IV.
Glücklich der Fuß, welcher über weite Flächen des eigenen Grundes schreitet; glücklich das Haupt, welches die Kraft der grünenden Natur einem verständigen Willen zu unterwerfen weiß! Alles, was den Menschen stark, gesund und gut macht, das ist dem Landwirth zu Theil geworden. Sein Leben ist ein unaufhörlicher Kampf, ein endloser Sieg. Ihm stählt die reine Gottesluft die Muskeln des Leibes, ihm zwingt die uralte Ordnung der Natur auch die Gedanken zu geordnetem Lauf. Er ist der Priester, welcher Beständigkeit, Zucht und Sitte, die ersten Tugenden eines Volkes, zu hüten hat. Wenn andere Arten nützlicher Thätigkeit veralten, die seine ist so ewig, wie das Leben der Erde; wenn andere Arbeit den Menschen in enge Mauern einschließt, in die Tiefen der Erde oder zwischen die Holzplanken des Schiffes, sein Blick hat nur zwei Grenzen, oben den blauen Himmel, und unten den festen Grund. Ihm wird die höchste Freude des Schaffens, denn was sein Befehl von der Natur fordert, Pflanze und Thier, das wächst unter seiner Hand zu eigenem frohen Leben auf. Auch dem Städter ist die grüne Saat und die goldene Halmfrucht des Feldes, das Rind auf der Weide und das galoppirende Füllen, Waldesgrün und Wiesenduft eine Erquickung des Herzens, aber kräftiger, stolzer, edler ist das Behagen des Mannes, der mit dem Bewußtsein über seine Flur schreitet, dies Alles ist mein, meine Kraft erschuf es, und mir gereicht es zum Segen. Denn nicht in mühelosem Genuß betrachtet er die Bilder, welche ihm die Natur entgegenhält. An jeden Blick knüpft sich ein Wunsch, an jeden Eindruck ein Vorsatz, jedes Ding hat für ihn einen Zweck, denn Alles, das fruchtbare Feld, das Thier und der Mensch soll Neues schaffen nach seinem Willen, dem Willen des Gebieters. Die tägliche Arbeit ist sein Genuß, und in diesem Genusse wächst seine Kraft. — So lebt der Mann, welcher selbst der arbeitsame Wirth seines Gutes ist.
Und dreimal glücklich der Herr eines Grundes, auf dem durch mehrere Menschenalter ein starker Kampf gegen die rohen Launen der Natur geführt ist. Die Pflugschar greift tief in den gereinigten Boden, anspruchsvolle Culturpflanzen breiten ihre Blätter in üppiger Pracht, auf den Stengeln bräunen sich große Dolden und körnerreiche Schoten, und unten in der Erde rundet sich mächtig die fleischige Wurzel. Dann kommt die Zeit, wo sich kunstvolle Industrie auf den Ackerschollen ansiedelt. Dann ziehen die abenteuerlichen Gestalten der Maschinen nach dem Wirthschaftshof, der ungeheure Kupferkessel fährt mit Blumen bekränzt heran, große Räder mit hundert Zähnen drehen sich gehorsam im Kreise, lange Röhren verschlingen sich in den neugebauten Räumen, und die mechanischen Gelenke bewegen sich rastlos bei Tag und Nacht. Eine edle Industrie! Sie erblüht aus der Kraft des Bodens und vergrößert wieder diese Kraft. Wo der eigene Grund des Gutes seine Früchte der Fabrik reichlich spendet, da arbeiten im Freien die uralte Pflugschar, im gemauerten Haus der neue Dampfkessel brüderlich mit einander, um ihren Herrn reicher zu machen, stattlicher und weiser. So lange er nur die alten Halmfrüchte baute, die grüne Nahrung der Thiere und die runde Knollenfrucht, waren die Preise auf dem nächsten Wochenmarkt vielleicht das, was ihn in der fremden Welt am meisten interessirte; und wenn der Bauer im Dorf gegen ihn auftrumpfte, so war ihm das vielleicht der größte Aerger. Und mit abschließendem Stolz sah er aus seinem umgrenzten Kreise, wie in die blaue Ferne hinein in das geschäftige Treiben der großen Städte, in die verwickelten Verhältnisse, welche durch eine neue Zeit geschaffen sind. Jetzt steht er selbst mitten zwischen den Rädern des modernen Schaffens, er beobachtet viele Strömungen des menschlichen Geistes auch außerhalb seiner Feldmark. Viele Gesetze des Lebens lernt er kennen und viele Gedanken der Menschen, er gewinnt einen andern Maßstab für den Werth des Mannes, jetzt wo er das Gewühl des Marktes, das Arbeitszimmer des Gelehrten auch für sich braucht. Er knüpft seine Fäden an Leute von anderm Beruf, und Fremde freuen sich, ihm die Hand zu reichen und ihren Vortheil mit dem seinen zu verbinden. Immer größer werden die Kreise, in welche ihn sein Interesse zieht, immer mächtiger der Einfluß, den er auf Andere gewinnt.
Neben dem ländlichen Tagelöhner baut ein neues Geschlecht arbeitsamer Menschen seine Hütten auf den Ackerboden, in jeder Abstufung von Wissen und Bildung; allen kann er gerecht und allen zum Heil werden. In starker Zunahme wächst die Kraft seiner Landschaft, der Werth des Bodens steigt von Jahr zu Jahr, die lockende Aufforderung zu größerem Erwerb treibt auch den zähen Bauer aus dem Gleise alter Gewohnheit. Der schlechte Feldweg wird zur Chaussee, der sumpfige Graben zum Kanal. Zwischen den Getreidefeldern fahren die Reihen der Frachtwagen entlang, auf wüsten Stellen erheben sich die rothen Dächer neuer Wohnungen; der Briefbote, der sonst nur zweimal in der Woche seine Ledertasche durch die Fluren trug, erscheint jetzt alle Tage, sein Ranzen ist schwer von Briefen und Zeitungen; und wenn er bei einem neuen Haus anhält, um der jungen Frau, die mit ihrem Manne von fern zuzog, eine Nachricht aus der Heimath zu bringen, da nimmt er dankend das Glas Milch, das ihm die Erfreute an der Thür reicht, und erzählt ihr eilig, wie lang ihm sonst der Weg von einem Dorf zum andern in der heißen Sonne geworden. Dann erwacht auch die Begehrlichkeit, die kindische Base jedes Fortschritts. Die Nadel des Schneiders hat viel an neuen Stoffen zu nähen, zwischen den Bauerhäusern stellt der kleine Kaufmann seinen Kram auf, er legt seine Citronen an das Schaufenster, den Tabak in schönen Packeten, und lockende Flaschen mit silbernen Zetteln. Und die Schullehrer in den Dörfern klagen über die Menge der Schüler, ein zweites Schulhaus wird gebaut, eine höhere Classe eingerichtet; in einem Schrank seiner Wohnstube legt der Lehrer die erste Leihbibliothek an, und der Buchhändler in der Stadt übergiebt ihm neue Bücher zum Verkauf. — So wird das Leben des starken Landwirths ein Segen für die Umgegend, für das ganze Land.
