17. Kapitel.
Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, emsiges Treiben. Zuerst hatte Max mit klopfendem Herzen daheim seine Absicht ausgesprochen. Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still geblieben und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn es sich für sie um eine schon längst beschlossene Sache handele. Maria aber war auf Max zugeeilt und hatte in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals geworfen.
»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte sie, sich zärtlich an ihn schmiegend und das Haupt an seiner Brust bergend, »wenn Du zuhause geblieben wärst.«
Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der Schalk in Maxens Brust und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem Tone:
»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, sie würde Einspruch gegen meine Absicht erheben und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben. Erkaltet die Glut eines Mädchenherzens so rasch?«
Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und als er nach mehreren Sekunden den fest an seine Brust gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob und zurückbeugte, um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich, daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet war. Aber das Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel Wonne, sondern wie so oft im menschlichen Leben wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden Geschwister Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf nicht verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln Wimpern ihrer Augen ein paar glitzernde Perlen hingen.
In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder und küßte leise diese Tränen fort.
Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun wieder aufgenommen und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, denn noch vor dem Ausmarsch der kleinen Schar sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen.
***
Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, und nach wenigen Tagen hatten sich dreizehn Männer gefunden, die die Schmach des Landes nunmehr so bitter empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung des Planes überstimmt wurden.
Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo seine Worte nicht überzeugen wollten, siegte zuletzt sein Beispiel. Das ganze Dorf geriet in helle Aufregung, und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben. Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern darüber zu reden. Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, daß sie den so schnell veränderten, politischen Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten. Die Niederlagen der französischen Generale und die dadurch schwierig gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu überraschend gekommen, und die breiten Volksmassen hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß es heller Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen. Denn von dem Tage ab, wo die Heere der Verbündeten gegen den Kaiser losmarschierten, galt es in den störrischen Bauernschädeln für unausbleiblich, daß der Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit über den Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der Franzosen eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, weil ihre Voraussage nicht stimmte.
Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen. Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger.
Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons, – der Marschall Ney.
Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde, spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.
Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der sächsischen Königsstadt sichtlich.
So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten.
Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges Fünkchen ersterben lassen.
Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen drohte.
Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und erfüllte zuletzt Aller Herzen.
Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.
Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare, leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.
***
In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte, sondern auch in tiefster Seele guthießen.
Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.
Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden. Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit, namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht, die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.
Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf dem Wetzstein scharf geschliffen.
Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten, erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran, während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.
Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das war die liebe Jugend von Rehefeld.
Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße, ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen.
Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte, sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.
Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.
Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen.
Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog, genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst nach Freiheit war gestillt worden.
Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die mild auf dich herabschauen, ist der Deinige!