O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit!
Schon tagelang waren die weißen Flocken gefallen und hatten die weiten Felder und die alten, mächtigen Halden in ihr weiches Gewand gehüllt. Im Spittelwalde draußen neigten sich die Wipfel der schlanken Fichten, und die Zweige hingen tief zum Boden hernieder, beschwert von den Wuchten und Lasten des Schnees. Nur die starken und stolzen, welche so gern allein stehen, ragten wie silberne Türme mit wunderbar ziseliertem, gotischem Filigran spitzengleich übersponnen. Sie streckten sich und reckten sich hoch über die Jugend, welche sich unter der Schneelast duckte und beugte. In abenteuerlichen Gestalten, wie Schneemännlein oder Eisbären, wie Zuckerhüte oder weißbärtige Gnomen in weißen Kappen, bald dicht gedrängt in großer Schar oder in kleinen Trupps oder einzeln verstreut, standen die jungen Bäumchen und harrten der seligen Weihnachtszeit entgegen. Im Sonnenschein funkelten und flimmerten die Millionen Kristalle, als gäbe es nur Glanz und Reinheit auf der Welt, als wäre aller Staub und alles Graue und Trübe vergangen, als wäre diese Erde eine silberne, schimmernde Märchenwelt. Ja, auch der Schatten in diesem Glanz war noch ein blaues Licht, das weich und geheimnisvoll leuchtete und glitzerte, als wäre es nicht von dieser Welt, sondern aus unendlicher, ewiger Ferne seliger Sternenträume.
So stille ist es, so heilig still. Nur ein paar Meisen zirpen mit leisem Laut und klettern kopfüber, kopfunter an den Spitzen der zarten Nadelzweige. Was mögen sie sich zurufen und plaudern in ihrer immergrünen, duftenden Heimat, die gar viel herrlicher ist als alle Pracht und Wohnung der anspruchsvollen Menschen!
Da hebt ein Läuten an von ferner Glocke und schwingt sich durch den Glanz und Sonnenschein über die beschneiten Wipfel und weißen Felder, durch die blauen Schatten mit so vertrautem Klingen. Das Bergglöckchen vom Petriturme ruft. Jahrhundertelang rief es hinaus zu den Halden und Schächten, hinein in die Bergmannshäuser, kündete den Wechsel der Schicht, mahnte zur Arbeit und rief zum Feierabend.
Feierabend hat der Bergbau gemacht, aber das traute Klingen des Bergglöckchens ist geblieben und ruft uns heute hinein in die Stadt, in die alte Bergstadt voller Weihnachtsstimmung, Weihnachtsschimmer und Weihnachtstraumseligkeit. Was machen die alten Häuser ein so freundliches Gesicht. Die hohen steilen Ziegeldächer sind weiß verschneit. Auf allen Simsen und Kanten von Mauern, Fenstern und Ecken, auf allen Ästen der Bäume liegt der schimmernde Schnee. Wie zu silbernen Stickmustern verflochten ist das zierliche Gitterwerk der Zweige, als wollten sie in einem schimmernden Netz die Weihnachtsfreude der verzauberten Stadt fangen und halten. Lustig klingen die Schellen der Schlitten, welche von den Dörfern hereinkommen, um für den Heiligabend noch Gaben heimzubringen. Weißbereift sind die Mähnen und die langen Zottelhaare an Brust und Flanken der schnaubenden Gäule. Das war ein lustiges Fahren draußen auf der glatten Bahn, wo man weit über die verschneiten Felder schaut oder durch den Wald gleitet mit lustigem Klingklang, wo so viele duftende, grüne Nadelbäume still und feierlich ihrem Weihnachten entgegenharren.
