Dienstmütze, und Beide eilten nach der Herberge, in welcher Tinkeles wohnte.
»Es wird am besten sein, daß Sie selbst nach ihm fragen,« sagte Anton auf dem Weg. Der Offizier ging in das Haus, er frug einen Hausknecht, den Wirth, alle Hausgenossen, welche ihm in den Weg kamen: Schmeie war seit gestern Mittag abgereist. Sie eilten von der Herberge zum Stadtcommando und erhielten nach vielen Fragen die Auskunft, daß dem Tinkeles sein Paß nach der türkischen Grenze visirt worden. So war der Zudringliche plötzlich verschwunden, und durch seine Abreise erhielt die Warnung für Beide noch größeres Gewicht. Je länger sie über seine Bekenntnisse sprachen, desto aufgeregter wurde der Lieutnant und um so weniger wußte er, was zu thun sei. Endlich brach er in großer Bewegung mit der Klage hervor: »Mein Vater ist vielleicht jetzt in Geldverlegenheit. Wie soll ich ihm meine Schuld gestehen? Es ist für mich ein verfluchter Fall. Wohlfart, Sie sind ein honetter Mann, denn Sie haben mir das Geld geliehen, obgleich Sie die Nachrichten dieses unsichtbaren Juden schon im Kopfe hatten. Sie müssen jetzt weiter anständig sein und mir die Summe auf längere Zeit leihen.«
»So lange, bis Sie selbst den Wunsch aussprechen, sie zurückzuzahlen.«
»Das ist gentil,« rief der Lieutnant, »und noch Eins, schreiben Sie selbst an meinen Vater. Sie wissen am besten, was der verrückte Mensch Ihnen gesagt hat, und mir ist es langweilig, so etwas meinem Papa mitzutheilen.«
»Aber Ihr Herr Vater wird die Einmischung eines Fremden mit Recht für zudringlich halten,« entgegnete Anton, befangen durch die Aussicht, mit dem Vater Lenorens in Correspondenz zu treten.
»Mein Vater kennt Sie ja,« sagte Eugen überredend; »ich erinnere mich, daß meine Schwester mir schon von Ihnen erzählt hat. Schreiben Sie nur, ich hätte Sie darum gebeten. Es ist wirklich besser, wenn Sie das übernehmen.« Anton willigte ein. Er setzte sich auf der Stelle hin und berichtete dem Baron die Warnungen des Händlers.
So kam er in der Fremde mit der Familie des Freiherrn in eine neue Verbindung, welche für ihn und die Rothsattel verhängnißvoll werden sollte.