18. Kapitel.

Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh.

Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse, die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten. Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand Schatten und erquickende Kühle spendete.

Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht. Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne, über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt, so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden Wandersmann freundlich grüßte.

Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen, dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig, als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten, Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur aufgehört zu leben.

Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand. Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch der saubere und unverschuldete Hof zufallen.

Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren, sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von Fliegen umschwärmt wird.

Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem. Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim.

Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen Bevorzugten erhört haben.

So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen. Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen, wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die, noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand – also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig anerkannten Haltung –, daß er die beteuernde Hand aufhob, die Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.

Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie, nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb diesen Werbungen.

Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern. Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl.

Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll, und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen Zunge übernehmen.

Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch immer Frieden und Eintracht – – –

Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern.

Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding, das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter.

Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald wieder von neuem.

Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und wollte um jeden Preis fröhlich sein.

Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer, daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten, wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte. Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des alten Honigmanns.

Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er verkehrt.

Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich durch seinen Namen.

Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet – – –

Armer Emil!

Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie einen zu erhören beschloß.

Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er streitsüchtig war und sich zuweilen betrank.

Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh. Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er nichts wußte.

In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.

Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre ihm gelungen – aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe – den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder Christian zufallen würde.

Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden anzubringen.

Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.

Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht auf dem Lindengute.

Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch dazu ermutigt.

Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.

Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme, und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still. Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen. Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.

Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.

Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried erhalten.

Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren eckig und unbeholfen.

Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben.

Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.

So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen.

Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen. Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht, was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde.

Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram.

Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.

Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen. Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig zu.

Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh, einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses, unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.

Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen, vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete ihm Schmerz.

Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken. Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?

Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen, dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache, insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.

Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch manchen andern hart traf, – was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten damit vernichten konnte.

Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und die Gläser tanzten.