11. Kapitel.

Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen. Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen. Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird.

Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück, und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und armselig flackerte, – mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle Kräfte in seinem Innern regen.

Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.

Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen.

Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der Schlachten mischen, – bis die letzte Brust durchschossen, das letzte Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem Joch himmelwärts trügen.

Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes weiter annehmen.

Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen.

Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen. Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten. Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden.

So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie die Schwere der Krankheit erkannte.

Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt, war das Kind von rührender Zärtlichkeit.

Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe.

Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit diesen Geschäften.

***

Es war an einem der mittleren Apriltage.

Elisabeth war am Vormittag – seit langer Zeit zum ersten Mal – auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen.

Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.

Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen. Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen, kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas. Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe.

***

Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.

Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit zurückzukehren.

Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien, und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden, sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern. In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern, aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens gekommen sei.

Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem von ihnen, den Kleinen wie den Großen.

Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach, daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter willen von ihrer Genesung redete.

Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden. Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich, nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben unaufhörlich fieberhaft gerötet.

Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen.

Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl, Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die gesprochenen Worte.

Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der Ausdruck unsagbarer Angst getreten.

Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken. Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter, glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar und Wangen.

Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in wenigen Stunden wieder zu trennen.

Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:

»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen, spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach, laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein Bernhard, – – ich habe Dich lieb!«

Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte seinen Körper wie im Fieber.

Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick in die Augen und sprach:

»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes Mädchen!«

Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in der Spanne vieler Jahre beschieden ist.

Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden – – –

***

Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen.

Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe, deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen – ohne aufwallende Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin hinieden gefunden hatten.

Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, – und der Platz an der Tür war leer.

Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach mit versagender Stimme:

»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!«

***

Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends.

Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen. Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde.

Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte. Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen.

Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.

Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin, daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien. Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde.

Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan, in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen auf sie.

Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder, währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging.

Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen.

Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in gedämpftem Tone:

»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch mit etwas helfen?«

Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende und antwortete mit Anstrengung:

»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, mit mir gehts zum Ende.«

Und wieder kreisten rastlos die Augen.

Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die Hände fest ineinander und dachte daran, ob der Kranke daheim auch eine Mutter habe.

Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und und sagte mit abgerissenen Worten:

»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu mir gesandt, daß Ihr mir eine fürchterliche Last von der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es eine Sünde in der Welt, die nicht verziehen werden kann?«

Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete:

»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von sich gehen!«

Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte:

»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann Gott mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr Kind sie – verriet?«

Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem weichesten Tone:

»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.«

Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme:

»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter, die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.

Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline, meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen entgelten zu lassen.

Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt zu haben.

Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter meiner jungen Frau.

Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen. Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe, und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal ist unerbittlich grausam!«

Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf unter dem gewaltigen Schmerz, der seine Seele erfüllte.

Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. Mit ungeheuerer Anstrengung richtete er sich in den Kissen auf und lenkte die bereits verglasenden Augen von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief gebeugte Weib.

»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt Ihr, wird sich meine Mutter meines armen Weibes und seines Kindes in Liebe erbarmen?«

Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte hielt er sich auf den Ellenbogen gestützt aufrecht und sah forschend der Freihoferin ins Gesicht. Diese aber rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern.

»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der Atem drang pfeifend aus seinem Munde, während den abgezehrten Körper heftige Fieberschauer erzittern ließen. »Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’ ich Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!«

Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte sie regungslos.

Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. Mit übermenschlichem Willen widerstand er der Schwäche und stieß hervor:

»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht habt auch Ihr ein Kind, dem einstmals ein Mensch das Sterben mit ein paar Worten erleichtern könnte – – –«

In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin rasch über den Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher Stimme:

»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen erbarmen, mein Sohn!«

Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und drohend entfuhr es den blutlosen Lippen:

»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten? Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat – – –«

Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle:

»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!«

Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.