15. Kapitel.

An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon wieder neue Ungewitter auf.

Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch.

Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten.

In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob.

Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern; aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen. Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst, die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten, war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können.

In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.

Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten, als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. –

In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an die Franzosen als entehrende Schmach empfand.

Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog, deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte.

In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon.

Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme, aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König, – aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der Dinge heraufkommen.

Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden. Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten, konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs ändern mußten.

Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren, ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.

Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte. Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie sollte es dann der einzelne Bauer können?

Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König gemeinsam mit seinen Untertanen.

Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu Paaren zu treiben, – freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu, doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle.

Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch niemals enden.

Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten.

Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten. Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde, der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst. Wenn die Franzosen gingen. – Ob die bald gingen? – Die gehen nicht von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. – Staunen! – Aber ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? – Der muß mitsamt seinem Heere fortgejagt werden. – –

Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen, vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen.

So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen Worten vorbei.

Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen.

Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger einzutreten.

Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine Mutter doch bisher still verrichtet hatte.

Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt, so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs.

Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen, und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in Belagerungszustand.

Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens Regierende um die Mitte des Monats August.

In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat, die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung Sachsens um 500 000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner umtoste.

In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.

Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen, im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden.

***

Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen, denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt. Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel Kartoffeln erinnerte.

Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen, daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und begingen dann Ausschreitungen.

Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten, kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte. Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür, daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den Hof flog.

Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden. Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte.

Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin. In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten. Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer.

Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter. Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt, wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben. Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof, hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem Silberglanze leuchtende Seide.

Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und Güte zugetan gewesen war.

Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen, den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme:

»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben so schweres Herzeleid zugefügt hat.«

Der alte Mann aber sprach mild:

»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast ja am meisten gelitten.«

Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.