Nadelduft und grüne Weihnachtsherrlichkeit üben auch ihren Zauber hier in der Stadt. Auf dem alten Obermarkt stehen in Reihen und Gruppen die Weihnachtsbäume, die Fichten und Tannen. Ihre waldfrische Pracht, der kräftige Harzgeruch machen den Markt zu einer großen Weihnachtsstube, in der sich fröhlich große und kleine Kinder tummeln. Otto der Reiche auf seinem hohen Sockel hat einen Schneepelz auf die Schultern und über die Arme gelegt und über den Ritterhelm hat er gar eine weiße Pelzmütze gezogen. Er möchte wohl gar heute der Knecht Rupprecht sein in seiner alten, getreuen Bergstadt! Seine vier Löwen blinzeln recht gemütlich mit gravitätischem Humor unter ihrer weißen Schneekappe hervor und drängen sich mit eingeklemmten Schwänzen wie vier weiße, brave Pudel um die Säule ihres Herrn. Die Tatze, welche das Wappen hält, hat einen dicken, weißen Schneehandschuh und wird so freundlich hochgehoben, als wollten sie »Pfötchen« geben. Heute dürfen sie auch freundlich grinsen, denn es ist ja Weihnachten und die übermütigen Herrn Studenten sind fort, in die Ferien, und können heut’ nicht durch kecken, respektlosen »Löwenritt« um Mitternacht auf ihrem stolzen Rücken ihre königliche Ruhe stören.
Ringsum am Rande des Marktspiegels stehen die fröhlichen Weihnachtsbuden mit all den süßen Herrlichkeiten an Zuckerwerk, Marzipan, Schokolade, Makronen, Pfeffernüssen und Honigkuchen, welche Weihnachten erst zum rechten Fest der Kinder machen. Da leuchtet all der bunte Flimmer in Farben, Silber und Gold, in Kugeln und Fäden, in Ketten und Sternen und strahlendem Flitter, der den Baum zum Märchenbaum seliger Kindheitsträume machen soll. Da ist all das liebe Spielzeug ausgebreitet, wie es droben im Gebirge gefertigt wird, vor dem die Kinder sich drängen und die Kinderherzen rascher schlagen im Wünschen und Wählen, vor dem die Kinderaugen heller leuchten. Da stehen die steifen gravitätischen Bergmänner, groß und klein in langen Reihen, die Räuchermännlein mit ihrem offenen Munde schauen so putzig in den Abend hinein, und die ganze Tierwelt, Soldaten und Hampelmänner warten darauf, unter dem Weihnachtsbaume vom Kinderjubel gepackt und mitgerissen zu werden.
Wenn dann die Dämmerung herniedersinkt, dann leuchtet es und strahlt es blitzend auf in den Buden, und jede wird für die Kinderherzen ein Märchenschloß, ein Feensaal, in dem alle Herrlichkeit und Wunschseligkeit schimmert und flimmert. Da schießen die blitzenden Strahlen der Wunderkerzen auf, zucken im blendenden Glanze weißer Glut, als wäre aus den unendlichen Tiefen der blauen Wundernacht Stern um Stern uns näher und näher gerückt. –
Da horch! Es erhebt sich ein wunderbar gewaltiges Dröhnen über unserem Haupte, mächtiger und mächtiger schwillt es an:
»Ein Rufen und Locken
in all dem Schwingen,
Summen und Klingen
dem Leiseverhallen
dem Wiedereinfallen,
dem Sinken und Steigen,
dem Schweben und Neigen
faßt meine Seele, trägt sie empor.«
Die Glocken haben ihren ehernen Mund aufgetan und läuten nun das Fest aller Feste, die heilige Weihnacht, ein. Das sind die Glocken der Hilliger, der berühmten Freiberger Gießerfamilie, aus deren Gießhütte vorm Peterstore so herrliche Werke der Bronzeplastik, an Kanonen und Glocken hervorgingen. Seit Jahrhunderten hängen die Glocken auf den Türmen und singen ihr urewiges Lied mit mächtigen dröhnenden Akkorden über die alte Stadt hinweg, in die alten Gassen hinein und empor in den weiten Himmelsraum. Wievielen Herzen haben sie schon geklungen. Wieviel Leid und Trauer, wieviel Not, Glück und Sehnsucht, wieviel Fernweh, wieviel Heimweh haben sie auf ihren singenden Schwingen getragen!
»Es kommt auf weichen Wogen
mein Heimwehtag im Festgeläut
der Glocken hergezogen.«
Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie mit ihrer singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, der Gemeinde aus dem dunklen Grunde tiefster Gefühle.
Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, wenn die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit Jahrhunderten mit den Wolken und den Blitzen, mit den Stürmen und den Wettern Zwiesprache halten, deren Stimmen wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die Herzen öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um sie hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, in Dank und Gebet. Dieselben Stimmen, die mit uns sprechen und für uns rufen, wie vor längst verschollener Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern!
Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort schon vor Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des ehernen Mundes Singen und Rufen ins Leben tönen zu lassen!
Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr Klang etwas Besonderes zu sagen hatte!
Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt in der alten Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren und dich emportragen will, aus der Enge der Gassen, aus dem Dunkel der Stuben und Häuser, vor allem aus der Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller inneren Akkorde.
»Hebt meine Seele ins Abendrot
aus Erdendämmerung, aus Erdennot.«
Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine Glocke kennt nur einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder der zarte Finger eines Kindes sie rührt, ob sie die glückliche Braut zum Altare geleitet oder die trauernde Witwe auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten gibt: Nur einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne schwingen mit, und dein Herz klingt wider von ihren Tönen, und du weißt, was dieses Tönen sagen will und wie tausend Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, dann lausche, ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf den rechten Ton gestimmt ist. – – – –
Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die gewaltigen Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die hohen Dächer und Giebel scheinen zu lauschen. Leise, leise fallen die Flocken wie zartes silbernes Spitzengeriesel! Der Wind scheint zu schweigen und stille, ganz stille zu ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, über Halden und schweigende Felder und die tiefverschneiten ruhenden Wälder rufen und künden mit unendlichem Wohlklang: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren selige Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen worden ist.
Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die enge Kirchgasse mit den malerisch gestaffelten Dächern der alten kleinen Häuser, hinter denen die wuchtigen Massen des altersgrauen Domes um so gewaltiger in das Nachtdunkel emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen die Stimmen der Glocken vom Turme dir entgegen, füllen die Gasse, überfluten die engen Wände der Häuser und strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht.
Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der Klang der Orgel, schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter vom Altar her aus dunkelgrünem Nadelgezweig. Heute hat es so manchen in das Gotteshaus gezogen, der sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier das wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will zur Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen einen Klang von dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle Reihen und Plätze besetzt. Wie ein stilles freudiges Warten liegt es über der Gemeinde. Heute sind mehr denn je die Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so pochen die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden seligen Stunden entgegen. Freudig und voll jauchzen die Akkorde der alten herrlichen Silbermannorgel, jubelt der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!« Ein Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber der Orgel singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit der Innigkeit, wie nur Kinder vor der Christbescheerung aus ihrem erwartungsvollen, wunderseligen Kinderherzen ausströmen können. Dann ist es, als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom Himmel hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde Frauenstimme aus der Höhe und füllt mit ihren reinen, weichen, süßen Tönen die Halle des Domes und dringt in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über uns wölbt sich der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der Stern von Bethlehem strahlt. Wir sind die Hirten und schauen empor in diese Nacht der Wunder und Geheimnisse, aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die Stimmen der Orgel dazu, als tönten aus himmlischer Ferne die Harfen der Engel und als spielte der Nachtwind durch die flüsternden Halme des Feldes bei Bethlehem und durch die Kronen träumender Palmen. – Heimwehklänge nach einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen Stadt der Seele, deren Glockengeläute und Orgelsang der Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen Tiefen deiner Seele ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren, uralten, heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser Stunde so am Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt über alle Unruhe draußen im Leben und drinnen im Herzen, das klingt dann empor in dem wundersamen »Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte und sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und Liebe, an tiefer Andacht und Friedeverlangen, an Herzensnot und tiefer Seelensehnsucht, das drängt sich zusammen im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des Augenblicks, welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif zu inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, gibt dem Gesange eine wunderbare heilige Fülle und Ausdruckstiefe, als ob tausend goldene Halme emporsprießen, zur vollen Garbe sich einen, deren schwere Ähren sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und doch so tief Ergreifenden!
»O daß mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel’ ein weites Meer,
dies Wunder zu erfassen!«
Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und die stille heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Weihnachten geworden! Wie die hohen Weihnachtsbäume neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und flimmern, so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. Draußen fallen die Flocken weich und still vom dunklen Himmel hernieder, Flocke auf Flocke, eine weiche zarte Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum, was dunkel und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten geworden auch in den Herzen. Es hallen die Glocken ihr Halleluja über die Dächer und in die Straßen:
»Süßer die Glocken nie klingen
als zu der Weihnachtszeit,
ist’s als ob Engelein singen
wieder von Frieden und Freud!«
»Fröhliche Weihnachten« rufen sich die Kirchgänger zu, auf deren Gesichtern noch ein Leuchten liegt vom Lichte aus Bethlehem, das in ihre Seele seine Strahlen geworfen. Und drinnen jubelt noch die Orgel mit jauchzenden Stimmen:
O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!