Wehe aber dem Landwirth, dem der Grund unter den Füßen fremden Gewalten verfällt! Er ist verloren, wenn seine Arbeit nicht mehr ausreicht, die Ansprüche zu befriedigen, welche andere Menschen an ihn machen. Die Geister der Natur gönnen ihren Segen nur dem, welcher ihnen frei und sicher gegenüber steht, sie empören sich, wo sie Schwäche, Eile und halben Muth ahnen. Keine Arbeit wird mehr zum Heil. Die gelbe Blüthe der Oelsaat und die blaue Blume des Flachses vertrocknen ohne Frucht, Rost und Brand fallen über das Getreide, in tödtlichem Faulfieber schwindet der kleine Leib der Kartoffel; sie alle, so lange an Gehorsam gewöhnt, wissen so bitter jede Nachlässigkeit zu strafen. Dann wird für den Herrn der tägliche Gang durch die Felder ein täglicher Fluch; wenn die Lerche aus dem Roggen aufsteigt, muß er denken, daß die Frucht schon auf dem Halme verkauft ist, wenn das Gespann der Rinder den Klee nach den Ställen fährt, weiß er, daß der Ertrag von Milch und Fleisch schon von fremden Gläubigern gefordert ist, und er muß zweifeln, ob die Fruchtbarkeit, welche seinem Acker durch das Wiederkäuen der eßlustigen Thiere im nächsten Jahr kommen soll, noch ihm selbst zum Vortheil werden wird. Finster, mürrisch, verzweifelt kehrt er nach dem Hofe zurück. Leicht wird er dann seiner Wirthschaft und den Feldern fremd, er sucht jenseit seiner Flur den lästigen Gedanken zu entfliehen, und durch die Flucht beschleunigt er seinen Untergang. Was ihn vielleicht noch retten könnte, ein vollständiges Hingeben an die Arbeit, das wird ihm unerträglich.
Und dreimal wehe dem Landwirth, der übereilt in unverständigem Gelüst die schwarze Kunst des Dampfes über seine Schollen führt, um Kräfte aus ihnen hervorzulocken, die nicht darin leben. Ihn trifft der härteste Fluch, der Sterblichen beschieden ist. Nicht er allein wird schwächer, er macht auch viele Andere schlecht, die er zum Dienst an sein Leben gebunden hat. In dem Schwunge der Räder, die er vorwitzig in seinem Kreis aufstellte, wird zerrissen, was in seiner Wirthschaft noch unversehrt war, die Kraft seines Bodens verzehrt sich in fruchtlosen Versuchen, seine Gespanne erlahmen an schweren Fabrikfuhren, seine ehrlichen Landarbeiter verwandeln sich in ein schmutziges, hungerndes Proletariat. Wo sonst ruhiger Gehorsam wenigstens das Nöthige schuf, wuchert jetzt Hader, Widersetzlichkeit und Betrug. Er selbst ist hineingezogen in die Wirbel lästiger Geschäfte, wie brausende Wellen stürzen die Forderungen auf ihn herein, im verzweifelten Kampf, ein Ertrinkender, sucht er ohne Wahl Hülfe bei Allem, was in den Bereich seiner Hände kommt, und ermattet vom fruchtlosen Ringen sinkt er hinab in die Tiefe.
Auf dem Gut des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei den Nachbarn, seine Heerden waren als kerngesund in der ganzen Landschaft bekannt, Fehljahre, welche Andere niederdrückten, hatten ihm verhältnißmäßig wenig geschadet; jetzt war das Alles wie durch bösen Zauber verändert. In der Rinderheerde brach eine pestartige Krankheit aus, das Getreide stand hoch im Feld, und als die Garben in der Scheuer zerschlagen wurden, waren der Scheffel nur wenige, die er aufschütten konnte. Ueberall war sein Anschlag größer gewesen, als der Ertrag. Zu anderer Zeit hätte er's ruhig überwunden, jetzt machte ihn das krank. Die Ackerwirthschaft wurde ihm verhaßt, er überließ sie ganz dem Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er seine Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rüben zu sehen, auf deren Bau er im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt hatte.
Hinter den Bäumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebäude. Viele Stimmen geschäftiger Menschen schrieen um den neuen Bau durcheinander. Die erste Rübenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten aufgeschüttet. Mit dem nächsten Tage sollten die regelmäßigen Arbeiten in der Fabrik beginnen. Noch immer hämmerte drin der Kupferschmied, an der großen Presse arbeitete der Mechaniker, und emsige Frauen trugen Körbe von Spänen und Kalkbrocken aus den Mauern und säuberten mit Scheuerlappen die Stätte, in der sie fortan handlangen sollten. Der Freiherr stand vor dem Hause; er hörte ungeduldig auf das Klopfen der Hämmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzögert hatten. Von morgen begann für ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte seines Schatzhauses. Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen, in den nächsten Jahren zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann sammelte er Geld. Und während er so dachte, sah er auf seine abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des alten Amtmanns, und eine unbestimmte Furcht schlich wie ein häßliches Insect über die unruhig flatternden Blätter seiner Gedanken. Er hatte Alles auf diesen Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypotheken belastet, daß er sich in diesem Augenblick fragen konnte, wie viel davon noch ihm selbst gehöre, Alles, um durch den erhärteten Saft der Ackerfrucht den Wappenschild seines Geschlechts höher zu stellen. Hüte dich, Freiherr! Und wenn du die weißen Krystalle härtest, daß sie klingen wie Stein, sie halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerfließen im Regen, sie verwittern in der Luft, und was du darauf gegründet, das stürzt in Trümmer.
Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein Anderer geworden. Falten auf der Stirn, zwei mürrische Falten um den Mund und graues Haar an den Schläfen, das waren die ersten Resultate der ewigen Sorge um Capital, um die Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die sonst kräftig aus der Brust geklungen hatte, war scharf und heiser geworden, und eine zornige Hast war in seinen Geberden. Schwere Sorge hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt. Was bei einem großen Bau Mangel an Geld heißt, das Elend hatte er gründlich kennen gelernt. Ehrenthal war jetzt ein regelmäßiger Besucher des Schlosses. Seine Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und Rechnungen gebracht oder Cassenscheine aufgezählt. Seine Hand, die im Anfange so ehrerbietig nach der Tasche griff, war säumig geworden, und nur langsam lösten sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein gebeugter Hals war steif, sein unterwürfiges Lächeln hatte sich in einen trockenen Gruß verwandelt, er schritt jetzt mit prüfendem Blick durch den Wirthschaftshof, und statt der feurigen Lobrede kam mancher Tadel aus seinem Munde. Der demüthige Agent war zum anspruchsvollen Gläubiger herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer steigendem Widerwillen die Ansprüche eines Mannes, den er nicht mehr entbehren konnte. Aber nicht Ehrenthal allein, auch andere fremde Gestalten klopften an das Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen. Die breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem Gasthof des Dorfes auf das Schloß, und jedes Mal, wenn sein schwerer Fuß die Stufen betrat, zog hinter ihm der Mißmuth in das Haus.
Alle Wochen war Ehrenthal auf dem Gute erschienen, jetzt war die schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den Geschäftsmann. Er war verreist, hieß es in der Stadt, und unruhig hörte der Freiherr auf das Geräusch jedes Wagens, ob nicht einer den Säumigen zuführe, den Verhaßten, Unentbehrlichen.
Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schönheit von vollen Formen und hohem Wuchs; daß auch sie von dem Ernst des Lebens berührt war, zeigte das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn warf. »Der Bote bringt die Postsachen,« sagte sie, ein Packet Briefe und Zeitungen überreichend. »Es ist gewiß wieder kein Brief von Eugen dabei.«
»Der hat jetzt Anderes zu thun, als zu schreiben,« antwortete der Vater, aber er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein Schreiben von fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche Eugen eingerückt war. Es war Antons Brief. Schnell öffnete er. Als er in der ehrerbietigen Sprache die gute Meinung erkannt und den Namen Itzig gelesen hatte, verbarg er den Brief hastig in seiner Brusttasche. Die geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz zusammenzog, überfiel ihn wieder und gleich darauf folgte der unwillige Gedanke, daß seine Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde waren. Unbestimmte Warnungen waren das Letzte, was er bedurfte, sie demüthigten ihn nur. Lange stand er in finsterm Schweigen neben der Tochter. Da der Brief aber Nachrichten von Eugen enthielt, so zwang er sich endlich, zu sprechen. »Da hat mir ein Herr Wohlfart geschrieben, der jetzt als Kaufmann jenseit der Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht hat.«
»Er?« rief Lenore.
»Er scheint ein ordentlicher Mann geworden zu sein,« fuhr der Freiherr mit Ueberwindung fort. »Er spricht mit Wärme von Eugen.«
»Ja!« rief Lenore erfreut, »was gewissenhaft und zuverlässig heißt, das lernt man kennen, wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester und der Bruder. Was hat er dir geschrieben, Vater?«
»Geschäftliches, das wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von wesentlichem Nutzen sein kann. Die thörichten Knaben haben irgend ein Geschwätz aus dritter Hand gehört und haben sich um meine Angelegenheiten unnöthige Sorge gemacht.« Und schwerfällig schritt er nach diesen Worten zu seiner Fabrik.
Beunruhigt folgte ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und wandte die Blätter nachlässig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche Anzeige fiel. Eine dunkle Röthe stieg ihm langsam über die Wangen, das Blatt fiel zur Erde, er griff mit der Hand an die Breter eines Wagens und legte seinen Kopf darauf. Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt auf und sah den Namen der polnischen Herrschaft, auf welcher der Vater, wie sie wußte, ein großes Capital stehen hatte. Ein Termin zur Versteigerung der Herrschaft wegen Concurses war angezeigt.
Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein eigenes Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Grunde ruhte, als die letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte er gedacht, ob es nicht thöricht war, Andern in der Fremde sein Geld zu lassen und daheim fremdes nur zu theuer zu bezahlen, immer hatte er eine Scheu davor gefühlt, auch dies runde Capital in seine Unternehmungen zu werfen, er betrachtete es als das Witthum seiner Gemahlin, als das Erbtheil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe gefährdet, die letzte Sicherheit war verschwunden, Alles um ihn wankte. Ehrenthal hatte ihn betrogen, er hatte die Correspondenz mit dem Bevollmächtigten des polnischen Grafen geführt, er hatte ihm am letzten Termin die Zinsen noch vollständig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrenthal wußte von den schlechten Verhältnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm verheimlicht.
»Vater,« rief Lenore, ihn von dem Wagen aufrichtend, »fasse dich, sprich mit Ehrenthal, fahr' zu deinem Anwalt, es wird auch gegen dieses Unglück eine Hülfe geben.«
»Du hast Recht, mein Kind,« sagte der Freiherr mit klangloser Stimme, »noch ist möglich, daß die Gefahr nicht so groß ist. Laß anspannen, ich will nach der Stadt. Verbirg der Mutter, was du gelesen hast, und du, liebe Lenore, begleite mich.«
Als der Wagen vorfuhr, fand er den Freiherrn noch auf derselben Stelle, wo die Nachricht in sein Herz gedrungen war. Schweigend saß er während der Fahrt in eine Ecke gedrückt.
In der Stadt brachte er die Tochter vor sein Quartier, das er immer noch nicht aufgegeben, um seinen Bekannten und seiner Frau nicht den Verdacht zu erwecken, als gehe es mit seinem Vermögen zurück. Er selbst fuhr zu Ehrenthal. Zornig trat er in das Comtoir und hielt dem Händler nach rauhem Gruß das Zeitungsblatt entgegen. Ehrenthal erhob sich langsam und sagte mit dem Kopf nickend: »Ich weiß, der Löwenberg hat deswegen an mich geschrieben.«
»Sie haben mich getäuscht, Herr Ehrenthal,« rief der Freiherr, mühsam nach Haltung ringend.
»Wozu?« erwiederte achselzuckend der Händler, »wozu sollte ich Ihnen verstecken, was doch die Zeitung melden muß? Das kommt vor bei jedem Gut, bei jeder Hypothek. Was ist dabei für ein Unglück?«
»Die Verhältnisse der Herrschaft sind schlecht, Sie haben lange darum gewußt,« rief der Freiherr; »Sie haben mich betrogen.«
»Was reden Sie da von Betrug?« fuhr Ehrenthal zornig auf; »nehmen Sie sich in Acht, daß nicht ein Fremder Ihre Worte hört. Ich habe mein Geld bei Ihnen stehen, wie kann ich ein Interesse haben, Sie kleiner zu machen und größer zu machen Ihre Verlegenheiten? Ich selber stecke darin bei Ihnen so tief,« er wies auf die Stelle, wo bei den Menschen das Herz zu sitzen pflegt. »Hätte ich gewußt, daß diese Fabrik wird fressen mein gutes Geld, ein Tausend nach dem andern, wie ein Thier frißt, das hinten offen ist, ich hätte mich bedacht und Ihnen auch nicht gezahlt einen einzigen Thaler. Ich will mit meinem Gelde füttern eine Heerde Elephanten, aber ich will niemals wieder füttern eine Fabrik. Wie können Sie also sagen, daß ich Sie betrogen habe?« schloß er in steigender Hitze.
»Sie haben um den Concurs gewußt,« rief der Freiherr, »und haben mir verheimlicht, wie es mit dem Grafen steht.«
»Bin ich es gewesen, der Ihnen hat verkauft die Hypothek?« frug der entrüstete Ehrenthal. »Ich habe Ihnen alle halbe Jahre die Zinsen eingezogen, das ist mein Unrecht, ich habe Ihnen außerdem gezahlt noch vieles Geld, das ist mein Betrug.« — Versöhnend fuhr er fort: »Sehen Sie die Sache ruhig an, Herr Baron, ein anderer Gläubiger hat angetragen auf den Verkauf der Herrschaft, die Gerichte haben's uns nicht angezeigt, oder sie haben die Anzeige geschickt an eine falsche Adresse. Was thut's? Sie werden jetzt bekommen nach der Subhastation ausgezahlt Ihr Capital, dann können Sie bezahlen die Gläubiger, die Sie auf Ihrem Gut haben. Es sind, wie ich höre, große Güter bei dieser Herrschaft, und Sie haben nichts zu befürchten für Ihr Capital.«
Mit dieser zweifelhaften Hoffnung mußte sich der Freiherr entfernen. Niedergeschlagen bestieg er seinen Wagen; er rief dem Kutscher: »zum Justizrath Horn!« aber mitten auf dem Wege gab er Gegenbefehl und fuhr nach seinem Quartier zurück. Es war zwischen ihm und dem alten Rechtsfreund eine Kälte eingetreten. Er hatte sich gescheut, diesem seine unaufhörlichen Verlegenheiten mitzutheilen, und war durch einige wohlgemeinte Warnungen desselben verletzt worden, so hatte er oft die Hülfe anderer Juristen in Anspruch genommen.
Itzig war in seinem Zartgefühl aus dem Comtoir gestürzt, als er die Pferdeköpfe des Barons auf der Straße erblickte, jetzt steckte er den Kopf wieder herein. »Wie war er?« frug er Herrn Ehrenthal.
»Wie soll er gewesen sein,« antwortete Ehrenthal unwillig, »er war wie ein Fisch, welcher hat viele Gräten; er hat geschlagen mit seinem Kopf in die Luft, und ich habe gehabt meinen Aerger. Mein Geld habe ich gesteckt in das Gut, und Sorgen habe ich um das Gut, so viel als Haare auf dem Kopfe, weil ich gefolgt bin Ihrem Rath.«
»Wenn Sie denken, daß ein Rittergut Ihnen geschwommen kommt, wie ein Fisch mit dem Wasser, daß Sie nur dürfen ausstrecken die Hand und festhalten, so thun Sie mir leid,« entgegnete Veitel ironisch.
»Was thue ich mit der Fabrik?« rief Ehrenthal, »das Gut ist für mich gewesen zwei Mal so viel werth, ohne den Schornstein.«
»So verkaufen Sie die Ziegeln, wenn Sie den Schornstein erst haben,« versetzte Veitel boshaft. »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich morgen einen Besuch habe von einem Bekannten aus meiner Gegend. Ich kann morgen nicht kommen in Ihr Comtoir.«
»Sie haben in dem letzten Jahr so oft Ihre eigenen Gänge gemacht,« erwiederte Ehrenthal grob, »daß mir nichts daran liegt, wenn Sie auch länger fortbleiben aus meinem Comtoir.«
»Wissen Sie, was Sie gesagt haben?« fuhr Veitel auf. »Sie haben mir gesagt: Itzig, ich brauche dich nicht mehr, du kannst gehen. Ich aber werde gehen, wenn es mir recht ist, und nicht, wenn es Ihnen recht ist.«
»Sie sind ein dreister Mensch,« rief Ehrenthal; »ich will Ihnen verbieten, daß Sie so zu mir reden. Wer sind Sie, junger Itzig?«
»Ich bin der, welcher weiß Ihre ganzen Geschäfte, ich bin der, welcher Sie ruiniren kann, wenn er will, und ich bin der, welcher es gut zu Ihnen meint, besser als Sie selber. Und deßwegen, wenn ich übermorgen in das Comtoir komme, werden Sie zu mir sagen: Guten Morgen, Itzig! Haben Sie mich verstanden, Herr Ehrenthal?« Er ergriff seine Mütze und eilte auf die Straße, dort brach sein unterdrückter Zorn gegen Ehrenthal in helle Flammen aus, er schwenkte heftig die Hände und murmelte drohende Worte. Dasselbe that Ehrenthal in seinem Comtoir.
Der Freiherr fuhr zu seiner Tochter zurück, er setzte sich niedergeschlagen auf das Sopha, und die liebevollen Worte Lenorens gingen ungehört bei seinem Ohr vorüber. Er hatte nichts, was ihn noch in der Stadt zurückhielt, als seine Furcht, der Baronin die traurige Nachricht mitzutheilen. Er brütete über Plänen, wie er den möglichen Verlust überwinden konnte, und malte sich wieder mit den schwärzesten Farben aus, welche Folgen dies Ereigniß haben mußte. Unterdeß saß Lenore schweigend am Fenster und sah hinunter in das Getümmel der Straße, auf die Lastwagen, welche vorüber rasselten, und auf die Ströme geschäftiger Menschen, die auf dem Trottoir dahin zogen, unaufhörlich, ohne Rast, um Verdienst und Genuß. Und während Lenore sich frug, ob wohl Einer von all den Leuten, die vorüber gingen, den heimlichen Kummer, die Furcht, die Muthlosigkeit gefühlt habe, die in den letzten Jahren über ihr junges Herz gekommen war, da sah zuweilen Einer von unten zu den Spiegelfenstern des stattlichen Hauses auf, dann ruhte sein Auge bewundernd auf dem schönen Mädchen, und er beneidete vielleicht das Glück der Vornehmen, die so ruhig von oben herabsehen auf die Leute, die sich um den Verdienst plagen müssen.
So wurde es dunkel auf der Straße, das Licht der Laternen warf einen matten Schein in das Zimmer, Lenore sah auf die Schatten und Lichtstreifen, welche sich an der Stubenwand bewegten, und mit der steigenden Finsterniß vergrößerte sich das Bangen in ihrer Brust. Vor der Hausthür aber standen zwei Männer in eifrigem Gespräch, der eine trat in das Haus, die Klingel wurde gezogen, ein schwerer Tritt schallte im Vorzimmer. Der Bediente trat ein und meldete Herrn Pinkus. Bei dem Namen fuhr der Freiherr auf, forderte Licht und eilte in das Nebenzimmer.
Der Herbergsvater trat bei dem Freiherrn ein und neigte einige Mal seinen großen Kopf, beeilte sich aber nicht, zu sprechen; der Freiherr stützte sich auf die Tischplatte, wie Einer, der bereit ist, Alles zu hören. »Was bringen Sie mir so spät?«
»Der Herr Baron weiß, daß morgen der Wechsel fällig ist mit zehntausend Thalern.«
»Können Sie nicht erwarten, daß ich Ihnen bei der Verlängerung Ihre zehn Procent einrechne?« frug der Freiherr mit Verachtung. »Ich glaubte erst morgen das Rechenexempel machen zu müssen.«
»Da es Ihnen nicht recht ist, das Exempel zu machen,« erwiederte Pinkus, »so bestehe ich nicht darauf. Ich komme Ihnen anzuzeigen, daß ich plötzlich in die Lage gekommen bin, Geld zu brauchen; ich werde Sie morgen bitten um die zehntausend.«
Der Freiherr trat einen Schritt zurück. Das war der zweite Schlag, und dieser traf sein Leben. Er hatte geahnt, daß noch etwas kommen würde, ihn zu zermalmen; jetzt wußte er genau, daß Alles unnütz war, was er noch sagen konnte. Sein Gesicht war fahles Gelb, als er mit heiserer Stimme begann: »Wie können Sie diese Forderung stellen, nach dem, was wir mit einander besprochen haben? Wie oft haben Sie mir betheuert, daß diese Wechselform nichts als eine leere Förmlichkeit sei?«
»Es ist gewesen bis heut eine Förmlichkeit,« sagte Pinkus, »jetzt wird's ein Zwang. Ich habe morgen zu zahlen zehntausend Thaler an einen Mann, dem ich verpflichtet bin.«
»Dann sprechen Sie mit dem Mann,« sagte der Freiherr, »ich bin bereit, Ihnen neue Zugeständnisse zu machen, ich bin aber jetzt außer Stande, zu zahlen.«
»Dann, Herr Baron, thut mir's leid, Ihnen zu sagen, daß man gegen Sie verfahren wird nach Wechselrecht.«
Der Freiherr schwieg und wandte sich ab.
»Wann darf ich morgen wiederkommen nach meinem Geld?« frug Pinkus.
»Um diese Stunde,« erwiederte eine Stimme, welche hohl klang, wie die Stimme eines Greises. Mit einem neuen Kopfnicken entfernte sich Pinkus, der Freiherr wankte in sein Zimmer zurück. Sein Kopf sank auf die Lehne des Sophas herab, erstarrt dachte er an das, was jetzt kommen mußte. Lenore kniete neben ihm nieder, sie faßte sein Haupt und legte es auf ihre Schulter, sie nannte ihn mit den zärtlichsten Namen und flehte ihn an, doch wieder zu sprechen. Er hörte nichts und sah nichts, in ihm schlug es wie mit einem Hammer immer stärker und schneller. Die hohlen Gebilde von buntem Glas, die er sich ausgeblasen hatte, zersplitterten in Scherben, er ahnte jetzt die schreckliche Wahrheit, er war ein ruinirter Mann.
So saß er bis zum späten Abend, die Tochter brachte ihn endlich dazu, einen Schluck Wein zu trinken und an die Heimkehr zu denken. »Ja, fort von hier,« rief er, »in's Freie.« Sie fuhren ab. Als die Bäume der Landstraße bei ihm vorbeiflogen, und die frische Luft in sein Gesicht schlug, kam seine Seele wieder in Spannung. Diese Nacht und der ganze nächste Tag gehörten ihm, in dieser Zeit mußte sich Hülfe finden. Es war nicht die erste Verlegenheit, die er empfand, und er hoffte jetzt sogar, es werde nicht die letzte sein. Er war diese Wechselschuld von ursprünglich siebentausend und einigen hundert Thalern eingegangen, weil der Schurke, der ihm heut das Geld kündigte, vor einigen Jahren zu ihm gekommen war und ihm das Geld angeboten, ja aufgedrängt hatte, zuerst mit den niedrigsten Zinsen. In dem sichern Muth eines glücklichen Unternehmers hatte er das Geld angenommen. Es hatte einige Wochen müßig dagelegen, dann hatte er es angegriffen, und Schritt vor Schritt hatte der Gläubiger seine Forderungen gesteigert bis zum Solawechsel und einem übermäßigen Zinsfuß. Jetzt trotzte der Schurke. War er wie die Ratte, welche den bevorstehenden Untergang des Schiffes merkt und sich zu retten sucht? Der Freiherr lachte auf, daß Lenore zusammenfuhr — aber er war nicht der Mann, sich widerstandslos dem Gauner in die Hände zu geben, er wußte, die Nacht und der nächste Tag mußten ihm Hülfe bringen. Ehrenthal konnte ihn nicht im Stiche lassen.
