13. Kapitel.
Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden Reiter zu sehen.
Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen. Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber:
»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«
»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.«
Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein Pferd heran und blieb vor jenem halten.
Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:
»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«
Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete:
»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«
Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.
»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte, einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen müsse.«
Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander, daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben herab, während er den Blick zu Boden richtete.
Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten:
»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.«
Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:
»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab und laßt Euch zu essen geben.«
Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof.
***
In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen sprach ein Wort.
Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die Wange des Mädchens.
»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die Hand mit dem Papier hoch auf.
Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:
»Max, lieber Max, wäre es möglich?«
Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen:
Meine inniggeliebte, süße Braut!
Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu sagen. – Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen. Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein freudenloses Leben gewesen –! Mein letzter Herzschlag gehört Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges Wiedersehen, mein süßes Lieb, – – über den Sternen!
Dein bis in den Tod getreuer
Bernhard von Friesen.
Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder, ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach:
»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!«
Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen – – –
Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog.
»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.«
Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß:
»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter, wenn die beiden glücklich werden könnten – –«
Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus. Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte. Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat:
»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«
Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen.
Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne umfangen hatte.
Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag.
Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton von der Kirche her die Mitternachtstunde.
Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten, unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer.
Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte.
»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme. Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und des Friedens.
***
Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die, wie er deutlich empfand, furchtbar litt.
So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die Gegenwart des andern als Trost empfindend.
Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb dicht vor der Greisin stehen.
Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene in bittendem Tone:
»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen. Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige Wunde geschlagen.«
Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte. Dann fuhr er fort:
»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen. Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander. Und so bitte ich Dich denn, Base, – – gib Frieden! Laß Ruhe einziehen in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz. Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines Kindes!«
Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter. Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten, die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach Versöhnung jäh heraufkommen ließen?
Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer unverwandt zu Boden.
Da wurde der alte Freiherr weich.
»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen errichten. Gib Frieden, Constanze!«
Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend.
Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde hartnäckig vor sich nieder.
Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach:
»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen, denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr die Kraft, die Bitte auszusprechen – –«
Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein, denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren.
Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten. Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor bezwungenem Unmut als er wieder begann:
»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht mehr? Willst du mich wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?«
Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß vornübergesunken und wie leblos im Stuhle.
Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels, so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde schneidend und streng:
»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich, daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«
Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter, als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie gesehen.
Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin.
»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten können? Wollen wir Freunde werden?«
Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte, welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde.
Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.
Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch den hintern Ausgang das Haus verließ.
Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust. Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück.
Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein.
Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten, hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt. Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden, die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders: der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war geborsten.
So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, – wohl, das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn – seine Mutter?
Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht in ihnen und schluchzte wie ein Kind.
***
Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß hinaufgegangen.
Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über den Straßengraben setzte.
Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin, die nach Eckartsberg führte.