12. Kapitel.

Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert, die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.

Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen.

Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; – ein Knirschen und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark gerötet, trat der Freihofer zurück.

Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter angerührt.

Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde gehen.

Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre.

Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte, anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.

Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand.

Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde.

Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr:

»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen? Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr verdientet mein Vertrauen nicht.«

Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.

Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater, dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit. Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden.

Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt.

»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir schlägt!«

Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben.

Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend, mit leise zitternder Stimme:

»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.«

Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute Abend nach dem Rechten zu sehen.

Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor Wut sinnlos.

»Bauer! –« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder es gibt ein Unglück – –!«

Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand er vor dem Wütenden.

Da zuckte Lehnhardts Faust, – in demselben Augenblick fuhr Max herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der Peitschenriemen um seinen Körper.

Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten, wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung ihrer Stützen beraubt, – gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens- und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild.

So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen –, damit hatte ihm der Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt. Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten. In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den Peitschenstock zurück, – da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm.

Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah, warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den Stall zurück.

Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ, ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.

***

Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den fehlenden Verwalter zu ersetzen.

Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen erwartete.

Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz.

»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr gekommen – –«

»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.«

Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu sprechen.

Endlich schob die Mutter den Teller zurück und erhob sich, um ihren allabendlichen Platz am Krankenbett einzunehmen.

Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und stieß heraus:

»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom Hofe weisen müssen.«

Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und schaute schweigend in die Dunkelheit hinaus. Bei des Sohnes Worten wandte sie sich langsam um und versetzte:

»Ich habe es gehört.«

»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich über ihn sehr ärgern mußte. Er hat viel Gutes, aber sein Wesen gefiel mir trotz alledem nicht. Er wollte nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher erst erfuhr ich’s. Aber man kann ja nicht überall sein. Ich werde ihn in der ersten Zeit recht vermissen, dann wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du darüber?«

»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die Freihoferin kurz.

In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, und er wäre gern aufgefahren, aber es war ja seine Mutter die so sprach, und er hatte es von Jugend auf nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen sie aufzulehnen. Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung und sagte nur:

»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn fortschicken.«

»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es zurück.

Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und sein Ton hatte einen schlecht unterdrückten, scharfen Klang, als er hervorstieß:

»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!«

»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht gegen seinen Herrn auflehnen,« lautete die rasche Antwort.

Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend sah er ihr ins Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Da wandte sich der junge Freihofer ab und verließ das Zimmer.

Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster stehen und blickte sinnend durch die Scheiben. Mit einem Male stieß sie das Fenster hastig auf und rief den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, der schon seit länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe war.

»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt in halblautem Tone. Der Angerufene sah sich um und kam herbei.

»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für den Mai?« fragte sie leise.

»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den Mai, Bäuerin? Nein, wir sind ja noch im April.«

»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte die Greisin. Darauf schloß sie das Fenster wieder und der Knecht lief den Weg zurück. In demselben Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke biegen wollte, klang es hinter ihm her:

»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan nicht mehr ein Quart, sondern einen Halben Kartoffeln und anstatt der einen Speckseite zwei!«

Klirrend schloß sich das Fenster.

Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die Augen dorthin gerichtet, wo die Gestalt der Freihoferin eben verschwunden war. Endlich ging er davon, sein Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend.

***

Einige Tage waren darüber hingegangen. Der Regen floß in Strömen vom Himmel herab, und Max, dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war, war gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am Nachmittag mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der Regen hatte endlich aufgehört, und ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die Fensterscheiben klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, als sich die Tür auftat und Pastor Reinerz ins Zimmer trat.

Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer leichten Verlegenheit nicht erwehren, denn er meinte zu erraten, was diesen zu ihm führe.

»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte Herr nach einem warmen Händedruck, und noch bevor Max ihm geantwortet hatte, schob er sich einen Stuhl näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher Dreinschauenden.

»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser geht als ich zu hoffen wagte, und nun wollte ich an der Tür nicht vorübergehen, ohne Euch einen Gruß gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen begann.

»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns allen voraus hat. Sie ist nämlich einer jener seltenen Menschen, die keinen Feind haben,« plauderte der Greis.

»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete Max. »Ich wüßte auch wahrhaftig nicht, wer dem Kinde gram sein sollte.«

»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem solches zutrifft,« sprach Reinerz und strich liebkosend mit den Fingern die weißen Fäden des langen Bartes. »Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das ist nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, denen die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit beschert werden. Es ist ein nur Wenigen beschiedenes Glück, sagen zu können: ich besitze keinen Widersacher.«

»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde. Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.«

»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein, an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen. Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«

Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:

»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz auch schon erwartet.«

Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den Schreibtisch.

»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«

Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr es Max heraus:

»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen. Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas anderem sprechen wolltet.«

Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder:

»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«

»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach Max ungeduldig den Sprecher. Doch ließ sich dieser nicht beirren, sondern fuhr fort:

»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die sonst immer im festen Zügel liegt, nicht einmal durchbricht und ihres Meisters spottet. Du lieber Gott, es ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil über den Temperamentvollen. Eins aber muß man von dem Mann fordern dürfen: daß er dann, wenn die Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich lud, wieder einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und tätet gut, wenn Ihr mit mildem Auge die Schuld des Andern betrachten wolltet.«

Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld verbergen können. Jetzt erhob er sich hastig, trat einen Schritt zurück und sprach in entschiedenem Tone:

»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es als Eure Aufgabe betrachtet zu schlichten, wo Streit entbrannt ist. Es gibt aber keine Streitenden, wo das sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn gezüchtigt werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, daß Ihr auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, bevor mich der gerechte Zorn übermannte.«

Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und sprach:

»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt zu finden. Seht, Max, ich bin ein alter Mann, der in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf gewesen ist. Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn die kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es Euch nicht möglich, das Unrecht, soweit es Euch trifft, wieder gut zu machen?«

Da begehrte Max heftig auf:

»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging ich denn?«

»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, so daß er sich vergaß und daß Ihr Euch vom Zorn hinreißen ließet.«

»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den Arm erhob gegen seinen Herrn.«

»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,« versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt. Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung, gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der Unredlichkeit verdächtigt – –«

»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.«

»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis.

»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer herrisch.

Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu, daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden Schmerz mit sich gebracht haben würde.