16. Kapitel.
Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen.
Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt, die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem Weißen Schlosse das Zepter führte.
Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem herausrückte was ihn hergeführt, erst vom Wetter, dann von der Ernte und davon, daß die Rüben im vorigen Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das Vieh an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede abriß und scheinbar harmlos hinwarf:
»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich den Preußen an.«
Konrad war während der Unterhaltung unruhig in der Stube auf- und abgegangen, während Max am Tische saß und durch das Fenster das Anspannen zweier Pferde auf dem Hofe beobachtete.
Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine Augen forschend auf dem Gesicht des Freundes ruhen, gleichsam um dessen geheimste Gedanken zu erraten. Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in unerschütterlichem Ernste gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht möglich, sich mit dem Gedanken so schnell vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren Kriegsdienst tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe lächelnd, betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, und noch nie war ihm dessen Wuchs so knabenhaft erschienen als in diesem Augenblick. Da begegneten Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand dieser die stumme Sprache, die sie führten.
Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, und es dauerte eine kurze Weile, bevor er sprechen konnte. Und dann hatte die sonst so sichere Stimme allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die tiefe Bewegung ihres Besitzers.
»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, wenn ich mich bei der Armee der Verbündeten als Freiwilliger melde?«
Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. Da kam ihm der noch nie gehörte Ton zum Bewußtsein und er fühlte die Augen des Freundes in qualvoller Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche das Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei dem Gedanken, daß er eben im Begriff gewesen war, Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch weniger der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum Waffentragen als vielmehr sein zäher Widerspruch gegen alle Unternehmungen des sächsischen Volkes die darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der Regierung aufzulehnen.
Deshalb sagte er begütigend:
»In den preußischen Regimentern wird bei dem Strome von Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz bestimmt eine große Anzahl solcher befinden, deren schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit nicht gewöhnt ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus dem Gesichte Konrads zu weichen begann, setzte Max hinzu:
»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde wird man ja bald erkennen, und Du kannst sicher sein, daß sie Dir vortreffliche Dienste leisten wird.«
»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben. Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen; – ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest, wenn Du uns gehen siehst.«
Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht verbissenem Lächeln:
»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?«
»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.
Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich, aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?«
Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete er:
»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.«
Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los:
»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max! Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung. Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten. Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens. Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde, und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten, die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt, daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der Segen des Allmächtigen für die Waffen des Beschützers des Landes erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«
Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor sich nieder.
»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen Stadt; – – ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem Helfer auf den Nacken setzen wird.
Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften, bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!«
Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt, nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach. Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:
»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht steht – –«
»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen, heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende Geschlecht mit Fingern zeigen.«
Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung, erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu, bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen.
»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen, unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«
»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum, wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen.
Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein! Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’ Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf, betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben. Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, – den hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«
Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter Stimme, die Worte abreißend, hastig fort:
»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir folgen ihrer sechs, nicht mehr, Dir alle. Dein Einfluß ist gewaltig, der meinige schwach. Der Rabensteiner mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen, sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der größte Bauer weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche läßt, um des Vaterlandes willen. Lehre den Starrköpfen, daß die höchsten Ziele eines Volkes nichts zu tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für Weib und Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf und stachle schonungslos ihren Ehrgeiz an, auf daß in ihren Herzen die edelsten Mannestugenden wach werden und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter der Sonne zusammensetzt. Geh in die Häuser und zwinge die Männer unter deinen Willen. Wirb für die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe sie denen zu, die ihr Blut verspritzen für die Freiheit der deutschen Erde!«
Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das Kinn herabgesenkt, den glühenden Worten des Freundes gelauscht. Ihm war, als wenn eine berückende Musik sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen. Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele und brachten die feinsten Saiten in ihr zum Klingen.
Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit einem Ruck zu seiner ganzen Höhe auf, und die Brust weitete sich, als wenn neues Leben in sie einzöge. Der blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und stand stolz auf den breiten Schultern und unbeugsam von diesem Augenblick an, – bis ans Ende! Es war ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit.
Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam und etwas ungelenk, um das im Innern entfachte Feuer niederzuhalten, streckte er seine Hand aus und sagte mit leisem Beben in der Stimme:
»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten bedarf es, denn Worte sind jetzt nichts anderes als das Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte Stunde des gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns beeilen, denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden Zeiger an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit wird die Geschichte unser Volk einst zeihen, handeln wir und tragen wir dazu bei, daß ihm der Schimpf der Feigheit erspart bleibe!«
»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine Augen liefen ihm über, »ich wußte es, daß Du uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. Mag unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es will, wir folgen unserm Herzen; ob in Nacht oder in Sonnenschein!«