8. Kapitel.
Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen, so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben. Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere, doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren. Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen.
Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen.
Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren. Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse. Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht. Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts. Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die Zurückbleibenden.
Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag, zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes, ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif gefroren wie ein Pfahl.
Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die Knochen verbrannt.
Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte.
Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt, später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch steigerte.
Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch, selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen umhüllt und diese mit Stricken festgehalten.
Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen, die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf.
Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit, Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter wurden.
Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen. Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen, die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle.
Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt. Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind, das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren.
Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste darstellen solle.
***
Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse, und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ sich die Mutter einmal nicht nehmen.
Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu machen.
Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt.
Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.
Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei, verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte.
Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner Bewegung gegenüber verhalten würden.
Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß, je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein, wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.
Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten.
Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben, daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht verschieden waren.
Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich seiner Mutter zu entdecken.
Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber. Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden. Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und ohnmächtiges Zähneknirschen.
Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes Sinnen.
Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete.
Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich stillstand.
Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen, zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war.
Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und seine Augen begegneten denen der Mutter.
»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?«
»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?«
Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich hinfallen.
»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern Verliebte – – –, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter, ja ich bin verliebt!«
Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge es ihn, nun, nachdem das Geheimnis offenbart war, seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu entlasten, sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester seines Freundes.
Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, hatte die Mutter dem Sohne zugehört. Nun sagte sie leise:
»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, Konrad. Denn an Deinem Vater habe ich es gelernt, in der Seele eines verschlossenen Menschen zu lesen. Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?«
»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? Bedenke doch, welch ein Kind Elisabeth noch ist. Sie würde es kaum für Ernst genommen haben, wenn ich gesprochen hätte.«
»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde darfst Du vorerst nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths Mutter mußt Du alsbald sprechen, das wird verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau und schätzt Dich.«
Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er mit benommener Stimme:
»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? Es ist ein gewagtes Ding, den Rabensteiner Hof mit dem Freihof zu versippen!«
»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte eine heftige Bewegung, daß sie die untätig im Schoß liegenden Hände auseinanderriß, und sie beinahe den Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe ihr Kind dem verschachern wird, der ihm die meisten Hufe und das weiteste Ackerland bietet? Sie würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie einschätzest. Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht groß und nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. Doch wissen’s alle,« setzte sie mit Befriedigung hinzu, »daß es eine saubere Wirtschaft ist, und daß unser kleines Land zu den besten der Umgebung gehört. Aber, papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. Du wirst rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh alsbald hinab zur Mutter des Mädchens, das Du liebst, und schütte ihr Dein Herz aus.«
Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander sitzen. Die Mutter wandte sich von neuem zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand die leicht in Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle Strähne wieder fest auf das sich unruhig bewegende Rad. Bald darauf schnurrte dies wieder lustig, und die Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich abwickelnden Faden.
Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die leicht vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte bemerken, daß der Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, grauweißen Haar auf dem Hinterkopfe gewunden war, eigentlich recht klein geworden war, und daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden Gesichts und des Halses doch sehr scharf hervortraten. Aber so recht zum Bewußtsein kam ihm dies nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß seine Umgebung.
Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer.