21. Kapitel.

Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen schwebten graue Dunststreifen.

Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne.

Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten.

Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem Erschienenen und schrie:

»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum hineinfegen in Dein flammiges Element?«

Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als wolle er seine Worte zur Tat machen.

Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus.

So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde und setzte sich zugleich nieder.

Noch immer laut lachend rief er:

»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt, mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir, Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe totgeschlagen.«

Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken. Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden Spahn und zündete sie an.

»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an.

»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte mit einem Anflug von bewußtem Stolz.

Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:

»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«

»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das, was er zu tun entschlossen war.

Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte er:

»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund, oder ein ausgemachter Narr!«

Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch, daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht argwöhnisch zu machen.

»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?«

»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt, he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde seiner Seele lesen.

Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise vor sich hin und versetzte:

»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«

Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut auf.

»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere. Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.«

»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen »warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern. Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«

»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.«

Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von neuem und recht geheimnisvoll:

»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt, dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit sitzt der Teufel!«

»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau, und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du jedenfalls aus der Seele.«

»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich hiernach noch einen Knecht nennen?«

»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,« antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken, die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen, wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend dahinfließen.

Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten! Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen willfährig machend – betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen – –, so treiben wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der Straßen!«

»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.«

»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem, der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.«

»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig, »daß – – –«

»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!«

Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem Munde. Dann begann er wieder:

»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht!

Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s bisweilen auch. Merk auf, Bursche!

Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen, von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte.

Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben würden.

Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen, so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte. Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die Pferde an; – er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten. Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die flache Klinge auf seine Arme niederfallen.

Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang. Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die Bäuerin, sie herunterzulassen.

Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten, der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ.

Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch hinein.

Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt. Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.

Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger, und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.

Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht, – – und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.

Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.

Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.«

Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe, ruhig zu bleiben.

Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden, daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter Stimme:

»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung, mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten einzuschlagen!«

Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden, geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele zum Schweigen brachte.

Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich hin.

»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige Streiche vollführt.«

Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei.

Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße, und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet.

Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden Feuers hefteten.

»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses. Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und Glück betrogen. Und darum sage ich: – es gibt keinen Gott.«

Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er:

»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser läßt sich nicht spotten!«

Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm gewichen, als er herausbrach:

»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen Sekunden fuhr er beruhigter fort:

»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen, und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig in die Flammen dieses Feuers. – Ich bin im Bayrischen geboren. Meine Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund! Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er jahrelang sterben!

Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war. Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig, wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich war auch angesehen und geachtet, – aber glücklich war ich nicht! Der Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich meine Mutter gelehrt hatte.

Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt, das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele verdrängte.

Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die in mir die ungeheure Glut entfacht hatten.

Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die Liebe.«

Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte herüber, die gewechselt wurden.

»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort.

Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort:

»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre.

Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm und mir verstohlen zuraunte:

»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«

Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß. Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.

Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause.

Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt, wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum.

Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch bringt! – Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.

Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei meinen Lieben.

Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst, daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die ihres Ernährers harrten – – und ich wandte mich ab.

Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um Gotteswillen, mein einziges Kind!««

Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort:

»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig, aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln Wolken, stellte ich mir vor: – wenn dieses verzweifelte Weib Deine Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: – wie nun, wenn dies Dein geliebtes Kind wäre …! und es schien mir, als wenn plötzlich mein Herzschlag stocke. – Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem Retter riefe …!

»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück, Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, – von neuem umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer. Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden.

Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast erstarrt vor Kälte.

Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? – Sie ist ausgegangen! – Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein.

»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin wieder da – –!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich bebenden Munde. – Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder, künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt, manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib?

Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden Kerzenscheine:

Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und wirbelndem Tanz!

Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten Menschen erziehen wirst.

Franziska.

Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist, sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und – wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.

Ich springe in die Höhe, – da hält der Knabe den Schritt an. Sein leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, – da trifft ihn ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf dumpf aufschlägt.

Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, – – da kommt der Dämon der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen, dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!«

Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers.

»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für meine Tat zu tragen. Und doch, – zehn Jahre meines Lebens und diese meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen könnte – –«

Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die glühenden Funken knisternd hochaufsprühten.

»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen: es gibt einen Gott?«

Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen, tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten. Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende Augen trafen – – –

Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein paar Schritte zur Seite.

»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist Dir der Appetit zum beten vergangen?«

Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, – und er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte.

»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!«

Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier zersprengen wollte.