Er fühlte die Nothwendigkeit, sich zu beherrschen, er gewann es über sich, mit seiner Tochter wieder von gleichgültigen Dingen zu sprachen. »Es sind unangenehme Geschäfte, die sich jetzt drängen,« sagte er, »und ich bin durch die vielen Ansprüche, welche man in der letzten Zeit an mich gemacht hat, auch körperlich angegriffen. Es wird vorübergehen, mein Kind. Jedem Unternehmer kommt solche Zeit; ist die Fabrik erst im Gange, so ist das Aergste überstanden.«
Es war Nacht, als sie nach Hause kamen, der Freiherr eilte auf sein Zimmer. Er legte sich zu Bett, aber er wußte, daß das eine Scene war, die er nur seinem Bedienten vorspielte; das war wieder eine Nacht, wo der Schlaf sein Haupt nicht berühren sollte. Vom Thurme der Dorfkirche schlug eine Stunde nach der andern, der Freiherr zählte jeden Schlag, und nach jeder Stunde pochte das Blut stürmischer in seinen Adern, und heißer wurde seine Angst. Wo war Rettung? Es gab für ihn keine andere, als Ehrenthal. Aller Widerwille, den er dagegen empfand, morgen als Bittender vor diesen Mann zu treten, floß dahin mit dem Fieberschweiß, der von seiner Stirn rann. So lag er und rang die Hände; und wenn der Schlummer, das stille Kind der Nacht, sich seinem Lager näherte, immer erhob sich das graue Gespenst der Angst neben seinem Haupt und trieb mit drohender Geberde den hülfreichen Gott aus seiner Nähe. Gegen Morgen erst verlor er die Empfindung seines Elends.
Schneidende Mißtöne drangen aus dem Hofe in sein Zimmer und weckten ihn; die Arbeiter der Fabrik zogen mit der Dorfmusik unter sein Fenster und brachten ihm ein Ständchen. Zu anderer Zeit hätte er sich über den gutwilligen Eifer gefreut, heut hörte er nur die unreinen Klänge, und sie quälten ihn. Hastig kleidete er sich an und eilte in den Hof. Sein Haus war bekränzt, die Arbeiter hatten sich vor der Thür aufgestellt, sie empfingen ihn mit lautem Zuruf, er mußte den Mund aufthun und ihnen sagen, daß er sich dieses Tages freue und daß er viel Gutes von ihm erwarte, und während er sprach, fühlte er, wie unwahr seine Worte waren und wie gebrochen sein Muth. Er ließ anspannen, ehe er noch seine Frau und Tochter begrüßt hatte, und jagte wieder der Stadt zu. Er stand in Ehrenthals Hause und schüttelte an der Thür des Comtoirs; noch war die Thür verschlossen, sein Diener mußte den Händler vom Frühstück herunter holen.
Unruhig über das Außerordentliche des frühen Besuchs erschien Ehrenthal, er hatte sich diesmal nicht beeilt, den alten Schlafrock auszuziehen. Der Freiherr trug sein Anliegen so kaltblütig vor, als ihm nach der schlaflosen Nacht möglich war. Ehrenthal gerieth in die größte Entrüstung. »Dieser Pinkus,« rief er einmal über das andere, »er hat sich unterstanden, Ihnen Geld zu borgen gegen einen Wechsel! Wie kann er Ihnen borgen eine so große Summe? Der Mann hat keine zehntausend Thaler, er ist ein kleiner Mann ohne Mittel.« Der Freiherr gestand, daß die Summe ursprünglich geringer gewesen war, aber dies Geständniß steigerte die Unruhe Ehrenthals.
»Von sieben zu zehn,« rief er und rannte heftig auf und ab, daß der Schlafrock um ihn flog, wie die Flügel einer Eule. »Fast dreitausend Thaler hat er gewonnen! Ich habe immer ein schlechtes Zutrauen zu diesem Menschen gehabt, jetzt weiß ich, was er ist! Er ist ein Spion, ein Achselträger, der auf zwei Schultern trägt! Er hat auch nicht gegeben die siebentausend, sein ganzer Kram ist nicht siebentausend werth.«
Die starke Entrüstung des Händlers warf einen Freudenschimmer in die Seele des Freiherrn; wie Unrecht hatte er dem Mann oft in seinen Gedanken gethan! »Auch ich habe Ursache, den Pinkus für einen gefährlichen Menschen zu halten,« sagte er.
Aber diese Beistimmung gereichte dem Freiherrn zum Unheil, der Zorn Ehrenthals wandte sich jetzt gegen ihn. »Was rede ich von dem Pinkus,« schrie er; »er hat gehandelt, wie ein Mensch von seiner Art handeln muß. Aber Sie, der Sie sind ein Edelmann, wie haben Sie in solcher Weise an mir handeln können? Sie haben hinter meinem Rücken mit einem Andern Geschäfte gemacht und haben ihn in kurzer Zeit verdienen lassen drei von sieben auf Wechsel. Auf Wechsel,« fuhr er fort; »wissen Sie, was das heißt, ein Wechsel?«
»Ich wünschte, daß die Schuld nicht nöthig gewesen wäre,« sagte der Freiherr; »da aber heut der Verfalltag ist, und der Mann in eine Verlängerung nicht willigt, so müssen wir versuchen, Zahlung zu schaffen.«
»Was heißt wir!« fuhr Ehrenthal zornig auf; »Sie müssen Zahlung schaffen, sehen Sie zu, wie Sie Geld schaffen für den Mann, dem Sie dreitausend haben geschrieben in seine Tasche. Sie haben mich nicht gefragt, als Sie ausgestellt haben den Wechsel, Sie brauchen mich nicht zu fragen, wie Sie werden zahlen das Geld.«
In dem Freiherrn lagen Angst und Zorn im Kampfe. »Mäßigen Sie Ihre Sprache, Herr Ehrenthal,« rief er.
»Was soll ich mich mäßigen,« schrie der Händler; »Sie haben sich nicht gemäßigt und der Pinkus hat sich nicht gemäßigt, ich will mich auch nicht mäßigen.«
»Ich werde wiederkommen,« sagte der Freiherr, »wenn Sie die Haltung gewonnen haben, die ich mir gegenüber unter allen Umständen erbitten muß.«
»Wenn Sie Geld von mir wollen, so kommen Sie nicht wieder, Herr Baron,« rief Ehrenthal. »Ich habe kein Geld für Sie; lieber will ich werfen die Thaler auf die Straße, als Ihnen noch zahlen einen einzigen in Ihr Gut.«
Der Freiherr verließ schweigend das Zimmer. Sein Elend war groß, er mußte das Gezänk des gemeinen Mannes ertragen. Jetzt fuhr er in der Stadt bei seinen Bekannten umher und stand die Qual aus, alle Stunden von Neuem um Geld zu bitten und immer abschlägige Antwort zu erfahren. Zum Mittag war seine Kraft gebrochen. Er kehrte in sein Quartier zurück und überlegte, ob er noch einmal zu Ehrenthal gehen, oder ob er die Zahlung des Wechsels wegen wucherischer Zinsen verweigern solle. Da schlich der in sein Haus, welcher bis dahin sein Leben in weitem Kreise umlauert hatte, er, der künftige Besitzer des Gutes, der Erbe der Rothsattel. Der Freiherr wunderte sich, als eine fremde Gestalt, die er kaum ein oder das andere Mal gesehen hatte, in sein Zimmer trat, ein hageres Gesicht von röthlichem Haar eingefaßt, zwei verschmitzte Augen, und um den Mund ein grotesker Zug, wie man ihn auf den lachenden Larven des Carnevals sieht.
Veitel verneigte sich tief und begann: »Gnädigster Herr Baron, haben Sie die Gewogenheit, zu verzeihen, daß ich mit meinem Geschäft zu Ihnen komme. Ich habe den Auftrag von Herrn Pinkus, das Geld einzucassiren für den Wechsel. Ich wollte Sie unterthänigst fragen, ob Sie vielleicht so gnädig sein wollen, mir zu zahlen das Geld.«
Der finstere Ernst der Stunde ging dem Freiherrn verloren, als er die lange Gestalt sah, welche sich krümmte, Gesichter schnitt und in possenhafter Artigkeit zu vergehen bemüht war. »Wer sind Sie?« frug er mit der Würde eines großen Herrn.
»Veitel Itzig ist mein Name, gnädiger Herr, wenn ich mir erlauben darf, Ihnen das zu melden.«
Der Freiherr fuhr zusammen, als er den Namen Itzig hörte. Das war der Mann, vor dem er gewarnt war, der Unsichtbare, Erbarmungslose. Wieder schnürte ihm die Angst das Herz zusammen.
»Ich war bis jetzt Buchhalter bei Ehrenthal,« fuhr Itzig bescheiden fort. »Aber der Ehrenthal wird mir zu groß; ich habe geerbt ein kleines Vermögen, ich habe es übergeben dem Pinkus in sein Geschäft. Jetzt bin ich dabei, mich selbst zu etabliren.«
»Sie können das Geld jetzt nicht bekommen,« erwiederte der Freiherr ruhiger. Diese hülflose Gestalt konnte schwerlich ein gefährlicher Gegner sein.
»Ausgezeichnet,« sagte Veitel, »es ist mir eine Ehre, zu hören von dem gnädigen Herrn, daß Sie mir's zahlen werden im Nachmittag. Ich habe Zeit.« — Er zog eine silberne Uhr heraus. — »Ich kann warten bis gegen Abend. Und damit ich den Herrn Baron nicht incommodire durch Wiederkommen zu einer Stunde, wo ich Ihnen nicht recht bin, oder wo Sie nicht zu Hause sind, so will ich mir die Freiheit nehmen, mich zu stellen auf Ihre Treppe. Ich kann stehen,« sagte er, als wolle er eine Einladung des Freiherrn, sich auf die Treppe zu setzen, im Voraus ablehnen. »Ich halte aus bis heut Abend um fünf. Der gnädige Herr braucht sich meinetwegen gar nicht zu geniren.« Durch die demüthige Fratze Veitels klang es wie Hohn, dem Freiherrn fiel das Schreckliche der Stunde von Neuem auf das Herz. Veitel ging mit Verbeugungen an die Thür und zog sich wie ein Krebs aus der Stube zurück. Da rief der Freiherr ihn zurück. Wie festgezaubert blieb er in gekrümmter Stellung stehen. Er sah in diesem Augenblick vollständig aus, wie ein etwas schwacher und wunderlicher Mensch. Der warnende Brief hatte dem armen Teufel von Buchhalter zur Last gelegt, was vielleicht Ehrenthal selbst gesponnen hatte. Jedenfalls war mit diesem Manne bequemer zu verkehren, als mit einem andern.
»Können Sie mir angeben,« frug der Freiherr mit innerer Ueberwindung, »wie ich Ihnen für Ihre Forderung Deckung geben kann, ohne daß ich heut oder in diesen Tagen die Summe auszahle?«
Veitels Augen blitzten wie die eines Raubvogels, aber er schüttelte den Kopf, und zuckte lange mit den Achseln, während er sich den Schein gab, nachzudenken. »Gnädigster Herr Baron,« sagte er endlich, »vielleicht giebt es ein Mittel, das letzte Mittel. Sie haben eine Hypothek von zwanzigtausend Thalern auf Ihrem Gute, welche Ihnen selber gehört und welche bei Ehrenthal im Comtoir liegt. Ich will machen, daß der Pinkus Ihnen läßt die Zehntausend, und will Ihnen noch schaffen zehn, wenn Sie meinem Freunde cediren diese Hypothek.«
Der Freiherr horchte auf. »Wahrscheinlich wissen Sie nicht,« entgegnete er streng, »daß ich das Instrument bereits an Ehrenthal cedirt habe.«
»Verzeihen Sie, gnädiger Herr, das haben Sie nicht gethan, es ist keine gerichtliche Cession vorhanden.«
»Aber mein schriftliches Versprechen,« sagte der Freiherr.
Veitel zuckte die Achseln: »Wenn Sie versprochen haben, dem Ehrenthal zu stellen eine Hypothek für sein Geld, warum muß es gerade sein diese? Und was brauchen Sie eine Hypothek für Ehrenthal? In diesem Jahre erhalten Sie Ihr Capital, das Sie haben auf der Herrschaft bei Rosmin, dann können Sie ihn bezahlen mit baarem Geld. Bis dahin lassen Sie ruhig die Hypothek in seinen Händen, es braucht kein Mensch zu wissen, daß Sie uns gemacht haben eine Cession. Wenn Sie die Gnade haben wollen, mit mir zu gehen zu einem Notar und meinem Freunde vor diesem die Hypothek zu verschreiben, so schaffe ich Ihnen noch heute zweitausend Thaler, und an dem Tage, wo Sie das Instrument legen in unsere Hände, zahle ich Ihnen den Rest.«
Der Freiherr hatte sich gezwungen, diesen Antrag mit einem Lächeln anzuhören. Endlich sagte er kurz: »Was Sie mir vorschlagen, kann ich nicht annehmen, denken Sie an einen andern Ausweg.«
»Es giebt keinen,« sagte Veitel, »aber es ist erst Mittag, ich kann warten bis um fünf.« Er machte wieder seine tiefen Bücklinge und wandte sich an der Thür noch einmal um. »Was Sie, gnädiger Herr, jetzt von Geld brauchen,« sagte er ernst, »das sind nicht die zehntausend Thaler allein; Sie werden in den nächsten Monaten noch nöthig haben eben so viel für Ihre Fabrik, und um zu retten Ihr Capital auf der polnischen Herrschaft. Wenn Sie mir cediren die Hypothek, haben Sie das ganze Geld. Und noch eine Bitte habe ich an meinen gnädigen Herrn: Geruhen Sie, nicht gegen Ehrenthal zu sprechen von unserm Geschäft; er ist ein harter Mann und würde mir schaden mein Leben lang.«
»Seien Sie ohne Sorge,« sagte der Freiherr mit einer verabschiedenden Handbewegung. Veitel entfernte sich.
Der Freiherr ging mit großen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige Mann ihm vorgeschlagen hatte, wühlte sein Inneres auf. Ja, es war Rettung für ihn aus dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er konnte darauf nicht eingehen, das verstand sich von selbst. Er war lächerlich, der ihm den Antrag machte, und man konnte ihm nicht einmal zürnen, er verstand's nicht anders. Aber der Freiherr hatte sein Wort verpfändet, er durfte an die Sache gar nicht mehr denken.
Und doch, wie gering war für ihn die Gefahr. Die Documente blieben ruhig in Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt, dann zahlte er die Summe baar an Ehrenthal und löste seine Documente ein. Kein Mensch durfte etwas von dem Geschäft erfahren, und wenn es zum Schlimmsten kam, so ließ er eine neue Hypothek für Ehrenthal auf sein Gut ausfertigen, er bewilligte ihm noch eine Entschädigung, und der Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den Gedanken von sich ab, und unaufhörlich kam er zurück. Es schlug eins, es schlug zwei Uhr; er klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug gelegentlich, ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab, ohne ihn anzusehen, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit abgezogenem Hut neben ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren solle, da erst fiel ihm ein, daß er es selbst nicht wußte. »Zu Ehrenthal!« sagte er endlich.
Ehrenthal hatte unterdeß einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flößte ihm den Argwohn ein, daß außer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron speculire. Er schickte zu Pinkus, überschüttete diesen mit Vorwürfen und suchte auf jede Weise zu erfahren, woher das Capital gekommen sei. Pinkus aber war auf's Beste geschult, er zeigte eine eherne Stirn und war grob. Darauf schickte Ehrenthal nach Itzig. Itzig war nirgend zu finden.
So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr, er wußte am besten, daß diese neue Schuld nicht nöthig war, um den Edelmann im ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und zürnte ihm deshalb als einem Thoren, der sich eine so unnöthige Verlegenheit bereitete. Und er sagte ihm mit dürren Worten, daß der Tag gekommen sei, wo die Geldzahlungen aufhören müßten. Es gab wieder eine heftige Scene, der Freiherr ging erbittert aus dem Comtoir, setzte sich in seinen Wagen und beschloß, noch einen letzten Versuch bei einem früheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.
Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartiere ankam. An der Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorübereilenden eine tiefe Verbeugung machte und ruhig stehen blieb. Die Kraft des Freiherrn war erschöpft. Er setzte sich in die Sophaecke, wie am Tage zuvor, und starrte vor sich hin. Es gab keine Rettung, das wußte er jetzt genau, keine andere als die, welche dort unten im Schatten des Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wüsten Abspannung erwartete er, was kommen würde. Unthätig, ohne sein Haupt von der Lehne zu erheben, hörte er die Viertelstunden von vier zu fünf schlagen. Wieder schlug es in seinem Haupt, wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem Augenblick näher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag der fünften Stunde war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte, der Freiherr erhob sich von seinem Sitz. Itzig öffnete die Thür und hielt zwei Papiere in der Hand.
»Ich kann nicht zahlen,« rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme entgegen.
Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: »Hier ist der Entwurf zu einem Vertrage.«
Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehen: »Kommen Sie zu einem Notar!«
Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schloß seiner Väter zurückkehrte. Das bleiche Mondlicht glänzte auf den Thürmchen und den Vorsprüngen des Baues, schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche den Grund des Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das Haus war das Gesicht des Mannes, der sich in dem Wagen zurücklehnte und die Lippen zusammenpreßte, als Einer, der nach einem langen Kampfe zur Entscheidung gekommen ist. Er sah gleichgültig auf das Wasser, auf die Mauern seines Hauses und auf das kalte Mondlicht am Dach, und doch war ihm lieb, daß die Sonne nicht schien, und daß er das Haus seiner Väter nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er mühte sich, in die Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er überlegte alle Vortheile, die er von seiner Fabrik haben mußte, er dachte hinein bis in die Zeit, wo sein Sohn hier wohnen würde als ein befestigter reicher Mann, ohne die Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen Geldleuten geführt und sein Haar gebleicht hatten. Er dachte an Alles, aber auch die liebsten seiner Gedanken waren ihm gleichgültig geworden, und er mußte sich zwingen, sie festzuhalten. Er stieg ab und griff nach der gefüllten Brieftasche, bevor er seiner Gemahlin die Hand reichte und Lenore mit einem Kopfnicken grüßte, welches ihren ängstlichen Blick beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und es gelang ihm, Scherze über den unruhigen Tag zu machen; aber er fühlte, daß etwas zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand faßten, so zuckte er leise, als müsse er die Hand zurückziehen. Und wenn seine Frau ihn zärtlich ansah, da lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im größten Leid als auf die letzte Hülfe hingesehen hatte, jetzt etwas, das er nicht ertragen konnte, und er schlug das Auge zu Boden. Er schritt zu der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft des Herrn warteten, und erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen zusammengesetzt über der Thür brannte, darüber die siebenzinkige Krone seines Geschlechts; und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die Seele.
Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tänze. Sie spielte auch denselben Marsch, unter dem er einst mit dem Regiment oft vor seinem alten General vorbeimarschirt war, der den jungen Offizier wie ein Vater geliebt hatte. Er dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers und an seine Kameraden, er dachte auch an ein Ehrengericht, das die Offiziere des Regiments einst über einen Unglücklichen gehalten hatten, der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und gebrochen. Er ging in sein Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster wurde und er nichts mehr von Allem sah, nicht sein Schloß und seine Fabrik, nicht den prüfenden Blick seiner Frau. Und wieder hörte er auf dem Lager eine Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage mußte er denken: »Es giebt jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar dasselbe gethan hat, was damals einen Jüngling dazu brachte, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Hier liegt der Mann und kann nicht schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen hat.«