20. Kapitel.

Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden, struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen Soldaten es getan hatten.

Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete.

Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache, deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck.

Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man ihre Vorposten bei Göhren erkennen.

Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im Dorfe einen längeren Halt zu machen.

Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen, kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten, und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck, der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war. In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.

Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm manches Belagerers abgeprallt war.

Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen der verbündeten Truppen hineinzutragen.

In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die letzten Vorbereitungen getroffen wurden.

Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.

So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung.

Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen, daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde.

Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte, ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien, geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war, nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension.

Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln.

Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. – Genug, Johann war niemandes Feind!

Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte.

Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf gewachsen.

Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich in sein Glas.

Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten, hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre, wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut.

Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast, der noch immer keine Anstalten zu gehen machte.

»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen, das Du morgen Mittag wieder essen wirst?«

Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem Ernst an und fragte:

»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst leisten?«

»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint. Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.«

Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem:

»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?«

»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden, dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe für sie bereitstehen wird.«

»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das Vaterland garnichts tut?«

Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß der Bauch fest am Holze lag und antwortete:

»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke. Aber jetzt geh heim, Johann!«

Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte, daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof.