7. Kapitel.
Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur ein Raum gewesen. Als aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später, nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch die Vordertür gingen, sich sahen.
In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.
Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen. Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit steinernen Liebeszeichen versehen waren.
Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter Diamanten glitzerten.
Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen eingetreten.
Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel erschien.
Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken, als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht, sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.
Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch, einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht, ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk, so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen.
Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen. Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich Tränen gestohlen.
Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. –
Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das Gotteshaus.
Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf ihre Freundin schaute.
Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit Festigkeit:
»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein Mut dahinschwindet.
Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten, daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut.
Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen, um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«
Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort, ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.
Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.
Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte:
»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen, deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden. Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken. Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte, das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten, sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.«
Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie dem Vetter ihre Hand entgegen.
Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein Mund blieb stumm.
Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde, erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß. Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab.
Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge; aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas Unerwartetes:
Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor:
»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen hat, für uns nicht gepredigt sein?«
Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung.
Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange.
Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne, brach es schon von dem bebenden Munde:
»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele – – Dich liebte, Max!?«
Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte in rauhem Tone:
»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander gemein!«
Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend.
Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen.