24. Kapitel.
Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages den Angehörigen gewidmet sein sollte.
Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt. Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt.
Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen.
Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte. Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde versuchen, hier nach Silber zu graben.
Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe beisammen.
Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung. Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken von Mund zu Mund.
Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein richtiges Bergwerk zu werden.
Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft, und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde, meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit siebzig Jahren – so alt war der Spötter – werde der menschliche Geist mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen seien.
Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch, was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten.
Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er, gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden, daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen.
Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht seinen Namen erhalten.
Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es, in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden.
***
Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer.
Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien.
Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen, über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf der Hut sein würden.
Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran, aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter Lehnhardt erkannte.
Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren.
Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet, erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu erkennen.
Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form einst hatte Gefallen finden können.
Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb.
»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie heute beisammen.«
Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren:
»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein Opfer bringen.«
Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.
»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit, Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen, habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«
Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung. Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen Jahre abgewetzt.
Da unterbrach Max das Schweigen:
»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«
Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte:
»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein Feuerkopf.«
»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir die Eurige als die kostbarste schätzen.«
Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.
Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen.
Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen, und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine Augen richten sollte.
»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend.
Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid auf und lief mit kleinen und flinken Schritten über den Dorfplatz.