25. Kapitel.
Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, denn es drängte sie, heimzukehren. Deshalb geizten sie mit der Minute.
Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste gestiegen. Bevor er aber nach Hause zurückkehrte, gab er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner Hof. Zuletzt verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf dem Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte sich Max unter guten Wünschen von dem Freunde und ging rasch den Weg zurück.
Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem Morgen im Erker gesehen hatte, stand ihm lebendig vor der Seele, und der heiße Wunsch, sein junges Weib ans Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon während des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen und nach Hause geeilt. Nun sollte er aber in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre klangvolle Stimme vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen und in ihre lieben, treuen Augen schauen.
Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten Laufes um, denn das Oberdorf war wie ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel seiner großen Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, von wo aus er das Hoftor sehen konnte. Doch – was war das? Was bedeutete die große Menschenansammlung vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich seinen Lauf beschleunigend, flog er zuletzt die Straße hinab. Da kam er bei den ersten Herumstehenden vorüber und rief ihnen zu:
»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?«
Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort abzuwarten, so rastlos trugen ihn die Füße weiter. Die Gefragten schienen ob der überhobenen Antwort erleichtert, denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen. Je mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, umso dichter standen die Menschen. Stumm wichen sie zurück und bildeten eine Gasse, durch die er bis zu dem geschlossenen Hoftor stürmte.
Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt den Dienst, und er wandte sich zu der Menge. Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich beben, aber er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an:
»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim und lobt Eure Weiber für den Sonntagsschmaus, den sie Euch auftischen!«
Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu:
»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück geschehen!«
Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut, und er schrie:
»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst ist es nichts!«
Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich er dessen Wahrheit ahnte.
Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, – es war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.
Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem, ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des Jammers zusammenbrechen.
Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.
»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz, »bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt. Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben – – –«
Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor.
»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«
Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt habe.
Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen ab und sprach zu der Menge:
»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend, schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel mein Blick auf einen zweiten Menschen, – und das Blut stockte mir in den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend. Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, – da schneidet ihr der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch, um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu bewahren, – da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei, – dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen.
Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang der Sonne entgegen.
Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile, so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge, wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder.
Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe, wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt. Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief. Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und dann –,« hier schwieg der Greis.
Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich geballt.
Pastor Reinerz aber fuhr fort:
»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr, als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort, wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen, verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab. Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter.
Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, – und doch ließ ich es zu!
Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten. Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes. Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien, daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei.
Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an. Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf den Rand schob und damit in Sicherheit brachte.
Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle. Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.«
Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an:
»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist. Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!«
Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das Gesicht war fahl.
Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt:
»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr bisher verschwiegt.«
»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, – –«
»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer heiser und hob zugleich den Kopf und richtete seine Augen starr auf die des Pastors Reinerz.
Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider Männer in einander. Mahnend, – drohend drang es aus den grauen Augen des Alten. Und Max trat blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, an dem er diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte leuchten sehen. Er wußte es, was kommen würde, aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst zerfleischte sein Inneres, und es frohlockte in seinem Herzen, wenn er daran dachte, daß sein gewaltiger Schmerz sich noch vergrößern könne.
»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch einmal, »sprecht!«
Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt wuchs noch mehr bei seinen Worten:
»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, Ihr habt das Recht darauf, zu wissen, wer Euer Weib umfangen hat, und wenn es auch nur im Tode geschehen ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben daran setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten wiederzubringen, auf daß er da drunten in der Tiefe nicht eine Beute von allerlei Getier werde, sondern damit Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis könnt zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, war – – Hermann Lehnhardt!«
»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, »der mit seinem Arm – –?«
Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, um die Unvorsichtigen daran zu erinnern, daß es nicht angemessen sei, den Schmerz des gebrochenen Mannes noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit niedergesunkenem Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was folgen mußte, hatte sein halsstarriger Widerstand wohl wild aufgebäumt, daß er dem Kommenden trotze; – und doch hatte er, als der Name fiel, tief den Nacken gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage.
»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir zum Lehnhardt!« Zustimmend und mit lauten Worten der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe lärmend davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, denn was sollte man hier? Den Zusammengesunkenen trösten? Das versuchte keiner.
Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen flohen ihn in dieser Sekunde; das aber was blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war der alte, nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs!
Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof und betrat das Haus.